Die Karrenfelder des Excursionsgebietes

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F. Becker, Ingenieur.

Die Karrenfelder des Excursionsgebietes Von Der Alpenclubist, der sich satt geschaut an den grünen Triften seines Thales, steigt hinauf in die Schnee-und Eisgefilde seiner Berge, um die gewaltigen Formen der Hochgebirgswelt auf seinen Geist einwirken zu lassen; an den wilden Gipfeln, von denen aus er sein Vaterland überschauen kann, stählt er seine Kräfte. Der Jäger, der dem flüchtigen Gratthier nachstellt, klettert in den Rasenbändern der Felswände herum, um die sorglosen Gemsen aus ihrer Ruhe aufzuscheuchen und der sichern Kugel seines Kameraden, entgegenzutreiben. Was in den höchsten Alpweiden von der Herde des Schäfers nicht mehr erreicht wird, holt der Wildheuer und der Wurzelgräber. An den verwitterten Gipfeln, in Höhlen und Klüften sucht der « Strahler » nach Krystallen. Ueberall Ausbeutung und Streben nach Genuss und Erwerb! Nur in den Karrenfeldern ist Niemand zu treffen, weil dort nichts zu finden, also auch nichts zu suchen ist. Höchstens der Topograph, der Gebirgsingenieur, dem die betreffende Gegend zur Bearbeitung übertragen wird, treibt sich dort herum und geniesst die Annehmlichkeiten dieser prächtigen Gefilde. Hätte nicht ein solches Karrengebiet noch einige dominirende Punkte, welche der Arbeiter besuchen muss, und von welchen aus er seine grosse und luftige " Werkstätte übersehen kann; er möchte selbst allmälig versteinern und um sein Gemüth eine Kalkkruste sich bilden sehen.

Wenn ich heute, nachdem ich wirklich die Schönheiten dieser steinernen Welt in tiefster Gründlichkeit genossen, etwas erzähle, wie es da oben aussieht, und die Clubisten einlade, sich diese Eigenthümlichkeit unserer Kalkalpen auch einmal anzusehen, komme ich vielleicht damit etwas zu spät; die betreffende Gruppe ist nun nicht mehr offizielles Excursionsgebiet; aber gerade Vielen werde ich trotzdem nicht Altes wiederholen. Meines Wissens ist sowohl Silberen- als Karrenalp nicht sehr viel von Clubisten besucht worden, aus begreiflichen Gründen. Will ich mein Büreaublut wieder kräftiger wallen und meinen Geist höher und freier fliegen lassen, so mag ich doch wahrlich nicht in den Spalten und Eissen der Karren herumkriechen, da steige ich lieber noch weiter empor und stelle mich auf erhabenere Standpunkte, als mitten in solche Wüsteneien hinein. Aber ihren Eeiz haben diese Wüsten auch. Wie nach grauen Regentagen der klare blaue Himmel unser Herz doppelt erfreut, so streifen wir wieder mit doppelter Lust durch die grünenden Alpen, nachdem wir längere Zeit in dem unentwirrbaren Labyrinth eines Karrenfeldes herumgerutscht und uns unfreiwillig in equi- libristischen Künsten geübt haben. Namentlich in der Dämmerung oder bei Nachtzeit ist es ein gewagtes Beginnen, über die wild zerrissenen Kämme " zwischen schwarzen Spalten hindurch zu schreiten. Als einst mein Bruder mich in der Karrenalp aufsuchen wollte, wurde er von der Nacht überfallen und er schickte sich an, mit seinem Führer die Nacht unter freiem Himmel in irgend einem Loche zuzubringen. Glücklicherweise waren sie unserm Nachtlager so nahe gekommen, dass wir ihre Jauchzer in der todtenähnlichen Ruhe, in der die ganze Hochebene da lag, gerade noch erkennen konnten. Wie immer, wenn man zur Nachtzeit in solchen Regionen Nothrufe hört, antworteten wir kräftigst und nach einigem Suchen konnten wir die zwei Männer auffinden und aus ihrer Lage befreien. Ich selbst hatte fast jeden Abend das Vergnügen, solche Wege zu machen, nachdem ich, auf irgend einer erhabenen Zinne stehend, im Eifer der Arbeit den Sonnenuntergang nicht beachtet. Wenn aber die Sonnenscheibe vom Horizont verschwunden und hinter einen fernen Hügelzug unmerkbar hinabgeglitten ist, bricht in kurzer Zeit die Nacht herein, so dass man sich getäuscht sieht, wenn man glaubte, nach dem Sonnenuntergang noch einige Stunden Tag zu haben. Ist man dann vielleicht eine bis zwei Stunden von seiner Hütte weg und packt man erst zusammen, wenn man kaum mehr sieht, dass der Messtisch drei Füsse hat und nicht vier, so mag man dann zusehen, wie man zu seiner Abendsuppe am Hüttenfeuer gelangt. Braust noch ein Gewittersturm hinterher, so wird das Bild vollständig. Jeder Fehltritt wäre gefährlich und nirgends erfährt man den Nutzen des Bergstockes besser als in diesen zerrissenen Felsmassen; da dient er als eigentliches drittes Bein, die Hände aber müssen mithelfen wie auf keinem andern Terrain.

Die Karrenfelder sind mir immer als versteinerte Gletscher erschienen; sie erinnern in ihrer eigenartigen Bildung oft daran. Starrt einem aber in den Gletschergebieten überall der Tod entgegen, die kalte, abgetödtete Natur, so ist dann das Höchste erreicht, wenn dies Kalte und Starre noch versteinert. « Brrr, hör'auf, sonst findest du noch irgend wo in einem finstern Loch ein bleiches Gerippe! » Nein, so weit wollen wir jetzt nicht gehen; wenn ich aber gerne in solche Schilderungen verfalle, so mag man es mir zu gute halten, nachdem ich etwa 8 Wochen mich in den Karrenregionen aufgehalten. Es wäre aber auch nicht recht, wenn die Clubisten, welche beim dampfenden « Pfifli » den grossen grauen Mischmasch in unserer Excursionskarte betrachten, nicht hören müssten, wie der dort gelebt hat, dem das Gebiet zur Bearbeitung überwiesen wurde. Bewunderung will ich keine, so wenig als Mitleid, aber eine milde Beurtheilung lasse ich mir gefallen. Ich will auch nurr um den geehrten Lesern eine objective Schilderung dieses Theiles des Excursionsgebietes nicht zu lange hinauszuziehen, einen Aufzug in 's Gebirge vormalen, wie ich ihn erlebt.

Es war am Bettag ( 14. September ) 1876; der in der zweiten Hälfte August und ersten Hälfte September neugefallene Schnee hatte uns nicht weniger als fünf Mal in 's Thal hinunter getrieben, jedesmal stiegen wir wieder hinauf, mit Lebensmitteln und Kochgeschirr versehen.

Die Karrenfelder des Excursionsgebietes.8& ( Ich will gleich hier bemerken, dass der einzig richtige Kochapparat bei solchen längern Aufenthalten im Hochgebirge eine kleine Pfanne oder ein Kochkessel ist. Damit ist man unabhängig -von allen Zufällen; Holz findet man meistens oder kann es selbst herbeischleppen, um sich vor der Kälte zu schützen. Hat man noch Mehl, Butter und Salz bei sich, nebst Brod, Käse und Schnaps, was überall zu beschaffen ist, so ist man bei geringen Ansprüchen und Gewöhnung an leibliche Entbehrungen vollständig genügend ausgerüstet. ) Das letzte Mal flog uns in der elenden Schäferhütte auf der Erixmatt, die neben dem verwilderten Schäferburschen noch seinen vier Ziegen als Unterkunft gedient hatter Nachts im Lager der Schnee um die Nase und beschwerte uns auf sehr unangenehme Weise unsere Decke. Wenn man sich noch vorstellt, wie weich wir auf den leeren harten Brettern gebettet waren, in am Feuer nur schlecht getrockneten Kleidern, so wird man uns glauben, dass wir am Morgen trotz dem heulenden Schneesturm dieser unwirthlichen Stätte den Rücken kehrten und den Heimweg antraten. In der Hoffnung, doch wieder hinaufzukommen, liessen wir Kleidungsstücke, Lebensmittel und den Kopf des Gletscherpickels zurück, was dann in den folgenden Tagen beim gräulichsten Unwetter nebst sämmtlicher Habe des ebenfalls entflohenen Schäfers gestohlen wurde. Einzig einen alten, aber noch ganzen Rock fanden wir noch, der allerdings nicht gerade nach der neuesten Mode geschnitten war; vielleicht dass dieser Umstand den Schelmen bewogen, das Kleidungsstück zu verschmähen.

Also an jenem besagten Sonntag, nachdem die 90F. Becker.

Witterung sich etwas zum Bessern gewendet zu haben schien, brachen wir um Mittag von Linththal auf, unser drei, zwei Träger und meine Person als Direktor der Vermessungsarbeiten. Im braunen säubern Wirthshaus auf Braunwald, einem Bergwirthshaus Echtesten Stils, fassten wir noch mehr Proviant, auch noch die letzte Milch für 6 Wochen. In Folge des starken Schneefalles waren die obersten und mittlern Alpweiden verlassen worden, so dass uns dieses Nahrurigsmittel fortan fehlen sollte. Am Oberstafel der ebenfalls verlassenen Braunwaldalp beluden wir uns noch mit Holz und Heu, so dass wir wie zu einer Nordpolexpedition ausgerüstet nach der Karrenalp hinaufstiegen, wieder unter ungünstigen Witterungsauspizien. Wer nun etwa meinen möchte, der Ingenieur habe bloss sein Fernglas und Cognacftäschchen umgehängt, den leichten Stock in der Hand, die Säcke mit Havannah gefüllt, der wird sich bedeutend täuschen. Angehängt hatte ich meine Tasche mit Notizbüchern, Zeichnungsmaterial etc. und " wirklich die Schnapsflasche mit gutem Tresterbrannt-wein, auf dem Rücken den bepackten Tornister mit aufgerollter Wolldecke, in der einen Hand den Kessel voll Milch, in der andern den Stock. Obendrauf kam noch ein schönes Bündel Heu in einem grossen Shawl, dessen vier Zipfel zusammengebunden und über den JKopf gehängt wurden. So bepackt wie das ärmste Lastthier — meine zwei Träger hatten auch nicht leicht am Instrument, Holz und Proviant für eine Wocheverliessen wir die obersten Hütten und trafen bald den frisch gefallenen Schnee. Da konnten wir im knietiefen Schnee aufwärts waten, jeden Augenblick versank einer bis unter die Arme in einem Loch der zerrissenen unwegsamen Karren. Allmälig brach auch die Nacht herein und zwar recht finster, indem es zu guter Letzt wieder erbärmlich vom Himmel zu schütten begann. Glücklicherweise waren wir mit der pfadlosen Oertlichkeit vollständig vertraut, sonst wären wir elendiglich stecken geblieben. Bei dunkler Nacht und tropfnass kamen wir endlich vor der verlassenen Schäferhütte der Erixmatt an und nachdem wir die als Thüre dienenden Bretter weggeschoben, nahmen wir siegreichen Besitz von der mühsam erkämpften Position. Wir hätten es nun wahrlich verdient, dass wir ein warmes, schützendes Obdach gefunden hätten, mit trockenen Kleidern, brodelnder Suppe und weichem Lager. Aber o weh ', da sah 's schön aus. Nachdem wir Feuer gemacht und etwas verschnauft hatten, konnten wir erst wieder mit der Arbeit beginnen, die nämlich darin bestand, die halb mit Schnee gefüllte Hütte ihres Inhalts zu entleeren. Namentlich dort, wo wir nachher unser Haupt hinlegen mussten, lag eine schöne Masse, die wir theils mit einer alten Schaufel, theils von Hand wegräumten. Lagerheu war also gerade noch so viel da, als ich zu den andern Sachen noch hinaufgebracht hatte. Erst jetzt konnten wir uns an einer forschen Mehlsuppe erwärmen. Wie so eine Nachtruhe schmeckte, in den nassen Kleidern, in einem Nest, das kaum für zwei ordentlich Platz hatte, an der nassen Mauer, durch deren Löcher der Wind pfeift und der Schnee herein fliegt, in einer Höhe von 7000 Fuss, will ich nicht ausmalen. Das überlasse ich der Phantasie derjenigen Bergsteiger, die ihre schauerlichsten Touren beim Biertische machen und den mit offenen Mäulern dasitzenden Flachländern ihre allerdings nur in ihrem bierdurchwärmten Gehirn existirenden Heldenthaten vorposaunen. Die zwei folgenden Tage waren ganz abscheulich; meine zwei Begleiter zogen Morgens aus, um aus den einige Stunden entfernten obersten Alphütten trockenes Holz herauf-zuschleppen, eine schöne Arbeit bei diesem Hundewetter und dem erbärmlichen Weg. Ich, als Hüter unserer Schätze, konnte den ganzen Tag in der Hütte kauern, die weder Fenster noch Rauchabzug hatte, nur vier Mauern und ein Dach darauf, von welchen Mauern noch eine halb eingestürzt war. Erst am dritten Tag konnte ich mit der Arbeit beginnen und sie, mit Ausnahme von einigen Regentagen der nächsten Woche, vom besten Wetter begünstigt in den folgenden 6 Wochen zu Ende führen. Während dieser Zeit betrat ich kein bewohntes Haus mehr, sah kein Bett und kam nie aus den Kleidern heraus. Morgens vor Tagesanbruch wurde die Suppe gekocht, Abends mit den Sternen kamen wir wieder in 's Quartier, den Tag über Brod, Käse und Schnaps. Das ganze Gebiet war ausgestorben, alle Wochen konnten wir uns vom Thale auf verproviantiren. Grosse Noth litten wir am Wasser. In den Karren selbst ist selten solches zu finden, da alles versiegt, und auch in den nächsten Sennhütten tropfte oft kaum in einem halben Tag ein Kessel voll aus dem trübseligen Brünnchen. Es gibt da Alpweiden, die so trocken sind, dass bei lange andauerndem guten Wetter die Alp gänzlich verlassen werden muss, nachdem das in eigens dafür erstellten Gruben gesammelte Eegen- wasser alle geworden. Bei der brennenden, von den Karren unbarmherzig reflektirten Sonnenhitze mussten wir zerschlagenen Gletscher in unsere Feldflaschen einfüllen und das Schmelzwasser von Zeit zu Zeit aussaugen. Dazu acht Tage altes Brod und trockener Käse bei der stark anstrengenden geistigen und körperlichen Arbeit, 8-10 Stunden Marsch und Klettern bergauf und bergab, über Felsen und Karren, wahrlich kein Sybaritenleben. Hat man dann seine Pianchette mit Müh'und Noth fertig gebracht ist sie in Bern gestochen gedruckt worden, so riskirt man erst noch, dass ein Kritiker dahinter geräth da dort eine Horizontalkurve zu wenig oder zu scharf gebogen findet. Wie aber solche Horizontalkurven oft gezeichnet werden müssen, mit knurrendem Magen und frosterstarrten Fingern, 10,000 Fuss über Meer, daran denkt eben nicht jeder Beschauer und Benutzer der Karte. Der freundliche Leser entschuldige diese Worte, die in der Erinnerung an jene Strapazen geschrieben werden, unser Beruf wird oft gar merkwürdig -beurtheilt.

Kommen wir wieder zurück auf unser Thema. Die Excursionskarte für 1876/77 enthält wohl die ausgedehntesten Karrenfelder der schweizerischen Alpen. Sie erstrecken sich nicht nur auf einzelne Bergrücken, sondern auf ein ganzes Hochplateau, und wenn um dasselbe die Vegetationskurven ganz unschuldig braun herumlaufen, so ist doch auch der Weidboden von halb überwachsenen Karren durchsetzt, ja sogar im Walde kommen sie noch vor.

In unsern altern Karten sind die Karrenfelder nicht besonders angegeben, man weiss nicht, ob diese Flächen Vegetation besitzen, ob sie von Sand, zerbröckeltem Gestein oder Felstrümmern bedeckt sind. Erst durch die Manier unserer neuen topographischen Karten, resp. der Originalaufnahmen zum Dufouratlass, wurde es möglich, diese Flächen nicht nur als von aller Vegetation entblösste anzugeben, sondern auch noch die Zerrissenheit und Eigenart des Terrains anzudeuten. So entsteht dann auch ein eigenthümliches. Bild, das sich, grau in grau gemischt, stark von den umgebenden Alptriften abhebt.

Sehen wir zu, warum hier diese ausgedehnten Karrenfelder zu treffen sind. Die erste Bedingung zur Bildung der Karren oder Schratten ist die Gesteinsart. Diese haben wir hier in der besten, unverfälschtesten Qualität; zuerst die Kreide, worunter namentlich der realste Schrattenkalk, Gault und Seewerkalk, welche Kalke dann wieder höchst ansteckend gewirkt haben auf den benachbarten Hochgebirgskalk oder weissen Jura. Die erstem treffen wir auf der Silbern bis an den Rand des Eätschthales; Pfannenstock und Karrenalp sind jurassisch. Alle diese Gesteinsarten sind in einem gewissen Grade im Wasser löslich, namentlich im Kohlensäure haltigen, und dieses ist es auch, dem wir die Bildung der Karren zuschreiben müssen. Keine Gesteinsmasse ist durch und durch homogen; abgesehen von den darin etwa enthaltenen Versteinerungen sind einzelne Partien leichter löslich als die andern. Kann das Wasser lange Zeit hindurch einwirken, so entsteht eine unebene Oberfläche.Damit ist der Anfang gemacht; von den erhabenen Stellen läuft das Wasser ab, den Die Karrenfelder des Excursionsgebietes.95- tiefern zu, diese immer mehr vertiefend. Je ungleich-artiger die Gesteinsmasse ist, desto unregelmässigere Formen entstehen. Im scheinbar ganz gleichen Gestein können die verschiedensten Karrenbildungen auftreten, aber immer die gleichen Formen in zusammenhängenden Komplexen. Da treffen wir eine viel hundert Schritt ausgedehnte, vollkommen ebene, schwach geneigte Fläche mit parallel, aber gar nicht in der Richtung des Wasserabflusses laufenden Rinnen, hie und da durchsetzt durch grosse tiefe Spalten mit genau parallelen Wandungen. Hart daneben finden sich die sogenannten « Steinwaben », wie Honigwaben aussehende Karren; dann schwammartige Bildungen, Trümmermeere, rundliche breite-Rücken mit schmalen Spalten, messerscharfe schmale Gräte und zackige Riffe mit tiefen gähnenden Löchern,, Platten, kurz alle denkbarsten Formen. Oft kann man durch ein Loch hinab, durch ein anderes wieder heraufsteigen; ein hineingeworfener Stein lässt ein lange andauerndes immer dumpferes Rollen hören, das Wasser verliert sich natürlich spurlos.

Die Oberfläche der grossen Formen ist ebenso unregelmässig; oft glatt, wie abgerieben, meistens aber voll Unebenheiten und namentlich oft mit spitzen Nadeln besetzt, die empfindlich in 's Fleisch hinein fahren können, wenn man etwas unvorsichtig die Hand aufsetzt. In erster Linie stehen die Versteinerungen vor,, die entweder in wunderlichen Knollen oder in bestimmten, Formen, immer aber noch sehr fest mit der Oberfläche-verbunden, darauf sitzen. Im Kleinen sind aber die Rinnen breiter, die Gräte schmaler, was im Grossen meist umgekehrt ist.

96F. Becùer.

Bei solcher Bodenbeschaffenheit ist das Verfolgen eines bestimmten Weges sehr mühsam und zeitraubend, oft sogar unmöglich, wenn man sich auch auf alle Viere gelassen hat. Auf einer kilometerlangen Strecke kann man eine volle Stunde zwischen den Gräten und Trümmern durchkriechen; die schönste Zeitberechnung wird zu Schanden, wenn man in ein solch trügerisches Labyrinth hineingeräth. Das Gestein selbst ist so hart, dass die Stahl- und Eisennägel der Schuhe demselben durchaus nichts anhaben können, so dass man bei der kleinsten Neigung leicht ausglitscht, und wehe dem, der zum Falle kommt. Die scharfen Nadeln und messerartigen Rücken reissen die Hände auf, in den Spalten könnte man sich die Glieder nicht nur abbrechen, sondern förmlich abschneiden, von den stark exponirten Kleidern gar nicht zu reden. Es ist also die grösste Vorsicht nöthig, in der gleichen Minute kann man seiltanzen und kriechen.

Eine fernere Einwirkung auf die Karrenbildung liât die Höhenlage. Die günstigste Höhe ist die Grenze der Schneeregion, wie wir sie in unserm Falle wirklich iaben. Hier bleibt der Schnee eine grosse Zeit des Jahres liegen, selten geht aller fort und bei kalten Sommern schneit 's da droben gewöhnlich, wenn 's im Thale regnet. Dieser Schnee hält dann die Oberfläche länger nass als das schnellabfliessende Wasser. Wie gross der Schneereichthum hier ist, beweist der Umstand, dass die Hütte auf der Erixmatt in der Höhe Ton 2090 m Mitte Juli 1876 erst mit dem Dache aus dem Schnee hervorragte. Am Grieset oder bösen Faulen, sowie am Ortstock und Pfannenstock konnten sich auch kleine Gletscher bilden, während das übrige Gebiet dazu nicht geeignet ist. Lawinen können wenige entstehen und dadurch auch keine grossen Schneemassen aufgehäuft werden. Eine Spur einer Moräne haben -wir vielleicht in dem Querwall am Fusse des Kirchberges, mit der Höhenzahl 1933 m.

Die Karrenbildung wird endlich auch noch erleichtert durch den geologischen Bau des Gebirges, durch starke Faltungen, und Knickungen. Von solchen haben wir in unserm Gebiete sehr schöne Beispiele. Sind die Falten gross, als flache Gewölbe, so entstehen grosse Hochflächen ohne Felswände; sind sie klein, stark geknickt, so wird das Gestein aufgerissen, von feinen Klüften durchsetzt und daher der Zerstörung resp. Auflösung durch das Wasser mehr preisgegeben. Auf den Stollen habe ich Falten bemerkt, die so stark gekrümmt sind, dass man zwischen die sich ablösenden Schichten hinein kriechen kann. Die Silbern ist ein grosses flaches Gewölbe; gegen das Rätschthal, dieses gestreckte, enge und tiefe, in der allgemeinen Streichrichtung der Alpen liegende Alpthal, welches das Hochplateau in zwei Theile theilt, zeigen sich kleinere Falten mit fast senkrecht stehenden Schenkeln; der Pfannenstock bildet wieder ein Gewölbe, das im Braunalpeli aufgeschlossen daliegt. Sehr starke und bis zum Radius von einigen Fuss gehende Fältelung beobachten wir im langgestreckten First und dann in grösserem Massstäbe und prachtvoll ausgeprägt im Ortstock. Im Fuss des Kirchberges, First und Pfaffen steigt der braune Jura aus der Tiefe auf und ermöglicht die Vegetation mitten im Hochgebirgskalk. Durch die.

Bäche wurde das starkverwitterte Gestein und der Humus in die Karren hinausgeführt, die mit einer Erdschicht bedeckt werden. Da dieselbe das Wasser nicht durchsickern lässt, entsteht Sumpf; in tiefen kraterartigen Löchern versiegt das Wasser der Bäche, um unten im Bisithal wieder als Quelle hervorzubrechen. Dies zeigt sich sowohl in der Glattalp, als in der westlichen Karrenalp. Die Märenberg-Ortstockkette weist wieder den weissen Jura mit voller Karrenent-wicklung auf.

Am besten gelangt man in dieses Karrengebiet, wenn man keinen andern Zweck hat, als einmal schön entwickelte Karren zu sehen, vom Pragelpass aus auf die Höhe der Silbern ( 2314 ), in lVa bis 2 Stunden bei kundiger Führung. Ferner vom Bisithal aus über Bärensool-Geitenberg oder Melchberg nach der Karrenalp oder von Linththal aus über Brach- oder Braunwaldalp. Will man das ganze Gebiet durchstreifen, so hat man die Wahl zwischen folgenden Uebergängen: Vom herrlichen Klönthal aus durch das Rossmattthal, Drecklochalp, Braunalpeli auf die Braunalpelihöhe ( 2245 m ) zwischen Faulen und Pfannenstock und dann an der Erixmatt vorbei über Brach- oder Braunwald nach Linththal. Wird der erstere Abstieg gewählt, so mögen weniger geübte Gänger den Weg durch die sog. Kuhfahne unter dem Euloch nehmen, indem der sog. Bärentritt einen schwindelfreien Kopf und sichern Fuss erfordert. Entfernung von Klönthal nach Stachelberg 7 — 8 Stunden. Ferner aus dem Muotta- und Bisithal über Melchberg oder Bärensool-Geitenberg über die Karrenalp nach Linththal hinunter ( 7—8 Stunden ), oder endlich über Milchbühlen und die Glattalp über die Furkel zwischen Ortstock und hohem Thurm nach Brach und Linththal. Sämmtliche drei Partien sind sehr lohnend, die letzte ist die mühsamste und zeitraubendste. Durch das sog. Bockalpeli und Firnerloch gelangt man von der Gwalpetenalp im Bisithal nach dem Urnerboden hinüber, aber der Weg ist auch nur für geübtere Berggänger geeignet.

Mit der Tour über die Glattalp liesse sich sehr leicht eine Ersteigung des Ortstockes verbinden, mit Uebernachten in dieser Alp. Von der Furkel aus ist der Gipfel sehr gut zu erreichen, und lohnt die Mühe reichlich mit umfassender Rundsicht. Einen andern Aufstieg führte in den Sechzigerjahren Herr Rathsherr Hauser von Glarus aus, indem er direkt vom Euloch aus durch die Kehle hinaufkletterte* ). Der sehr heikle Uebergang auf den östlichen Gipfel konnte damals wegen schlechter Witterung nicht ausgeführt werden. Eine sehr interessante und nicht gar schwierige Kletterpartie ist diejenige über die Jägerstöcke und Märenberge.

Unbetreten ist unseres Wissens noch der Hohe Thurm, die höchste Spitze des Kirchberges, die sich wirklich thurmähnlich erhebt. Der einzig mögliche Zugang ist über den westlichen Grat hinauf. Ebenso geübte und muthige Gänger erfordert der böse Faulen, der von der Südseite aus, an den sog. Fenstern vorbei, in Angriff zu nehmen ist. Die grossartigste Aussicht lohnt den Steiger. Der südwestliche Gipfel des Grieset,Vergi, pag. 77 u. ff.Anm. der Red.

der simple Faulen, ist ein beliebtes Wanderziel für die Bewohner des Linththales*). im Hochsommer trifft man jeden Sonntag eine muntere Gesellschaft von Männern, Knaben und Jungfrauen, die sich den rauhen Weg nicht reuen liessen, um einmal einen Blick in 's schöne Schweizerland hinauszusenden. Das Nachtlager wird gewöhnlich auf Brach- oder Braunwaldoberstafel bezogen; der Abstieg kann in 's Klönthal hinüber genommen werden, über die Braunalpelihöhe. Bessere Gänger wählen beim Aufstieg den Weg durch das sog. Kamin an der Stelle des Buchstabens e im Worte Faulen auf der Excursionskarte. Wer von Zürich oder überhaupt von der Nord- und Ostschweiz aus die breite Mauer des Grieset erblickt, kann sich wohl vorstellen, dass man von da oben prächtig in 's Flachland hinunterschauen kann. Ebenfalls leicht ist der Pfannenstock zu ersteigen, wobei man den vollkommensten Einblick in die grossartige Karrenwelt hat. Aufstieg entweder von der Südseite von den Kirchbühlen weg, oder vom Sattel zwischen Rätschthal und Kratzeren. Von der Kuppe der Silbern aus imponirt namentlich die stolze Glärnischgruppe und der wilde Grieset.

Trotzdem die in diesem Gebiete liegenden Alpen sämmtlich der reichen Oberallmendkorporation gehören, sind die Wege im allgemeinen schlecht, von verbessernder Menschenhand ist selten eine Spur zu erkennen. Namentlich möchte ich hier den Zustand des Pragelpasses rügen. Während man denselben früher noch mit Pferden begehen konnte, ist dies heute fast unmöglich,VergL pag. 68 u. ff.Anm. der Ked.

wenn man nicht die Thiere riskiren will. Der schlecht erhaltene Weg gereicht dem Kanton Schwyz durchaus nicht zur Ehre. Bis zur Kantonsgrenze im Gampel ist von den Glarnern ein mit kleinen Wagen passir-barer Weg erstellt worden; aber von dort erkennt man nicht mehr, dass man auf einem verhältnissmässig milden Pass zwischen zwei Kantonen wandelt. Von jungen Knaben, *die sich im lieblichen Kichisau aufgehalten, ist an einer Stelle ein Wegweiser aufgepflanzt worden, sonst fehlt alles, mit Ausnahme zweier Ruhhäuschen. Der Weg führt meistens über Prügel oder Platten durch die sumpfigen Weiden, und namentlich auf der Muottathalerseite thut man gut, neben dem Wege zu bleiben, wenn man nicht zwischen den herrlichen Pflastersteinen oder in den Steintreppen die Füsse verstauchen will. Ihr Muottathaler, die ihr in einem so lieblichen Thale wohnt als andere Leute, thut auch Etwas, um den Touristenverkehr zu beleben! Wo es sich um eure berühmte Viehzucht handelt, versteht ihr das Geschäft besser, das sieht man an den soliden und geräumigen Schatt- und Melkställen auf den meisten eurer Alpen.

Was die Namengebung in diesem Gebiete anbetrifft, finden wir da eigenthümliche Zustände! Wie viel Namen hatte der Grieset schon bekommen? Grieselt, Grisset, Kieselt oder gar Keiselt, wie irgend ein Scribent herausgebracht haben mag, der unsere Gebirgsnamen in sein gutes Hochdeutsch übersetzen wollte, alle möglichen Combinationen der Buchstaben g r s e t i e. Der ganze Berg ist von « Riesenen » umgeben, was man in der Volkssprache eben « g'rieset » nennt. « Faulen> von. der starken Verwitterung, « böser Faulen » wegen der schwierigen Ersteigung. Möge nun einmal Ruhe in dieser Kieslerei eintreten. Von auf den altern Kartenausgaben vorkommenden Namenirrthümern will ich nicht sprechen, das gäbe ein ganzes Kapitel; aber darauf kann ich aufmerksam machen, dass der Sprach-, gebrauch im Volke selbst oft auch kuriose Dinge zuwege gebracht hat. Der Felskessel unter dem Euloch heisst bei den Schwyzern Pfanne, bei den Glarnern Fahne, speziell Kuhfahne. Was die Glarner Fahnen-stöckli nennen, heissen die Schwyzer Hoher Thurm, als höchste Spitze des Kirchberges. Dagegen haben sie den Pfannenstock, der früher vielleicht von seiner Form her Stollen geheissen hat. Ferner nennen die Glarner, wenigstens die Hirten auf der Brächalp, sonst hörte ich diesen- Namen nie, den östlichen Gipfel des Ortstockes Blätstock, während die Schwyzer einen Flätstock ob Erixmatt haben.

Auch mit den Grenzverhältnissen hat es hier seine eigene Bewandtniss; die glarnerische Drecklochalp reicht noch in das Schwyzergebiet hinein, d.h. der Glarneralpbesitzer hat das Recht, seine Kühe so weit auf Schwyzergebiet zu treiben, als dieselben Gras finden. Braunalpeli und Kratzern werden im einen Sommer von den Glarnern, im andern von den Schwyzern genutzt. Ein bekannter Grenzstreit drehte sich um das Euloch ( schwyzerisch Heuloch ) und Bockalpeli am Fusse des Ortstockes.

Auf unsere Karrenfelder zurückkommend, können wir uns noch nach- dem Alter derselben fragen. Sie sind wohl zum Theil jünger, zum Theil älter als die Eiszeit der Erde, wenigstens finden sich oft an erratischen Blöcken Spuren alter Karrenbildung. Jedenfalls dauerte es Jahrtausende, bis sich die Karren in solcher Entwicklung bilden konnten; schon der Umstand, dass sich so viele Sagen und Aberglaube an die Karren oder Schratten knüpfen, deutet auf ihr hohes Alter. Wie stark der Hochgebirgskalk der Verwitterung widerstehen kann, sah ich auf der Kammlialp am Fusse des Kammlistockes. Dort liegt vor der Hütte ( 2100 m ) in den Karren eine Platte, über welche Menschen und Vieh schon seit vielen Jahrzehnten gewandelt, auf der aber trotzdem zwei eigenthümlich geformte Buchstaben und die Jahrzahl 1789 noch ganz deutlich erhalten sind. Die weisse Spur eines Schlages mit dem spitzen Hammer zeigt sich noch nach einer Reihe von Jahren. Was aus den Karrenfeldern noch werden wird, ist wohl ziemlich einfach. So weit die Vegetation von den Alpweiden herauf sich einnisten und siegreich ausbreiten kann, werden die Karren davon bedeckt werden. Wo das aus klimatischen Gründen nicht mehr möglich ist, wo auch die Zerrissenheit des Terrains eine zu grosse ist, werden die Karren Karren bleiben und immer noch wüster sich weiter formen.

Wenn ich nun zum Schlüsse dem Clubisten, den ich verleitet haben möchte, diese eigene Welt einmal genauer kennen zu lernen, noch einen guten Rath geben kann, so ist es derjenige, nie ohne Compass, eine Karte darf ich ja voraussetzen, in diesen Höhen herumzustreifen. Wie misslich man da steht, wenn heimtückischer Nebel die Orientirung unmöglich macht, haben z.B. vor etlichen Jahren einige Luzernerclubisten erfahren.

Die Karrenfelder des Excursionsgebietes. 10& Immer mit Verwünschungen der pfadlosen Oede erzählte ein ehemaliger Pächter der Karrenalp, wie er und seine Knechte, nachdem sie schon jahrelang Schafe aufgetrieben, einen ganzen Tag lang umherirrten und nachdem sie sich weiss Gott wo glaubten, auf den Punkt zurückgelangten, von dem sie Morgens sich verlaufen hatten. Ich selbst könnte auch erzählen, wie mein zweiter Gehülfe mit seiner schweren Bürde sich in die Wände verstieg und ohne unsere Erlösung Tag seines Lebens seinen Bestimmungsort nicht gefunden; hätte. Also den Compass nicht vergessen und dann Glück auf zu einer Expedition in diese steinerne Weltt

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