Die Internationale Himalaya-Expedition 1971

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Norman G. Dyhrenfurth, Salzburg

« Der grossartige Erfolg der amerikanischen Mount-Everest-Expedition begeistert mich! » -Präsident John F: Kennedy, Washington.

« Ich freue mich über den hervorragenden Erfolg Ihrer Expedition zum höchsten Berg der Erde! » - König Mahendra, Kathmandu.

« Herzlichen Glückwunsch zum Gelingen Ihrer Mission! » - Prime Minister Nehru, Neu Delhi.

So wirkte die Nachricht von der ersten Überschreitung eines grossen Himalaya-Berges. Vier Alpinisten hatten den Gipfel ( 8848 m ) auf der Normalroute erreicht, zweien gelang der schwierige Aufstieg über einen Teil des bisher unbekannten Westgrates, mit Abstieg zum Südsattel. « AMEE 63 » ( American Mount Everest Expedition 1963 ) wurde von mir organisiert und geleitet. Als Fünfundvierzigjähriger stieg ich bis auf eine Höhe von 8600 Meter und filmte die erste Gipfel-seilschaft—ein unbeabsichtigter Weltrekord für einen Expeditionsleiter und Filmschaffenden.

2 Brücke bei Sirkung ( 2550 m ) über den Kali-Gandaki-Fluss mit Blick zum Dhaulagiri ( Südost-Eisfall ) Photos Archiv A. v.Wandau, Wien Wie anders war die Reaktion der Weltpresse 1971: « Verhinderte Everest-Bezwinger schlagen Krach !» - « Ein toter Inder und viele Beschuldigungen !» - « Dyhrenfurth erbarmungslos und unmenschlich! » - « Verzicht auf Südroute un-demokratisch !» - « Expeditionsteilnehmer bewerfen sich mit Steinen !» - « Frankreich und Italien schwerstens beleidigt! » - « Eine angelsächsische Verschwörung !» - « Moderner baby-lonischer Turm! » usw. usw.

Presse, Rundfunk und Fernsehen brachten viel über die IHE 71, grossenteils gegen die Expeditionsleitung. Warum? Ken Wilson, Chefredaktor der englischen Bergsteigerzeitschrift « Mountain », schreibt darüber im Heft 17 ( September 1971 ), S. 11: « Für Publikum und Presse, durch bergsteigerische Erfolge verwöhnt, war der diesjährige Fehlschlag am Everest unannehmbar. Die reichlichen Vorschusslorbeeren ( besonders in Grossbritannien ) mussten beim Abschluss des Unternehmens eine heftige Reaktion auslösen. Wer waren die Sündenböcke? Das Scheitern der Expedition wurde in ganz sensationeller Form verurteilt. Viele Zeitungen sprachen von einem Fiasko, während eine Prozession von ,Experten'sofortige Kritik in Presse und Television zum besten gab und damit zu einem ganz traurigen ,Image'der IHE 71 beitrug. Manche dieser Fachleute hatten schon vor der Abreise der Expedition ernste Bedenken geäussert, während andere sich in Schweigen hüllten, solange die Möglichkeit bestand, dass Don Whillans und Dougal Haston doch noch die letzten 550 Meter schwierigster Kletterei in extremster Höhe bewältigen könnten. Erst als die Notlage der Expedition einwandfrei feststand, schlugen auch sie los. Die ganze ideelle Basis der IHE wurde angegriffen: ,Sachverständige'Berichterstatter sammelten sich wie die Geier, um die vermeintliche Aussichtslosigkeit einer aus Bergsteigern vieler Nationen bestehenden Mannschaft zu erörtern. »U IAA, gute Kameradschaft zwischen Bergsteigern verschiedener Völker und Sprachen, ,Welt-Seil-2 schaft '... alle derartigen Gedanken wurden jetzt gänzlich übersehen, denn - der Erfolg entscheidet, und die IHE 71 hatte enttäuscht! Wie kam es dazu?

Das Everest-Gebiet ist mir gut bekannt: Im Herbst 1952 nahm ich an der zweiten Schweizerischen Everest-Expedition teil. 1955 war ich Leiter der Internationalen Himalaya-Expedition. Am Lhotse ( 8511 m ), dem vierthöchsten Berg der Erde, kamen wir infolge schwerer Herbststürme « nur » bis etwa 8000 Meter, aber die damals von meinem Freund Dipl.Ing. Erwin Schneider photogrammetrisch aufgenommene Karte « Chomolongma-Mount Everest 1:25000 » ist eine Leistung von historischer Bedeutung. 1958 beteiligte ich mich auf der SE-Seite der Everest-Makalu-Gruppe an der Suche nach dem Yeti, dem « Schneemenschen », und i960 war ich mit den Schweizern am Dhaulagiri. Es folgte die « AMEE 63 », auf die für mich das Wort des geistvollen Oscar Wilde passen dürfte: « In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, sein Ziel nicht zu erreichen. Die andere ist, sein Ziel zu erreichen. Diese letzte ist die wahre Tragödie. » Wehmütiger Resignation darf ich mich jedoch nicht überlassen... also:

Die IHE 71 ( Internationale Himalaya-Expe-dition 1971 ) war ein Versuch freundschaftlicher Zusammenarbeit von Angehörigen zahlreicher Nationen. Es wurden dreizehn - mehr als ich ursprünglich geplant hatte. Durch die Teilnahme von neun Filmleuten der British Broadcasting Corporation ( BBC ) und eiijem australischen Berichterstatter für die « Sunday Times » waren wir nicht mehr zwanzig ( wie AMEE 1963 ), sondern dreissig! Zwei Jahre lang hatte ich mit den kaum lösbaren Problemen der Finanzierung, Zusammenstellung der Mannschaft, Ausrüstung ( einschliesslich Sauerstoffapparatur !), Verpflegung, Organisation usw. gerungen, ohne für diese überwältigende Arbeit - wöchentlich oft siebzig und mehr Stunden - auch nur einen Rappen Gehalt zu beziehen. Im Widerspruch zu allerlei Gerüchten und Zeitungsmeldungen sei festgestellt, dass ich persönlich mehr als Fr. 100000. investiert habe, obwohl ich nicht mit Glücksgütern gesegnet bin. Die Mehrzahl der Teilnehmer brauchte nur Fr. 2000. beizusteuern, und gerade diejenigen, die später am lautesten protestierten, haben zum Gesamtbudget der Expedition ( Fr.984212 .) überhaupt nichts beigetragen!

Der in Kathmandu lebende Oberstleutnant James O. M. Roberts, Transportoffizier der Britischen Everest-Expedition 1953 und der AMEE 63, erklärte sich zur gemeinsamen Expeditionsleitung mit mir bereit. Er selbst hatte schon seit langem versucht, eine eigene internationale Expedition zur SW-Wand des Mount Everest auf die Beine zu stellen. Die meisten von ihm bereits gewählten Bergsteiger waren mir leider nicht persönlich bekannt. Wir entschieden uns für einen zweigleisigen Angriff: SW-Wand-« Direttissima » und direkter Westgrat in seiner ganzen Länge oberhalb der Westschulter ( etwa 7300 m ). Diese geplante grosse « Zangenbewegung » bedeutete zwei sehr schwierige neue Routen. Ausserdem sollte sie den Wandkletterern einen Notausgang verschaffen, ähnlich den Ausstiegsrissen über der « Weissen Spinne » in der klassischen Eigernordwand.

Jedem Teilnehmer wurde die Wahl der Route anheimgestellt. Für die SW-Wand entschieden sich: die Amerikaner Gary Colliver, John Evans, Dr. David Peterson; die Briten Dougal Haston, Don Whillans; die Japaner Reizo Ito, Naomi Uemura; der Deutsche Toni Hiebeier; der Österreicher Leo Schlömmer. Die Westgrat-Gruppe bildeten: der Österreicher Wolfgang Axt, das Genfer Ehepaar Michel und Yvette Vaucher, die zwei Norweger Odd Eliassen und Jon Teigland, der Amerikaner David Isles, der Inder Major Harsh Bahuguna. Anfangs wollten der Italiener Carlo Mauri und der Franzose Pierre Mazeaud in die SW-Wand, sattelten aber später um zur Westgrat-Gruppe. Für Anfang September 1970 hatte ich ein Trainingslager der gesamten Mannschaft auf dem Jungfraujoch geplant, was aus vielen Gründen sehr wichtig gewesen wäre. Leider musste ich absagen, weil das Geld dafür einfach nicht da war. Zeitungsmeldungen, dass die IHE 71 von der NASA und UNO finanziert werde, waren blosse Phantasie. Ein Grossteil der Expeditionsmitglieder traf sich erstmals am 13. Februar 1971 in Frankfurt am Main zum Flug mit Trans World Airlines nach Indien. Das grosse Gepäck -36 Tonnen brutto - war auf dem Seeweg nach Bombay gelangt, von wo es auf neun Lastwagen nach Nepal befördert wurde. Am 16. Februar war man in Kathmandu.

Anfangs ging es gut. Wir hatten insgesamt vierzig Sherpa und etwa 830 Lastenträger, die in drei Staffeln arbeiteten. Ausserdem wurden noch täglich Transportflüge mit einem Kleinflugzeug ( « Islander » ) zu dem Sherpadorf Lukla gemacht, wo Sir Edmund Hillary vor einigen Jahren eine kleine Landepiste hatte anlegen lassen. In meinem Tagebuch steht: « Die Mannschaft ist grossartig! Trotz gewisser Probleme der sprachlichen Verständigung arbeiten die Leute sehr gut zusammen, und die allgemeine Laune ist hervorragend. Manchmal ist es natürlich recht lustig, wenn alles auf norwegisch, deutsch, japanisch, französisch, englisch und italienisch durcheinander redet. Auch gibt das Unterschreiben von mehr als 6000 Everest-Grusskarten viel Anlass zur Heiterkeit. Yvette Vaucher hat das Amt übernommen, alle dazu zu bewegen, jeden Abend und in jeder freien Minute Karten zu unterschreiben. Alle sind sich einig, dass Yvette nicht nur sehr nett ist, sondern auch sehr gut in die Mannschaft hineinpasst... » ( O quae mutatio rerumAm 28. Februar starteten wir Sah'bs. Zunächst fuhren wir mit Landrovers und Lastwagen auf der chinesischen Strasse, die Kathmandu mit Lhasa verbindet, nach Lamsangu. Dann begann der dreiwöchige Anmarsch, jeden Tag von 6 Uhr früh bis 4 Uhr nachmittags, manchmal auch etwas länger. Einige Kameraden hatten die üblichen Anmarsch- und Akklimatisationsleiden. Ich selbst litt - infolge starker Überarbeitung und nervöser Belastung während der letzten Monate - an einer kurz vor der Abreise festgestellten Schilddrüsenentzündung, die mir anfänglich etwas zu schaffen machte.

Bereits am fünften Marschtag gab es eine unliebsame Überraschung: Der Obmann der - von der Himalayan Society in Kathmandu angestellten - Lastenträger verschwand mit dem Geld seiner Leute. Er soll es bei einem nächtlichen Kartenspiel verloren haben. Daraufhin streikten die Träger! Zunächst konnten wir keine Ersatzleute auftreiben, so dass zahllose Lasten zurückgelassen werden mussten. Erst sehr viel später holten uns die treuen Sherpa mit neuen Trägern ein.

BeimKlosterTengpoche ( 3900 m ) erlebten wir den ersten Schneesturm. Am 22. März begannen wir mit der Errichtung des Standlagers ( etwa 5350 m ) auf dem Khumbu-Gletscher: eine Sher-pa-Küche, eine grössere für uns Sah'bs, ein kleines Feldlazarett, eine Vorratskammer, drei grosse Messezelte usw. Inzwischen kam auch der Kampf mit dem rund 700 Meter hohen Khumbu-Eisfall in Gang, der in diesem Jahr besonders schwierig, gefährlich und zeitraubend war, noch schlimmer als 1970 - und da waren bei der japanischen Ski-Expedition sechs Sherpa durch eine stürzende Eiswand ums Leben gekommen. Wir schafften es ohne Verluste, aber es war ein sehr mühevoller « Wegebau », bei dem Michel Vaucher als Koordinator wirkte. Am 4. April standen endlich die ersten Zelte von Camp 1 ( etwa 6050 m ). Nun ging es schneller voran, und am 14. April stieg ich mit Toni Hiebeier und Dr.Duane Blume, unserem Höhenphysiologen und Sauerstoffspezialisten, zum Hochlager 2 ( 6550 m ) auf. Es war unser « vorgeschobenes Basislager », wo sich die beiden Routen ( Westgrat und SW-Wand ) trennten.

Am 9. April hatten die Japaner und Engländer Camp 3-SW ( etwa 7000 m ) erstellt. Am 12. April erkundeten Wolfgang Axt und Michel Vaucher den Zugang zum Westgrat. Sehr unangenehm waren die Schwierigkeiten beim Nachschub, denn der Eisfall veränderte sich täglich. Immer wieder mussten Brücken und Leitern ersetzt oder verlegt werden. In Lager 1 sammelte sich viel Material und Proviant. Für den Pendelverkehr zwischen Camp und 2 standen nicht genügend Hochträger zur Verfügung, so dass die Verpflegung im vorgeschobenen Basislager viel zu wünschen übrig liess. Natürlich hätten ein paar Sah'bs selbst einmal zum Camp absteigen und die gewünschten Lebensmittel heraufbringen können, wie es die Amerikaner 1963 wiederholt getan haben. Aber das wäre ja « Sherpa-Arbeit » gewesen, die man gewissen europäischen Spitzenbergsteigern anscheinend nicht zumuten darf! Zum Vergleich sei erwähnt, dass die erfolgreiche britische Anna-purna-Südwand-Expedition 1970 ( unter Leitung von Chris Bonington ) nur sechs Sherpa für den Nachschubdienst am Berg hatte und dass die prominenten angelsächsischen Alpinisten die Hauptarbeit auch beim Transport geleistet haben!

Am Abend des 15. April kam Harsh Bahuguna zu mir und Duane Blume ins Zelt. Der allgemein beliebte indische Offizier hatte sich seit dem Beginn der Arbeit im Khumbu-Eisfall voll eingesetzt. Er war - zusammen mit dem Japaner Reizo Ito - der erste, der das Westbecken betrat und Lager aufstellte. Jetzt machte er mir den Vorschlag, am nächsten Tage mit Wolfgang Axt Lager 3-West zu errichten und am t 7. April die Strecke nach Camp 4-West zu erkunden. Harsh sah aber so müde aus, dass ich ihn bat, sich lieber ein paar Tage unten im Standlager zu erholen. Er gab zu, dass die letzten drei Wochen sehr anstrengend gewesen seien, aber er wolle unbedingt einer der Pioniere der direkten Westgrat-Route sein. Sofort nach dem Vorstoss zum Camp 4-West wolle er gerne einige Ruhetage im Standlager verbringen. Ich gab nach - leider!

Toni Hiebeier hatte - wie mancher andere -grosse Akklimatisationsschwierigkeiten: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Appetitlosigkeit und Muskelschwund. Nach einem tapferen, aber erfolglosen Versuch, Sauerstoff-Flaschen zum Fusse der SW-Wand zu tragen, musste er schweren Herzens zum Erholungsurlaub ins Standlager absteigen. Auch Dougal Haston, Leo Schlömmer und Jon Teigland wollten für ein paar Tage das bessere Essen und den grösseren Komfort der unteren Regionen geniessen.

Am i 6. April stiegen also Axt und Bahuguna in Richtung Westgrat auf und erstellten mit Hilfe der Sherpa Kancha und Ang Phurba Lager 3-West bei etwa 6900 Meter, rund 350 Meter niedriger als seinerzeit Camp 3-W ( 7250 m ) der AMEE. Mauri und Mazeaud deponierten Seile und « Schlosserei » auf halbem Wege. Michel Vaucher und Odd Eliassen stiegen weiter und fixierten ein langes, horizontales Geländerseil, um durch diese Traverse den Weg zum Lager 3-West erheblich abzukürzen.

Nach einer Nacht im vorläufigen Camp 3-West gingen Axt und Bahuguna über massig steile Eis-und Schneehänge zum Westgrat hinauf- noch ohne Sauerstoff, obwohl vorgesehen war, von 7000 Meter an die von Dr. Blume entwickelten hervorragenden neuen Höhenatmer einzusetzen. Bis zum Fusse des steilen Felsgrates, wo 1963 Lager 4-WTest ( etwa 7500 m ) gestanden hatte, war nun die Bahn frei, aber das provisorische Camp 3 war offenbar noch zu weit unten. Man sollte es um mindestens 150 Höhenmeter nach oben verlegen. Beim Abstieg fanden Axt und Bahuguna einen idealen Platz in etwa 7050 Meter Höhe. Sie wollten also am nächsten Tag das Lager dorthin tragen und dann zum vorgeschobenen Basislager absteigen.

Dort beklagten sich Mazeaud, Mauri und die Vauchers erneut über den ungenügenden Nachschub. Ich erklärte nochmals die Transportstau-ung in Camp i und schlug vor, wir Sah'bs sollten gemeinsam dorthin absteigen und die notwendigsten Lasten herauf bringen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber sie fand keinerlei Anklang. Verärgert nahm ich meine « Kraxe » ( Traggestell ) und ging allein nach Lager i, wo ich das Problem des sich dort anhäufenden Materials mit Dave Peterson besprach.

Mit zwei Sauerstoff-Flaschen - je eine für Wand und Westgrat, um beiden Gruppen gerecht zu werden - stieg ich nun wieder auf. Das Wetter verschlechterte sich zusehends und ent- wickelte sich zum Schneesturm. Am Fusse der gewaltigen Nuptse-Nordwand hörte ich das Rauschen einer Neuschneelawine. Mit einigen Sätzen versuche ich zu entkommen - umsonst. Schon spüre ich den Luftdruck. Mit dem Rücken zur Wand verankere ich mich mit Steigeisen und Skistöcken. Der Pulverschnee braust um mich herum, aber ich kann mich halten. Dann gehe ich weiter im tobenden Sturm, immer den roten Markierfähnchen nach. Auf halber Höhe kommt mir mein Freund Ang Lakpa entgegen. Er hat sich um seinen Bara Sah'b ( « grosser Herr », Expeditionsleiter ) schwere Sorgen gemacht. Nun nimmt er mir die Kraxe ab, was das Tempo beschleunigt. Da entdecken wir eine Traglast, offenbar von einem erschöpften Sherpa zurückgelassen. Jetzt will Ang Lakpa auch diese noch übernehmen, aber das kann ich nicht gestatten. Ich schultere wieder meine Kraxe und gehe weiter. Plötzlich hören wir Hilfeschreie von links oben, von der Westgrat-Route her. Harsh Bahuguna! Ob Wolfgang Axt etwas zugestossen ist? Immer wieder hören wir die Schreie. Wir antworten, bis wir selbst ganz heiser sind.

Inzwischen trifft Axt gegen 17 Uhr allein im Lager 2 ein, völlig erschöpft, mit starren Händen und Füssen. « Harsh kommt nicht »! Sofort gehen Eliassen, Vaucher, Whillans, Mazeaud, Mauri, Steele und Ang Phurba los, dem fehlenden Kameraden entgegen. Der Sturm ist furchtbar, bald wird es Nacht! Im Renntempo von 6500 auf 6800 Meter aufzusteigen ist auch bei gutem Wetter keine Kleinigkeit... aber jetzt! Odd Eliassen ist als erster an der Unglücksstelle, dann Michel Vaucher: « ...sein Zustand ist verzweifelt schlecht. Harsh hat einen Handschuh verloren, sein Gesicht ist von einer Eiskruste bedeckt. Durch einen Karabiner ist er am Geländerseil fixiert, das gestern angebracht wurde. Nur ein paar Schritte, und er wäre im leichten Terrain gewesen. Aber er war derart erschöpft, dass er nicht einmal warmes Zeug aus dem Rucksack geholt hat. Bald ist auch Whillans da. Inzwischen habe ich Bahuguna angeseilt und mit grosser Mühe von dem horizonta- len Geländerseil losgehakt, wobei Eliassen mich sicherte. Wir sind nur drei Mann an der Unglücksstelle. Der Sturm ist heftiger denn je. Die Nacht ist da. Ihn in der Traverse zu tragen ist unmöglich. Wir lassen ihn vorsichtig den Hang hinunter. Nun ist unser Seil zu Ende. Es brauchte viel mehr Leute, um ihn zu tragen... » Whillans querte den steilen Eishang ohne jegliche Sicherung und versuchte vergeblich, den bewusstlosen Bahuguna in den Windschutz einer Spalte herüberzuziehen. Die Rettungsmannschaft befand sich selbst in allergrösster Lebensgefahr. In ihrer verzweifelten Lage war sie schliesslich gezwungen, den Sterbenden seinem Schicksal zu überlassen. Halb erfroren und völlig erschöpft, erkämpfte sie sich den Rückzug.

Wir versammeln uns im grossen Zelt. Man berichtet mir alle Einzelheiten des Rettungsversu-ches. Mazeaud will sofort Wolfgang Axt des Mordes bezichtigen, aber ich verwarne ihn und ersuche alle, nicht voreilig zu urteilen. Wolfgang selbst hat auf Anraten unseres Arztes Schlafmittel genommen, liegt in seinem Zelt und weiss nichts von der Tragödie. Am nächsten Morgen kommt er als letzter zum Frühstück: « Wie geht es Harsh? »-«Weisst Du es noch nicht? Er ist tot! » Wolfgang ist tief erschüttert. Harsh und er waren eng befreundet. Dieser Schlag trifft ihn sehr hart.

Ich leite die Untersuchung, die in mehreren Sprachen geführt und auf Tonband aufgenommen wird: « Warum seid Ihr unangeseilt abgestiegen? » — « Wir wussten, dass unsere Kameraden am Vortage an allen steileren Stellen Seile fixiert hatten. Ich liess Klettergürtel und Karabiner im oberen Lager 3-West. Am Anfang ging Harsh voraus. Gegen 14 Uhr wurde das Wetter plötzlich schlecht, bald tobte ein Schneesturm. Als wir das lange horizontale Geländerseil erreichten - das wir noch nicht kannten -, ging ich voraus und ,hantelte'hinüber. Es war sehr lang und anstrengend. Am unteren Ende wartete ich auf Harsh, der sich sehr langsam bewegte. Infolge des wilden Sturmes konnten wir uns nicht verständigen. Ich wartete eine halbe Stunde, meine Hände und Füsse verloren jegliches Gefühl. Dann sah ich Harsh, der sich mit einem Karabiner in das Geländerseil eingehängt hatte, hinter dem letzten Vorsprung mit einer Hand winken. Alles schien in Ordnung. Keinerlei Andeutung, dass Harsh in ernsten Schwierigkeiten war. Ich machte mir wegen meiner Hände und Füsse Sorgen und setzte den Abstieg fort. Kurz vor Ankunft im Lager hörte ich dann seine Hilferufe und alarmierte die Kameraden. Ich selbst war vollkommen fertig. » - « Warum bist Du nicht bei Harsh geblieben? » - « Ich hatte ja keine Ahnung, wie schlecht es mit ihm stand. Auch hätte ich ihm ohne Seil und Karabiner nicht helfen können. Harsh hatte seinen Klettergürtel und Karabiner, aber ich hätte wieder zu ihm zurückhanteln müssen. Dazu war ich nicht mehr fähig... » In seinem Buch « Montagne pour un homme nu » schreibt Pierre Mazeaud zu dieser Tragödie: « Am folgenden Tag befragt uns Dyhrenfurth — zu unserer Verwunderung und Entrüstung mit dem Ton-Ingenieur der BBC an seiner Seite - nach unseren Gefühlen hinsichtlich der Tragödie. Er hört Wolfgangs Selbstverteidigung, als ob auch nur einer unter uns daran gedacht hätte, unserem Kameraden irgendwelche Verantwortung in die Schuhe zu schieben! » ( Vgl. Mazeauds « Mord-verdacht » gegen Axt«Ich kann es nicht zulassen, dass Don Whillans denken könnte, Harsh sei verantwortlich für seinen eigenen Tod, da er nicht wusste, wie er seine Kräfte schonen konnte. Schliesslich gibt es einen Expeditionsleiter, dessen Pflicht es ist, den Einsatz jedes einzelnen zu begrenzen! » ( Also trifft - nach Mazeaud - die ganze Schuld Norman G. DyhrenfurthDie Tragödie Bahuguna wurde zum Wendepunkt im Expeditionsgeschehen. Toni Hiebeier, dem das Unglück sehr naheging, schrieb mir einen durchaus freundschaftlichen Abschiedsbrief: « ...ich bin seelisch am Boden. Ich kann keinen Schritt mehr in Richtung Berg unternehmen -verzeih. Ich muss nach Hause, weil ich sicher bin, dass ich in München Dir und der IHE mehr dienlich sein kann als hier... Lieber Norman, ich wer- de den Gipfel nicht betreten, aber ich habe in Dir einen lieben Menschen entdeckt, und ich empfinde Dich als meinen Freund - das ist schon sehr viel. Herzlichen Dank für alles!... » Später berichtete die Weltpresse, Toni Hiebeier habe mir « den Rücken gekehrt »!

Der Schneesturm hielt mehrere Tage an; die Lawinengefahr wurde gross. Erst am 24. April konnte der Tote unter grössten Schwierigkeiten geborgen werden. Tagelang war die Trasse durch den Eisfall unterbrochen, mehrere Brücken mussten repariert oder verlegt werden. Der Nachschub erstickte im Neuschnee; bald gab es in Lager 2 nichts mehr zu essen. Erst am 26. April gelang es unseren tapferen Sherpa, die Leiche zum Standlager zu bringen. Zwei Tage später wurde sie - auf Wunsch seiner Familie - in Gorakshep, einige Stunden unterhalb des Standlagers, eingeäschert. Die Asche wird später im Heimatort Dehra Dun beigesetzt.

Die Westgrat-Mannschaft war nun demoralisiert. Nur Wolfgang Axt und David Isles waren noch bereit, den Gipfel auf dieser klassischen Route anzugehen. Odd Eliassen, seelisch « angeschlagen », wollte höchstens die Wandgruppe unterstützen. Mazeaud und Mauri schlugen vor, den Westgrat aufzugeben und sich der Normalroute über Lhotse-Flanke und Südsattel zuzuwenden. Ich war prinzipiell dagegen und versuchte, den Kameraden klarzumachen, dass der Everest auf der Normalroute bereits von fünf Expeditionen bestiegen worden sei und dass insgesamt 23 Bergsteiger aus sechs Nationen auf diesem Wege den Gipfel erreicht hätten. Der kolossale Aufwand der IHE 71 sei beim heutigen Stand des Himalayaismus für die wenig interessante Normalroute nicht gerechtfertigt. Ich bat alle, die infolge Krankheit geschwächte Wandmann-schaft zu unterstützen. Trotz schwerster Bedenken liess ich demokratisch abstimmen: Die Mehrheit der Westgrat-Gruppe war für den Südsattel! Es wurde immer klarer: Mazeaud und Mauri, die ursprünglich in die Wand wollten und dann zum Westgrat übergingen, waren weder am Hauptziel der Expedition ( der SW-Wand ) noch an einem Mannschaftserfolg interessiert. Sie trachteten offentsichtlich nur danach, auf dem leichtesten Wege persönlich den Gipfel zu erreichen, um dann in Frankreich und Italien als Helden gefeiert zu werden. In seinem bereits erwähnten Buch schreibt Mazeaud: « Kein Franzose hat bisher diese erhabenen 8848 Meter erreicht. Werde ich der erste sein?... Carlo und ich verbringen die meiste Zeit in unserem Zelt. Wir sprechen wenig, aber das einzige Gesprächsthema ist der Gipfel! » Auch das Ehepaar Vaucher ist nur am Gipfel um jeden Preis interessiert, vor allem Yvette, die offenbar froh ist, wenn die schwierige Westgrat-Route zugunsten der technisch leichten Südsat-tel-Route ausfällt. Ausserdem - bergsteigerischer Höhenweltrekrord für das weibliche Geschlecht! Ein verlockendes Ziel!

Nach der Abstimmung erkläre ich mich schweren Herzens bereit, mit meiner persönlichen Erfahrung und guten Kenntnis der Normalroute ( bis 8600 m !) behilflich zu sein. Lager 3-Süd wird, wie schon so oft, auf der ersten Terrasse der Lhotse-Flanke errichtet, also in einer Höhe von 6930 Meter. Nicht 7150 Meter, wie Mazeaud, Mauri und Vaucher später behaupteten. Von hier aus benötigten alle bisher erfolgreichen Eve-rest-Expeditionen mindestens drei Wochen, bis von Lager 6-Süd der Schlussangriff auf den Gipfel angesetzt werden konnte. Es ist daher — höflich gesagt - verwunderlich, dass die genannten « Dis-sidenten » der IHE 71 sich und anderen einzureden versuchten, sie seien nur noch vier Tage vom Gipfelsieg entfernt gewesen Die Wahrheit ist: in Camp 3-Süd ( 6930 m ) geht es erst richtig los!

Die ursprüngliche Westgrat-Gruppe löste sich von selbst auf: Axt hatte Grippe, Michel Vaucher hatte Schwellungen im Bein, die der Arzt für Anzeichen einer Thrombose hielt. Beide mussten, begleitet von Dr. Peter Steele und Yvette Vaucher, ins Standlager absteigen. Auch Cleare, Colliver und Howell waren in sehr schlechter Verfassung und mussten hinunter. David Isles, seit seiner Lungenentzündung noch nicht wieder in Hochform, und der ebenfalls kranke Jon Teigland waren an der Normalroute nicht interessiert und befanden sich im Standlager. Plötzlich waren in Camp 2 nur noch Mazeaud und Mauri ( beide 42 ), die den Gipfel mit einigen Sherpa in wenigen Tagen zu erreichen hofften.

Inzwischen erhielt ich wichtige Meldungen von Jimmy Roberts, der sich über den körperlichen und moralischen Zerfall der Mannschaft grosse Sorge machte. Er beschwor mich, den Gedanken an zwei Anstiegsrouten aufzugeben und alle Kräfte auf die SW-Wand zu konzentrieren. Da ich aber den « Welschen » bereits zugesagt hatte, ihren Anstieg auf der Normalroute zu unterstützen, geriet ich in eine böse Zwickmühle. Am Abend des 28. April machten die Sherpa in Lager 2 eine Abstimmung, der wir alle beiwohnten. Die Sherpa waren überzeugt, dass es für den systematischen Aufbau der Südsattel-Route schon zu spät sei. 1963 war unsere erste Seilschaft bereits am i.Mai auf dem Everest-Gipfel! Der Monsun werde wahrscheinlich frühzeitig einsetzen. ( Das stimmte allerdings nicht, wie wir jetzt wissen. ) Jedenfalls waren die Sherpa einstimmig für die Wand, das Hauptziel der Expedition. Mit Ausnahme von Mazeaud und Mauri waren auch alle anwesenden Sah'bs der gleichen Ansicht. Vergeblich versuchten wir, die Vauchers und Axt im Standlager über den wahren Stand der Dinge zu unterrichten. Die Sprechfunkgeräte, die nie gut funktionierten, versagten zwei Tage lang vollständig. Später warf man mir vor, diese Panne sei « rein diplomatisch » gewesen. Auch Dr.Steele wurde beschuldigt, seine Diagnose von Michel Vauchers Thrombose sei ebenfalls nur « Diplomatie » gewesen. Steele habe wegen seiner Lungenentzündung die Dienste von Vaucher als Bergführer durch den Eisbruch benötigt.

Inzwischen arbeiteten die Engländer Haston und Whillans, die Japaner Uemura und Ito, die Amerikaner John Evans ( als SW-Wand-Koor-dinator ) und Dr. David Peterson, der Österreicher Leo Schlömmer und unsere besten Sherpa in der Wand.

Am 29. April stieg ich mit Eliassen, der sich nicht wohlfühlte, und mit Dr. Blume zum Standlager ab. Vor uns gingen Mazeaud und Mauri, die seit der Abstimmung an eine gegen sie gerichtete « Verschwörung » glaubten. Bei unserer Ankunft begrüsste mich die früher so charmante Madame Yvette Vaucher mit wenig schmeichelhaften Worten. Ich besprach die Lage mit Jimmy Roberts und dem Sherpa-Obmann Sona Girme. Am 28. April hatte Jimmy vergeblich versucht, mich in Camp 2 durch Sprechfunk zu erreichen. Die Vauchers, deren Englischkenntnisse äusserst kärglich sind, hatten einige Worte aufgeschnappt und missverstanden. So entstand der groteske Verdacht einer « angelsächsischen Verschwörung »! Von der seelischen und körperlichen Belastung der letzten Tage etwas mitgenommen, bat ich nun Jimmy Roberts, den « Welschen » — die noch immer auf einen persönlichen Triumph via Südsattel hofften - unseren endgültigen Beschluss bekanntzugeben. Darob war der Grossteil der Sherpa und auch der Sah'bs ehrlich begeistert. Die Südsattel-Gruppe erging sich in Wutausbrüchen: Feigheit, Diktatur, Beleidigung von Frankreich und Italien, schlechte Organisation, schwache Expeditionsleitung usw.! Yvette Vaucher ging so weit, mein Zelt mit Steinen zu bewerfen! Die BBC wurde beschuldigt, Radiomeldun-gen gefälscht zu haben. Es bestünde ein geheimes Komplott, dass nur Engländer auf den Gipfel dürften!

Roberts, Evans ( der krankheitshalber heruntergekommen war ) und ich versuchten wiederholt, alle vier zur Teilnahme an der « Direttissima »-Route zu überreden. Alles war umsonst. Am 2.Mai verliessen die vier die Expedition. Die Weltpresse verbreitete folgendes Telegramm: « Man erwartet, dass ich, Pierre Mazeaud, Mitglied der Nationalversammlung, 42 Jahre alt, als Sherpa für Angelsachsen und Japaner arbeite. Niemals! Man hat nicht mich beleidigt, sondern Frankreich! » In Pressekonferenzen wurden die wildesten Anklagen gegen uns verbreitet, aber Mount-Everest-Südwestwand mit den Routen zur Westschulter und zum Lager 6 Photo Wolfgang Axt 2Trägerkolonne kurz nach Lobuche ( 4930 m ). Bildmitte: Pumori ( 7145 m ) 3wischen Lager z ( 6050 m ) und 2 ( 6550 m ) im « Tal des Schweigens », mit Nuptse-Nordivand Photos John Cleare wir konnten uns zunächst nicht wehren — wir hatten andere Sorgen:

In der SW-Wand hatten die Engländer und Japaner inzwischen Lager 4 ( 7500 m ) errichtet. Am 2. Mai stiegen Whillans und Haston gegen Camp 5 ( 8050 m ) auf und fixierten Seile — trotz Sturm, Kälte und Steinschlag. Ein glücklicherweise nicht besetztes Zelt von Camp 4 wurde von einer Lawine mitgerissen. Am 5. Mai wurde Lager 5 installiert... in einer Höhe, bis zu der die Japaner 1969 und 1970 vorgedrungen waren, ohne einen geeigneten Zeltplatz finden zu können.

Zu dieser Zeit erkrankten sieben Teilnehmer an einem merkwürdigen Drüsenfieber. Am 7.Mai 1971 -meinem 53. Geburtstag — wollte ich aufsteigen, um den Schlussangriff zu leiten, aber auch ich war krank geworden. Unser Arzt Dr. Steele war der Ansicht, dass wir uns keinesfalls im Standlager ( 5350 m ) erholen könnten, und schickte uns alle nach Hause. Schweren Herzens verliess ich am B. Mai die Expedition - nicht mit Hubschrauber, wie die Zeitungen schrieben, sondern zu Fuss. Später sprach man von einer Massenhypochondrie, aber der in seriöser klinischer Forschungsarbeit nach Expeditionsende festgestellte Adeno- Virus war keineswegs eine Wahnvorstellung unseres ausgezeichneten Arztes Dr. Peter Steele.

Jimmy Roberts blieb als alleiniger Expeditionsleiter im Standlager; Don Whillans übernahm die Leitung am Berg. Angesichts der stark reduzierten Mannschaft entschloss man sich, die senkrechte Felswand zwischen 8050 und 8450 Meter Meereshöhe nicht in der Fallirne anzugehen. Die « Ausstiegsrisse », die nach links zum Westgrat führen, erwiesen sich als ausserordentlich steile und gefährliche Eisrinnen. Vom Lager 5, wo zwei Zelte im Schütze einer Felsstufe standen, musste man einer schneeigen Rampe schräg rechts aufwärts folgen. Hier wird es immer steiler und schwieriger, im Charakter ähnlich der Mat-terhorn-Nordwand. Der Zeitverlust durch die Bahuguna-Tragödie und den lange anhaltenden Schneesturm war nicht mehr einzuholen. Bei gutem Wetter und mit einer starken Mannschaft wäre die « Direttissima » sicher zu erzwingen gewesen, aber von zwanzig Gipfelaspiranten waren nur noch sechs da, und die Zeit war sehr knapp geworden.

Mitte Mai konnten Haston und Whillans Camp 6 ( etwa 8200 m ) erstellen, dank der aufopfernden Unterstützung durch die Japaner und die treuen Sherpa. Ito und Uemura trugen mehrmals Sauerstoff bis in die höchsten Lager, ohne selbst davon Gebrauch zu machen. Siebzehn Sherpa brachten insgesamt 55 Lasten bis Lager 5 ( 8050 m ); sechs von ihnen machten den beschwerlichen Aufstieg sogar viermal, und zwei trugen ohne Sauerstoff bis Camp 6! Trotzdem erklärt Michel Vaucher in seinen Aufsätzen und Interviews, die Sherpa hätten sich geweigert, in die Wand einzusteigen!

Während Axt die Lager 3-West und 3-Süd räumte, unterstützten Evans, Peterson und Schlömmer die Spitzengruppe bis zum Lager 4 ( 7500 m ). Als Schlömmer zum Lager 6 nachfolgen wollte, bat er Whillans, einen Sherpa nach Lager 2 zu schicken, um seine persönliche Ausrüstung heraufzubringen, worauf Whillans negativ reagierte. Darüber empört, stiegen beide Österreicher zum Standlager ab. Aus einem Brief Schlömmers vom i7.Juni 1971 zitiere ich: « ...wir sollten wieder tragen, helfen, das Camp ( 6 ) zu installieren — und die beiden ( Whillans und Haston ) dann zum Gipfel. Dafür waren wir uns aber zu gut, wir gingen, statt hinauf, hinunter. Hätten wir hinaufgehen können, an der Spitze klettern, die beiden einmal hinunter, hätte die Sache anders ausgesehen... » Dauernd schlechtes Wetter und ungewöhnliche Kälte setzten der Spitzengruppe hart zu. Der dringend notwendige Nachschub begann zu stocken. Bei einer Traverse nach rechts entdeckte Whillans zu seiner Überraschung, dass zwischen dem Südsporn und der Normalroute ( über den SE-Grat ) unschwierige Schrofen und Schneehänge zum Südgipfel führen. Sollte man die Wandroute aufgeben und in letzter Stunde noch einen 4Blick vom Lagers ( yooo m ) zum Lager 2, links unterhalb Bildmitte Photo Dave Peterson 5Brückenbau im Khumbu-Eisfall. Im Hintergrund die Abstürze der Everest- Westschulter 6Im oberen Khumbu-Eisfall ( etwa sgoo m ) 1 John Evans ( USA ) traversiert eine Spalte im unteren Khumbu-Eisfall Photos John Gleare « leichten » Gipfelsieg erringen? Das breite Publikum würde die Expedition dann sicherlich als erfolgreich betrachten. Aber in Bergsteigerkreisen denkt man anders. So wurde die japanische Everest-Besteigung 1970 auf der Normalroute von den massgebenden Leuten als Misserfolg bewertet, weil der geplante Durchstieg der SW-Wand gescheitert war. Auch das Ziel der IHE 71 war die Wand, nicht der Gipfel « um jeden Preis ». Whillans handelte danach: Er kehrte zu Haston zurück, und mit vereinten Kräften erkämpften sie weitere hundert Höhenmeter in einer Eisrinne, die durch die senkrechte Felswand führt. Sie sicherten die Route mit fixen Seilen und stiegen zum Lager 6 ab. Dann hatte auch ihre Stunde geschlagen. Zwar gab es noch Sauerstoff, aber keinen Brennstoff und fast nichts mehr zu essen. Mehr als drei Wochen hatten sie auf über 7500 Meter gekämpft, ohne abzusteigen — ein Weltrekord und Beweis ihrer unglaublichen Härte, aber auch der hervorragenden Qualität unserer neuen Sauerstoffgeräte! Das Zusammentreffen von Schneesturm, Kälte, Steinschlag, Lawinen und ungenügendem Nachschub zwang die beiden tapferen Männer am 21. Mai zum Rückzug.

Ist es wirklich so schlimm, auf der schwierigsten und gefährlichsten Route am höchsten Berg der Welt fünfhundert Meter unter dem Gipfel aufgeben zu müssen? Zweiunddreissig Jahre und zwölf Expeditionen brauchte es, bis der Mount Everest endlich auf der leichtesten Route erstiegen wurde. Der Wunschtraum einer « Weltseilschaft » hat sich nicht verwirklichen lassen. Noch nicht! Ist es richtig, einen Idealisten, der es versucht hat, zu beschimpfen und zu verspotten

Vielleicht kommt die Zeit, die den Erfolg einer Expedition nicht nur im Sinne eines Gipfelsieges zu werten weiss!

1 Voir Les Alpes, mars 1970, pp. 47 à 54.

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