Die Fiescherwand

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Erste Ersteigung.

Am Nachmittag des 2. August 1926 schritten Freund P. von Schumacher und ich rüstig der Bäregg zu. Ich dachte wie Andreas Fischer einst im Mont Blanc, denn wirklich « standen uns die Gedanken nicht niedrig ». Wir wollten eine « neue Sache » wagen. Wenn auch unsere körperliche Vorbereitung noch keineswegs im Zenite stand, eines war sicher: an der Moral war nichts zu tadeln. Das schien aber gerade für das Gelingen der kommenden Fahrt von grösster Bedeutung.

Bäregg: In einem prachtvollen Bilde öffneten sich vor uns die Fiescher-berge, vom Ochs bis zum untern Mönchsjoch, diesseits noch unbetreten vom Menschenfuss! In der Mitte der Wand erkennt der flüchtige Blick einen jäh aufsteigenden Grat, der sich vom Fiescherfirn loslöst und in knappen 1000 Meter zum Vorgipfel des Fiescherhorns stürmt. Da hinauf wollten wir. Ihm hatten wir schon lange den Besuch angesagt. Im Juni wagten wir bereits seinet-halben eine rassige Skifahrt durchs Kalli, um die Möglichkeiten einer Besteigung näher zu erwägen. Damals waren wir fest überzeugt, dass es gehen musste. Die nassen Julitage hatten allerdings bedenklich in den Felsen gehaust. Viel, sehr viel Schnee lag noch im Grate. So waren wir eigentlich recht unschlüssig, ob wir nicht noch einen Tag oder zwei warten sollten. Zwei sonnige Tage, rechneten wir, konnten Verschiedenes ändern. Doch wer wollte uns im heurigen Vorsommer so etwas verbürgen? Zudem schien uns, dass wir kein zweites Mal mehr mit so viel Unternehmungslust an diesen Berg treten könnten. Wir hatten heuer schon genügend untätig in den Hütten herumgelungert. Also los!

Unser harrten aber neue Tantalusqualen. Kaum hatten wir dem Bergwirtshaus den Rücken gekehrt, begegneten wir unserm Clubbruder Rudolf Wyss. Jetzt fing das Markten von neuem an. Da lagen wieder Schwierigkeiten und Neuschnee in der einen Wageschale, jugendlicher Übermut und Schönwetter verheissender Biswind in der andern. Uns war aber jüngst zu Ohren gekommen, dass sich der englische Fliegeroffizier F. S. Smythe für die Fiescherwand eingehend interessiere. Ausserdem war in Grindelwald das Gerücht gegangen, dass der Japaner Yuko Maki auch nicht abgeneigt wäre. Zu guter Letzt stand noch ein dritter Bewerber da: der alte ewigjunge Capt. Farrar. Er steht im 69. Jahr, aber man muss ihn gesehen haben! Er war es ja, der mir zuerst von der Fiescherwand gesprochen hatte, und er war es auch, der zu mir gesagt hatte: « If you don't go, I shall go, it goes! » Mit Pierre von Schumacher am oberen Seilende, dünkte mich, musste es wirklich gehen. Als uns dann Wyss erzählte, dass in wenigen Tagen der famose Kletterer Ammatter mit Dr. Kehl einen direkten Aufstieg zum Fieschergipfel wagen wolle, da waren wir zum Versuch entschlossen.

Zur sechsten Abendstunde standen wir auf dem Zäsenberg. Ein günstiger Schlafplatz war gleich gefunden. Dann gingen wir noch eine Stunde Weges, um den Gletscher zu erkunden. Hierauf begann ein geschäftiges Hantieren und Herrichten unseres Biwaks. Im Nu war ein Windschutzwall errichtet. Wirklich, im Mauern haben wir es schon zu einer wahren Technik gebracht! Der feuchte Boden erhielt ein isolierendes Polster aus Zeitungspapier, das wir nimmer aufhören zu preisen. Wahl- und quallos wurden sie Unser Anstieg.

ausgebreitet, die konservativen, liberalen, demokratischen, völkischen und faszistischen Blätter. Seit dieser Nacht aber rührt meine stille Neigung zum konservativen Blatte her, ich hatte auf einer 32seitigen « Times » gelegen. Gemeinschaftlich verschwanden wir endlich im Schlafsacke und lagen bald in tiefem Schlummer. Welche Macht der Presse!

Am folgenden Morgen, 520, umklammerten unsere Hände die ersten Felsen der Fiescherwand ( 1). v. Schumacher nahm gleich den Vortritt, und er behielt ihn während der nächsten 15 Stunden, bis wir bei eintretender Dämmerung oben auf der Wächte standen.

Gleich zu Anfang begann eine anregende, aber nicht schwierige Kletterei, indem wir uns knapp unterhalb der Gratkante ( auf der nördlichen Seite ) hielten. Zu zweit vorrückend, gewannen wir rasch an Höhe.

Ochs, vom untern Dritteil des Grates.

Nach Photo von Walter Amstutz.

Es ging famos! Langsam strebten wir dem Gratkamm zu und folgten dann seiner Höhe, zuletzt über Schnee. Schon lag der gute erste Dritteil hinter uns. Ein kleiner Halt, ein kurzer Imbiss konnte also nichts schaden ( 2 ). Ich machte einige Aufnahmen, später gab es keine Gelegenheit mehr dazu.

Eine merkliche Steilheit setzt nun ein. Der Grat, dem wir bisher gefolgt waren, verläuft allmählich in eine Wand, während der eigentliche Kamm vom Gipfel herunter in ein Couloir zu unsrer Linken zieht.

Nach kurzer Stufenarbeit versperrten grifflose, plattige Felsen das Weiterkommen. Wir wichen nun in einem sehr exponierten Quergang über apern, aber griffigen Fels nach links aus ( 3 ) und folgten dann vier bis fünf Seillängen ( wir benützten ein dreissig Meter langes Seil ) einem höchst unangenehmen, plattigen, meist schneebedeckten, sehr steilen und schwierigen Fels ( 4 ). Es fällt schwer, hier all die Einzelheiten wiederzugeben. Ein Eindruck wurde durch den andern verwischt. Von Sichern war grossenteils keine Rede. Manch eine verschneite Kletterstelle, die wir bei apern Felsen wohl glatt erklommen hätten, stellte unser Können auf eine harte Probe. An Rasse fehlte es also wirklich nicht!

Über den weitern Anstieg waren wir nun meinungsverschieden. Ich schlug vor, in direkter Linie weiter zu klettern, um die Gratkante wieder zu erreichen, während mein Freund einen Quergang nach links versuchen wollte. Dies war, wie ich gleich einsehen musste, die einzig mögliche Lösung, nachdem wir meinen Vorschlag vergeblich versucht hatten. Geologen haben gute Augen! So hiess es, durch grauschwarzes, von Steinen durchsetztes Eis mit Hilfe des Beiles einen exponierten Weg schlagen. Doch die Willisch hacken gut, und oft fand sich so etwas wie ein Griff. Der Grat wurde wieder erreicht ( 5 ). Und nun über wilden, zwar gutgriffigen, aiguilleähnlichen apern Granit die Himmelsleiter entlang. Klimmzug folgte auf Klimmzug. Die Schweisstropfen rillten, es war eine harte Arbeit.

Verlor sich mitunter der Blick in die Tiefe, dachten wir beide an dasselbe: ein Zurück gibt es nicht mehr — also bergwärts! Und wieder turnten wir unentwegt, aber sorgsam der Höhe zu, mehr und mehr in die Südflanke ausweichend. Abends 5 Uhr nahm uns der Schneegrat auf ( 6 ). In steiler Linie schiesst er in das letzte Bollwerk empor, in den Gipfelbau des Fieschergrates. Gar elendiglich hat er uns betrogen: sieben Viertelstunden durften wir auf seinem weichen Rücken stampfen. Als wir oben anlangten, wurden die Steigeisen angeschnallt, dann hielten wir kurze Rast ( 7 ).

Ein leichtes Schneetreiben hatte mittlerweile eingesetzt und mit ihm eine ungemütliche Kälte. Ungriffig, jäh abfallend, voll Eis und Schnee: so sah der weitere Anstieg aus. Schumacher griff keck zu, probierte lange — selten lange —, wagte sich gelegentlich auf etlichen Steigeisenzacken auf den verglasten Fels. Keine Griffe! In der Not frisst der Teufel Fliegen, will heissen: mein Freund hielt sich an festgefrorenen Steinen. Sie hielten. Er verschwand in einer Rinne. Ein Regen eiskalten Schnees rieselte beständig in meinen Nacken. Nur ruckweise glitt der gefrorene Hanf durch die starren Hände. Mir schien, es daure eine Ewigkeit. Noch stand Schumacher keine dreissig Meter höher, und schon war eine halbe Stunde verronnen. Endlich hallte es: « Nachkommen, gut gesichert. » « Aha, einmal gesichert, Gott sei Dank! » Die Finger steif, gefühllos. Mit meinen Kletterkünsten war es nicht mehr weit her. Du willkommenes Seil!

Das kecke Spiel war gewonnen! Unter dem Schnee fanden sich neue Griffe und Tritte. Jetzt sahen wir bereits hinauf zur Wächte. Sie sollte unsern Erfolg nicht vereiteln. Zwei Seillängen höher oben, dann höhlte ihr mein Freund schon mit dem Pickel den Bauch aus.

Die Uhr stand auf 820, als wir die Gratkuppe erreichten. With v. Schumacher it goes, will ich Farrar schreiben: so dachte ich.

Müde, aber voll innerer Freude trampelten wir beim flackernden Laternenschein der Concordiahütte zu.Walter Amstutz

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