Die Gruppe im Pumasillo-Gebiet

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Die Gruppe im Pumasillo-Gebiet

VON ERNST REISS

Eine bewegte, aber aufreibende Zeit, die ein volles Mass an Geduld, aber auch einiges an physischem Durchhaltewillen verlangte, lag hinter uns. Wir waren nun wirklich froh, das Gepäck durch die Zollstelle und über die hohen Pässe an den Fuss der Berge gebracht zu haben. Die ewige Ungewissheit, ob wir genügend Maultiere erhalten würden und ob sie uns wirklich alles Material an die vorgesehenen Basislagerstellen bringen würden, war auch überstanden. Wir hatten uns den Anmarsch kürzer und sonniger vorgestellt. Mehr als eine Woche sollte seit dem Verlassen von Cuzco vergehen, ehe uns ein paar « nahrhafte » Marschetappen mit Regen, Schnee und dreimaligem Anstieg auf rund 4500 Meter Höhe am 26. Mai nach dem Basislager « Pumasillo » brachten.

Nun standen wir am alten Lagerplatz der englischen Expedition vom Jahre 1958. Gerne hätten wir uns an einem aussichtsreicheren, weniger schattigen Plätzchen niedergelassen, aber die Arrieros waren vor der nahen Nacht um keinen Preis mehr für etwas anderes als für den Abstieg zu gewinnen.

Geduckt unter einer kleinen Felswand befand sich eine alte Feuerstelle und eine in das Gelände geprägte Bank. Eine letzte Gruppe verkrüppelter Kengualbäume verlieh diesem Platz etwas Un-übersichtliches, fast Geheimnisvolles. Es war still. Nur unsere Betriebsamkeit verriet in diesem tiefen Taltrog etwelches Leben. Sollte hier der scheue Puma noch zu Hause sein?

Ehe wir unsere Zelte flüchtig aufgestellt hatten, glänzten die Sterne am schmalen Himmelsausschnitt. In der fallenden Achse des Bergbaches, jedoch recht steil nach vorn, stand das Kreuz des Südens, während man in genau entgegengesetzter Richtung über dem Talabschluss das Sternbild des Grossen Bären mit dem Polarstern erkennen konnte.

Wie anderntags unser Topograph, Ernst Spiess, anlässlich seines Lagerbesuchs feststellte, befanden wir uns gut 1000 Meter über dem kleinen Ort Yanama in 4400 Meter über Meer. Ein Kranz von acht bis zehn Gipfeln schloss sich um uns, von welchen erst der höchste einmal bestiegen worden war. Wir ärgerten uns nicht, die 30-40 kg schweren Lasten fast eine halbe Stunde weiter in den Schoss eines punagrasbewachsenen Moränenbeckens hinaufzutragen. Das Hufeisen der fast hundert Meter hohen Moräne, die hinten beinahe senkrecht auf den Gletscher abfällt, gleicht einem Amphitheater. Die obersten Wächten des Pumasillo sah man von hier aus über dem linken Wall des Tales wie Schrapnellköpfe auf uns herabblicken. Wir wälzten mächtige Steine für das Küchenhaus herbei, und keuchend flog der Atem beim Schwingen der Eisaxt, um die Zeltplätze im stacheligen Punagras vorzubereiten. Endlich standen unsere Stoffhäuser, und so waren wir gerüstet für die nächsten frostigen Tropennächte in dieser Höhe. Jetzt konnten uns mit Ausnahme des Wetters keine äusseren Umstände mehr von unsern Zielen zurückhalten, denn das eigentliche Bergsteigen ist ja unser Element.

Erich Haitiner, Franz Anderrüthi, Seth Abderhalden und einige Tage später Hans Thoenen bildeten meine Gruppe. Noch mussten wir uns als Team erst bewähren, und die Akkhmatisationszeit, wo jeder einige Klippen zu überwinden hat, bringt meist etwelche Schwierigkeiten mit sich. Man kann höhenkrank sein, man kann Fieber haben, an Arbeit fehlt es nie.Vor allem muss man sich irgendwie auf die vorgesehenen Ziele ausrichten, um zuletzt eine gemeinsame geballte Kraft einsetzen zu können.

Wir befanden uns nun im weltentlegenen, vergessenen Bergtal von Paccha am Westfusse des fast sagenhaften Pumasillo, 6070 m. Schon zwei Expeditionen versuchten in den tiefen, unübersichtlichen Erosionstälern des Apurimac und Urubamba vergebens den höchsten Gipfel des « Berglöwen ». Endlich gelang es dann einer Gruppe von jungen englischen Bergsteigern, eine mögliche Anstiegsroute zu finden. Drei Lager und vierzehn Tage harter Arbeit mit als « artificiel » bezeichneten Passagen brachte die Engländer auf die höchste Gipfelwächte des Pumasillo. Wir mussten uns später gestehen, als wir selbst mit fliegendem Atem und balancierenden Bewegungen die letzten Meter dieses luftigen Gipfels erkämpften, dass unsere Vorgänger keine ängstlichen Burschen gewesen sind.

Uns warteten aber noch andere Aufgaben: die unbestiegenen Fünfeinhalbtausender um das Becken des Kaicogletschers über dem Taltrog der Pucapuca ( « Rotrot » ), wie die Einheimischen in ihrer Quechua-Sprache dieses Gebiet mit den vielen rötlichen Steinen nennen. Die wunderschöne, vorgeschobene Pyramidenspitze, welcher die Briten den Namen « Nice Peak » gaben, hatte es uns gleich von Anfang an angetan. George Band, der Mann vom Everest und Kangchendzönga, versuchte einmal erfolglos an seinem Südgrat hochzukommen. Damit war es gegeben, dass wir uns am nördlichst gelegenen, niedrigsten Nevado Kaico als erstem Andengipfel einlaufen wollten, um zugleich Einblick in die andere Seite des prächtigen Pyramidengipfels zu erhalten. Auch der Fünfeinhalbtausender, direkt östlich der Pucapuca schien eine interessante Besteigung zu versprechen. Im geheimsten spielten wir aber mit dem etwas ausgefallenen Gedanken, nebst dem Nevado Paccha, dem Redondo ( runder Eisberg ) und der Cabeza Blanca, nahe am Pumasillo, noch den sehr kühnen Mitre über einen äusserst steilen Hängegletscher zu versuchen. Alles sollte uns fast nach Programm gelingen, wobei die kurze Zeit von 2 Tagen für die Besteigung des Pumasillo ganz beachtenswert war. Den wilden Mitre und seine nordwestlich gelegenen Trabanten konnten wir aus Zeitgründen nicht mehr angehen.

Ursprünglich wollten wir vor der Rückkehr nach Cuzco weiter vorn im kleinen Quertal über Paccha ein neues Basislager errichten, um noch an den beiden unbestiegenen Trabanten Sacsarayoc und Ruinette einen Aufstieg zu suchen. Die Flanken bis zum Standort eines günstigen Ausgangslagers sind aber derart steil, dass unser umfangreiches Gepäck unmöglich durch Mulas hätte transportiert werden können. So kam es später nur noch zu einer Lagerversetzung ohne bergsteigerische Ambitionen. Aber auch ein paar köstliche Ruhetage muss man sich auf einer Expedition gönnen können. Der Gedanke an jene strahlenden Eisriesen über dem vergessenen Bergtal in der Vilcabamba, von denen wir acht besteigen durften, wird uns nie mehr ganz loslassen.

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