Die Besteigung eines Viertausenders in Zentralanatolien: Erciyas Dag

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Von René A. Cuttat

Mit 2 Bildern ( 153, 154 Muri/Bern ) Von der Hauptstadt Ankara führt eine recht gute Strasse in südöstlicher Richtung durch Zentralanatolien nach Kayseri. Es ist die alte Wallfahrtsstrasse der Mekkapilger. Das ausgedehnte, von zahlreichen Fels- und Hügelrücken durchzogene Getreidehochland, das sich zwischen den beiden Städten auf 500 km hinzieht, ist eintönig, leer und teilweise versteppt. Zum Glück bietet die sich in unzähligen, zum Teil gefährlichen Kurven durch das unebene, weite Gelände windende Schotterstrasse dem Reisenden einige Abwechslung. Unablässig zweigen von ihr staubige, ausgehöhlte Feldwege und Abkürzungen für Pferde- und Kamelreiter, für Viehherden und Ochsenkarren ab und münden irgendwo wieder in die Hauptstrasse ein.

Trotz der geringen Niederschläge in diesem Teile Kleinasiens treffen wir unterwegs viele frisch sprudelnde Brunnen mit klarem Quellwasser an. Diese erscheinen Oasen gleich in der graugelben Landschaft, denn um sie herum drängen sich die paar einzigen Pappeln, Weiden- und Brustbeerbäume des öden Hochlandes auf einem kargen, schmutziggrünen Grasteppich. Schaf- und Ziegenherden verbringen da ihre Mittagsrast. Ab und zu weilt ein lausiger Steppenfuchs an einer vereinsamten Wasserstelle und sucht Kühlung im lichten Schatten der Bäume. Er blickt verstört oder auch gelangweilt nach dem vorbeifahrenden Wagen auf und ergreift meistens erst die Flucht, wenn das Tempo des Gefährtes verlangsamt oder angehalten wird. Aasgeier und Steinadler kreisen über den stillen Einöden. Falken und Bussarde aller Art rütteln über den Getreidefeldern und jagen nach Hamstern, die hier heimisch sind und von denen es wimmelt. Ein einsamer Eselreiter taucht plötzlich aus der scheinbar unbewohnten Unendlichkeit auf, belebt das Landschaftsbild für Sekunden und löst in uns die Frage aus: « Woher kommt dieser Mensch; wohin geht er und was mag er wohl denken? » Wie armselig und elend erscheint all das Werden, Sein und Vergehen unter diesem gewaltigen, lichtdurchfluteten Himmelsgewölbe Asiens, das noch Tausende und Abertausende von Kilometern solch trostloser Hochsteppen überspannt! Beim Kilometer 100 wird erstmals der Kizil Irmak, der Rote Strom, auf einer massiven, mehr als fünfhundertjährigen, moosgrünen Granitbrücke aus der Seldschukenzeit unmittelbar vor einem Felsentore des Stromes überquert. Einige Kilometer weiter ostwärts senkt sich dann die Strasse allmählich in eine Niederung und führt in ein grünes, von Bäumen, Rebgeländen und Gemüsegärten bestandenes Tal, und bald kommen wir nach Kirschehir, einem Marktflecken mit einigen seldschukischen Kunstdenkmälern, übrigens den am nördlichsten gelegenen, die man aus dieser Kulturepoche kennt.

Bei klarer Sicht tauchen am Südhorizonte bald die Zwillingsgipfel eines längst erloschenen, mit ewigem Schnee bedeckten, 3250 m hohen Vulkankegels, des Hasan Dag ( sprich Hassan Da ) auf. In gleicher Richtung, aber in noch tieferer Ferne, hebt sich das schneezackenreiche Taurusgebirge als eine dunkelblaue Wand vom Himmel ab. Östlich erblickt der Wanderer in heroischer Einsamkeit die imposante Pyramide des nahezu 4000 m hohen Erciyas Dag ( sprich Erdschijas Da ), des in vorchristlicher Zeit noch tätigen Vulkans « Mons Argaeus » der Römer. Es ist dies das höchste vulkanische Massiv des Mittelmeer-raumes, das schon Strabon beschrieben hatte. Diese gewaltige Erscheinung am Osthimmel, also gerade vor uns, ist einfach faszinierend. Mehr und mehr steigt der Riese aus dem blauvioletten Dunst hervor und erhebt sich immer mehr aus dem hügeligen Vordergrund. Der Blick kann nicht mehr von ihm lassen.

Nun geht es langsam und in grossen, aussichtsreichen Windungen aus der Hochebene in die Niederungen des Kizil Irmak, des Roten Stromes, hinab. Den vom anatolischen Erdreich ziegelrot gefärbten und trübe sich dahinschlängelnden Wasserlauf überquert man auf einer eleganten Granitbrücke aus der seldschukischen Zeit ( ungefähr 13. Jahrhundert ). 15 km weiter südöstlich erreicht die Strasse die sumpfige Ebene zu Füssen des Erciyas, wo auch Kayseri liegt.

Diese Stadt, die im Altertum Caesarea Mazaca genannt wurde, war der Sitz der kapa- dozischen Könige und soll unter Claudius zum Christentum bekehrt worden sein. Sie liegt auf der alten Römerstrasse von Sinop, am Schwarzen Meer, nach Babylon. Auch diejenige von Ephesus, an der Ägäis, nach Osten und die persische « Königsstrasse » von Sardis nach Susa kreuzen sich hier. Heute ist Kayseri ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt auf der Strecke Kairo—London. Sie hat grosse Spinnereien und Webereien. Einige seldschukische Bauten, Moscheen, Klosterschulen und Grabtürme sind noch zu sehen sowie die Mauerreste der imposanten Zitadelle im Stadtzentrum. Sinan, der grösste türkische Architekt ( 1489-1578 ), Erbauer der Hagia Sophia in Istanbul, stammt aus Kayseri und hat dort eine prächtige Moschee gebaut.

Von dieser Stadt geniesst man einen herrlichen Ausblick auf den Erciyas Dag, der majestätisch den Südhorizont bildet und seine Schnee- und Eiswände der Stadt zuwendet. Eine gute Landstrasse führt zum Dorfe Hisarcik am Fusse des Berges, das ein Sommeraufenthalt der alten griechischen Familien von Kayseri war, bis diese unter Atatürk zum grössten Teil das Land verlassen mussten. Dieses « Villendorf » liegt an den untersten Hängen des Erciyasmassivs und an der Paßstrasse nach dem Flecken Everek, der am jenseitigen Südfusse des Berges liegt. Herrliche Gärten mit hohen Pappeln, alten Nuss- und anderen Nutzbäumen umgeben die nach Norden hin zum Teil offenen, würfelförmigen Natursteinhäuser. Klares, eiskaltes Quellwasser sprudelt da in Strömen das ganze Jahr hindurch aus dem Felsengrund und bildet während der sengendheissen Sommermonate ein herrliches Labsal für die Bewohner der überhitzten, feuchten Ebene von Kayseri. Sie obliegen hier oben tagelang in träumerischem Spiel dem erfrischenden Handwerk der Wässerung ihrer Äcker und Gärten.

Nun geht es auf einer sehr holprigen, steilen und steinigen Bergstrasse über den Pass ( 2150 m ü. M. ), der zwischen dem Erciyas und dem ihm östlich vorgelagerten, 2700 m hohen Koç Dag ( sprich: Kotsch Da ) liegt. Sie gemahnt an die alte Gotthard- oder die Simplonstrasse, die in gewissen Abschnitten heute noch sichtbar sind. In 20 km Entfernung von Kayseri erreicht man die Passhöhe. Die Strasse windet sich bis dahin durch Felshalden und entsteinte Getreideäcker hindurch in die kahle und weitausladende Passgegend, wo ausser spärlichem Alpgras nur noch ein igelförmiges, stacheliges und holziges Gewächs, eine Art Distel, vorkommt. Dieses wird neben Kuhmist und Strohhäcksel von den Bergbewohnern als einziges Brennmaterial gesammelt, da diese Landstriche absolut baumlos sind.

Auf der Passhöhe steht ein grosses, modernes Schutz- und Berghaus, das ein beliebtes Ausflugsziel für die Jungmannschaft von Kayseri ist und im Frühjahr von Skiläufern aufgesucht wird. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass schon im Sommer die Fahrt mit dem Auto von Kayseri dorthinauf eine Strapaziertour ist. Im Frühling erreicht man den Pass infolge der gewaltigen Schneemassen meistens nur zu Fuss, denn Maultier und Esel versagen da schon bald den Dienst.

Man kann sich daher beim Anblick des so modern und grosszügig angelegten Pass-hauses des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses nicht so sehr aus Bedürfnis der eigentlich nur sehr seltenen Berggänger erstellt worden ist, sondern wohl eher aus dem in der Türkei modisch gewordnen Drang nach Fortschritt. Das Berghaus ist neuzeitlich gebaut, aber die Zufahrtsstrasse leider vernachlässigt worden. Nun sollen beide aber verbessert werden, um auch für die Fremden einen Anziehungspunkt zu bilden.

Wir erreichen das Passhotel zur Mittagszeit und werden gleich von einer Gruppe fröhlicher junger Leute aus Kayseri zu einem richtigen anatolischen Sonntagsgelage eingeladen. Alle Speisen und Getränke wurden im Autobus mitgebracht. Die mit allen Herrlichkeiten über und über beladene Tafel ist eine lukullische Reminiszenz. Wir sehen da in saftigem Grün und Rot die göttlichen Pasteken; halbierte Zuckermelonen preisen ihr saftiges Fleisch an„ frische Aprikosen, Birnen, Pfirsiche, gesalzene und gezuckerte geröstete Mandeln, Haselnüsse und Pistazien liegen schalenweise auf, junge Zwiebeln, Radieschen, Rettiche, Paprika, dann gebackenes Geflügel aller Art, Hammelkeulen, Spiessbraten; dann grüne und schwarze Oliven, Salzgurken, Weisskäse, gekochte kalte Gemüse, Tomaten- und Grün-salate; dann die herrlich erfrischenden Grüngurken, die, gutgewaschen und ungeschält von Hand, mit oder ohne Salzbeigabe, im sommerlichen Anatolien in grossen Mengen verzehrt werden. Als Tafelgetränk wird kühles Wasser mit Raki, dem türkischen Absinth, serviert, sowie auch Bier und Tee nach Belieben. Einer der jungen Männer spielt während des Fest-schmauses volkstümliche Weisen auf einer Art kleinen Mandoline. Ab und zu stimmt die ganze Tafelrunde im Chor ein und singt die für unser Empfinden etwas melancholischen, orientalischen Volks- und Liebeslieder. Bei den etwas lebendigeren Volkstänzen wird der Takt mit Händeklatschen skandiert. Auch wir - als seltene ausländische Gäste - müssen natürlich einige schweizerische Volkslieder zum besten bringen, was hellen Beifall auslöst. Bei solchen Gelegenheiten wird in der orientalischen Gastfreundschaft geradezu geschwelgt.

Nach dieser gastronomischen Orgie beschliessen wir, allerdings mit der Hand auf dem Magen, eine Trainings- und Erkundungstour auf den 2700 m hohen Koç Dag zu unternehmen. Da es auf den Erciyas von dieser Seite aus verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten gibt, werden wir von unserem Spazierberg aus die zu begehende Route auskundschaften und besprechen können. Über quellenreiche aber trotzdem kahle Alpweiden gelangen wir auf den Koç Dag, wo wir uns gleich anschicken, einen Steinmann zu errichten, da noch keiner vorhanden ist. Unter den Granitplatten der Gipfelpartie entdecken wir Ansammlungen Tausender von Marienkäfern, die sich hier oben wohl vor der sengenden Augusthitze der Niederungen zu schützen suchen. Die niedlichen Käferchen sind aber durchaus nicht lebhaft oder flugfreudig, sondern verkriechen sich sofort wieder, als suchten sie schon den Winterschlaf.

Unser nächsttägiger Weg ist festgelegt. Er wird uns vom Berghaus in ungefähr gerader Linie an den Auswurf kegel eines steilen Schnee- und Eiscouloirs führen, von wo wir dann in geradem Aufstieg durch dasselbe den südöstlichen Gipfelgrat knapp unter dem Ostgipfel zu erreichen suchen werden.

Nach dem Abstieg zum Berghaus nehmen wir in dem eiskalten aber kristallklaren Bache ein Bad, auf das ein leichter Imbiss und dann einige Stunden Ruhe folgen.

Um 23 Uhr ist Aufbruch! In tiefer Dunkelheit und bei Windstille geht es in der lauen Luft durch endlose, stark gewellte Geröllhalden während fünf Stunden bergan. Der Sternenhimmel ist überwältigend schön, vermag uns aber nicht unseren beschwerlichen Weg durch das dunkle vulkanische Geröll zu erhellen. Noch nie habe ich den Himmel von blossem Auge so dicht und so tief hinein von glitzernden Welten besiedelt gesehen wie hier oben in der trockenen, klaren Atmosphäre. Sternschnuppen blitzen in allen Richtungen und in fast ununterbrochener Folge durch die Nacht. Viele von ihnen hinterlassen eine gleissende Spur am Firmament, wie stumme Leuchtgeschosse. Gleichzeitig blitzt es heftig über dem Taurus am Südhorizonte, wo ein Sommergewitter sich hinzieht. Nur ab und zu dringt dumpfer Donner bis in unsere Einsamkeit vor. Bald steigt eine abnehmende, sehr lichtstarke Mondsichel am Osthimmel auf und erleichtert uns den immer mühsameren Aufstieg durch das unabsehbare Wirrwarr der vulkanischen Trümmer aus der Urzeit.

Hier ist zu bemerken, dass die in der Römerzeit noch tätigen Krater des Erciyasmassivs in dessen niedrigeren Randgebieten liegen und nur kleine Kegel bilden, wogegen die ehemals sicher weit über 4000 m hohe Zentralpyramide nach geologischem Ermessen seit vor- geschichtlicher Zeit erloschen ist. Es besteht sogar eine These, wonach hier niemals ein Krater bestand, sondern nur ein mächtiger, zentraler Gesteinsauftrieb.

Kaum tauchen vor uns im Geröll zaghaft einige Schneeflächen auf, als wir auch schon auf sie zueilen, um endlich den Fuss flach abstellen und weniger unbequem gehen zu müssen. Sie sind hartgefroren und von der Sonne tiefgekerbt. Bald werden aus den Schneeflecken Schneebänder, und dann endlich kommen die gestern vom Koç Dag aus gesichteten Schneehalden zum Vorschein. Sie kommen uns in der stumpfen Nachtwanderung wie eine Erlösung vor. Nun erst haben wir das Gefühl, unsere Strapazen bringen uns aufwärts. Wir gehen am Fusse des steilen Südwestgrates dahin, auf dem unsere Abstiegsroute verlaufen wird.

Nach einer halbstündigen Rast und noch vor Sonnenaufgang schnallen wir uns die Steigeisen an und betreten die glasharte, geschliffene und tiefgefurchte Eissohle des engen und steilen Couloirs, das zwischen zwei hohen Felskämmen eingezwängt, in leichtgebogener Richtung himmelwärts auf den Gipfelgrat des Bergriesen führt. Schon beginnt sich der Horizont in unserem Rücken in allen Tönungen von Rot und Gelb zu erleuchten. Turmfalken und Berglerchen beleben allmählich die Felsen und Lüfte über unsern Häuptern. Das bald blanke und harte, bald spröde und von Sonne und Frost verkrustete Eis pfeift und zischt unter unseren Spitzeisen, die uns in dem mannhoch gerippten Steileishang bisweilen kaum einen sicheren Halt bieten. Nach einer Stunde beschwerlichen Einstieges ins Couloir beginnt mit Sonnenaufgang auch schon das unheimliche Sausen und Pfeifen des ersten Steinschlages. Um mehr Bewegungsfreiheit in der sich allmählich erweiternden Runse zu erlangen, verzichten wir auf das Anseilen. Der Vordermann steht auf Ausschau nach niedergehenden Geschossen, während sich die beiden andern hocharbeiten. Die Rucksäcke werden immer schwerer, wie uns scheint, die Hitze und die Sonnenreflexion immer unerträglicher. Das abwechslungsweise Anhalten als « Steingucker », wobei die Gefahr aber besonders mit dem Gehör wahrgenommen wird, wirkt sehr ermüdend. Zuweilen gehen ganze Gefolge von Steinen aller Kaliber nieder und schiessen elastisch und elegant neben und über uns hinweg in den Abgrund.

Die rasch zunehmende Höhe, die Steilheit des Anstieges und die sengende Sonne in unserem Couloir-Hohlspiegel setzen uns heftig zu. Man fragt sich, wie man so etwas nur unternehmen könne... An der stellenweise leicht überhängenden Firnwächte suchen wir die bequemste Durchbruchsstelle, und bald stehen wir auf dem schneefreien, schwarzbraunen Grat, der jenseits in einem wilden Felsgewirr steil nach Süden abfällt. Noch etwa 200 m Höhendifferenz, und wir stehen auf dem Ostgipfel, zu dem von Norden, Nordosten und Osten schroffe Firnfelder und Grate aufsteigen. Das Gipfelbuch und unser türkischer Begleiter bestätigen uns, dass einige dieser Routen schon von ihm begangen worden sind. Eine kurze Traversierung* im Fels führt uns zum höchsten Punkt des Berges, dem Westgipfel. Dieser ist von einer von Menschenhand bearbeiteten, etwa 20 m langen, grossen Höhle in Richtung Nord-Süd durchbohrt. Armenische Schriftzeichen in den Felsen um die Höhlen-pforte zeugen von Mönchen oder Flüchtlingen, die hier einmal gehaust haben müssen. Trotz Sonnenschein ist es empfindlich kalt, so dass unsere alkoholfreien Getränke bald leicht gefrieren. Ein eisiger Westwind hüllt uns bisweilen für kurze Augenblicke in nebligen Dunst, der sich wie ein beissendes Polargespenst auf uns stürzt. Glücklicherweise ist uns die wärmende Sonne gnädig und befreit uns immer wieder davon. Eine kurze und luftige Kletterei am sehr brüchigen Gipfelturm führt zur Kassette des Westgipfelbuches, das begreiflicherweise noch bedeutend weniger Namenszüge von seltenen Bezwingern des Erciyas aufweist als sein Nachbar am Ostgipfel. Die empfindliche Kälte jagt uns nun bergabwärts. Noch einmal schweift unser Blick in die Unendlichkeit des tief unter uns sich ausbreitenden ana- tolischen Hochlandes mit seinen unzähligen Fels- und Hügelzügen, den Tälern des Roten Stromes und seiner zum Teil ausgetrockneten Zuflüsse. Weit im Süden die schwarzblauen Erhebungen der Tauruskette und im Südwesten, kaum aus dem Dunste der Niederung zu erkennen, die schneebedeckten Vulkanpyramiden des Hasan Dag. Im Westen, in etwa 40 km Entfernung, liegt die gelbleuchtende, so eigenartige und an eine Mondlandschaft gemahnende Gegend von Ürgüp, wo sich das « Tal der tausend Kirchen » befindet, jener von der Erosion stark zerklüfteten Ablagerung von Vulkanasche aus der Zeit der wohl stärksten Ausbrüche des Erciyashauptkraters. In die zuckerstockartigen und bis 100 m hohen Erosions-kegel haben frühchristliche und später byzantinische Einsiedler und Mönche Kirchen, Kapellen, Zellenwohnungen, Speicher und Grabstätten gehauen, deren zum Teil guterhaltene Malereien alljährlich viele Besucher anziehen. Nördlich und östlich von unserer Hochwarte dehnt sich das gebirgige Hochland aus.

Beim Abstieg wählen wir den südlich, dann südöstlich und schliesslich östlich verlaufenden, langen Kamin, der sich vom Ostgipfel bis auf die Passhöhe absenkt. In seinem ersten Abschnitt, da wo wir ihn aus dem Eiscouloir beim Aufstieg erreicht haben, müssen wir einen grossen, morschen Felsturm östlich umgehen, da uns die lange und gefahrvolle Kletterei in dem faulen Fels nicht gerade begeistert und die Zeit dazu nicht mehr ausreicht. Alsdann geht es in stetigem Auf und ab über den beidseitig in steilen Geröllhalden abfallenden Kamm dem Berghause zu, das als winziger Würfel in der graubraunen Steppenlandschaft der Passgegend sichtbar ist. Das haltlose Geröll, die glasscherbengleichen Vulkangesteins-massen aller Art und Farbe sowie die von den Hängen aufsteigende Sonnenglut gestalten diesen langen Abstieg zu einem verzweifelten Eilmarsch, der erst nachmittags 4 Uhr, also 17 Stunden nach unserem Aufbruch, ein Ende nimmt. Ein Bad im nahen Bache ( das türkische Bad im Berghaus ist ausser Gebrauch ), ein kleiner Imbiss und eine Stunde Ruhe gönnen wir uns vor unserer Talfahrt.

In Kayseri übernachten wir, und anderntags geht es gemächlich gen Westen, Ankara zu. Unterwegs baden wir im Kizil Irmak und legen uns bei einem alten Brunnen in den kühlenden Schatten des von ihm bewässerten Obstgartens. Der in einer bescheidenen Lehmhütte hausende Besitzer des Grundstückes breitet uns einen Teppich aus, auf dem wir uns niederlassen und uns an unserem Proviant und den herrlichen Wassermelonen, Trauben und Aprikosen des Gastgebers gütlich tun. Zum Abschluss zwingt er uns vergnügt einen herrlichen, türkischen Kaffee auf, und dann ziehen wir von dannen, nachdem wir noch eine Aufnahme von dem sympathischen Bauern gemacht haben. Der gute Mann hat aus lauterer Gastfreundschaft uns so liebenswürdig, selbstlos und reichlich bewirtet. Diese freundliche Geste und unsere sichtliche Freude an alledem mögen sein einfaches Herz mit Genugtuung erfüllt haben. Es war dies wohl seines Tages Freude.

Feedback