Die Besteigung des Kilimanjaro 80 Jahre nach Herrn Meyer

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Robert Aeschbacher, Biel

Jedesmal, wenn die Waage nicht ganz 17, 18 Kilos anzeigt, schmeisst Frau Brüehl, Besitzerin des Kibo-Hotels in Marangu, noch einige Büchsen Sprit oder Ananas zu. Sie meint, die Lasten der Träger müssen gerecht verteilt sein. So sieht sie die Sache. Die Träger sehen sie anders; Luftmatratzen und Schlafsäcke geben schon recht ansehnliche Brocken; meinetwegen mögen die schweren Bergschuhe noch mit. Sollen die Jun- gen ihre Köpfe mehr belasten. Sie atmen leichter. Wir waren auch einmal jung. Und ob es Trinkgeld geben wird, ist noch gar nicht sicher. Zuerst mal rauf, vier Tage, von Hütte zu Hütte. Wenn die Herren auf den Gipfel kommen und wenn sie dann wieder unten sind und voll Stolz den Siegerkranz aus Strohblumen auf den Kopf gesetzt kriegen, dann ja, dann mag es wohl eine Belohnung geben. Um so besser, wenn man die andern mehr tragen liess! Aber zuletzt geht die Rechnung doch irgendwie auf; die Drilchsäcke werden zugebunden ( gut, wenn du weisst, in welchem deine Ware ist ), das Geschnatter geht weiter, überzählige Gasbrenner finden noch eine leere Hand. Die Herren Bergsteiger aus Europa sind bereit, den Kilimanjaro zu besteigen. Das Barometer braucht nicht beklopft zu werden, die Regenzeit fängt erst in 14 Tagen an. Das Reisegepäck bleibt im Koffer zurück, das überschüssige Geld wurde in einen Umschlag gelegt und Frau Brüehl anvertraut. Die Lieben zu Haus erhielten noch schnell eine Karte: Habt nicht Angst, Schlangen gibt 's keine hier; den dicken Pulli habe ich zugepackt; denkt bloss, da ist noch ein Baselländler mit uns; Marke aufbewahren ( der Kili liegt in Tansania ); liebe Grüsse.

Das grosse Abenteuer beginnt. Der Trupp setzt sich in Bewegung, vorab die Träger, ihre Säcke auf den Köpfen, in scharfem Tempo. Dazwischen und am Schluss, einzeln und in Grüppchen « die Gäste », teils in grotesker Bemalung, mit khakifarbenen Hüten, teure Kameras umgehängt, bedächtig bergan stapfend. Zwischen den kleinen, aber üppig bepflanzten Äckerchen von Bananen und Kaffee und Mais liegen die Behausungen der muntern Wadjaggas. Am Wegrand stehen ihre Kinder mit schönen kugelrunden Augen, rufen ihr « Jambo » und verschenken kleine rote und blaue Blumen. Grosse Thujas und Eukalyptusbäume spenden Schatten. Es geht immer höher. Mehr und mehr bleiben die Häuschen zurück, die Kulturen werden dünner und die Stimmen spärlicher, und bald wird uns der stille, dunkle Urwald geheimnisvoll umfangen. Die Nässe der vergangenen Nacht hängt dampfend in den Blättern. Der Wind reibt knorrige Äste knackend aneinander. Unsichtbare Vögel rufen. Das Dickicht muss voller Tiere sein. Gelegentlich liegt Kot auf unserm schmalen Weg; auch er dampft. So hört und riecht man, ahnt man die Fülle reichen Laucherenstock- Ostgrat Photo M. Dörig, Langenthal Lebens, die dem Auge verborgen bleibt. Vögel rufen, Äste reiben sich knarrend, die hohen Baumkronen tropfen und schwingen in langsamem Rhythmus hin und her, her und hin. Menschliche Unterhaltung wird zum Palaver; also schweigt man lieber und stapft weiter. Wie aber der Wald auf einmal abbricht und eine sonnenüberflutete hüglige Lichtung voller Gestrüpp und Farnkräuter weit oben am Horizont den Blick auf die weisse Kuppe des Kibo freigibt und unsere Hütte am jenseitigen Rand der Lichtung erscheint, da sind Ausrufe gestattet, vielleicht gar notwendig, weil die Wegstrecke noch weiter sein wird, als man dachte, und weil es nun drückend heiss ist. Der Weg beschreibt einen grossen Bogen. Hütte und Kibo verschwinden wieder. Auf einem flachem Stück am Wegrand die verfaulenden Reste von Gebälk. Stand hier etwa die Hütte des Herrn Reichskanzlers von Bismarck? Flinke Eidechsen huschen über die Balken und kümmern sich'nen Deut um den Kanzler. Vergessen ist Bismarck, vergessen Deutsch-Ostafrika. Die Engländer sind draussen, und Tansania ist ein eigener Staat mit 13600 Spitalbetten und einem eine Million achthundertfünfzigtausend Jahre alten Menschen, den der Professor Leakey in der Olduvai-Schlucht ausgegraben hat. In Arusha gibt es eine Brauerei, die freundlicherweise an unsern Durst gedacht und einige Flaschen Bier in die Mandara-Hütte heraufgeschickt hat. Da sind wir nun und freuen uns am Bier, an der weiten Sicht über das Land und am Bächlein, das uns die brennenden Füsse kühlt. Hinter unserem Rücken steht wieder der schweigende Tropenwald und hält für die kommende Nacht das schwere Rauschen eines Wolkenbruches bereit.

Nach dem Frühstück setzt sich der Trupp erneut in Bewegung, gleich hinter der Hütte wieder im Urwald verschwindend. Bäume und Boden sind nass. Von den Ästen hangen lange Flechtenbärte. Wer nicht zusieht, stolpert über Wurzeln und hat die Hände voll braunen Lehms. Also bitte: jetzt sind wir im dunkelsten Afrika; kräftiges Schuhwerk wurde empfohlen und sechs Paar wollene Socken, Gletscherbrille und Sonnenschutz. Da ist einer ja selber schuld, wenn er auf glitschigem Waldboden auf die Nase fällt. Nach einer Stunde geht der Wald zu Ende. Jäh bricht die Grenze ab. Blendend liegt eine weite, nackte, wenig steile Hügellandschaft vor uns. Furchen-fòrmige, quer laufende Einschnitte bergen fremdartige Sträucher und hohe Erikastauden. Und über allem steht einsam die Schneekappe des Kibo und, scheinbar gleich hinter dem nächsten Hügel, die schartige Mauer des Mawensi. Der Wind, nunmehr ständiger Begleiter, reisst Löcher in den Wolkenkranz über dem Urwald und umspielt mit den Fetzen die Gipfel. Unsere Einerkolonne zieht sich mehr und mehr auseinander. Die Träger balancieren mit Bravour die grossenLasten auf den schmalen Köpfen und nehmen im Vorbeigehen herumliegendes dürres Holz auf. Wenn zwei beieinander sind, schnattern sie. Bestimmt reden sie über uns, über unsere zarte Haut, unsern schwergehenden Atem, über unsere Einsil-bigkeit und eingesalbten Nasenspitzen. So kann es nicht weitergehen. Machen wir doch einen Stundenhalt, dann gibt es Abstand zwischen uns! Aber sie sind unfair und halten ebenfalls an. Also denn, weiter. Grosse Orchideenstengel versöhnen. Auch gibt 's da kräftige Stauden mit hellen wolligen Blütenquasten, von einem wohlgesinnten Botaniker als Protea kilimanjarica ins System von Linné eingebracht. Hoch über uns kreisen grosse dunkle Vögel; es müssen Adler sein. Eine besonders heraustretende Hügelkuppe sieht aus wie der Berg Dikte; ein schwarzer Fleck, das ist der Eingang zu unheimlicher Grotte. Hinein! Es tropft vom Stein, zersprüht irgendwo, macht Hühnerhaut, das Kindchen Zeus langt nach der Zitze der Amalthea, und es tropft vom Stein, diesmal Blut vom Opferkälbchen; Votivgaben sind dem Zeremonienmeister zu übergeben, Wachskerzen sind daselbst zu vorteilhaftem Preis erhältlich; ungeziemend gekleideten Personen wird der Zutritt verwehrt; es wird gebeten, jeglichen Lärm zu vermeiden; es tropft vom Stein, und, mit Hühnerhaut überzogen, flüchten wir ins Freie. Zauberei war das; doch der Zauber dieser unerhörten, weiten Landschaft voll Licht und voll Wind und voll würzigen Duftes hat uns wieder. Später dann hören wir: die Höhle heisst Chumba cha Mungu, das Haus Gottes. So muss es sein. Ja, so ist es.

Der Pfad wird steiler, die Gipfel sind hinter den Hügelkuppen verschwunden, die Querrinnen sind tiefer geworden. Das Schnaufen schmerzt. Schritte wie Zahlen: zwei-eins, eins-zwei, zwei-eins, eins - hoppla — zwei-drei: da ging 's um einen Buckel; der weisse Kibo steht vor uns und im Abstand von ein paar Dutzend Metern die Horom-bo-Hütte. Horombo, wie schön das tönt! Und wie gut das tut: rasten, waschen, heissen Tee schlürfen! Porridge gibt 's auch, aus verbeulten Blechtel-lern, die schon gestern kaum gewaschen waren. Nachher bricht die kalte Nacht herein. Gut, dass wir unsere Schlafsäcke mithaben, beste Schweizer Daunen-Qualität. Und kräftigen Cognac. Der kommt aus Frankreich. Dort hatten sie Stu-dentenunruhen. Wir haben die Unruhen in unsern Uhren. Dafür haben wir eine solide Regierung. Das beruhigt. Das einzige, was nicht ganz klappt, ist die Nationalhymne. Aber schon schlafe ich ein.

Am Morgen stösst unser Führer Rudie die Tür auf, und, weiss übergössen, steht breit und wuchtig der Kibo vor uns, gleissend vor dem dunkelbraunen Lavagestein. Wer hat schon so etwas gesehen, beinahe am Äquator! Schuhriemen festgezogen, Schlafsäcke eingerollt, Tassen geleert. Sechs Stunden, meine Herren, bis zur nächsten Hütte; es können auch acht sein; Vordermann nicht aus den Augen verlieren; Rücksicht auf die Damen; Gott befohlen. In gleichförmigem Schritt geht es aufwärts. Felswände schieben sich näher, und der Kibo versteckt sich wieder. Ist der Weg ein wenig flacher, sind, Mottenlöchern gleich, Grasnarben in das bunte Pflanzen-Stein-Mosaik eingestreut, und in ihnen ragen mannshohe krautige Stämme auf, mit grossen filzigen Blättern wie Hände, dann und wann zuoberst eine jetzt verblühte, riesige Blütenähre tragend. Bitte sehr, wir sind auf 4000 Meter über Meer! Dahinter türmt sich der Mawensi und brüstet sich mit seinem zackigen Felsgrat. Aufwärts geht es, immer wieder aufwärts. Die Luft ist recht dünn geworden, und der böige Wind erleichtert das Atmen kaum. Der Mawensi gleitet langsam zur Seite, wie ein Vorhang. In beschwerlichem Schritt nähern wir uns einem Sattel. Die Pflanzen sind spärlicher und kleiner, ihre Blätter dickhäutiger. Der Schnauf geht rasch, in kurzen Stossen, und gleicht eher einem Pfiff. Wer pfeift, braucht eine Melodie; die meine führt über den River Kwai. Der Pass ist erreicht, und vor uns liegt eine Bastion, ein breit sich duckendes, schlafendes Ungeheuer, eine zugleich drohende und lockende Masse, die man mit einem Kübel weisser, zähfliessender Farbe übergössen hat: der Kibo. Und zwischen ihm und uns dehnt sich eine riesige braune, gelbe, violett-lich glastende Ebene. Gegenüber, in der grossen Fläche des Kibo, glänzt ein ein heller Punkt: die Hütte. Ein kleiner Sprung, ein Stündchen. Und übrigens geht es ja da kaum mehr aufwärts, vorerst sogar hinab, hinunter in eine fremde Welt. In eine Welt ohne Laut und ohne Zeit, ohne Weg und ohne Ordnung, ohne Menschen und ohne Pathos.

Die Sonne steht senkrecht über uns, und so sind auch keine Schatten da, kein Schatten von mir und keiner von den grossen und kleinen Steinbrocken, die ein Kyklop zum Spass in dieses vertrocknete Meer geworfen hat. Die Luft flimmert. Wir setzen Schritt vor Schritt, allein, verlassen, tastend, tappend, wie im Rausch, Schritt neben Schritt. Bloss jetzt nicht einschlafen! Die Flucht ist ausweglos und die Sonne ohne Erbarmen und das Sterben banal. Mein Fuss stösst an gebleichte Knochen. Sie sehen aus wie Menschenknochen. Müssen Harrys Knochen sein; Hemingways Harry, hier verreckt, vergessen, von den Aasgeiern zerhackt und zerrissen, von der Frau verlassen und von Gott. Das Flugzeug kommt nicht, und der Pilot holt ihn nicht an Bord. Der Brand in seinem Bein schwelt weiter; von Minute zu Minute wird es schwärzer. Die gierigen Vögel hocken am Fussende des Lagers, die Luft stinkt wie die Pest. Immer häufiger greift Harry nach seinem Whisky. Der Puls klopft in seinem Knie, kein Wasser kühlt das Feuer. Die Geier kommen näher; immer frecher recken sie ihre abscheulichen Hälse. Harry, alles wartet auf Deinen Tod. Ergib Dich! Dein Kampf ist hoffnungslos. Gib ihn auf! Und so stirbt er, hier, ohne Lächeln, allein. Allein. Vielleicht stellvertretend für Dich. Nicht umsonst ist sein Sterben; es kann nicht umsonst sein. Und er ist schauend geworden, glücklich, still. Harry, ich beneide Dich. Kein Heldentum und keine Feier, völlig allein. Allein auch ich, berauscht, verfremdet, irgendwo im Niemandsland zwischen Ahnen und Hoffen, zwischen Traum und Phantasie. Ich, Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs, eingeladen zu allen Vernissagen, im Stiftungsrat der Ortsbibliothek, oben in der Liste des Patronatskomitees für die Durchführung der jährlichen Delegierten-Ver-sammlung des nationalen Roten Kreuzes, wiederholt angegangen als Kandidat für die Gross-ratswahlen — ich, ich werde verhöhnt, erniedrigt, ausgestossen, keine Hand wird mir gereicht und kein Wort an mich gerichtet. Da ist kein Woher und kein Wohin, und kein Stern leuchtet für mich. Muss auch ich hier verenden, vermodern, und wird ein Fremder über meine Knochen stolpern? Beinahe wäre ich hingefallen. Rudie sah mich wanken und hat mich mit kräftigem Zugriff gehalten. So bin ich zurückgeholt, zurück in die Wirklichkeit, in das Leben, und ich sehe und fühle und setze Schritt vor Schritt und erblicke vor mir den glitzernden Punkt der Kibo-Hütte, der nun doch grösser und näher scheint. Das Taumeln wird zum Schreiten. Das Ziel steht vor uns. Es ist erreichbar. Der Hang wird steiler, die Steinbrocken mehren sich. Man hört Stimmen. Die Augen brennen. Der Wind treibt Wolken vor sich her. Da ist die Kibo-Hütte. In der unendlichen Ebene hinter uns liegen Harrys Knochen. Es gibt Porridge. Die Teller sind dreckig.

Man muss die Nacht erwähnen, wie kurz sie ist und wie kalt, wie schlecht die meisten schlafen oder gar nicht, wie schnell der Puls geht bei einigen und wie die Luft dünn ist. Liegt man mit offenen Augen da, so sieht man die heisse Luft über der weiten Ebene flimmern, mit geschlossenen kommt ein Taumeln noch dazu, auf und ab, hin und her, ab und auf. Einer tastet sich heraus und erbricht. Ein beissend-kalter Luftzug fegt herein, dann fällt die Tür krachend wieder ins Schloss, und der Wind heult draussen weiter. Die Gedanken wandern mit mir weg, weit weg, und sie haften an warmen Gemächern, verweilen in weichen Betten, fassen nach prallen Brüsten; und sie kehren zurück in dieses Grab und schielen zögernd und schaudernd nach Harrys Knochen; die sind aus sprödem Pergament und heulen, wenn der Wind über sie hinwegpfeift, und die Gedanken hasten weg und mischen genüsslich Karten zum Spiel, schlürfen heissen Grog, greifen nach sieg-bringenden Trümpfen; und wieder sind sie da, hier und jetzt, und sie stossen mich in Abgründe ohne Licht und Schatten, ohne Zeit und Laut, ohne Tier und Mensch, und dieses vollständige Verlassensein ist nichts als Angst, Angst vor dem Morgen, vor dem Ungewissen, vor dem Sterben, Angst vor Gott. Und so jagt mein Geist hin und her, im Kreis herum, ist fühlbar da und doch entrückt ganz anderswo. Das ist Schlaf auf Guillotinen. Jemand zieht am Seil - es fällt das Beil, die Tür bricht knarrend auf - ich greif nach hingestreckter Hand; eine flackernde Lampe mahnt zum raschen Aufbruch. Tee wird gereicht und Hafermus, aufgewärmt, aus verkrusteten Näpfen. Jeder hat seine Sorgen und die bange Frage: werd' ich 's schaffen? Einige bleiben zurück, auch die Träger. Wortlos fügt man sich in die Reihe, zieht die Zipfelmütze weit über die Ohren, vergräbt die behandschuhten Fäuste in den Hosen und übernimmt den Schritt des Vordermanns. Der Mond im Rücken erhellt die Spur. Rudies Laterne wirft gespenstig tanzende Lichter und Schatten nach hinten. Der Weg ist steil. Der Atem geht schnell, in kurzen Stossen. Ganz gewiss hört man, wie mein Herz an die Brustwand schlägt. Tritt über Tritt. Das Geröll kommt in Fluss, und man ist dankbar für die dazwischen gestreuten soliden Felsbänder. Ein schwarzer Höh-lenriss, gespenstisch anmutend in der fahlen Mondnacht und doch beruhigend, gewährt uns kurze Rast und Schutz vor dem Wind. Wenige abgerissene Worte gehen her und hin, und sie sind unehrlich, weil sie nicht sagen, was jeder bei sich denkt. Doch schon geht es weiter - Schritt vor Schritt, langsam, Knie gebeugt, Knie gestreckt. Tritt über Tritt, langsam, Muskel gelockert, Muskel gespannt. Arbeit ist Hubhöhe mal Gewicht. Kibo ist Arbeit und ist also 6000 Meter mal 75 Kilogramm. Huu... Und zuletzt bleibt ein mageres Häufchen Milchsäure. Schritt vor Tritt, keuchendes Schnaufen, Tritt über Schritt, häm-mernder Puls. Hinter uns im Osten rötet sich der Himmel. Der Mond ist irgendwo verschwunden. Das Geröll ist zum Geschiebe geworden, Lavastaub dringt in die Schuhe, ein Würgen sitzt im Hals. Der Wind springt um, abgerissene Stösse wirbeln Sand in Mund und Nase. Mit jedem Schritt die Hälfte zurück, pas, pas, pas de deux, ho, ho, ho tschi minh. Nur nicht anhalten jetzt; lieber keuchen, weiter, aufwärts. Plötzlich fällt die Sonne rot ein, unerwartet und ohne Pathos und so ganz anders, als man es dachte. Ohne ein Wort ist sie einfach da, und nur die Felszacken des Mawensi drängen sich zwischen sie und uns und mimen Kulisse. Sehr rasch aber steigt sie hoch, und aus dem purpurroten Ei wird flugs eine kleine gelbe - gelb-weissliche - weiss-gelbliche -weisse Kugel und überflutet die glitzernde Kappe des Kibo und uns und den weiten, weiten afrikanischen Himmel mit blendendem Licht. Und mit diesem Wunder geschieht ein zweites: ich kann noch, es geht noch, ein paar Schritt bloss, mein Herr, Schrittchen; nur nicht schlapp machen, schnaufen Sie doppelt für einmal, wenn Sie wollen, aber marsch jetzt, voran; oben gibt 's Rundsicht laut Reiseprospekt, Gruppenbild und Gipfelbuch. Also Schrittchen, Schrittchen vor Schrittchen, wie auf dem Zirkusseil, keuchend zwar und mit Schmerz, mit Stechen hinter dem Brustbein, und wieder Schrittchen, zweimal zwei ist vier, Schrittchen da, Schrittchen hier, hoppla, wir stehen oben. Es ist wie ein Schnitt, ein scharfer Schnitt mit dem Skalpell in fühllos gemachter Haut. Irgendein Nervenstrang ist durchtrennt. Ich spüre nicht die weissen, klammen Finger, leide nicht am Ringen nach Luft, und das häm-mernde Herz tut nicht weh. Nichts Heldisches ist da und nichts Glorioses. Wir sind oben. Eine Stange mit ein paar Fähnchen daran und die Schnüre vereist. Im Fels eingelassen eine bronzene Tafel mit der Auskunft, dass wir oben sind und dass vor uns Mister Gilman schon hier war. Und dann fällt der Blick weiter weg, staunt ob der riesigen weissen Kraterhöhle, über die mächtigen, treppenartig abfallenden Eiswände und kühn aufwuchtenden, firnüberzogenen Gratbuckel, die den Krater umgrenzen. Und doch ist alles anders als erwartet, gewöhnlicher, vertrauter, direkter und ohne Umschweife und weit weit weg von Zürich Air Terminal. Wir bleiben stumm. In Giuseppes Augen glänzen Tränen. So darf auch ich weinen, und wir umarmen uns, weinend und wissend, dass wir lachen.

Rudie hat uns getreulich die Flasche Aigle Premier Choix 1967 heraufgeschleppt. Sie macht jetzt die Runde. Die Schlucke sind klein, der Wein ist kalt, so kalt, fast brennt er. Es wollte einer singen, aber das braucht Luft. So wird ein kläglicher Jodel daraus.

Viele Hände werden geschüttelt. Keiner wird übersprungen. Dann geht das Gipfelbuch herum. Die steifen Finger kritzeln mühsam den Namen hinein. So werden sie 's wissen, die, welche nächstes Jahr da heraufkommen. Doch bitte, jetzt kommt das Gruppenbild. Gelbfilter aufsetzen und Blende schliessen. Auch einzeln und zu zweit und die drei Führer für sich. Das wird' nen Plausch geben zu Hause: drei schwarze Neger auf dem weissen Kilimanjaro. Und die eigenen langen Bartstoppeln.

Für ein paar Unentwegte bleibt noch etwas anderes zu tun: der Marsch dem Krater entlang hinüber zum Uhuru-Peak, dem garantiert höchsten Punkt des Kontinents. Hinab, hinauf, durch einen Querriss, runter, rauf, rauf, rauf, rüber; eine kantenförmige Passage, dann nochmals etwas hinab und nun in kurzem Aufschwung zum Gipfel der Freiheit: Uhuru, 6o to Meter. Nach neuern Messungen sollen es bloss 5980 sein. Ich finde es traurig, dass immer neue Forschungen gemacht werden; 6000 Meter sind 6000 Meter, und der Kibo ist ganz gewiss seine 6000 wert.

Der Wind - immer wieder der Wind - ist kalt und bringt Wolken mit. Sie ballen sich zu einem majestätischen Gugelhupf um den Kibo, stauen sich schäumend und brodelnd am Gipfel, zerteilen sich und zerfliessen im Krater.

Da sitzen wir nun auf nacktem Fels mitten in Afrika und frieren, ein Dutzend verrückte europäische Touristen, zusammengetan von Herrn Kuoni in Zürich nach geheimnisvollen Befehlen, vor vier Tagen -jetzt bereits eine kleine Gemeinschaft - aufgebrochen mit Bergseil und Gletscherbrille, in einer Gegend, wo Milch und Honig fliesst. Wir haben dampfenden Urwald durchwandert, sind über windgepeitschte Steppen gestapft, einsam und allein an Harrys Gebeinen vorbeige-taumelt, haben wortkarg aus dreckigen Tassen Tee geschlürft und schlotternd den morgendlichen Aufbruch herbeigesehnt, ringend nach Atem und mit jagendem Puls, mutterseelenallein, vergessen, verstossen, verloren. Da sitzen wir nun auf diesem Gipfel und haben uns wieder gefunden. Der Handschlag und der Kuss wurden von zwei Menschen gebracht. Gebärde kann zu Wort werden. Wir fühlen es alle: das andere Schicksal war auch das meine, wir gehören zusammen. Es ist alles einfach geworden. Das Menschliche setzt das Mitmenschliche voraus. Wir sind glücklich.

Wie wenig ist in diesen vier Tagen geschehen! Nichts eigentlich. Vielleicht sassen wir bloss im Kino? Meine steifen Finger reiben die frierende Nase. Ich ziehe die Zipfelmütze tiefer und wende mich zum Abstieg. Es ist viel geschehen: wir sind glücklich!

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