Die Fuorcla Scerscen-Bernina von Norden

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Von Hans Calonder.

Anlässlich einer Überquerung des Scerscengrates vom Monte di Scerscen zum Piz Bernina betraten mein Kamerad Ruodi Honegger, Grenzwächter in Maloja, und ich die Fuorcla Scerscen-Bernina oder, wie sie besser benannt werden sollte, « Scerscenscharte », das erstemal. Mit heimlichem Grausen sahen wir beide über die äusserst steile und damals noch jungfräuliche Eiswand der Nordseite der Scerscenscharte hinunter. Dennoch reifte in uns der Plan, diese Wand zu probieren.

Am 5. August 1936 landeten wir um 930 Uhr abends in der Tschiervahütte im Rosegtal. Ruodi in seinem jugendlichen Tatendrang wollte gleich f. y i:

am andern Tage die Wand anpacken. Jedoch ich in meinem Landsturmalter beharrte darauf, die Wand zuerst nochmals teleskopisch genau zu studieren. So zogen wir am andern Morgen um 6 Uhr hinauf auf den oberen Tschiervagletscher und legten uns in Musse den Weg für den folgenden Tag fest. Karl Freimann, dem freundlichen Wart der Tschiervahütte und guten Alpinisten, verrieten wir unseren Plan. Er billigte ihn auch in allen Einzelheiten. Das Versprechen des Stillschweigens, das er uns zuerst geben musste, hat er auch gehalten. Bergführer Rähmi, der auch in der Hütte anwesend war, hätte gar zu gerne gewusst, wohin wir beide gehen. Jedoch besitzt er auf Fuorcla sur Ley ein gar zu gutes Fernrohr, mit dem er unseren eventuellen Rückzug hätte beobachten können, und diese kleine « Schadenfreude » hätten wir Freund Simon denn doch nicht gegönnt.

Morgens 145 Uhr verabschiedeten wir uns vom treubesorgten Hüttenwart, begleitet von seinen Glückwünschen. Bei taghellem Mondschein das Moränenweglein hinan auf den Tschiervagletscher und zum Fusse des Piz Humor. Dort bogen wir links ab und stiegen auf der Ostseite über prächtig harten Firnschnee hinauf in den Kessel, der von der Westflanke des Piz Bernina und der Nordseite des Monte di Scerscen eingerahmt ist. Einige gewaltige Spalten zwangen uns zu verschiedenen Quergängen. Endlich fanden wir einen Durchschlupf.

Rechts oben über uns hämmerte Führer Mischol an der Eisnase des Monte di Scerscen herum. Da wir auf Rufweite waren, tauschten wir mit ihm einige Bemerkungen über das Wetter aus. Leider begann es sich zu verschlechtern. Man munkelte schon etwas von Umkehr. Jedoch waren wir mit Eishaken und Reepschnur derart ausgerüstet, dass wir den Aufstieg einstweilen fortsetzen durften. Mischol hat an diesem Tage den Scerscen auf einer neuen Variante angegangen, und seine Unternehmung ist ihm auch dank seiner Hartnäckigkeit gelungen.

Der ganze Kessel, in dem wir uns befanden, war von Trümmern gewaltiger Eislawinen übersät, die wohl nur einige Tage vorher vom Scerscen und Bernina heruntergedonnert waren. Ganz gerne froren wir trotz der Handschuhe, wussten wir doch, dass uns der heutige kalte Tag vor solchen Geschenken bewahren würde. Nun aber überraschte uns ein brusttiefer Pulver- schnee, der uns etwa 200 m weit ordentlich zu schaffen gab. Die Steilheit nahm zu, und damit verliess uns auch der garstige Pulverschnee.

Nun begann die Eiswand, die sich etwa 500 m hoch gegen die Scerscenscharte erhebt. Verschiedene Versuche von hervorragenden Führern und Bergsteigern hatte sie abgewiesen. Ob sie uns heute wohl gnädig gesinnt ist? Für solche Gedanken war jetzt keine Zeit. Wir schnallten die Steigeisen an, und jeder von uns steckte seinen « Wehrmannskalender » und eine Handvoll Würfelzucker und Ovomaltinetabletten in die äussere Rocktasche. Man weiss ja nie, ob man bei so heiklen Sachen eine plötzliche Stärkung nötig hat.

Die beiden Bergschründe waren von Lawinen gut überbrückt, so dass sie uns keine Hindernisse in den Weg legten. Zuerst mussten wir unter einem gewaltigen Eiswulst der Westflanke des Bernina nach rechts hinüberqueren.

Trotz der Steilheit war der Hang meist mit einer dünnen Schicht guten Firnschnees bedeckt. Die Zacken der Steigeisen griffen gut ein. Und bald waren wir in der Fallirne der Scerscenscharte angelangt. Es schmerzten die Knöchel von diesem Spaziergang.

Der unheimliche Eiswulst lag nun ausser der Gefahrzone. Dafür drohte aber schwarzes Wassereis. Was dies, verbunden mit einer Steilheit von über 70 Grad, bedeutet, kann nur der beurteilen, der dergleichen schon bewältigt hat. Diese Steilstufe von nur etwa 60 m Höhe gab uns über anderthalb Stunden Arbeit. Ruodis Pickel stiess bei jedem zu starken Schlag auf Fels, der mit nur einigen Zentimeter Eis bedeckt war. Ruodi stand beinahe senkrecht über mir, und nur die hinteren Zacken seiner Eisen waren sichtbar. Die losgeschlagenen Eisbrocken prasselten recht unangenehm auf mich herunter, so dass selbst mein harter Bündnerschädel ordentlich schmerzte. Um den Gang noch kurzweiliger zu machen, ist diese Steilstufe noch mit kleinen senkrechten Felsstücken durchsetzt.

Ruodi war schon längst unter einem Überhang verschwunden. Das Seil kroch ganz langsam aufwärts. Endlich erscholl der erlösende Ruf: « Nachkommen! » Jetzt war ich an der Reihe. Wie mein Kamerad diese Stelle gemeistert hat, kann ich heute noch nicht recht begreifen. Ohne Seilhilfe wäre ich wahrscheinlich nicht hinaufgekommen, allerdings trug ich den schwereren Rucksack. Oben stand Ruodi auf einer vorstehenden Rippe, die ein erstes richtiges Verschnaufen gestattete.

Unser Blick schweifte in die grandiose Umgebung. Ein richtiger Eiszirkus, wie er grossartiger und wilder nicht sein kann. Von tief unten blinzelte die Tschiervahütte herauf. Aus dem Rosegtal zogen Nebelschwaden heran und mahnten zum Aufbruch von unserer luftigen Kanzel, wo wir gerne noch eine Zeitlang verweilt wären.

Nach einer weiteren Seillänge Quergang erblickten wir oben den tiefsten Einschnitt der Scerscenscharte. Schon rechneten wir aus, wie lange der Aufstieg noch dauern könnte. Unsere Rechnung war aber ohne den Wirt, d.h. die Eiswand, gemacht. Die Steilheit hatte ein wenig nachgelassen, betrug aber immer noch so ca. 60 Grad, und das Eis war mit einigen Zentimeter Pulverschnee bedeckt.

Direkt unter der Scharte mussten wir ein wenig nach rechts queren. Die gerade Rinne ging über in Fels, der nur von dünnem Eis bedeckt war. Dazu wartete unter uns der gerade Schuss hinunter in den Kessel, wo der Einstieg unseren Blicken entschwunden war. Wir glaubten unter den obersten Felsen sicherer durchzukommen Dieser oberste Quergang kostete uns eine weitere Stunde harte Arbeit, obwohl er nur 15 m lang ist. Hier wären wir wohl durch Eintreiben von Fels- oder Eishaken schneller vorwärts gekommen Nach alter Gewohnheit verwenden wir, wenn irgendwie möglich, keine künstlichen Hilfsmittel und haben auch den Aufstieg ohne Anwendung von irgendwelcher « Schlosserei » durchgeführt. Oben ertönte der Jauchzer meines Kameraden. Drüben am Biancograt und oben auf dem Bernina antworteten Menschen, die unseren Aufstieg beobachtet hatten. Am Seil gesichert war ich bald oben und stand neben meinem Kameraden am Ziele unserer rassigen Fahrt. Ein kräftiger Händedruck, und gleich besahen wir noch ein wenig unsere « Wehrmannskalender ». Wir hatten die Stelle betreten, wo vor Jahren zwei tüchtige, liebe Bergkameraden, Michel von St. Moritz und Steiner von Wädenswil, durch Blitzschlag den Bergtod erlitten.

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