Die Hütte

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( Schluss folgt )

Die Hüttew

Von Werner Schaffner

Mit 5 Bildern ( 55—59Zürich ) Der Hüttenweg Vornübergebeugt von der Last der Rucksäcke stehen wir, auf die Eispickel gestützt, vor dem Bahnhofgebäude. Langsam rollt der Zug davon; er führt die vielen Gesichter weg, die uns eben noch aus den Wagenfenstern mitleidig oder staunend anguckten. Es wird wieder still auf der Station. Die Sonne scheint. Drüben im Dorf schlägt die Kirchenuhr.

Suchend blicken wir zu den Gipfeln und Gräten hinauf, erwägen die Wetterchancen, blicken nochmals in die Karte und rechnen Höhenunterschiede aus. Und dann brechen wir auf zum Aufstieg zur Hütte.

Eigentlich sind die paar Dutzend Hüttenwege, die wir schon miteinander gegangen sind, einander alle ähnlich. Zuerst muss man durch das Dorf « Spiessruten laufen ». Dann windet sich das steinige Weglein durch den lichten, feuchtschattigen Wald hinauf. Zwischen den Stämmen hindurch sieht man die mittagstille Siedlung langsam im Dunst des Tales versinken. Bei jedem Schritt klirrt der Ring der Pickelschlaufe am Schaft, knarrt das Leder der Rucksackriemen — und mechanisch wischt man sich den Schweiss von der Stime.

Nach der ersten Stundenrast werden die Tannen knorriger, und der harzduftende Bergwald geht bald in den kümmerlichen Buschwald aus Erlen, Alpenrosen und Wacholderstauden über. Oben auf der Alp wird wieder gerastet. Von hier aus überblickt man das bereits bewältigte Wegstück und ist mit sich zufrieden. In dieser Stille fühlt man schon deutlich, dass man ein Stockwerk höher ist als « die Menschen ». Tief unten windet sich die staubige Talstrasse durch die Matten, und mühsam kriecht eine Wagenkette auf dem dunkeln Geleise talauswärts. Hoch über uns, dort hinter jenem Felskopf, muss irgendwo die Hütte liegen. Ja, es wird noch einige Schweisstropf en kosten!

Zwei ins Tal steigende Männer eilen mit fröhlichem Gruss vorüber. Sie bringen das stille Glück der Bergwelt mit herunter. Stolz sehen sie aus, diese wettergebräunten Gesellen. Drüben schaut ein Senne aus der niedrigen Stalltüre auf uns « Fremde ».

Mit einem nicht sehr ernst zu nehmenden Seufzer schwingen wir die Säcke auf den Rücken und fallen wieder in den gleichmässigen Tramp. Über Alpweiden, Geröllhalden und von unzähligen Nägeln abgeschliffene Felsblöcke schlängelt sich der Pfad bergan. Hie und da weckt uns das grellrote Wegzeichen aus dem Grübeln auf. Was einem nicht alles durch den Kopf jagt, wenn man zu einer Bergtour in die Hütte steigtRasch fliehen die Stunden. Häufiger heben wir jetzt unsere Köpfe und suchen den Horizont nach dem Hüttendach oder der Fahnenstange ab. Nicht dass wir sehr müde wären, nein — aber wir freuen uns immer so fest auf « unsere » Hütten, auf die heimeligen Stuben in ihnen.

Abend in der Hütte Schon vor der Hütte merkt man das Anwesendsein zweier Männer. Auf dem Mäuerchen liegen Bergschuhe und Socken, am Draht flattern Hemden, Wadenbinden und Nastücher. Wir sind nur eine kleine Schar, die sich für die kommende Nacht in der kleinen Hütte zusammengefunden hat. Zwei junge Burschen stiegen am Vormittag hinauf; eine Dreierpartie kehrte eben von einem Gipfel zurück. Es sind alles zufriedene, stille Leute. Niemand prahlt, niemand fragt viel, aber jeder scheint den andern zu achten, weil dieser vielleicht der tüchtigere, erfahrenere Bergsteiger ist. Jeder fühlt sich wohl und daheim.

In der engen Küche, die zugleich Wohnraum ist, herrscht Hochbetrieb. Da durchstöbert einer alle Schränke und Schubladen nach Geschirr. Dort rührt einer geduldig in einer Pfanne und saugt dabei mit sichtlicher Vorfreude den Dampf der Suppe ein. In der dunklen Ecke müht sich ein dritter DIE HÜTTE mit dem Zerkleinern des astigen Bergholzes ab. Er pfeift dazu eine Melodie. Auf der Bank hinter dem Tisch ist einer in die Arbeit des Büchsenöffnens und des Brotschneidens versunken. Krachend fliegt die Türe auf, und der Junge kommt keuchend mit der Tanse voll Wasser zurück. Er schimpft, weil ihm das kalte Nass vom Genick bis zu den Fersen hinunterfloss I — Die Frauen und Mütter zu Hause sollten einmal zuschauen können, wie ungeübte Männerhände da oben in dem verlassenen Hüttlein mit wenigen Mitteln ein währschaftes Mahl zubereiten, mit wieviel Begeisterung und Liebe sie den Tisch decken, die Fleischplatte garnieren, den Tee brauen und den « Dessert stumpen » bereitlegen. Wenn auch die Suppe etwas zu dünn geraten ist und die Hörnli ein wenig zusammenkleben, ob auch die Brotscheiben dicker sind als zu Hause — Ungezwungenheit, Freude am « eigenen Werk » und der übliche Heisshunger sorgen für den restlosen Genuss!

Der Tag geht zur Neige. Unbeholfen gehen wir in den viel zu grossen Holzschuhen zum nahen Felskänzelchen hinüber. Hier wollen wir ein Pfeifchen rauchen und den herrlichen Abend geniessen. Blauviolett liegt schon die Nacht im Tale. Über dem mattleuchtenden Kranz der Berge spannt sich der gelbgrüne Abendhimmel Nur noch die Felswände hoch über der Hütte flammen in den letzten Sonnenstrahlen rot auf. Bald blinken im Dorf die ersten Lichtlein. Immer mehr Sterne bedecken den dunkelnden Himmel. Die Berge werden zu schwarzen Silhouetten und verschmelzen schliesslich mit dem Himmelsgewölbe. Drüben auf dem Gletscher sind die gurgelnden Bächlein verstummt. Klirrend fällt ein Block in eine Spalte, ein letzter Stein poltert in der Moräne — dann erstarrt das Leben in der eisigen Bergnacht. Unsere Pfeifen sind ausgelöscht. Wir frieren im kühlen Gletscherwind und tasten uns zur Hütte zurück. Eine Atmosphäre voller Gemütlichkeit empfängt uns: Tabakrauch, Suppengeruch, Petrolruss und Wärme.

In der vom rotgelben Licht der Lampe schwach beleuchteten Stube sitzen unsere Mitbewohner. Der eine liegt auf der Bank an der Wand, sinnt vor sich hin und saugt gedankenverloren an seinem Stumpen. Sein Kamerad sitzt über eine Karte gebeugt und ist bemüht, bei dem schlechten Licht im Klubführer zu lesen. In der andern Ecke unterhalten sich die drei leise, als scheuten sie sich, die Ruhe zu stören, über Namen und Bemerkungen im Hüttenbuch. Im Kochherd knistert die Glut des verlöschenden Feuers.

Der mit der Karte sagt plötzlich zu sich selbst « Ja », faltet das Blatt zusammen und steigt nach einem rauhen « Guetnacht » in den Schlafraum hinauf, hinter ihm her sein Freund. Es ist erst 9 Uhr. Pfeifen und Stumpen sind verlöscht. Auch die Petrollichter werden ausgeblasen, und dann gibt es in der Küche Ruhe.

Seltsam, wie so anders die Menschen hier oben sind als die unten im Tale dort bei jenen flimmernden Lichtern. Dort misstrauen sie sich gegenseitig, weichen einander aus, streiten sich lärmend wegen Kleinigkeiten, hasten alle gereizt durchs Leben. Hier oben aber wohnen einander fremde, wortkarge Männer in einem engen Räume beisammen. Sie kochen auf einem Herd, sie waschen gemeinsam ab, sie sitzen am Abend unter derselben russigen Petrollampe — und morgen gehen sie ruhig auseinander, die einen ins Tal, die andern auf diesen oder jenen Gipfel. Was verbindet uns eigentlich zur « Familie »? Ja, unser Klubabzeichen ist das Symbol für dieses geheimnisvolle « Etwas ». Und jeder hat Zeit zum Nachdenken, den andern zu studieren und zu achten; jeder fühlt, dass es den andern wie ihn selbst den stundenlangen, heissen Hüttenweg hinauftrieb, um wieder für ein paar Stunden frei aufatmen, den Bergfrieden geniessen und Mensch sein zu können. Morgen ziehen wir noch weiter hinauf, hoch hinauf über die Menschen im Tal, hinauf zur leuchtenden Schönheit aus Fels und Eis. Ja, wir paar Menschen in dieser Hütte wissen, was unser morgen wartet. Darum erwarten wir so still und zufrieden auf dem harten Lager unter den Decken den Morgen. Wenn draussen der kalte Nachtwind an den Fensterläden rüttelt, dann überkommt uns ein freudiges Gefühl der Dankbarkeit jenen Männern gegenüber, die uns durch den Bau der Hütten die ungezählten Bergerlebnisse ermöglichten. Und wir geloben dem Alpenklub die Treue.

Morgen in der Hütte Es ist 3 Uhr früh. Leise wickelt sich einer aus den Decken und tastet sich, über Rucksäcke und Schuhe stolpernd, zum Fenster. Millionen von Sternen funkeln am Himmel!

Im flackernden Schein einer Kerze drehen sich die in Wolldecken gehüllten Gestalten langsam gegen das Licht, blinzeln verständnislos und sitzen schliesslich auf. In der Küche klappert schon das Geschirr, und im Feuer knistern fröhlich die Scheiter. Noch halb im Schlaf ziehen wir uns an, verfallen wieder in dumpfes Brüten und nesteln im Dunkel die Schuhe ein. Keine Spur von Begeisterung oder Freude! Jeder sucht seine Sachen zusammen, packt den Sack, legt seine Decken in Falten und überzeugt sich am Fenster vom guten Wetter. Schliesslich setzen wir uns mit den Proviant-körbchen hinter den Tisch und kauen ohne Hunger. Sieben Männer rüsten sich zum Aufbruch aus — doch kein einziges Wort fällt. Sind alle schlechter Laune? Nein, die ungewaschenen Gesichter zeigen nur noch Schlaf. Und wir wissen, dass das, was unser in den nächsten Stunden wartet, nicht mit Lachen und Singen angepackt werden darf — der Berg! Die freudige Spannung ist hinter der Ehrfurcht vor dem Grossen verdeckt!

Die Dreierpartie knöpft die Jacken zu, « bastet » die Säcke auf den Rücken und zündet die Sturmlaternen an. Nach kurzem Glückwunsch für die Fahrt treten sie in die kalte Nacht hinaus. Schwankend ziehen die drei Lichtlein die Moräne hinauf und verschwinden hinter den schwarzen Felsen.

Auch wir verlassen die behagliche Stube bald. Wortlos und noch schlaftrunken torkeln wir über die Steinblöcke dem Gletscher zu. Hinter uns taucht die Hütte rasch ins Dunkel der frostigen Bergnacht zurück. Noch einmal sehen wir vom Gletscher aus die schwach beleuchteten Fensterchen schimmern. Dann sind wir allein mit dem Berg.

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