Die «Landtafeln» des Johann Stumpf

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Mit 2 Kartenbeilagen.Von Leo Wei«

( Zürich ).

Die im Jahre 1547 erstmals in der « Eidgenössischen Chronik » erschienenen und 1552 selbständig herausgegebenen Karten des Johann Stumpf sind von so grosser kulturgeschichtlicher Bedeutung, dass es am Platze ist, ihnen einmal eine gebührende Würdigung zu widmen. Stellen doch diese bei Christoph Froschauer in Zürich gedruckten « Landtafeln » den ersten Vorstoss dar, unabhängig von den Ptolomäus-Karten, welche vom 15. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts die eigentlichen Kristallisationspunkte der kartographischen Neuerungsbestrebungen bildeten, eine in Format und Darstellung einheitliche Sammlung von Landkarten zu schaffen. Und zwar eine Samm- lung, die in zahlreichen Spezialkarten auf ein einziges Land, auf die Eidgenossenschaft, ausgerichtet war und auch in dieser Beziehung eine Neuheit bildete, die lange Zeit Unikum blieb. Die später entstandenen « Atlanten » suchten stets die ganze Erde darzustellen. Dieser erste « Schweizer Atlas » verfolgte andere Ziele. Ursprünglich dienten seine Karten als Orientierungstafeln zu den Erzählungen der grossen Chronik von Stumpf, deren Aufgabe es war, die Eidgenossenschaft aller Welt als unabhängigen, selbständigen Staat im Werden und Wesen vorzustellen, ihre Stellung in Europa und ihr Verhältnis zu Frankreich und Deutschland zu schildern, und ihre Glieder nach Gauen einlässlich zu beschreiben. Bei der Lösung dieser Aufgabe griff Stumpf mit sicherem Gefühl zum Zeichenblei, um je eine grössere Karte von Europa, Gallien, Germanien, Römisch Helvetien und der Eidgenossenschaft, ferner acht kleinere Spezialkarten von Thurgau, Zürichgau, Aargau, Wiflisburg- ( Avenches- ) Gau, Alpgebirg ( mit Tessin ), Bünden, Wallis und Rauracia zu zeichnen. Er schuf durch sie wesentliche Ergänzungen zu seinem Buche, dessen Inhalt unversehens zu einem ausführlichen historisch-geo-graphisch-ethnographisch-ökonomischen Kommentar der prächtigen Karten wurde.

Die viel spätere Beobachtung: « Kein Eindruck haftet dauernder als derjenige, welcher unmittelbar auf unsere Sinne wirkt; so auch graphische Darstellungen, die uns die Phänomene der physikalischen Geographie übersichtlich vor Augen legen. Sie bringen das erst gleichsam ins Leben, zur lebendigen Anschauung, was in der schriftlichen Darstellung oft als toter Buchstabe verborgen liegt » ( H. Berghaus, 1837 ), erwies sich auch am Werke Stumpfs schon im 16. Jahrhundert als richtig. Die begehrten Karten der Chronik mussten gesondert herausgegeben werden und wurden jahrzehntelang fast jedes Jahr neugedruckt, bis Ende des 16. Jahrhunderts bessere Karten an ihre Stelle traten. Während all dieser Zeit machten sie aber die Eidgenossenschaft nicht nur im Ausland bekannter; sie brachten die Heimat auch den Eidgenossen selbst: näher. Erst aus diesem stark verbreiteten Atlas bekamen weiteste Kreise des Schweizervolkes vom eigenen Lande erstmals einen wirklichen Begriff, ein geographisches Bild. Was das bedeutete, wird uns an dem ähnlichen Erlebnis des Gutsherrn in Goethes « Wahlverwandt-schaften » klar, der die neu aufgenommene Karte seines Besitztums betrachtete und dabei seine Güter nicht nur « auf das deutlichste aus dem Papier wie eine neue Schöpfung hervorwachsen sah », sondern: « Er glaubte sie jetzt erst kennen zu lernen; sie schienen ihm jetzt erst recht zu gehören. » — So war es auch mit den Stumpf-Karten. Sie vermittelten nicht nur eine bessere Kenntnis der Schweiz, sie stärkten auch das Zugehörigkeitsgefühl in der Brust der sie betrachtenden Eidgenossen.

Diese Leistung und Wirkung verleihen den Stumpf-Karten eine weit über das kartographische Bereich und Interesse hinausragende, nationale Bedeutung. Diese gibt den Anlass, sie — im Festjahre des 650 Jahre alten, ewigen eidgenössischen Bundes — auch der Gegenwart näher zu bringen. Nicht als ob sie die ältesten Schweizerkarten wären! Eine fünfzigjährige kartographische Entwicklung der Schweizerkarte als bewussten Ausdruck der politischen Selbständigkeit war Stumpf vorausgegangen, eine Zeitspanne, in welcher Durst, Waldseemüller und Fries, vor allem aber Gilg Tschudi und in dessen Fußstapfen Sebastian Münster die Eidgenossenschaft erstmals in neuartigen Karten dargestellt hatten. Aber ihre Karten waren meistens entweder nur in äusserst seltenen, handgezeichneten Einzelexemplaren oder in kostspieligen, gelehrten Druckwerken ( Ptolomäus und Cosmographie ) zu finden. Tschudis grundlegende Karte war eine unhandliche, teure und grosse Wandkarte, die sich keinen Weg in das grosse Publikum bahnen konnte. Johann Stumpf verschaffte der Schweizerkarte diesen Eingang, indem er die Tschudi-Karte, sobald er ihren national-pädagogischen Wert erkannt hatte, reduzierte und zuerst mit einem erklärenden Gedicht versehen als Einblatt-druck herausgab, der starke Verbreitung fand ( vgl. « N. Z. Z. » 1941, Nr. 840 ). Nachher zeichnete er jene schönen Karten, die in seinem 1547 gedruckten Chronikwerke Verwertung fanden. Ein grosser Teil dieser Stumpfschen Handzeichnungen ist noch vorhanden. Sie werden von der Zentralblibliothek Zürich behütet und gehören heute zu den wertvollsten kartographischen Schätzen, die aus dem 16. Jahrhundert auf uns gekommen sind.

Die Grundlage der Stumpf-Karten bildete die erste, südlich orientierte Tschudi-Karte, die Stumpf anhand eigener Beobachtungen und nach Angaben zahlreicher Korrespondenten vielfach verbesserte und ergänzte. Die grössten Irrtümer der Tschudi-Karte ( der Genfersee auf gleicher Höhe mit dem Vierwaldstättersee, der verkehrte Bogen des Schanfiggs usw. ) blieben freilich auch bei Stumpf noch unkorrigiert. Gerne hätte er auch die Zahl der Ort-schaftsangaben vermehrt; der Maßstab der Karten, die für die Gelehrten obendrein noch mit antiken Bezeichnungen vollgepfropft wurden, gestattete jedoch keine reichere Beschriftung. Darum verwies Stumpf seine Leser auf die Chronik, wo auch die in den Karten nicht verzeichneten Orte behandelt wurden. So schrieb er in die Merktafel der Rhätia-Karte: « Vil gemeiner Flecken haben wir in dieser engen Tafel nit mögen setzen und derhalb zu verzeychnen unterlassen, die aber in der Beschreybunge an ihren orten funden werden etc. » Der von Sebastian Münster durch allerhand Übertreibungen verunstalteten ersten Tschudi-Karte gegenüber weisen die Stumpf-Karten in bezug auf die Geländedarstellung wesentliche Fortschritte auf. Die Flussläufe und Seen sind richtiger gezeichnet, die Berge sind nicht mehr wähl- und zusammen-hangslos in übertriebener Häufung in die leeren Flächen der Karten gesetzt. Wohl kümmert sich auch Stumpf noch nicht um den Aufbau der Berge, die er in Heuschober- bzw. Maulwurfshügelmanier darstellt; aber er bringt sie in einen klaren Zusammenhang mit den Flussläufen, dem Knochengerüst seiner Karten, dessen Aufbau nicht so sehr nach physikalischen als vielmehr nach verkehrsgeographischen Gesichtspunkten erfolgt. In den Bergen sieht jene Zeit — um ein treffendes Wort Max Oechslins zu gebrauchen — nur die schwer überwindbaren Barrieren des Verkehrs, und als solche sucht sie Stumpf « schicklicher » anzudeuten, als vor ihm üblich war. Bei der geringen Anzahl von astronomisch festgelegten Positionen bedeutender Örtlichkeiten war es allerdings sehr schwer, die richtige Lage der Gebirge, ihre Breite und Erstreckung zu geben. « Ihre Achsenrichtung ungefähr im Bilde wider- DIE « LANDTAFELN » DES JOHANN STUMPF.

zuspiegeln war leichter als die Fläche, die sie bedecken. » Diese Feststellung Eckerts passt auch auf Stumpfs Geländedarstellung und sollte bei einem Urteil über sie in Betracht gezogen werden. Stumpf gibt auch Waldflächen erstmals folgerichtig an. Wohl stellt er den Wald noch schematisch dar, doch stossen wir auf der Rhätia-Karte z.B., bei Rheinwald, Bregenzerwald, über der March und am Zürichberg, auf bewusste Häufungen. Alles in allem brachte Stumpf die erste Tschudi-Karte auf ihre höchste Vollkommenheit, und in dieser Form liess sie Froschauer in Holz schneiden und gedruckt verbreiten, wodurch sie ein gewichtiger Faktor in der Formung der Vorstellungen und der öffentlichen Meinungen von der Eidgenossenschaft wurden. Für gutes Geld erhielten diese Karten, wie manche Exemplare der « Land-taflen » besonders im Ausland zeigen, eine sympathische Färbung, die den Karten eine erhöhte Plastizität verlieh und sie dem Laien verständlicher machte. Johann Stumpf, der diese Karten schuf, war der am 23. April 1500 geborene Sohn des Bürgermeisters von Bruchsal. Er studierte in Heidelberg, Strassburg und Freiburg i. B., wo er mit besten Vertretern der damals aufkommenden historisch-geographischen Richtung des Humanismus in enge Berührung kam. Ihr Einfluss wirkte sein ganzes Leben hindurch weiter. Nach abgeschlossenen Studien, die ihn auch der Reformation nahegebracht hatten, diente er beim bischöflichen Notar in Speier. Im Jahre 1520 trat er in den Johanniterorden ein. In Basel zum Priester geweiht, wurde Stumpf 1522 mit dem Priorat des « Ritterhauses » zu Bubikon betraut. Bald darauf übernahm er auch das Pfarramt der Gemeinde Bubikon. Als Pfarrer kam er in engere Beziehung zu Ulrich Zwingli, dessen Lehre er sich anschloss und die er auch in Bubikon, im Zentrum der Täuferbewegung, zu verbreiten anfing. Sein Erfolg war so durchgreifend, dass er, der Ausländer, nach Zwingiis Tod, als es galt, die mit dem Untergang bedrohte neue Kirche zu festigen, zum Dekan des durch Bauernagitation und Sektiererumtriebe am meisten beunruhigten Bezirkes, des Kapitels Oberwetzikon, gewählt wurde. Er schaffte Ruhe. Im Jahre 1543 stieg er in das Pfarramt Stammheim, 1548 sogar zum Dekan des Kapitels Stein a. Rh. auf. Im Jahre 1562 zog er sich, von allzu-vieler Schreibarbeit fast völlig erblindet, nach Zürich zurück, wo er das Bürgerrecht geschenkt erhielt. Nicht wegen seiner Leistungen als tapferer Wortverkünder oder als erfolgreicher Seelsorger und theologischer Schriftsteller, sondern wegen seines unermüdlichen Fleisses auf dem Gebiete der Geschichtsschreibung und Geographie, die er im Dienste einer « eidgenössischen Seelsorge » neben einer ausgedehnten, zeitraubenden, mühevollen Amtstätigkeit eifrig betrieb und denen er sogar sein Augenlicht zum Opfer gebracht hatte. Dieser Mann schuf den ersten « Schweizer Atlas », aus welchem wir den Lesern dieser Zeitschrift in der Beilage, dank dem Entgegenkommen des S.A.C., zwei schön kolorierte Blätter ( Eidgenossenschaft im Maßstab von 1: 882 500 und Graubünden 1: 730 000 ) unterbreiten können. Sie sind geeignet, Stumpfs bisher nicht genügend gewürdigte Bedeutung für die Kartographie in das richtige Licht zu rücken. Wenn vor 100 Jahren der Historiker Salomon Vögelin noch der Meinung war, Stumpfs Karten seien ohne Wert, so ist der Mathematiker und Astronom Rudolf Wolf 1879 in seiner « Geschichte der Vermessungen in der Schweiz » dem Chronisten schon gerechter geworden. Er verwarf Vögelins Urteil als « ganz unrichtig » und erklärte mit feinem Verständnis: « Obschon diese Tafeln, wie übrigens noch viele spätere Karten, für die Gegenwart ganz unbrauchbar sind, so waren sie eben notwendige Ausgangspunkte, ohne welche wir das nicht bekommen hätten, was sie uns jetzt entbehrlich macht, und darin liegt auch für uns noch Wert genug; für die Zeit ihres Erscheinens aber hatten sie natürlich noch eine viel grössere Bedeutung. » Diese Bedeutung wissen wir heute bereits besser zu schätzen.

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