Die Herstellung eines Alphorns

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Von Erich Röhr.

Kommt es denn heute überhaupt noch vor, dass irgendwo in den Schweizer Bergen ein Alphorn gebaut wird? Die Verwunderung, die in dieser Frage enthalten ist, dürfte nicht ganz unbegründet sein. Zwar lassen sich keine Zahlen noch sonstiges statistisches Material für das starke Zurückgehen des Alphornblasens in der Schweiz angeben ( einfach deshalb nicht, weil man noch keine Umfrage nach diesem merkwürdigen und interessanten Musikinstrument angestellt hat ), aber man kann wohl ohne weiteres sagen, dass das Alphorn jetzt schon zu einer musealen Angelegenheit herabgesunken ist, selbst — und vielleicht gerade deshalb — wenn es von Heimatvereinen, Jodler- und Trachtenclubs eine ihm angemessene und sorgfältige Pflege erhält.

Der Wanderer in den Alpen, zumal er aus den zu ihnen nördlich gelegenen, ebenen Ländern kommt, hat das Alphorn in seinen Vokabelschatz der Alpenschönheiten aufgenommen. Er wird es aber nur noch an den durch ihre besondere Schönheit in aller Welt bekannten Plätzen der Schweizer Bergwelt kennen lernen. Es übt hier als Bettlerinstrument eine Aufgabe aus, die ihm nie zugedacht worden ist. Um so stärker aber wird dann der Eindruck sein, wenn, jenseits der grossen Fremdenstrassen, das Echo von den Felswänden her diese fast urweltliche Musik dem lauschenden Ohre zuträgt. Es ist eine Musik, die aus dem Innern der Berge zu kommen scheint, die in ihren kühnen Intervallsprüngen sicher und selbstbewusst sich zu den Gletschern aufzuschwingen vermag, die sich jedoch nie in der Enge eines Konzert-saales heimisch fühlen kann. Dann vielleicht wird man die magische Wirkung dieses mächtigen Instrumentes verspüren, wenn nicht gar verstehen, die es auf den Menschen ausübt, dessen heimatlichen Kreis es bestimmt und von dem das wehmütige Lied berichtet:

« Das Alphorn hört ich drüben wohl anklingen, Ins Vaterland musst ich hinüberschwimmen. » Das Alphorn ist kein Instrument, das aus der unmittelbarsten Nähe vernommen sein will, so wie es jetzt fast ausschliesslich die Fremden in den Bergen zu hören bekommen. In der Nähe wirkt hauptsächlich seine archaische und und ungekünstelte Gestalt. Nur selten aber ist es noch unverhofft in abgelegenen Tälern des Berner Oberlandes zu vernehmen. Selbst für die Bergbewohner ist sein Ton zu einer Barität geworden.

Unter diesen Umständen ist es daher verwunderlich genug, wenn man erfährt, dass ein begeisterter Alphornbläser aus dem Lütschinental daran gegangen ist, sich ein Alphorn selbst zu bauen. Was hat ihn zu diesem unzeitgemässen Werk veranlasst? Sicher ist diese Frage psychologisch interessant. Aber die Antwort darauf wird anderen Fragen nicht ausweichen können, wie etwa der nach dem Zusammenhang von Alphorn und Volksleben, schliesslich der nach dem Wesen der Volkskunst, nach dem der Volksmusik überhaupt.

Dass irgendein Sonderling, dem die Liebe zum Kleinen angeboren ist, der bei seiner Arbeit im Wald und auf der Alp nach dem Seltsamen und Absurden in der Natur ausschaut, sich auch einmal ein Alphorn bauen könnte, braucht nicht verwunderlich und seltsam zu sein. Ein guter Augenblick hat ihn die dürre Tanne im Bergwald entdecken lassen, die ihm in Form und Grösse geeignet erschien, ein Alphorn abzugeben. Das Beachtenswerte dabei jedoch ist, wie er mit sicherem Griff an die schwierige Arbeit ohne Anweisung geht. Das Stofflich-Inhaltliche, nämlich jenes, was ihm sein Alphorn zeigt, auf dem er sonst in seinen Mussestunden bläst, dient ihm als Vorlage zum Bau des neuen Instrumentes. Hier wirkt eine Kraft, die der Mensch der grossen Städte für sich sehnlichst erwünscht, wenn er die Gipfel der Gebirge erklimmt; hier fliesst sie noch unmittelbar und unverfälscht. So werden aus dieser elementaren Verbundenheit mit der Landschaft auch in Zukunft noch Alphörner hergestellt werden, bestimmt aber immer seltener, als dieses jetzt schon der Fall ist.

Die Musik des Alphornes ist ja doch ein gut Teil der Schweizer Volksmusik, auch abgesehen davon, dass dieses Instrument in seinem Vorkommen nicht nur auf die Schweiz beschränkt bleibt. Der Alphornbläser spielt, was die ganze Tal- und Alpgemeinschaft angeht; auch in seinem Spiel manifestiert sich die Grösse des Volksgeistes an Stelle der vom Alltagsleben isolierten Höhe des künstlerischen Schaffens einer Zeit.

Ausführlich ist über den Bau des Alphornes nur von Scadrowsky in seiner auch heute noch lesenswerten Abhandlung über die Musikinstrumente der Alpenbewohner gehandelt worden, worauf noch besonders einzugehen sein wird 1 ). Alle anderen Hinweise, die man über die Herstellung eines Alphornes gelegentlich finden kann, beschränken sich zumeist darauf, von einer aus-gebohrten, dürren Tanne zu sprechen, aus welcher das Blasinstrument gearbeitet wird. Schon in diesen spärlichen Angaben ist ein Grund dafür zu erblicken, wie selten man Gelegenheit hat, den Bau eines Alphornes beobachten zu können.

In den weitaus meisten Fällen wird es der Senne, also der Spieler sein, welcher sich sein Alphorn selbst schnitzt, falls er es nicht durch Erbschaft oder Kauf erwerben sollte 2 ). Es gehören ja schliesslich auch keine Fabrik, keine kostbaren Werkzeuge dazu, um dieses primitive Blasinstrument, welches weder Klappen noch Grifflöcher aufweist, herzustellen. Es lässt sich aber auch wiederum nicht fabrikmässig als Massenware erzeugen, denn es dürften sich, auch abgesehen von dem langen und kostspieligen Produk-tionsprozess, schwerlich die Abnehmer für dieses seltsame Musikinstrument finden. Es gehört schon eine besondere Liebe dazu, dieses Instrument überhaupt zu spielen, noch vielmehr, ein solches zu bauen.

1 ) Scadrowsky, H(einrich ), Die Musik und die tonerzeugenden Instrumente der Alpenbewohner. Eine kulturhistorische Skizze. In: Jahrbuch des Schweizer Alpenclub, Bd. IV ( 1867 ), S. 285 ff.

2 ) Hanns in der Gand berichtet von einem Alphorn aus Holz, « l,70 m lang ohne Aufbiegung des Schalloches, Tiba genannt », dessen Erbauer, ein Hirt aus dem Bündner Oberland, noch lebt. Schweizer Archiv für Volkskunde, XXXII ( 1933 ), S. 180.

Heim, Ernst, schreibt von einem Schreiner Alois Marti in Hergiswil, welcher verschiedene Formen von Alphörnern « fabriziert » hat. Unterhaltungsblatt zum « Geschäftsblatt » in Thun, Jahrgang 1889, Nrn. 18, 19 ( dort neu veröffentlicht ).

In meinem Bericht über die Herstellung eines Alphornes halte ich mich streng an die Angaben, welche der betreffende Erbauer gegeben hat. Dieser Mann, von dem schon oben die Rede war, ist jetzt 64 Jahre alt. Vor etwa 10 Jahren hatte er sich in Interlaken ein Alphorn gekauft und damit, dass er es spielte, wieder eine Kunst aufgenommen, die er vor langen Zeiten, ehe er in die Welt hinausgezogen ist, in seiner Jugend geübt hatte. Weshalb er ein Alphorn zu bauen anfing und das Material für ein drittes schon bereit gelegt hat, weiss er nicht anzugeben.

Das Wichtigste für die Herstellung des Alphornes ist, eine geeignete, dürre Tanne zu finden, die unten wie oben möglichst keine Äste besitzt. Sie soll ausserdem schon in ihrem Wuchs eine dem Alphorn entsprechende Form aufweisen. Was das letztere allein anbetrifft, so dürfte es ja nicht schwer sein, unter den Tannen des Bergwaldes eine solche herauszufinden; denn keine Gebirgstanne wächst gerade aus dem Boden hervor wie die Bäume der Ebene. Wind und von den Bergen herunterrollendes Geröll biegen den jungen Stamm dort, wo er das Erdreich verlässt, erst immer ins Tal zu, ehe er sicher in die Höhe streben kann. Man muss es im Gefühl haben, ob ein Tannenbäumchen für die Herstellung eines Alphornes geeignet ist.

Ehe mit der Herstellung begonnen wird, muss alles Leben aus dem Holz gewichen sein. Nur ein völlig trockener Stamm wird ein gutes und halt-bares Alphorn abgeben. Er wird zuerst so zurecht geschnitzt, dass damit schon äusserlich die Form des zukünftigen Instrumentes festgelegt ist. Es muss dabei Rücksicht genommen werden auf die Erweiterung des Schallbechers, auf den streng konischen Verlauf des Blasrohres nach dem Blasansatz zu und auf die Grössenverhältnisse des entstehenden Alphornes.

Je nach Belieben kann man den Schallbecher stärker oder schwächer winklig zum Blasrohr stellen. Die Formen der Alphörner aus früheren Zeiten scheinen im Gegensatz zu den jetzigen einen in der Richtung des Blasrohres verlaufenden, langgestreckten Schallbecher zu bevorzugen. Der Wuchs des Baumes wie das Formempfinden des Herstellers werden auch dafür den Ausschlag geben. Nach der Meinung des Gewährsmannes ist für die Stellung des Schallbechers immer der persönliche Geschmack des Erbauers entscheidend.

Der sorgfältig zurechtgeschnitzte Stamm wird in zwei symmetrische Hälften von oben nach unten zersägt. Jeder dieser beiden Teile wird nun von der Sägefläche aus mit Kehlhobeln und Hohleisen soweit vorsichtig ausgehöhlt, dass etwa nur noch eine 0,5 cm dicke Wandung in der äusseren Form des Alphornes bestehen bleibt. Je gleichmässiger die Dicke dieser Wandung ist, um so besser ist die Resonanz, um so klingender und edler wird der Ton. Gerade auf dieses Aushöhlen kann nicht genug Sorgfalt verwendet werden. Ein Winter etwa, die freie Zeit eines Sennen, soll mit dieser Schnitzarbeit hingehen, bis beide Teile zusammen den Blaskörper ergeben. Grobes und feines Sandpapier und die verschiedensten Feilen nehmen die letzten Unebenheiten fort, bis zur nächsten Phase des Baues geschritten werden darf. Man legt die beiden ausgehöhlten Teile so übereinander, dass sie innen und aussen genau wieder so zusammenpassen, wie sie ursprünglich in dem Stamm gewachsen sind, schmale Eisenbänder oder halbierte Holzwurzeln werden nun um das Blasrohr gelegt und so stark mit dem Holzkörper verkeilt, dass die aufeinanderliegenden Schnittflächen möglichst luftdicht abschliessen.

Damit wäre der Rohbau des Alphornes beendet, und schon jetzt kann man die Qualität des werdenden Instrumentes erkennen. Zu diesem Zwecke pustet der alte Spieler von oben und unten in das Rohr hinein, um die vorhandene Resonanz festzustellen. Zum Vergleich zieht er sein altes Alphorn heran. Ist sie nach der Meinung des Herstellers noch nicht gut genug, so wird er versuchen, bestehende Unebenheiten an dem unfertigen Blaskörper festzustellen und mit seinen Schnitzwerkzeugen auszugleichen. Je mehr es in dem Rohre hallt, um so besser wird der zukünftige Blaston.

Den Sommer über ruht schon aus äusseren Gründen die Arbeit an dem rohen Alphorn. Doch immer wieder muss nachgesehen werden, ob das Holz des Blaskörpers sich irgendwie verzogen hat; immer wieder muss man die eisernen oder hölzernen Ringe festziehen, welche das rohe Instrument zusammenhalten, damit das Rohr auch dicht bleibt.

Im Winter darauf kann man nun an die letzte Phase des Baues herantreten. Die Eisenbänder, sofern solche verwendet worden sind, werden gelöst und sämtlich durch halbierte Baumwurzeln ersetzt; denn am Alphorn dürfen sich, der Erzeugung eines edlen Tones wegen, keine Bestandteile aus Metall befinden. Vorher kann man zwischen die Schnittflächen ein mit dünnem Leim gleichmässig bestrichenes Pergamentpapier legen, um damit die Luftdurchlässigkeit zwischen ihnen völlig zu verhindern. Es setzt eine besondere Geschicklichkeit voraus, die halbierten Wurzeln oder auch Schnüre so fest um den Holzkörper zu winden, dass dessen beide Teile nicht nur wieder gleichmässig übereinander zu liegen kommen, sondern auch luftdicht abschliessen. Ist dieses nicht der Fall, so erzeugt das Alphorn nur einen heiseren Ton, es lässt sich nur schwer anblasen und bereitet weder dem Spieler noch dem Hörenden grosse Freude. Das Alphorn wurde früher mit Rinde und Bast umwickelt, nachdem die Arbeit an dem Blaskörper beendet war. Heute nimmt man des besseren Aussehens und der grösseren Haltbarkeit wegen das biegsame Peddigrohr.

Zu erwähnen wäre noch, dass als Blasansatz ein besonderes hölzernes Mundstück verwendet wird, um einer Ermüdung der Lippen beim längeren Spielen vorzubeugen. Es muss vom Drechsler angefertigt werden und wird vor dem Spiel jeweils in die obere schmale Öffnung des Blasrohres eingefügt. Dieses Mundstück besitzt am Grunde seines Kessels eine etwa 4 mm breite Öffnung, durch welche der Luftstrom in das Horn gepresst wird. Zum Zwecke der besseren Haltbarkeit wird das fertige Instrument vor dem endgültigen Gebrauch noch innen und aussen eingeölt.

Weil es kaum möglich ist, zwei Alphörner auf den gleichen Grundton einzurichten ( der Komponist Ferdinand Huber hat im vorigen Jahrhundert Versuche in dieser Hinsicht angestellt ), so hat eigentlich jedes Alphorn seine nur ihm eigenen Grössenverhältnisse. In dem hier besprochenen Falle ist das Format des entstehenden Alphornes dem des in dem Besitz des Erbauers befindlichen älteren Instrumentes angeglichen worden. Da jedoch an dem unfertigen Rohr noch keine Tonmessungen vorgenommen werden konnten, so sollen wenigstens seine äusseren Masse angegeben sein:

Länge des Blasrohres, vom Mundansatz bis zum Ansatz des Schallbechers 3,16 m Länge des Schallbechers0,30 m Gesamtlänge des Instrumentes 3,46 m Durchmesser der oberen Öffnung des Blasrohres, von Aussenwand zu Aussenwand0,03 m Durchmesser der oberen Öffnung des Blasrohres, von Innenwand zu Innenwand0,02 m Durchmesser der Öffnung des Schallbechers, von Aussenwand zu Aussenwand0,17 m Durchmesser der Öffnung des Schallbechers, von Innenwand zu Innenwand0,16 m Die Beschreibung, welche bei Scadrowsky vom Bau eines Alphornes zu finden ist, weicht von dieser hier ab. Es ist ja auch nur selbstverständlich, dass die einzelnen Schnitzer verschieden vorgehen bei der Herstellung ihres Instrumentes. Schliesslich ist es auch nicht unberechtigt, anzunehmen, dass es noch andere Herstellungsweisen des Alphornes als die hier besprochene gibt. Abgesehen von der erheblich geringeren Länge des bei Scadrowsky besprochenen Alphornes fällt auf, dass der Schallbecher aus einem anderen Stück Holz angesetzt wird. Seine Beschreibung ist jedoch für die Kenntnis des Alphornes so wichtig, dass sie hier zum Schluss ergänzend angefügt werden soll: ".. .Ein junges, gut gewachsenes Tannenbäumchen, am dicken Ende von etwa 7 Zentimeter ( 2 1/2 Zoll ), am dünnen Ende von ungefähr 3 Zentimeter ( 1 Zoll ) Durchmesser, wird sorgfältig ausgebohrt, nach unten allmählich erweitert und demselben ein anderes grösseres Stück Tannenholz angesetzt, das gekrümmt und schallbecherartig ausläuft. Die Länge des geraden Tonrohres ( Bäumchen ) beträgt in der Regel 1,36 Meter ( 4 Fuss 5 Zoll ), die Länge des Becheransatzes 0,4 Meter ( 1 Fuss 3 Zoll ) und der Durchmesser des äusseren Schallbechers 10 Zentimeter ( 3 1/2 Zoll ). Die Gesamtlänge eines Alphornes erreicht demnach l,40 Meter oder 5 Fuss 8 Zoll. Diese Länge wird bei Alphörnern des grösseren oder grössten Formates in der Regel nicht überschritten. Das Bäumchen oder der eigentliche Instrumentenkörper wurde früher entweder mit Rinde, gewöhnlich Birkenrinde, oder auch mit Hanfschnüren von etwa Federspuldicke, die zuvor gut in Teer getränkt waren, umwunden. Eine derartige Umhüllung hat begreiflich keinen anderen Zweck, als dass dadurch das Tonrohr ( Bäumchen ) vor Verderbnis durch Witterung oder andere äussere Einflüsse geschützt werde. Da nun aber die Rinde einem längeren Gebrauch nicht genug Solidität zu bieten vermag, die gepichten und geteerten Hanfschnüre anderweitige Unannehmlichkeiten haben, besonders bei anhaltender Wärme, so hat man sich einer praktischeren Umhüllung zugewendet und benützt nun hauptsächlich zur Umwicklung des Bäumchens junge und lange Tannenwurzeln von starker Bleistiftdicke oder auch einmal gespaltenes Meerrohr — letztere Umwicklung die solideste und schönste, zugleich aber auch die kostspieligste. »

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