Die Freiheit des Kletterns

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Gaston Rébujjai

Bilder 23 bis 27 Im letzten Sommer, der im allgemeinen doch recht schönes Wetter bescherte, haben sich viele Unglücksfälle ereignet. Sicher waren es viele, doch wenn man folgende zwei Tatsachen in Betracht zieht, müsste man leider sogar mehr erwarten: Erstens nimmt die Zahl der Bergsteiger von Jahr zu Jahr stark zu, und zweitens ist der Alpinismus ein Sport, bei dem schon der kleinste Fehler sehr schwerwiegende Folgen haben kann. Beim Fussballspielen zieht man sich eine Meniskusver-letzung zu, beim Skifahren bricht man ein Bein; in den Bergen ereignet sich aber oft viel Schlimmeres. Und einen Sportplatz kann man im Notfall rasch verlassen; von einer Bergtour muss man jedoch erst einmal zurückkommen.

Im Jahr 1885 schrieb Paul Hervieu einen Roman, dessen Titel in der Folge immer wieder von Zeitungen als Schlagzeile aufgegriffen werden sollte: « L' Alpe homicide », « Der mörderische Berg ». Ein erfolgreiches Schlagwort zwar - aber ein falsches. Denn es ist nämlich nicht der Berg, sondern der Alpinist, der durch irgendeinen Fehler - durch Irrtum, Vergesslichkeit, Nachlässigkeit, Grössenwahn, Ungeschicklichkeit oder Unachtsamkeit — für seinen Unglücksfall verantwortlich ist. Jede Sportart hat ihre Spielregeln — so auch das Bergsteigen: dazu gehören nicht nur fester, sondern auch verwitterter Fels, nicht nur griffiger, sondern auch lockerer Schnee, nicht nur gutes, sondern auch schlechtes Wetter... Darüber hinaus spielen natürlich auch je nach Lage und Höhe Sonne, Wind und Wolken eine wichtige Rolle, und auch die Schwerkraft würfelt mit: bei den Steinen, bei den Séracs und beim Schnee ...ja sogar bei den wunderschönen und federleichten Schneeflocken, die auf vollkommen natürliche Weise unter gewissen Bedingungen ( bei einer plötzlichen Störung des thermischen oder mecha- nischen Gleichgewichtes ) zu einer Lawine werden können1.

Es ist aber auch kindlich, falsch und trügerisch, einen Berg zu personifizieren — « Der mörderische Berg » - oder ihm Absichten zu unterstellen -«Der Berg, der tötet oder sich rächt » oder « Die Göttin, die nach Opfern verlangt»2. Auf diese Weise wird der Bergsteiger sehr leicht von aller Schuld freigesprochen. Oft tragen alpinistische Ausdrucksweisen auch einen militärischen Anstrich - « Angriff... auf den Himalaya » - oder sie verraten einen ehrgeizigen Wahn - « Grosser Gipfel besiegt » oder « Jener Bergsteiger... hat den Sieg über jenen Berg errungen ». Und all dies wird von dem anscheinend unvermeidlichen Fahnen-zeremoniell auf dem Gipfel begleitet. Eine sinnlose, unangebrachte oder - besser gesagt - falsch angebrachte Demonstration; wann wird endlich Schluss sein mit diesen Flaggen? Der Mensch hat nie einen Berg besiegt; er besteigt ihn. Und was schon sehr schön und wunderbar ist: Auf einem Gipfel wird dem Menschen ein kurzer Augenblick inniger Vertrautheit zuteil.

GEFAHR UND SCHWIERIGKEIT Das Bergsteigen birgt objektive, dem Berg selbst anhaftende Gefahren: Steinschlag, Lawinen, vor allem aber auch - weil weniger voraussehbar — schlechtes Wetter, Sturm und Gewitter. Es birgt aber auch subjektive, dem Alpinisten selbst anhaftende Gefahren.

Diese Gefahren mit ihren Eventualitäten darf der Bergsteiger nicht vergessen; im Gegenteil, er soll durch sie den genauen Unterschied zwischen dem Begriff der Schwierigkeit, die schön, gesund und echt ist, und dem Begriff der Gefahr, die leicht und morbid ist, kennenlernen; zwei so unterschiedliche Begriffe, die in den Bergen und 1 In gewisser Weise ist es vielleicht ganz gut, dass es Lawinen gibt: sie schränken die Bautätigkeit in den Bergen doch etwas ein und sorgen dafür, dass sich im Sommer noch einige Grünflächen finden lassen.

- Herzog, Paris-Match, l.Juni 1979.

auch anderswo doch so oft miteinander verwechselt werden.

Selbst in meiner Jugend hat Vorsicht für mich nie allzuviel bedeutet; sie ist doch ein verhältnismässig nichtssagender Begriff, der in vielen Fällen überdies als Deckmantel für Feigheit dient. Was wirklich zählt, ist Klarsicht: gesunder Menschenverstand, Verständnis und Phantasie.

DIE STERILE SICHERHEIT Mehr als einmal, meist im Verlauf grosser Besteigungen - in den Jorasses, am Matterhorn, beim Abstieg vom Annapurna, Eiger, am Bo-natti-Pfeiler in Les Drus - haben sich vor mir Berge von Schwierigkeiten und Gefahren aufgetürmt, und eben dann ist die Klarsicht jeweils von grosser Bedeutung. Und in jenen Augenblicken erwachen dann neue, in uns schlummernde Kräfte. Zwar nur dann, wenn der Kreuzzug der « Sicherheit », dem wir übrigens ganz allgemein ausgesetzt sind, die guten Triebe, die uns bei der Geburt mitgegeben wurden, nicht vollkommen zunichte gemacht hat. « Bewundert Jacques Laf-fitte, bewundert Eric Tabarly, bleibt selbst aber klug und weise, d.h. döst vor euch hin und erwacht nur, um gemütlich vom Fernsehsessel aus die Leistungen anderer zu bestaunen, die für euch ins Rennen gehen. » Traurige, erbärmliche Sicherheit, ein abscheuliches Wort, das die Begeisterung, den besten Teil unseres Lebens, vernichten soll. Ausserdem: lebt nicht, sondern begnügt euch damit, zu existieren; das ist einfacher und sicherer! Man trachtet stets danach, seinem Leben mehr Jahre anzufügen, anstatt sich darum zu bemühen, den Jahren auch etwas Leben einzuhauchen. Zu den Unglücksfällen im letzten Sommer gehörte auch jenes einer Pfadfindergruppe am Monétier im Ecrins-Massiv. Was mich in diesem Zusammenhang beschäftigt, ist nicht der Ablauf des Unglücks, sondern folgende unglaubliche Nachricht: « Die Staatsanwaltschaft von Gap kündigt eine Strafuntersuchung an»3 und unter'Le Dauphiné libéré, I. Juli 1979.

andern Kommentaren war da zu lesen: « Es ist das erste Mal, dass in Frankreich eine derartige Ge-richtsuntersuchung durchgeführt wird. » Eine schöne Premiere! « Sie hat zum Ziel, ein für allemal der Verantwortungslosigkeit jener ein Ende zu setzen, die junge, unerfahrene Bergsteiger auf Touren mitnehmen, denen sie nicht gewachsen sind. » Sicher, es kann schon sein, dass der oder die Verantwortlichen Fehler begangen haben: Fehleinschätzung der Schwierigkeiten, mangelhafte Ausrüstung... Ihr grösster Fehler ist aber, dass sie in unserer Gesellschaft nicht den Wunsch nach ruhiger, steriler und mutloser Sicherheit, sondern helle Begeisterung und einmalige Grosszügigkeit in sich tragen. Wenn ich selbst Alpinist und Bergführer geworden bin, dann deshalb, weil drei Freunde im Alter von 17 bis 20 Jahren mich der ich kein Pfadfinder war - und meine Kameraden im Alter von knapp 15 Jahren auf grosse Touren mitgenommen haben, unter anderem nach Ailefroide und auf den Blanc-Gletscher, nicht weit vom Monétier entfernt, wo sich die Pfadfinder aufgehalten hatten.

Ist es Zufall? In der gleichen Zeitung, genau vier Zentimeter unter dem Artikel « Die Staatsanwaltschaft von Gap kündigt eine Strafuntersuchung an », las ich folgendes: « Zwei Räuber von 19 und 16 Jahren wegen vier Tankstellen-Über-fällen verhaftet. » Und ich sagte mir: Vielleicht haben diese beiden Burschen, als sie noch ein paar Jahre jünger waren, nicht das Glück gehabt, jemanden zu kennen, der ihnen in jener entscheidenden Phase in ihrer Jugend geholfen hätte, ihre Wünsche, Leidenschaften und Kräfte in die richtigen Bahnen zu leiten. Und wo ist der Bergsteiger, der noch nie einen Fehler begangen hätte? Ich kenne nicht einen einzigen, mich eingeschlossen.

IST ECHTE BEGEISTERUNG ETWAS SCHLECHTES?

Vor neunundzwanzig Jahren wurde Maurice Herzog, einer meiner Annapurna-Gefährten, be- rühmt, eine Art Nationalheld und Vorbild für die Jugend. Und dies aus mehreren Gründen. In erster Linie wegen der Besteigung an und für sich, dann aber auch wegen seiner schweren Verletzungen. Weil er seine Handschuhe verloren und keine Ersatzhandschuhe bei sich gehabt hatte -wie es übrigens in jedem Handbuch empfohlen wird —, zog er sich schwere Erfrierungen an den Händen zu; diese mussten schliesslich sogar amputiert werden. Und an den Erfrierungen an seinen Füssen war das ungenügende Schuhwerk schuld. Wenn all das nicht gewesen wäre, hätte der Annapurna vielleicht kein so grosses Aufsehen erregt. Aber ist dies Grund genug, jede echte Begeisterung in Bausch und Bogen zu verurteilen?

Die Berge sind ebensowenig wie die Meere, Flüsse, Wälder und Wüsten ein Spielplatz. Unten stehen zwei Menschen - eine Seilschaft -, tausendmal kleiner. Ganz oben ist der Gipfel. Aber auch wenn man oben angekommen ist, darf man sich keiner Täuschung hingeben: Bei einer leichten oder schwierigen Besteigung handelt es sich in keinem Fall um einen Sieg über einen Berg. Vielleicht könnte man von einem Sieg über sich selber sprechen. Doch ich glaube, es ist noch viel einfacher: Bei der Geburt sind uns ein Körper, Muskeln, ein Herz und eine Seele geschenkt worden, aber auch — ob wir wollen oder nicht — Sehnsüchte und Begeisterung. Die Berge allein sind der Ort, wo man all die Vorzüge einsetzen kann, die einem die Natur in reicher Fülle mitgegeben hat. Denn in unserem Innersten ruhen der Wunsch und der Trieb zu spielen, zu atmen, zu laufen, zu springen, zu schwimmen und zu klettern... auf irgendeine Art jeden Morgen der Zuverlässigkeit der Sonne die Treue zu halten.

Vor zehn Jahren sind die ersten Menschen auf dem Mond gelandet: auf die Sekunde genau. Eine hervorragende Leistung! Die Presse-, Ra-dio- und Fernsehkommentare überschlugen sich vor Begeisterung und vermittelten den Eindruck, der Mensch wäre zum Herr über alle Dinge geworden! Und doch, als die berühmte Raumkap-sel kurze Zeit später in jenem Meer niederging, 20 Der Brioche-Gipfel; Aussicht von der Aiguille de I'M ( Charmoz, Mont-Blanc-Massiv ) Photo R. Bolliger, Genf dem Magellan im Jahr 1522 den Namen Pazifik gegeben hatte, war sie nur mehr ein Korken, der auf den Wellen hin- und herschaukelte; es dauerte volle zwei Stunden, bis sie geborgen werden konnte. Das hat mir keineswegs missfallen, und ich hätte es gern gesehen, wenn Armstrong, der während des Fluges sehr « hohe » Gedanken und Kommentare von sich gegeben hatte, ungefähr folgendes gesagt hätte: « Wir sind sehr müde. Wir würden jetzt gerne nach Hause gehen; das ist gut so, denn wenn der Mensch auch auf die Sekunde genau auf dem Mond landen kann, hat er doch noch keine Gewalt über die Natur. » Ebenso hat er auch keine Gewalt über die Lawinen, die Stürme und die Gewitter. Wenn mir aus eigenem Verschulden eine Besteigung misslingt, bin ich mit mir selbst äusserst unzufrieden; wenn ich durch die Schuld eines Gefährten keinen Erfolg habe, bin ich mit ihm nicht zufrieden. Wenn ich aber durch einen Wetterumsturz oder veränderte Bedingungen zur Aufgabe gezwungen werde, wäre es mir sicher auch lieber gewesen, das Wetter wäre schön geblieben und hätte uns zum Erfolg verholfen; doch ich sage nichts: Da ich das Glück habe, einen Beruf auszuüben, der ganz von der Natur abhängt, akzeptiere ich ohne Umschweife, dass sich die grossen Winde über mir austoben, wie es ihnen gefallt.

Der Alpinismus ist nicht eine Frage von Reglementen, die uns unter dem Vorwand der Sicherheit, in einigen Fällen sogar durch Gerichte und Urteile aufgedrängt werden sollen. Er ist eine Frage der Erziehung und des Verständnisses. Alles andere sind wertlose Papiere und leere Worte.

Aus dem Französischen übertragen von D. VV. Portmann 21 Der Monte Rosa ( Ostwand ) vom Monte-Moro-Pass aus: Pta Gnifetti, ^umstein, Pointe Dufour, Nordwand Photo R. Didier

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