Die Berggestalten

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Eduard Gerber, Schinznach-Dorf

Jeder einzelne von uns trägt seine ihm ureigensten Berggestalten in sich, und diese wandeln sich im Verlauf unseres Lebens. Denn ausschlaggebend sind nicht die physikalisch leicht verständlichen optischen Bilder im Augenhintergrund, sondern das, was wir aus ihnen herauslesen und auf Grund unserer Erfahrung, Bildung und Stimmung daraus gestalten.

Aus alter Zeit schon haben wir Kunde, dass die Menschen nicht einfach die im Verlauf ihres Lebens sich kaum ändernden Fels- und Schneemassen sahen, sondern Wesen, die sich an schönen Tagen in strahlender Pracht zeigten und am Abend in die Nacht versanken, die aber ebenso mit Tod und Verderben drohten und erschreckten.

Auch in unserer aufgeklärten Zeit, die man die entmythologisierte nennt, sind die Berge zwar kaum mehr so unmittelbare Mächte, aber doch noch immer Gestalten von hohem Symbolwert, aus denen wir neue Kräfte schöpfen, die uns aber auch bedrohen und bedrücken können.

Es ist bezeichnend, dass gerade die modernsten Künstler die Berge nach einer Zeit der sogenannten naturgetreuen Malerei - man denke etwa an Calarne — wieder ganz aus dem innern Erlebnis impressionistisch gestalten. Alle, die den Jubiläumsband des SAC « Der Berg in der Malerei » studierten, werden dies in den Bildern von Pauli, Kirchner und Kokoschka bestätigt finden. Sie erinnern an alte Darstellungen, in denen die Berge auch nicht naturgetreu, sondern überspitzt und bedrohend dargestellt wurden, und an die Zeit, in der die Lawinen als Riesenschneekugeln gezeichnet wurden und dies offenbar als wahr galt.

Im gleichen Bildband finden wir aus dem 15.Jahrhundert eine Zeichnung von Leonardo da Vinci, der eine ganz andere Betrachtungsweise zu Grunde liegt. Sie schildert offensichtlich nicht das unmittelbare Bergerlebnis. Leonardo wollte wissen, wie die Berge aufgebaut sind. Diese damals neue Betrachtungsart nennen wir die naturwissenschaftliche. Wir müssen uns aber klar sein, dass wir auch beim objektiven Studium nicht etwa nur das sehen, was uns das Auge vermittelt, denn dies ist an sich ein Chaos von Farbflecken und Linien. Vielmehr deuten wir diese optischen Informationen, lassen weg und ergänzen sie, auf Grund unserer Erfahrung und belehrt durch die Meinungen und Ansichten der Zeit, zu sinnvollen und verständlichen Gestalten. Und diese sind ebenso dem Wandel der Zeiten und Lehrmeinungen unterworfen wie jede menschliche Erkenntnis.

So glaubten die Plutonisten unter den Geologen bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts, die Alpen- und Jurafaltungen seien durch das Eindringen glutflüssigen Gesteins entstanden, wodurch die Schichtgesteine emporgewölbt und verfaltet wurden, und erklärten die zentralen Massive als die Erstarrungsgesteine dieser vulkanischen Vorgänge. Heute weiss man, dass die Massive viel älter sind als die Alpenfaltung. Hingegen zeigt sich, dass bei den Faltungen und Überschiebungen grosse Erdrindenstücke weit in die Tiefe versenkt und die Gesteine durch die hohen Temperaturen und gewaltigen Druck umgeprägt wurden, wobei in Klüfte und Spalten flüssiges Gestein eindrang, das heute als andersfarbiges Aderwerk jedem aufmerksamen Berggänger bekannt ist.

Zum Gebirge wurde der gefaltete Erdrinden-teil aber meist erst durch Hebungsvorgänge. Sobald das werdende Gebirge über das Meeresniveau emporgehoben wurde, setzten die Vorgänge ein, denen wir die heutigen Täler und Berge verdanken. Erst durch die Zerschneidung und den Abtrag der gewaltigen gefalteten Massen sind die prächtigen Berggestalten entstanden, die wir bewundern. Aber auch erst durch die Zerschneidung erhalten wir Einblick ins Innere des mächtigen Deckengebirges.

Die Anlage der Täler und Bergzüge ist in den Alpen nicht so einfach wie im Jura, wo sie durch den Gebirgsbau klar vorgezeichnet ist. So dachte man noch am Schluss des letzten Jahrhunderts, dass die grossen Täler aufgerissene Spalten seien, die durch die Gebirgsbildung entstanden. Vor allem Albert Heim hat diese Auffassung bekämpft und die Talbildung einzig der Arbeit des Wassers und zum kleinen Teil derjenigen des Eises zugeschrieben. Der Abtrag durch Wasser und Eis ist so weit fortgeschritten, dass die heutige Gebirgsoberfläche tief unter der Uroberfläche und den ersten Talanlagen liegt. Wenn wir uns aber mit der schülerhaften Erklärung zufriedengeben, Täler und Berge seien durch Erosion entstanden, ohne näher auf die Frage einzugehen, wie denn dieser Abtragungsvorgang vor sich geht, dann machen wir es uns doch allzu leicht. Denn die Tal- und Gipfelbildung ist, wie jeder Naturvorgang, ungemein verwickelt und selbst in den grossen Zügen noch lange nicht restlos abgeklärt. Hier, in diesem kurzen Aufsatz, können nur ein paar Hinweise gegeben werden.

Durch die Gebirgsbildung waren Firstlinien entstanden, von denen das Wasser beidseitig abfloss. Es folgte dabei vorgezeichneten Richtungen, Einmuldungen, Deckenrändern und Bruchzonen wie auch bestimmten Gesteinsarten, in die es sich besonders leicht eintiefen konnte.Von den ersten Anlagen bis heute hat sich das Talnetz noch grundlegend verändert, weil die Hebungsvorgänge zuerst kräftig anhielten.

So ist vor allem die für die Schweizer Alpen charakteristische Längstalfurche des Rhone-, Ur-seren- und Vorderrheintales nicht von Anfang an ausgebildet worden, und einige Quertäler, die von der Alpenfirstlinie der Walliser Alpen direkt ins Mittelland führten, wurden durch das Emporsteigen der Zentralmassive entzweigeschnitten. Das Wasser des Oberlaufes wurde von der inneralpinen Längsmulde abgefangen. Die Fortsetzung der alten Talungen ist in den grossen Passlücken noch zu erkennen.

Zwischen diesen sich zunehmend vertiefenden Talfurchen blieben als Wasserscheiden die Bergzüge mit ihren Gipfeln stehen. Wie aus jeder gu- ten topographischen Karte hervorgeht, sitzen die Gipfel überall dort, wo die Wasserscheiden sich verzweigen. Das sind gleichzeitig Punkte, wo mehrere Täler oder Einzugsgebiete zusammenstossen. Manchmal verlaufen die abzweigenden Wasserscheiden nur auf Gratausläufern und trennen dann einzelne Talkammerungen im Gratverlauf, Gletscherkare im vereisten, Erosionstrichter im eisfreien Gebiet.

Die Anordnung der Einzugsgebiete ist ein Flä-chenaufteilungsproblem. Wie bei den politischen Grenzen Dreiländerecken die Regel sind und vier Länder sich höchst selten in einem Punkt treffen, so laufen auch in den Gebirgsknotenpunkten, den Gratgipfeln, meist drei Gratkanten zusammen. Die meisten Gratgipfel sind demnach Dreikanter ( Fig. i ). Wenn trotzdem doch nicht so selten Vierkanter auftreten, so beruht das auf quer zum Hauptgrat durchlaufenden Strukturlinien, die durch den Innenbau, z.B. den Gesteinsverlauf oder durch Bruchliniensysteme, bedingt sind.

In der Hochregion über der Schneegrenze sammelt sich zwischen zwei Graten unter dem Gipfel Schnee, der zum Kargletscher wird. Dieser transportiert allen Schutt aus der Gipfelwand und den umrahmenden Graten ab. Mit der Zeit entsteht eine Hohlform von oft fast idealer Kreis-gestalt. Diese wird mit Recht der Eiserosion zuge- schrieben, und die Bildung des Karbodens, in dem nach dem Eisrückgang oft ein kreisrunder See liegt, ist die Folge des Eisschliffes. Die Rundung des ganzen Kars, besonders der umrahmenden Felswände, ist aber nicht der Eigenart der Gletschererosion allein zuzuschreiben, sondern sie ergibt sich aus baustatischen Gründen. Vorsprünge sind weniger stabil und verwittern rascher als die glatte Rundform. Dieses Streben nach der statisch günstigsten Gestalt können wir als Formungsprinzip der Erdoberfläche immer wieder beobachten, und deshalb ist ein Vergleich der Gipfelformen mit Turmbauten, die ja auch statisch richtig geplant werden müssen, so aufschlussreich.

Bei Hängen, die vom Talgrund bis zu den Gipfeln hinaufreichen, können zwei Typen unterschieden werden: solche, die so steil sind, dass Lockermaterial, wenn es einmal in Bewegung geraten ist, nicht mehr zum Stillstand kommt und rasch abgleitet oder abstürzt. Diese Hänge können Wandhänge genannt werden. Auf andern Hängen kann sich Lockerschutt anhäufen, sodass sie als Schuttmantelhänge bezeichnet werden können. Die beiden Hangarten zeigen in ihrer Entwicklung ein grundsätzlich verschiedenes Verhalten.

In Wandhängen kann die Verwitterung nicht bis zur Feinmaterialbildung fortschreiten. Lockerschutt hält sich nur auf Absätzen oder wenn er ineinander verkeilt ist. Einmal in Bewegung, stürzt er als der vom Bergsteiger gefürchtete Steinschlag ab. Regenwasser kann nicht versickern, sondern bildet Sturzbäche.Vor allem aber steht der Fels unter grossen Spannungen. Diese stammen z.T. aus der Zeit der Gebirgsbildung, in welcher das Gestein durch seitlichen Schub und grosse Belastung ungeheurem Druck ausgesetzt war und ganz andere Temperaturverhältnisse herrschten. Die Gebirgsklötze verhalten sich auch nicht anders als jede grosse künstliche Baumasse, bei der durch Spannungen Risse entstehen, wenn nicht Fugen vorgesehen wurden. So ist auch jede Felswand von Bruchflächen durchzogen ( Fig. 2 ), die schon im Gebirgsinnern entstanden oder bei der Talbildung aufrissen. Die Verwitterung ist deshalb nicht nur wetterbedingt, sondern wird durch die Lagerungsverhältnisse und Gesteinshärteunterschiede, vor allem aber durch Spannungen im Fels gelenkt. Wir können von spannungsinduzierter Verwitterung sprechen.

Diese Bruchflächen verlaufen nicht wahllos. Vielmehr herrschen in gewissen Wänden mehr oder weniger senkrechte Brüche vor, dann solche, welche in beiden Richtungen unter 45 oder 6o° ansteigen. Viele Gipfelformen entstanden Bruchflächen entlang und ragen aus dem Gratverlauf wie die Zähne einer Säge empor. Auch der glatte Verlauf vieler Wände zeigt deutlich, dass die Verwitterung oft ebenen Bruchflächen folgt. Auffallend ist des weitern, dass Felswände bei der Verwitterung nicht zunehmend abschrägen, sondern steil bleiben. Es lässt sich theoretisch zeigen, dass die Spannungen am Wandfuss am grössten sind und das Absprengen von Platten vor allem hier beginnt. Felswände wittern mehr oder weniger oberflächenparallel zurück ( Fig. 3 ).

Betrachten wir die Berggestalten vom Tal bis zum Gipfel, so bilden die Felsformen oft nur die obere Krönung, die einen breiten und massigen Sockel überragt ( Fig. 2 ). In den weniger hohen Bergzügen sind meist nur diese Sockel als breite Rücken ausgebildet. Auch in den Sockelhängen kommen Felspartien vor, die als Bänder durch- ziehen oder den Gehängefuss bilden. Aber die flachern Schuttmantelhänge überwiegen doch. Auf diesen häuft sich der abgestürzte Schutt der Gipfelfelsen an. Nur in den Hochregionen wird er vom Gletschereis weitertransportiert. Die Neigung der Schutthalden liegt zwischen 30 und 400. Der Schutt, der nicht mehr stürzen kann, verwittert an Ort und Stelle, Staub und eingeschwemmtes Feinmaterial verdichten die Halde, so dass der Grobschutt meist rasch eingebettet wird. Im Vegetationsbereich siedeln sich Pflanzen an, in tiefern Lagen kommt Wald hoch. Diese bewachsenen oder nackten Schutthalden sind eine weitverbreitete Erscheinung, und deshalb sind Gehän-geneigungen von 30 bis 400 für das Gebirge chrakteristisch. Die Schuttmantelhänge waren in den grossen Eiszeiten vom Gletscher überflössen und von diesem überschliffen worden. Beim Rückzug blieb auf weiten Flächen Moräne liegen. Diese Schuttmantelhänge, seien sie nun alte Fallschutthalden oder moräneüberzogene Hänge oder einfach von an Ort und Stelle entstandenem Verwitterungsschutt bedeckt, verhalten sich nun wesentlich anders als die Wandhänge. Nur in den höchsten, vegetationslosen Partien mit wenig oder durch Feinmaterial fest verdichtetem Lockerschutt rinnt fast alles Wasser oberflächlich ab und schafft eine Unzahl von kleinern und grössern Rinnen, durch die das Gehänge ziseliert wird. Wo die Vegetationszone beginnt oder grobblockige Schutthalden und Trümmerflächen vorhanden sind, versickert ein Grossteil des Wassers und fliesst unterirdisch ab, um oft erst am Hangfuss oder im Anschnitt der Schuttdecke durch das Talgewässer zutage zu treten. Ausgedehnte Talhänge, die auf breite Rücken oder Verflachungen unter der Gipfelregion hinaufführen, sind kaum zerschnitten und verhalten sich weitgehend stabil.

Und doch finden auch in diesen Schuttmantel-hängen Bewegungen statt, einmal entlang von Wildbachrinnen, die sich ins Gehänge einfressen. Auch diese folgen oft Bruchlinien und zerrütteten Gesteinszonen, in denen das Wasser leicht Fels ausbrechen kann, wodurch im Gehänge tiefe Wunden entstehen. Das andere Mal können ganze Hangpartien, besonders wenn sie stark durchnässt sind, über Gleitflächen abrutschen und ab-kriechen. Oft entstehen auf diese Weise Wülste und sogar Längsmulden im Gehänge. Auch durch das Talgewässer kann der Hangfuss unterschnitten werden, so dass es zu Rutschungen kommt. Instabile Formen entstanden auch durch die Gletschererosion und führten zu Nachbrü-chen und Sackungen. Zudem war nach dem Eisrückzug das Gehänge vegetationslos und der Erosion durch das Oberflächenwasser besonders ausgesetzt.

Wie in der ganzen Natur, so gilt auch für die Oberflächenformen, dass alles in Bewegung und Umwandlung ist und nirgends ein absoluter Stillstand herrscht, aber doch in ganz unterschiedlichem Mass. Viele Formen haben sich seit Menschengedenken kaum verändert, und typisch vom Gletscher überschliffene Felspartien zeigen, dass sogar Jahrtausende vergehen können, bis diese Spuren verwischt sind. Zwar hören wir Jahr für Jahr von Felsstürzen; historisch sind viele kleinere oder grössere Bergstürze bekannt, und Wildbäche können grosse Gebiete verwüsten, Rutschungen Häuser und Strassen gefährden. Aber alle diese spektakulären Vorgänge spielen sich meist rasch ab. So können wir wie bei den Lebewesen auch bei den Bergformen ein wirksames Selek-tionsprinzip erkennen, auf das wir schon einmal hingewiesen haben:

Alle Formen, die unstabil und unsolid sind, verändern sich rasch, bis die unstabilen Partien entfernt sind. Was statisch gut gebaut ist, das bleibt lange erhalten. Und deshalb überwiegen auch die stabilen Formen. Gerade die bizarren Gebilde, welche offensichtlich in älterer Zeit die Zeichner und Maler besonders beeindruckten und deshalb mit Vorliebe dargestellt wurden, schreckliche Überhänge und Felstürme, die in allernächster Zeit zusammenzustürzen drohen, sind selten. Denn der vom Menschen so gefürchtete und in Wänden häufige Steinschlag verän- dert die Bergform, den Gesamtbau, nur in unbedeutenden Details.

Viele unserer schönsten und kühnsten Berggestalten sind in ihrer Form vollkommen ausgewogen und statisch vorzüglich gebaut.

Auch durch diese erdgeschichtliche Betrachtung der gewaltigen Bauwerke wird unser immer wieder beglückendes Bergerlebnis bereichert.

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