Die Lawine

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Edmond Pidoux, Lausanne

Jeder Arzt hat Erinnerungen, die er nicht gerne heraufbeschwört und denen er noch viel weniger in schlaflosen Nächten oder in seinen Träumen wiederbegegnen möchte. Wenn er aber darüber spricht, vermag er sie durch seine Worte und seinen Verstand besser unter Kontrolle zu behalten. Zudem verlieren Erinnerungen durch wiederholtes Erzählen an Schärfe und Intensität. Gewisse Wunden heilen eben besser, wenn man sie der Luft aussetzt. Deshalb hat mir mein Freund, der Arzt Dr.Javinski, die Geschichte « seiner » Lawine in allen Einzelheiten erzählt, so als ob er sie noch einmal ganz bewusst erleben wollte.

Sie stammt aus jenen Jahren, die er als Bergarzt in einem Städtchen im Wallis zubrachte, wo zwei Täler sich treffen. Er sei dahin gekommen, um sich zurückzuziehen, meinten die Leute, für die die Stadt der einzige Ort darstellt, wo es Leben und Kultur gibt, zwei Begriffe, die in den meisten Fällen jedoch nur eine ziemlich banale Ablenkung beinhalten. Tatsächlich war mein Freund weltoffener als die meisten Städter: Es bestehen heute so viele Mittel und Wege, um sich auf dem laufenden zu halten und Kontakte zu pflegen.

Die Menschen aus den Bergen hatten seine Frau und ihn in ihrer Mitte aufgenommen. Allein schon sein Name und auch seine Nationalität ebneten ihm den Weg, wer weiss wieso. Vor allem hatte man wohl begriffen, dass sie nicht lediglich ein paar Jahre in den Bergen « absassen », um auf 166 Die « Schlüsselblumen-Verschneidung » am Mose's Tower: eine fabelhafte Dülferstelle von annähernd hundert Metern Höhe 167 Eine einmalige Atmosphäre! Die Linienführung ist logisch, und die Farben sind prächtig. Wahrlich eine traumhaft schöne Kletterei, wo jeder Armzug Entzücken bereitet. Gaetano Vogler am Mose's Tower Besseres zu warten. Wenn nicht später das Studium ihrer Kinder gewesen wäre - sie würden vermutlich immer noch dort oben leben. Ich will nun aber meinen Freund erzählen lassen, dessen Worte mir noch im Ohr nachklingen.

In jenem Jahr war der verkehrte, untypische Winter in aller Leute Mund. Jedermann hatte zu klagen, die Hoteliers, die Sportler, sogar die Bauern. Im Oktober hatte es geschneit, anfangs November fuhr man schon Ski. Ein Monat später blies der Föhn während längerer Zeit, und an Weihnachten konnte man in den Bergen Blumen pflücken. Der Wetterumschlag kam dann über Nacht, genau in dem Moment, da sich die Kurorte zu leeren begannen. Am Morgen, beim Erwachen, lagen schon 40 cm Pulverschnee unter den Fenstern. Den ganzen Tag, die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag schneite es unaufhörlich. Kein Hauch, keine Aufhellung, nicht das geringste Anzeichen einer baldigen Änderung. Der ganze Himmel schien heru nterzuschweben in einer einzigen, stetigen, langsamen und ruhigen Bewegung — man glaubte zu dösen oder zu träumen, die Zeit war ausgeklammert, stand still. Ich dachte nicht einmal mehr daran, dass irgend etwas geschehen könnte, ein Notfall vielleicht, der mich auf die zugeschneiten Wege gerufen hätte. Es gab wenig zu tun, man hatte Musse, Zeit zum Lesen...

In der dritten Nacht kam die Angst vor den Lawinen. Man sperrte die Strasse zum Pass, überwachte die Stellen, wo alle drei oder vier Jahre gefährliche Schneerutsche niedergingen. Der Ort schien ein halbes Jahrhundert in der Zeitrechnung zurückversetzt, verlassen, still, eine Schneekappe über die Augen gestülpt. Selbst die modernen, nichtssagenden Neubauten verschwanden unter der weichen konturlosen Decke, so dass sogar sie ein einheitliches Aussehen erhielten.

Die Lawinen gingen, wie vorausgesehen, in der Nacht nieder. Die Strasse wurde talwärts an zwei Stellen verschüttet: Bei der Brücke von Merdenson und unterhalb des Aboyeux-Couloirs. Am Morgen wusste es der ganze Ort, das « Buschtele- 168 Romain Vogler erklettert die zweite Seillänge des Wunsh's Dihedral. In diesem Riss müssen die Füsse bisweilen auf Kopfhöhe angehoben ( und verklemmt ) werden 169 Weite Spreizschritte und Faust-Verklemmtechnik sind charakteristisch für die Kletterei am Devil's Tower. Marc Balliger in der Assembly Line-Route auf der Nordseite des Turmes phon » funktioniert überall, auch in den Bergen. Talaufwärts hatten die Schneemassen die Strasse nicht überquert; man hatte dort ein Überwa-chungspikett aufgestellt. Weiter oben jedoch gab allerdings der im Winter stillgelegte Bauplatz Anlass zu Beunruhigung. An Ort und Stelle war nur ein freiwilliger Wächter zurückgeblieben, ein etwa ßojähriger Sizilianer, ein Halbwilder, der kaum schreiben und lesen konnte und der dort oben genügsamer als ein Kamel in der Wüste lebte, mit dem einzigen Ziel, möglichst viel zu sparen. Ein Mädchen wartete nämlich in seinem Heimatdorf in der Nähe von Catania auf ihn, wie mir später zwei seiner Arbeitskameraden und Landsleute erzählten. Sie musste schön sein und tugendhaft wie eine Madonna. Er war indessen nicht weniger schön, mit einem Christuskopf, aber schwarzhaarig - was mir, nachdem ich ihn gesehen habe, viel wahrscheinlicher erscheint als die klassische Blondheit, mit der man Jesus sonst darstellt.

Dieser Filippo hatte sich also für die Bewachung der Baustelle zur Verfügung gestellt, seine Wartestunden dort oben wusste er wohl auszufüllen mit Schnitzereien, die er im Frühjahr im Dorf-basar zu verkaufen gedachte.

Und dies war nun der Mann, den die Lawine in der dritten Nacht aus seiner Baracke holte. Sie hatte sich am Kamm des Six-Niers gelöst und auf mehr als zweihundert Metern Breite die ganze Baustelle und sechs Baracken, darunter diejenige des Wächters, mitgerissen. Im Morgengrauen stellte man fest, dass etwas passiert sein musste, denn die Telefonleitung war unterbrochen. Zwei Skifahrer mit einem Funkgerät, Männer aus dem Tal, die schnell vorankommen, gleichzeitig jedoch sehr wachsam sein würden, begaben sich hinauf. Dreiviertel Stunden später wurde in dem über dem letzten Dorf gelegenen Büro Alarm gegeben. Man organisierte eine breitangelegte Rettungsaktion mit Sondiermannschaften und Lawinenhunden. Ein Trax sollte hinterherfahren, um die Zufahrtsstrasse freizulegen und, wenn nötig,

Über diesem Chaos schwebte der Himmel unablässig in dichten Flocken herunter, mit unveränderter Unbeschwertheit, als ob nichts geschehen wäre, als ob unter der Schneedecke nicht dieser Filippo läge... Nur ein Mensch, was ist das schon?

Die Rettungsmannschaft, etwa dreissig Mann, strengte sich indessen an. Dieser ungebildete, einsame Mensch hatte eine Bedeutung erlangt, über die er zu Lebzeiten niemals verfügte ( lebte er wohl noch ?). So bemühte man sich, den Verletzten aus dem Schlachtfeld herauszuholen, um ihn dann wieder dahin zurückzuschicken, sobald er wieder menschliche Züge angenommen hätte. Man arbeitete also hart, mit einer Art Besessenheit, um den Sizilianer zu befreien, aber auch um das eigene Gewissen zu beruhigen. Wir kennen keinen Rassismus bei uns, ein Mensch ist ein Mensch, jedenfalls im Angesicht des Todes.

Ein Ingenieur war zur Stelle, einen Regenschirm über die Pläne der Baustelle haltend. Er versuchte, anhand der Pläne die Rettungsarbeiten irgendwie zu steuern, aber jeder hatte eigene Vorschläge vorzubringen. Man wusste, in welcher Baracke Filippo wohnen sollte, aber sie besass keinen Telefonanschluss. Die zwei Sizilianer, die ich erwähnte, zeigten sich überzeugt, dass ihr Kamerad mit seiner Matratze in das kleine Lokal umgezogen war, wo das Telefon stand. Man konnte dort zwar nicht kochen, aber es liess sich besser heizen. Es schien möglich, dass der Italiener beide Orte benutzte, eine Alternative, welche die in diesem Durcheinander ohnehin fast aussichtslosen Sucharbeiten noch mehr komplizierte.

Man hätte glauben können, die Lawine habe sich mit einer Art Perversität fortbewegt, sich dabei um alle Achsen drehend und eng am Boden wälzend, nach links und rechts Fangarme ausstreckend, wie ein riesiger Krake, der schliesslich, von der Totenstarre erfasst, leblos daliegt. Es hätte eines ausgedehnten Erkundungsganges bedurft, um in diesem dichten Schleier wirbelnder Flocken ihre Grosse und Form erkennen zu können.

Endlich hatte der Trax den Rand der Lawine erreicht und frass sich nun in diese selbst hinein. Zuerst vorsichtig, aus Angst, den darunter verschütteten Mann zu verletzen. Je mehr dann aber die Zeit verstrich, desto weniger hielt die Maschine ihre Kraft unter Kontrolle: zu spät zu kommen war ja wohl mit grösserer Sicherheit schlimmer als ein falscher Schlag mit der Schaufel. Der Plan, den sich der Ingenieur zurechtgelegt hatte, sah vor, den Hauptweg — ein geteertes Strässchen zwischen den Baracken, das den Arbeitern ersparte, durch den Schlamm zu waten — freizulegen. Diese Einzelheit erleichterte die Suche inmitten des ganzen Durcheinanders. Die Maschine frass sich wütend voran, fuhr dann wieder rückwärts, um hinten den Inhalt der Schaufel abzuladen. Man hätte eine Fräse einsetzen müssen, die vorne abgräbt und die Schneemassen über sich hinwegschleudert. Der Trax mit seiner Hin- und Herfahrerei steigerte die Ungeduld. Kaum bewegte er sich rückwärts, stürzte man vor, um rechts und links den Wall aufzuhacken. Jeder freigelegte Gegenstand erzeugte einen Schwall von Hypothesen und liess die Erregung ansteigen. Die verschiedensten Gerüche stiegen auf: von erkalteter Glut, von Petrol oder von der Latrine. Eine nackte Matratze, eine Decke — und der Eifer verdoppelte sich. Immer noch umsonst. Es befanden sich zu viele Männer da, so dass sie sich gegenseitig im Wege standen. Man liess schliesslich einige nach ihrem Gefühl vorgehen. Ein schönes Durcheinander! Aber wie sollte man es besser anstellen, um — im wahrsten Sinn des Wortes — eine Nadel im Heuhaufen zu suchen? Der einzige positive Aspekt bestand darin, dass die Lawine allen Schnee am ganzen Hang bis auf den Grund abgetragen hatte. Weitere Niedergänge waren deshalb nicht zu befürchten.

Hinter uns häuften sich, wild zusammengewürfelt, die aus den Schneemassen ausgegrabenen Gegenstände: Überreste von Zwischenwänden, Dächern oder Möbeln, eine Bratpfanne, ein zer-drückter Koffer, wie ein Frosch auf der Strasse liegend, Sprungfedermatratzen... ich zitiere in zufälliger Reihenfolge aus diesem Sammelsurium. Kurzum, ein Bild wie nach einer Schlacht, ein Eindruck, der durch die einbrechende Dunkelheit und das Eintreffen einer kleinen Gruppe Soldaten, die eine Notstromgruppe und Scheinwerfer installierten, noch verstärkt wurde. Alles das für Filippo, dem man lebend nicht einen Bruchteil dieser « Ehre » erwiesen hätte.

Ich kehrte schliesslich nach Hause zurück. Ich badete und zog mich um, bevor ich meinen Riesenappetit stillte und sofort wie ein Stein schlief -das Telefon unmittelbar neben dem Bett. Während der Nacht blieb jedoch alles ruhig. Ich selbst rief im Morgengrauen an, um mich in die Funkverbindung einschalten zu lassen.

Nichts hatte man gefunden, kein einziges brauchbares Zeichen — gerade ihre Vielzahl machte sie wertlos.

Ich ging trotzdem hinauf.

Der Trax hatte einen Graben von fast fünfzig Metern Länge und fünf bis sieben Metern Tiefe ausgehoben. Unglaublich, was er innert zwanzig Stunden wegtransportiert hatte. In diesem Augenblick nahm er gerade den Rücken des Lawinenkegels in Angriff und begann die obersten Schichten abzutragen. Der Ingenieur war auf diese Idee gekommen. Wenn sich der Wächter zuunterst unter den Schneemassen befand, so war sein Schicksal besiegelt. Die Wirbel hatten jedoch eine Anzahl Gegenstände fast bis an die Oberfläche geschleudert, und deshalb bestand hier auch die grösste Chance, überhaupt etwas zu finden.

Ich blieb nicht lange an diesem zweiten Tag. Ich musste Krankenbesuche machen, und es schien mir auch, dass meine Abwesenheit die Chancen, den Verschütteten zu finden, vergrösserten. Dies gemäss der Regel: sobald ich mich entferne, wird man mich zurückrufen.

Der zweite Tag, die zweite Nacht vergingen ohne weitere Ereignisse. Als ich mich am dritten Morgen hinaufbegab, war die Stimmung auf Null gesunken und die Hoffnung erloschen. Nur die Maschine arbeitete im gleichen Tempo, mit dem gleichen Lärm weiter, von demselben, schon fast besessenen Mann geführt. Er hatte das Kommando nur für ein oder zwei Stunden abgegeben, obschon die Ablösung der Mannschaften funktionierte und ein reges Hin und Her zwischen Dorf und Baustelle herrschte, um Essen und warme Getränke hinaufzubringen. Der Traxführer jedoch, ein Mann der Berge, wollte bei der Rettungsaktion zuvorderst sein. Man erzählt sich ja in den Bergen viele Geschichten von Lawinenopfern, die erst nach Tagen noch lebend gefunden wurden. Ebenso bei Erdbeben, so dass niemand den Mut aufbrachte, den Befehl zum Einstellen der Sucharbeiten zu geben. Wer immer sich am Ort des Geschehens befand, selbst wenn er über wenig Vorstellungskraft verfügte, konnte die beklemmende Angst des lebendig Begrabenen nachempfinden.

Und so brach der vierte Tag an. Zwei zusätzli- 20g che leichte Traxe wurden eingesetzt. Seit 36 Stunden hatte es aufgehört zu schneien. Ich war dem Ingenieur auf eine Anhöhe gefolgt, von der aus wir alles überblicken konnten. Von da oben her-unterschauend, begriff ich plötzlich, wie unsinnig unsere Hoffnungen waren. Was die Maschinen abgetragen hatten, schien lächerlich, derartig in einem Missverhältnis zu den Schneemassen zu stehen, dass jede Kraft, jeder Antrieb erlahmte. Ich kehrte nach Hause zurück.

Dann kam der fünfte Morgen - der Morgen, an dem das Wunder geschah. Man hatte die Maschinen mehrmals gestoppt und jeweils das weitere Vorgehen beraten. Die Pausen zogen sich allmählich in die Länge, bevor man sich, mehr aus moralischer Verpflichtung, wieder ans Werk machte. Man hätte die ganzen Schneemassen abtragen müssen, was einen Monat Arbeit bedeutet hätte. Dies für einen Toten. Noch einmal, ein letztes Mal, kletterte der Führer der ersten Maschine von seinem Fahrersitz herunter, um mit den andern zu beraten und um dann endlich zu beschliessen, man wolle aufgeben. Er stand noch einen Augenblick da, bevor er sich umdrehte, die sich vor ihm erhebende kompakte Schneemauer betrachtete und leise und wütend vor sich hin-fluchte, weil er jetzt schon aufgab. Fast wie um einen Schlusspunkt zu setzen, sprach er nun diese, einem Todesurteil gleichkommenden Worte aus:

« DenarmenKerlhat'serwischt, den findet man erst im Frühling wieder ».

Nach diesen Worten entstand eine Stille wie auf dem Friedhof, wenn die ersten Schaufeln Erde mit dumpfem Klang auf den Sarg fallen. Im selben Augenblick bat einer der Sizilianer, ein etwas schwerhöriger Minenarbeiter, seinen Kollegen, ihm diese Worte zu wiederholen. Der Kollege übersetzte mit erhobener Stimme:

« II Filippo!... Si ritroverà solo in primavera! » ( Filippo, den werden sie erst im Frühjahr wie-derfindenDarauf wiederholten beide im Chor mehrmals diese noch schicksalhaft sein sollenden Silben:

« II Filippo... solo in primavera !» Man sammelte das Werkzeug ein, der Traxfüh-rer stieg in seine Kanzel und setzte den Motor in Gang. Während er rückwärts fuhr, stiess er noch einmal die Schaufel in den Schnee, nur so, um zu zeigen, dass er nur aufgehört hatte, weil er musste... da stiess einer der zurückgebliebenen Arbeiter einen Schrei aus: Eine Öffnung war entstanden, genau am Rand des Lochs, das die Schaufel soeben schlug. Ein dreieckförmiger, schwarzer Hohlraum tat sich auf. Der Mann stürzte vor, liess sich auf die Knie fallen, um etwas zu sehen und fing an zu schreien. Er holte die anderen damit zurück. « Filippo ist da! Man sieht seine Füsse! Er lebt! Er bewegt sich !» Er lag tatsächlich da, von einer Holzplatte - einer Türe, wie man später erkannte — geschützt. Er hatte sich ständig bewegt und dabei alles gehört, seit Tagen schon, den Lärm der Maschinen, die Stimmen, die näherkamen. Die Stille zwischendurch, die Gespräche, Dispute. Man stelle sich seine Ängste vor, seine Qual in der Nacht, die Kälte, das Warten und der Wechsel zwischen Hoffnung und Zweifel. Und dann — welch unmenschliche Folter - der letzte « Kriegsrat », der ihn zum Tode verurteilte, von der Stimme seiner Landsleute weitervermittelt... Ich war ja leider nicht mehr an Ort und Stelle. Da ich aber später genau wissen wollte, wie sich alles abgespielt hatte, befragte ich so viele Zeugen wie nur möglich.

In jenem Moment jedoch, auf die Unglücksstelle gerufen, gab es für mich Besseres zu tun. Die Retter hatten erste Hilfe geleistet, sie waren ja dazu ausgebildet, aber Filippo schien seine Gefangenschaft gut überstanden zu haben. Er war in einen Dämmerzustand gefallen, der zwischen Winterschlaf und halber Bewusstlosigkeit lag. Ganz so, als ob er instinktiv gewusst hätte, dass er sich nur am Leben erhalten konnte, wenn er sich weder wehrte noch sich völlig aufgab. Die Lawine hatte ihn im Schlaf überrascht. Er war nicht ausgezogen gewesen, da er selbst während der Nacht eine dicke gesteppte Jacke anbehielt. Das erwies sich jetzt als seine Rettung. Erfrierungen liessen sich keine erkennen. Das Fasten hatte ihn indessen etwas geschwächt, mehr aber noch die Qual des Wartens, der falschen Hoffnungen, in einer Finsternis, in der er jeden Zeitbegriff verlor. An das Unglück selbst, an die verschüttete Baustelle erinnerte er sich zunächst überhaupt nicht mehr, als er nach einem unerklärlichen, wirbelnden Schwindelgefühl in seiner Falle gefangen erwachte. Erst nach einiger Überlegung hatte er, im Zusammenhang mit dem endlosen Schneefall, begriffen, was geschehen war.

Im Spital, in das ich ihn brachte, wurde er augenblicklich zum Gegenstand der allgemeinen Neugier und Sympathie. Eine nicht mehr ganz junge, aber überschwenglich mütterliche italienische Krankenschwester übernahm seine Pflege. Sie hatte ausdrücklich darum gebeten. Ich selbst, aus einer Herzensregung heraus ( vielleicht, weil ich ihn mir in seinem Schneegrab vorgestellt und mich dabei nach und nach mit ihm identifiziert hatte ), verweilte noch etwas länger im Spital. Nicht ohne mehrmals mit dieser Italienerin zu-sammenzustossen, die ich zuletzt recht aufdringlich fand in ihrer Art, den Patienten zum Reden zu bringen, zu bedauern und wie ein Kind zu umsorgen. Selbst als ich den Geretteten schon spät an jenem Tage noch einmal besuchte, hielt sie sich dort auf. Jetzt allerdings schaltete ich mich ernsthaft und in einem Tone ein, den ich manchmal haben kann, wenn ich ungeduldig und ungehalten bin, und der seine Wirkung scheinbar nicht verfehlt. Ich verbot der guten Frau, noch länger bei Filippo zu bleiben. Ich liess sie versprechen, ihn während der Nacht in Ruhe zu lassen, da seine Gesundheit davon abhänge. Im übrigen würde er ja ohnehin schlafen, er verlange nichts anderes. Das Beruhigungsmittel, das ich ihm verabreichen werde, sei für ihn gewiss wichtiger als die Anwesenheit einer solchen Gluckhenne.

Die Italienerin, ganz klein angesichts meines Zorns, versprach alles, was ich wollte.

Ich verliess Filippo ganz ruhig, er hatte wieder etwas Farbe bekommen - die Aufregung spielte da gewiss auch mit -, und er hielt meine Hände mit einer übereifrigen Dankbarkeit, die ich keineswegs verdiente... Ich war es nicht gewesen, der ihn gesucht und entdeckt hatte. Ich versuchte es ihm mehrmals klarzumachen, aber nichts konnte ihn daran hindern, mich immer wieder seinen Retter und Engel zu nennen. Hätte ich doch nur begriffen, welche Angst diese Dankbarkeit in Wirklichkeit ausdrückte!

Am nächsten Morgen um sechs Uhr rief man mich aus dem Spital an, um mir die unglaubliche Nachricht mitzuteilen, Filippo sei tot.

Die italienische Krankenschwester hatte den in Totenstarre gefallenen Körper soeben entdeckt. Dem Kollegen am Telefon, der den Tod festgestellt hatte, blieb der Fall unerklärlich. Hatte er doch gemeinsam mit mir den Fortschritt des Geretteten verfolgt und persönlich dafür gesorgt, dass er die geeignete Ernährung erhielt. Nun gab es keinen durch Wunder Geretteten mehr. Es handelte sich um den grössten Misserfolg meines Lebens.

Warum? Wie konnte das geschehen? Ich musste es wissen. Deshalb befragte ich die vielen Zeugen - ohne natürlich die italienische Krankenschwester zu vergessen. ( Muss ich das überhaupt noch erwähnen ?) Im weiteren folgt, was ich aus meinen Nachforschungen geschlossen habe:

Auf meinen Befehl allein gelassen, musste Filippo zweifellos eingeschlafen sein. All die Angst jedoch, die ihn während dieser Tage verfolgt hatte, wird in ihm weitergearbeitet haben. In bewusstem Zustand konnte er sie einigermassen im Zaume halten. Sobald er aber an den Rand des Schlafes geriet, wurde sie wieder lebendig und begann ihn erneut zu quälen. Die Krankenschwester gestand, seine Türe im Moment des Einschlafens einen Spalt geöffnet zu haben, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung sei. Dabei hatte sie ihn unverständliche Worte murmeln gehört, in denen mehr als einmal das Wort « primavera » vorkam. Ein Alptraum, den sie nicht unterbrochen hatte, weil er mit einem Stossseufzer beendet schien... Wie sollte sie wissen können, dass der arme Filippo die Worte wiederholte, die er in jenem Au- genblick hörte, da ihn die Rettungsmannschaft seinem Schicksal überlassen wollte. Waren diese Worte zu seinem Todesurteil geworden? Es gelang mir, durch Kombinieren der in meiner Untersuchung erfahrenen Tatsachen, die Zusammenhänge herzustellen... « in primavera! » Natürlich, der Unglückliche hatte in jener Spital-nacht, in der sein Leben ein Ende fand, noch einmal jenes Bangen, jene Angst ausgestanden, die ihn in seinem Schneeloch gemartert hatten...

Man kennt die seltsame, oft erzählte Geschichte jenes Arbeiters, der, irrtümlicherweise in einem Kühlraum eingesperrt, langsam die Auswirkungen der Kälte zu spüren begann. Er schrieb die einzelnen Schritte seiner langsamen Agonie auf, diese Etappen einer tödlichen Abkühlung, wie man sie in den Bergen oder anderswo auch beobachten kann. Nun war aber die Kühlanlage dieses Raumes gar nicht eingeschaltet gewesen, der Arbeiter war durch Einbildung erfroren!

So ähnlich war es beim armen Filippo, dessen Körper ja letztlich auch Spuren des Erfrierungs-todes zeigte... Und ich hatte ihn dazu verurteilt, indem ich ihm diejenige Person vorenthielt, die ihn sicher durch diese erste Nacht der Erlösung, aber auch der Angst gebracht hätte. Er brauchte nicht Ruhe, sondern Sicherheit. Warum nicht in Form dieser mütterlichen - und südländischen -Wärme, die ich ihm brutal und ohne Verstand weggenommen hatte, ich, der allzu vernünftige, allzu selbstsichere Mann der « Wissenschaft ».

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