Die Jägernstöcke

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* 9Von Fritz Ineichen

Mit 1 Bild ( 76Luzern ) Jeder Alpinist weiss, dass auch der wenig bekannte Berg seinen grossen Reiz hat. Das gilt vor allem auch für die Jägernstöcke, die wie die Zähne eines Sägeblattes über der Talmulde von Ennetmärcht in den Himmel stechen, hier tausend und auf der schwyzerischen Glattalpseite sechshundert Meter über den Talboden.

Der leichteste Anstieg auf die Jägernstöcke erfolgt von der SAC-Glattalp-hütte aus. Man steigt hinter dem Glattalpsee im Gebiet « Hinter den Steinen » gegen eine gut sichtbare schmale Scharte in die untersten Felsen auf und erreicht hier auf einer Schneeunterlage, die auch in den heissen Sommermonaten 1947 und 1949 bis in den August nicht weggeschmolzen ist, die Terrasse über dem ersten Fluhband.

Zu den schönsten Bildern, die die Jägernstöcke dem Naturfreund bieten, zählt die Wucht der Faltung, die hier in mächtigen Kalkquadern, am Scheienstock, in den Plattenschüssen und in den Türmen der Jägernstöcke, offen zutage tritt. Es sieht vielfach so aus, als ob das Meerwasser aus den gequälten, gepressten und gefalteten Schlammassen eines Urmeeres erst gestern ab-getropft wäre. Aber auch die seltsamen Karbildungen rufen immer wieder dem Staunen. In langen gleichmässig verlaufenden Reihen gleichen sie oft kleinen, grotesk geformten Gebirgszügen, dann wieder den Rückenspornen eines vorsintflutlichen Dinosauriers oder auch nur der Rückenflosse eines heimatlichen Eglis. Diese kleinen Zacken verlangen beim Begehen des Geländes unsere Vorsicht; denn sie sind scharf wie Brotmesser. Vielfältig in Form und Gestalt sind auch die Adern aus Kalkspat im Gestein. So haben wir zwischen dem letzten Scheienstock und dem ersten Turm der Jägernstöcke eine mächtige Platte angetroffen, die akkurat einem schottischen Stoff-muster glich.

Die Jägernstöcke sind stark verwittert. Sie sind vom Odem des Vergänglichen umweht und sind wohl die letzten Vertreter eines mächtigen Gebirgszuges. Der Hauptturm mit dem Gipfelsignal ist in leichter Kletterei zu ersteigen. Die südwestlich gelegenen Nebentürme dagegen sind zum Teil schwierig und exponiert. Zu den sonderbarsten Gebilden zählt der « Pilz », ein Felszahn, der oben dicker ist als unten. Mächtig liegt der Schutt in allen Richtungen der Windrose um die Türme.Vor wenig Jahren muss sich unter diesem Schutt noch Eis befunden haben. Denn bei unserem letzten Besuch der Jägernstöcke trafen wir hier eine vollkommen veränderte Landschaft mit trügerischen Einsackungen und Mulden. Unweit der Jägernstöcke, zwischen dem hintersten Scheienstock und dem Ortstock, liegt übrigens auch eines der vier letzten Gletscherchen im Kanton Schwyz.

Das Niemandsland der Jägernstöcke ist trotz der armen Vegetation nicht langweilig. Jedesmal sind wir hier auf mindestens ein Rudel Gemsen gestossen. Wir haben hier auch den Alpenhasen, einen grossen Kolkraben und im Aufstieg viele Murmeltiere getroffen. Doch das schönste Tiererlebnis brachte uns ein Steinadler, der im Sommer 1949, nicht sehr hoch über uns, majestätisch seine Kreise zog.

Wir sind den Jägernstöcken auch schon von der Südseite her zu Leibe gerückt. Aber dieser Weg über zerklüftete Felsen ist nicht lohnend. Er ist zudem sehr zeitraubend. Das allein Interessante sind die gewaltigen Felsbildungen, die bis zu zehn und mehr Meter tiefen Schluchten, die seltsamen Felskessel, die Tafeltische und Kommoden aus Stein.

Schön aber ist hier wie dort der Tiefblick zum Urnerboden, in das Land Fridolins oder hinab zum blauen Glattalpsee, der Blick hinüber zum wuchtigen Tödi, zum Biferten- und Hausstock oder westwärts weit hinaus zwischen Mythen, Drus- und Forstberge hindurch bis zum Jura.

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