Die Lawinen des Winters 1941/42 | Club Alpino Svizzero CAS

Die Lawinen des Winters 1941/42

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Mit 9 Bildern ( 150—158).Von Edwin Bucher

^Davos und Zürich ). Einleitung.

Die zahlreichen grossen Lawinen des vergangenen Winters, welche auf ihren Bahnen seit mehreren Generationen bestehende Ställe, Häuser und Wälder mitrissen, um sich, im Talboden angelangt, breit und massig dem modernen Verkehr auf Schiene und Strasse entgegenzustellen, sind uns noch in lebhafter Erinnerung. Gemäss der am Schluss dieses Aufsatzes wiedergegebenen Zusammenstellung fielen dabei den entfesselten Naturgewalten über fünfzig meist junge Menschenleben zum Opfer. Der angerichtete Schaden dürfte, abgesehen von vielen, heute unersetzlichen Objekten, einige Millionen Schweizerfranken betragen. Auch unter Weglassung aller jener Vorfälle, welche im einzelnen kaum beachtet, in keiner Zeitung Erwähnung finden, in ihrer Gesamtheit betrachtet aber doch einen wesentlichen Bestandteil unseres Volksgutes ausmachen, geht aus den erwähnten Zahlen hervor, dass dem Kampf gegen die Lawinen unserer Alpenzone eine nicht untergeordnete Bedeutung zukommt.

Bevor man jedoch den Naturschäden, welche einem Vorstoss der modernen Technik in die Gebirgsgegenden noch hemmend gegenüberstehen, wirksam entgegentreten kann, müssen deren Entstehungsursachen bekannt sein. Da die Anzahl der durch zufällige Zeugen beobachteten Lawinen relativ gering ist und dieselben überdies ganz verschiedenen Wetter- und Schneeverhältnissen entsprechen, ist es ohne weiteres verständlich, dass auf Grund der Naturbeobachtung allein keine allgemein gültigen Begeln für das unterschiedliche Verhalten der Schneedecke am Hang abgeleitet werden können.

In dieser Erkenntnis wurde im Jahre 1931 die Schweizerische Kommission für Schnee- und Lawinenforschung gegründet, deren Mitarbeiter die Materialeigenschaften des Schnees einer eingehenden Prüfung unterzogen. Die Laboratoriumsversuche, verbunden mit den Ergebnissen einer systematischen Beobachtung der Schneedeckenentwicklung im ganzen Parsenngebiet, haben es ermöglicht, die Lawinenbildung auf einfachste Grundgesetze der technischen Wissenschaften zurückzuführen x ). Es hat sich dabei zusammenfassend herausgestellt, dass zur Abklärung jedes Schneeproblems drei Faktoren, nämlich die meteorologischen Verhältnisse, das Schneeprofil und das Gelände, berücksichtigt werden müssen.

Man kann immer wieder feststellen, dass selbst erfahrene, mit den Gefahren der winterlichen Schneedecke weitgehend vertraute Berggänger zur Beurteilung der Lawinengefahr lediglich Witterung und Geländeform, eventuell auch die Beschaffenheit der obersten Schneeschichten heranziehen, dabei aber gerade diejenigen Faktoren, welche bei der Entscheidung über die Tragfähigkeit der Schneedecke von ausschlaggebender Bedeutung sind — DIE LAWINEN DES WINTERS 1941/42.

nämlich die Festigkeitseigenschaften der verschiedenen übereinanderliegenden Schichten — vernachlässigen.

Um hier eine Lücke zu schliessen und dem Touristen die engen Zusammenhänge zwischen Schneedeckenentwicklung und Lawinenbildung deutlich vor Augen zu führen, soll nachstehend versucht werden, die Lawinenverhältnisse des Winters 1941/42 von diesem Gesichtspunkt aus zu beleuchten. Dabei basieren wir auf das von der Forschungsstation Weissfluhjoch gesammelte Beobachtungsmaterial, welches zeigt, dass sich die jeden Winter auftretenden Perioden intensiver Lawinenbildung auf wenige Tage konzentrieren, was zweifellos mit der Schneedeckenentwicklung in Zusammenhang steht. Die seit dem Winter 1936/37 regelmässig aufgenommenen Schneeprofile in einem speziell dafür eingerichteten Versuchsfeld lassen sich, ihrem inneren Aufbau entsprechend, in drei Hauptgruppen einteilen. Gemäss den Früh-, Hoch-, und Spätwinterverhältnissen unterscheidet man zwischen Aufbau, Konservierung und Abbau der Schneedecke, wobei jeder Zeitabschnitt besondere, für die entsprechende Periode charakteristische Merkmale aufweist, welche auch für die Lawinenbildung massgebend sind. Die entscheidenden Grundbedingungen treten jedes Jahr wieder in Erscheinung, so dass die Resultate der nachfolgenden Betrachtungen unter Berücksichtigung gewisser den meteorologischen Verhältnissen entsprechender Randbedingungen auch auf den kommenden Winter übertragen werden können.

Die Lawinen im Frühwinter.

Da die ersten bleibenden Niederschläge jedes Winters extrem wechselnden Temperatureinflüssen ausgesetzt sind, weist die noch junge Schneedecke in ihrem Querschnitt normalerweise sehr ungleiche Schichten auf. Starke Einstrahlung oder zwischen Regen und Naßschnee wechselnde Niederschläge haben eine intensive Oberflächenveränderung im Sinne einer Verharschung zur Folge. Umgekehrt entsteht beim Vorstoss von Kaltluftfronten und dem dadurch bedingten grossen Temperaturgefälle zwischen den abgekühlten obersten Schichten und der ungefähr null Grad aufweisenden Terrainoberfläche ein starkes Temperaturgefälle, welches die innere Umwandlung der Schneedecke begünstigt. Es tritt eine intensive Schwimmschneebildung ein, deren Endprodukt aus einer Anhäufung loser Becherkristalle ohne Verbandsfestigkeit besteht ( Bild 150 ).

Je nach der geographischen Lage ( Meereshöhe, Hangexposition ) und den massgebenden Witterungsverhältnissen kann die Auflösung eine oder mehrere Schichten umfassen. Wir sind dann geneigt, von sogenannten Schwimm-schneestockwerken zu sprechen ( Bild 151 ).

Eventuell ist es aber auch nur ein dünner Reif, welcher sich bei starker Abkühlung der Aussenluft an der Schneeoberfläche niedergeschlagen hat und nach seiner Überdeckung mit Neuschnee die Gleichmässigkeit eines sonst tragenden Gerüstes unterbricht ( Bilder 152, 153 ).

Da somit im jungen Profil normalerweise die kompakten Schichten von äusserst losen und deshalb wenig tragfähigen Lagen unterbrochen sind, weist die Gesamtschneedecke zu Beginn des Winters eine sehr geringe Festigkeit auf. Bei der ersten grösseren Neuschneeüberlagerung bricht sie unter dieser Auflast zusammen und bildet so den ersten Impuls für die gefürchteten Schnee- brettlawinen. Von den letzten sechs Wintern bildet lediglich derjenige von 1936/37 eine Ausnahme dieser Regel, und zwar deshalb, weil damals die ersten Schneefälle im Dezember sehr ausgiebig waren und das Schneeprofil dementsprechend zu Jahresende schon hochwinterliche Eigenschaften aufwies. Es wäre vielleicht besser, nicht von einer Ausnahme, sondern von einer zeitlichen Verschiebung zu sprechen; was normalerweise für das Jahresende zutrifft, galt damals für die Schichtfolge Ende November.

Die speziellen Verhältnisse zu Beginn des Winters 1941/42 gehen aus einer Tagebuchnotiz der Forschungsstation Weissfluhjoch vom 16. Dezember hervor, welche lautet: « Die Schneedecke im Versuchsfeld besteht in der Hauptsache aus feinkörnigem Schnee mit zwei eingelagerten Schmelzharschen. Von Höhe 66 bis 77 über Boden liegt sehr lockeres Material, welches zudem noch von einem schön ausgebildeten, vertikal orientierten Rauhreif überlagert ist. Diese insgesamt 11 cm starke, überaus lockere Schneeschicht erhielt am 8. Dezember einen 2 cm starken Windharschdeckel mit einem spezifischen Gewicht von 303 kg/m3. Es ist somit naheliegend, dass bei späteren Schneefällen dieses Windbrett mit dem Neuschnee abrutscht, wobei die 11 cm Lockerschnee zur Schmier schicht und der Schmelzharsch ( Höhe 65—66 ) zur Gleitfläche werden. » ( Bild 154. ) Tatsächlich genügten schon kleinere Verwehungen eines relativ geringen Schneetreibens in den Tagen vom 23. und 25. Dezember, um die ersten Lawinen zu veranlassen. So traf am 25. Dezember die Nachricht von einem Unfall im Vereinatal bei Klosters ein, wo drei Personen auf ein Schneebrett gerieten und mit diesem in die Tiefe gerissen wurden.

Drei weitere Lawinen konnten in unmittelbarer Nähe vom Weissfluhjoch beobachtet werden: an der Parsennfurka, auf der Weissfluhnordseite und unterhalb des Versuchsfeldes der Schneeforschungsstation.

Doch erst der intensive Niederschlag vom 27. Dezember hatte eine allgemeine Überbeanspruchung der schwachen Frühwinterschneedecke zur Folge. Die ruckartige, von dumpfem Knall begleitete Kompression der lockeren Schichten machte sich dem aussenstehenden Beobachter durch plötzliche Setzung der ganzen Schneedecke und den sich dabei ergebenden Rissbildungen bemerkbar. Lawinen wurden in dieser Zeit gemeldet am Mattlishorn, am Schafturm, an der Schiahorn-West- und Ostflanke, im Meierhoftäli und nördlich der Wasserscheide.

Es ist bezeichnend für diese ersten Rutschungen jedes Winters, dass die Anbrüche sich nicht auf gewisse Gegenden, Höhenlagen oder Hangexpositionen beschränken, sondern allgemein verbreitet sind. Während normalerweise die lawinengefährdeten Hänge zur Ausnahme gehören, bilden sie in diesem Zeitabschnitt die Regel. Ferner kann der unsichere Zustand lange andauern, besonders dann, wenn tiefe Temperaturen die Schneedecke konservieren und nur geringe periodische Überlastungen eintreten. Störungen mechanischer Natur, wie sie z.B. der Skifahrer beim Begehen der unberührten weissen Decke verursacht, werden gleich den von einem Punkte ausgehenden Wasserwellen allseitig bis zum gespanntesten Punkt der Schneedecke fortgepflanzt, so dass Fernauslösungen aller Art relativ leicht möglich sind. Unter Berücksichtigung dieser Umstände ist es ohne weiteres verständlich, dass die ersten DIE LAWINEN DES WINTERS 1941/42.

Schneebrettlawinen der Skisaison sehr oft durch die Touristen selber veranlasst werden, eine Tatsache, der allgemein noch zu wenig Beachtung geschenkt wird. Wir lesen immer wieder, dass Skifahrer von einer Schneebrettlawine überrascht wurden, während dieselben in den meisten Fällen die Rutschungen selbst auslösten, wie dies z.B. am 2. Januar an der Ostflanke des Schaflägers der Fall war. Hier hatte sich eine Skischulklasse den tückischen Hang zum Übungsplatz ausgesucht und durch ihre Belastung den Bruch der Schneedecke herbeigeführt, wobei einer der Schüler in die Tiefe gerissen und vor den Augen seiner Begleiter zugedeckt wurde ( Bild 155 ).

Die Unfälle zu Anfang des Winters sind offenbar aus dem Grunde sehr häufig, weil die von aussen nicht erkennbare Gefahr erst bei der Profilgrabung offensichtlich wird. Vielfach hat der Tourist den Eindruck, er bewege sich auf absolut fester Unterlage, und gelangt erst dann zur gegenteiligen Überzeugung, wenn sich die Schneedecke unter seinem Eigengewicht ruckartig setzt. Doch dann haben sich bereits ausgedehnte Risse gebildet, und grosse Hangpartien befinden sich in mehr oder weniger rascher Fahrt, so dass nur noch eilige Flucht aus der in Bewegung geratenen Schneedecke helfen kann.

Auf denselben Ursachen basieren auch die Unfälle auf der Maienfelder Furka vom 2. Januar und am Piz Beverin ( 3. Januar ), wo ein Lehrer mit zwei Schülern aus Liestal von den gleitenden Schollen erfasst wurde. Während zwei dieser Touristen mit dem Schrecken davon kamen, gelang es trotz sofortiger Hilfe der Kameraden nur, den Dritten als Opfer der Lawine zu bergen. Das letzte Unglück mit tödlichem Ausgang wurde am B. Januar aus dem Safiental gemeldet.

Unter dem Einfluss der Überlagerung hat sich die Schneedecke in Anpassung an die neuen Verhältnisse langsam verdichtet. Selbst die groben Zwischenschichten begannen sich ähnlich einer Gerüstwirkung an der Kraftübertragung zu beteiligen, so dass das Schneeprofil Mitte Januar als relativ sicher beurteilt werden konnte.

Die Lawinen im Hochwinter.

In der ersten Periode starker Lawinenbildung haben wir deren Ursache auf die fehlende Tragfähigkeit der mit lockeren Zwischenschichten durchsetzten Schneedecke zurückgeführt. Anders liegen die Verhältnisse im Hochwinter. Infolge der durch die ersten grösseren Schneefälle eingetretenen Überlagerung werden die darunter liegenden Schichten in langsam fortschreitender Zusammendrückung oder plötzlicher Setzung verdichtet und bilden so für spätere Niederschläge eine relativ tragfähige Unterlage.

Trotzdem gibt jeder Schneefall, je nach seiner Intensität und den dabei herrschenden Windverhältnissen, wieder Anlass zu kleineren Anbrüchen, Rutschungen oder grösseren Lawinen. Es mag demjenigen Naturbeobachter, welcher gewohnt ist, seine Wahrnehmungen auf bekannte physikalische Gesetze zurückzuführen, recht merkwürdig erscheinen, dass Neuschnee oft eine gewisse Zeit auf seiner Unterlage haftet und dann plötzlich, ohne äusserlich erkennbare Ursachen, in Schollen zerbricht und auf dieser abrutscht. Dass nach erfolgtem Anbruch die Schneemassen, ihrer Hangkomponente des Eigengewichtes folgend, in Bewegung geraten und auf der Fahrt, je nach Geländekonfiguration und Bodenbewachsung, mehr oder weniger Schaden anrichten, ist allgemein verständlich. Die Grundursachen jedoch, welche zum Anbruch führen und vielfach verheerende Katastrophen grössten Ausmasses zur Folge haben, wurden schon oft zum Gegenstand heiss umstrittener Diskussionen, wobei viele zweifelhafte Behauptungen auch nicht vor der Druckerschwärze zurückschreckten. Wie z.B., bei der Entwicklung der Einheits-technik im Skilauf müssen auch im Gebiet der Schneeforschung die immer gültigen Gesetze der Mechanik zu Hilfe gezogen werden. Eine gewisse Komplikation ergibt sich lediglich aus der Lebendigkeit des Stoffaufbaues und der damit zusammenhängenden Umwandlungstendenz der einzelnen Eiskristalle, welche nach ihrer Bildung fein verzweigte und verästelte Sterne darstellen ( Bild 156 ), mit zunehmendem Alter aber eine kugelige Form minimaler Oberfläche anstreben ( Bild 157 ). Während nun die aus Altschnee bestehende Unterlage in ihrem hochwinterlichen Zustand als relativ starr betrachtet werden kann, weil sich die Umformung der jetzt rundlichen Einzelkristalle bereits vollzogen hat, stellt der Neuschnee ein Eis-Luft-Gemisch dar, dessen feste Teile, die Schneekristalle, filigranartige Verästelungen mit kleinen Krümmungsradien aufweisen und sich dementsprechend unter den neuen Bedingungen der bodennahen Luftschichten sehr rasch verändern, mit der Tendenz, die Oberfläche zu verkleinern und vom filzig verzweigten Zustand des jungen Sternes in die körnig-rundliche Form des Altschnees überzugehen. Diese Umwandlung hat von aussen gut erkennbare Bewegungen zur Folge: vertikale Setzungen im ebenen Feld, Kriecherscheinungen am Hang. Da die Grosse der dabei entstehenden inneren Deformationen von Beschaffenheit des Materials, Schneehöhe, Temperatur und Hangneigung abhängig ist, diese Faktoren jedoch am Hang sehr stark variieren können, so versteht sich von selbst, dass auch die Kriechwege der einzelnen Messpunkte innerhalb der Schneedecke verschieden gross sind. Tritt zwischen zwei gedachten Punkten eine Verlängerung ein, so entspricht dies einer Zugspannung, während Druckspannungen Verkürzungen der Zwischenstrecken zur Folge haben. Gefährlich sind vor allem die im oberen Teil des Hanges entstehenden Zugkräfte, die bei Überwindung der Festigkeitsgrenze zum Lawinenanbruch fuhren können.

Die ersten grösseren Rutschungen des Winters 1941/42, welche auf Grund der inneren Spannungen des Neuschnees entstanden, folgten unmittelbar auf die Schneefälle vom 24. und 25. Januar. Bei einer kurzen Aufhellung am Montag, den 26. Januar, konnten im parallel zur Linienführung der Davos-Parsenn-Bahn verlaufenden Dorftäli mehrere mächtige Schneebrettlawinen beobachtet werden, wovon drei im Verbauungsgebiet der Schiahorn-Ost-flanke. Während die beiden äusseren, den seitlichen Begrenzungsmauern folgend, sich am Fusse des Verbauungssystems lösten, lag der Anbruch des mittleren Zuges im oberen Drittel des Hanges, so dass der Lawinenschnee hier, einem Wildbach gleichend, über mehrere Mauern sprang, um sich dann im Talboden der Büschalp neben den andern abzulagern.

In der Nacht vom 26./27. Januar geriet der brettartige Neuschnee auch am Dorfberg in Bewegung. Neben kleineren Rutschen umfasste ein grosser Zug den ganzen mittleren Abschnitt der Verbauungen. Die Ablagerungs- Dle Alpen — 1942 — Les Alpes.33 DIE LAWINEN DES WINTERS 1941/42.

kegel dieser von der Ostflanke des Salezhornes niederkommenden Lawinen zogen sich bis zu den etwa 400 m tiefer liegenden « Böden ». Als wir am 27. Januar die Anbrüche dieser Dorfberglawinen einer näheren Prüfung unterziehen wollten, bot sich gerade Gelegenheit, den Bewegungsablauf eines weiter südlich angebrochenen Schneebrettes zu verfolgen.

Da die Niederschläge in der letzten Januardekade einer allgemeinen Wetterlage entsprachen, war es nicht verwunderlich, dass zu dieser Zeit aus der ganzen Schweiz Meldungen über Lawinenschäden eintrafen. Im Unteralptal geriet ein Bergführer in eine Schneebrettlawine, während eine andere bei Hahnenmoos drei mit der Freilegung des dortigen Schlittenaufzuges beschäftigten Arbeitern ein kaltes Grab bereitete. Grosse Sachschäden entstanden vor allem im Berner Oberland und im Kanton Glarus.

Infolge anhaltender Schneefälle am 28. und 29. Januar nahm die Häufigkeit der Lawinenunfälle weiter zu und erreichte auf Monatsende ihren Höchstwert. In Comballaz wurden zu dieser Zeit zwei Chalets samt Insassen, in Beckenried sieben Personen und vierzehn Stück Vieh verschüttet. Auch ein Schneerutsch auf dem Rigi forderte Todesopfer. Doch noch nicht genug: am 31. Januar bereitete die Gurtnellenberglawine neun Personen ein kaltes Grab, nachdem die entfesselten Schneemassen zwei Stunden vorher einen Güterzug der Gotthardbahn aus den Schienen geschleudert hatten. Diese Schreckensnacht wird nicht nur den direkten Zeugen, sondern auch allen andern, mit dem Kampf gegen Naturschäden vertrauten Bergbewohnern in ständig warnender Erinnerung bleiben.

Mit Beginn des Monats Februar trat schönes, zuerst kaltes, nachher föhnig warmes Wetter ein. Die Umwandlung des Neuschnees konnte sich dementsprechend relativ rasch vollziehen, so dass keine neuen Rutschungen mehr befürchtet werden mussten.

Als Anhang zu dieser zweiten Periode starker Lawinenbildung wäre der Vollständigkeit wegen auf einige Rutschungen hinzuweisen, welche Mitte Februar als Folge heftigen Schneetreibens vom 13. bis 15. entstanden. Im Parsenngebiet wurden mehrere Anbrüche an der Nordostflanke der Weissfluh, aber auch Einzelfälle am Mittelgrat und oberhalb der Büschalp beobachtet. Als weiteres Beispiel dieser Art ist offenbar auch die Zeitungsmeldung vom 18. Februar zu werten, wonach am Vortage unterhalb des Diableretsgipfels eine gewaltige Lawine von 200 bis 300 m Breite niederging. Es sollen dabei mächtige Schneemassen aufgewirbelt worden sein, so dass über das Dorf ein wahrer Schneesturm wütete, jedoch ohne Sachschaden anzurichten oder gar Opfer zu fordern. Doch diesen Lawinen kommt auf Grund ihrer Entstehungsursache nur lokale Bedeutung zu. Die mit starkem Spannungsanstieg verbundene entscheidende erste Phase in der Umwandlung des Neuschnees hat sich infolge des Föhneinflusses sehr rasch vollzogen, womit die Gesamtschneedecke eine wesentliche Stabilisierung erfuhr.

Frühjahrslawinen.

Frühjahrslawinen bilden schmutzige, sich langsam und unförmlich fort-bewegende Massen, die periodisch wiederkehren und deshalb auch allgemein bekannte Namen haben. Sie reissen in ihrem gewohnten Gang unbarmherzig alles mit, was ihnen entgegentritt, und lagern sich dann gebieterisch, fest und breit am Fusse des Berges ab, um dort je nach den Geländeverhältnissen, ohne weiteren Schaden anzurichten, langsam abzuschmelzen oder aber Flussläufe, Strassen und Bahnen zu sperren, womit in den meisten Fällen wesentliche Verkehrsstörungen verbunden sind ( Bild 158 ).

Derartige Rutschungen entstehen nach Naßschneefällen oder infolge Infiltration der Schneedecke mit Schmelzwasser, wobei die Festigkeit des Materials eine wesentliche Reduktion erfährt. Es handelt sich somit hier nicht um Zusammenbrechen des Gesamtgerüstes wie in der ersten Periode ( Frühwinter ) oder einen Spannungsanstieg infolge Setzungserscheinungen ( Hochwinter ), sondern um ein Faulwerden der Schneedecke, wobei die Festigkeitsgrenze derselben wesentlich vermindert wird, wie dies beispielsweise auch bei faulendem Holz der Fall ist. Die Naßschneelawinen sind zeitlich nicht an das Frühjahr gebunden, sondern treten immer dann auf, wenn Warmlufteinbrüche von Regenfällen oder starken Schmelzprozessen begleitet sind. Es liegt deshalb auf der Hand, dass derartige Rutschungen vorerst in tieferen Regionen und im eigentlichen Alpengebiet erst gegen den Sommer hin beobachtet werden können.

So genügte z.B. die föhnig-warme Witterung vom 19. bis 24. Februar, um in der Klus, einem Engpass oberhalb Landquart, grössere Schneemassen in Bewegung zu versetzen, die nach schadloser Durchquerung langer Waldpartien auf das Geleise der Rhätischen Bahn zu liegen kamen und dort grössere Zugsverspätungen zur Folge hatten. Auch aus dem Wäggital, aus Wengen und Bellinzona trafen Nachrichten über Lawinenschäden ein.

Am 12. März fiel im Unterland Regen, in den höheren Regionen nasser, schwerer Schnee auf die bereits nullgrädige Schneedecke, so dass leicht neue grosse Lawinengänge prophezeit werden konnten, die in der Folge auch eintrafen. In lebhafter Erinnerung ist uns noch das Lawinenunglück in Realp, wobei fünf junge, um ihre karge Existenz kämpfende Bergbauern beim Herein-holen des Wildheues aus dem Gertal den Lawinentod fanden.

Zu Beginn des Monats April war der Schmelzvorgang der Schneedecke in den Voralpen schon so weit fortgeschritten, dass wohl in grösseren Höhen und Schattenhängen noch einzelne Rutschungen beobachtet, die allgemeinen Lawinenniedergänge des Winters 1941/42 jedoch als abgeschlossen betrachtet werden konnten.

Schlussbemerkungen.

Die zahlreichen Unfälle, welche aus der nachfolgenden Zusammenstellung der Pressemeldungen entnommen werden können, mögen zeigen, dass die Zusammenhänge zwischen Schneedeckenentwicklung und Lawinenbildung selbst von der ständig bedrohten und deshalb mit den winterlichen Gefahren vertrauten Bergbevölkerung zu wenig beachtet werden. Wir betrachten es deshalb als unsere Pflicht, die Resultate der Schweizerischen Schnee- und Lawinenforschung, welche in den Lawinenkursen der Armee die Probe der Praxis erfolgreich bestanden haben, auch der Zivilbevölkerung zugänglich zu machen. Die vorstehenden Ausführungen, in denen wir uns bewusst auf ein kleines Teilgebiet beschränkten, mögen als bescheidener Beitrag dazu gewertet werden. Dass von Seiten des Bundes keine Kosten gescheut werden, DIE LAWINEN DES WINTERS 1941/42.

um den Kampf gegen Lawinen erfolgreich weiterzuführen und unserem Land die gewonnene Vormachtstellung im Gebiete der Schneeforschung zu erhalten, geht aus einem Beschluss der eidgenössischen Inspektion für Forstwesen hervor, wonach die bisher mit provisorischen Mitteln arbeitende Station Weissfluhjoch durch ein bleibendes Institut ersetzt werden soll. Die Bauarbeiten sind bereits so weit fortgeschritten, dass dieses erste und bisher einzige Lawinenforschungsinstitut der Welt im Laufe des Monates Dezember dem Betrieb übergeben werden kann.

Zusammenstellung der Pressemeldungen.

Datum 25. 12. 41 2.

2. 3. 5. 7. 17. 24.

1.42 1. 42 1. 42 1.42 1.42 1.42 1.42 26.

1.42 26.

1.42 27.

1.42 27.

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1.42 27.

1.42 27. 28.

1. 42 1.42 29.

1.42 29. 30.

1.42 1.42 30.

1.42 30.

1. 42 30.

1.42 30.

1.42 30.

1.42 Ort des Lawinenniederganges Zwischen Klosters und Berghaus Vereina.

Maienfelder Furka. Ostflanke Schafläger, Parsenn. Piz Beverin. Bunschental. Safiental. Schwefelberg. Zwischen Frutigen und Adelboden, Schieferbergwerk. Zwischen Les Cases und Allières an der M. O. B.

Glarus, zwischen Schwanden und Berghaus Mettmen. Ebligen am Brienzersee, vom Tann- horn herunter.

Appenzell-Schwägalp.

Schäden 1 Todesopfer.

1 Todesopfer.

1 Todesopfer.

1 Todesopfer.

1 Todesopfer.

1 Todesopfer.

1 Todesopfer.

2 Todesopfer.

Bahnkörper M. O. B. verschüttet, 6 Masten weggerissen, 1 leere Hütte zerstört.

1 Todesopfer.

Brienzerseebahn verschüttet, Dachstuhl des Stationsgebäudes, 30 Obstbäume und 1000 m3 Holz zerstört.

Schmalseite d. Talstation d. Schwebebahn eingedrückt, grosser Mobiliar-schaden.

30j ähriger Wald, 300 m elektrische Leitungen, 8 Heubehälter mit Futter zerstört.

Mehrere Gebäude einer Militärzentrale zerstört.

1 Todesopfer.

Hütte der mittleren Station zerstört, 3 Todesopfer.

Bahn verschüttet auf 50 m, grosse Mengen Holz mitgerissen.

1 Todesopfer.

50 m Geleise und Strasse des Sernftales verschüttet.

Mehrere Chalets zertrümmert, 2 Todesopfer.

Hälfte des Bahnhofs Ebligen zerstört, Staatsstrasse verschüttet, viel Holz und Kraftleitung des Elektrizitätswerkes Reichenbach zerstört.

Postautoverkehr unterbrochen.

Glarus, zwischen Elm unit Matt, von der Bühbodenalp herunter, Maiss-blanken- und Branderlawine.

Abläntschen.

Andermatt, Unteralptal. Adelboden, Schlittenaufzug Gails- Hahnenmoos. Brienzersee bei Oberried von der Augstmatthornkette, Minachril- lawine. Kandergrund. Glarus, Warth, 3,5 km von Schwanden entfernt, im Alpbachbett. La Comballaz, Aigle.

Ebligen-Oberried ( Brienz ), Bolaui von der Rothornkette.

Innertkirchen-Guttannen, Spreitlaui vom Spritzlihorn herunter bis an die Aare.

Brienzer Rothorn, Rotschalp.

Erstbannwald zerstört, 1 Todesopfer, grosse Anzahl Lindenbäume zerstört.

120 m Länge von Bahn und Strasse im Sernftal verschüttet.

Zwischen Elm und Matt ( Glarus ), von der Kühbodenalp am Schafgrind ( Maissbodenlawine ).

4„- » „ DIE LAWINEN DES WINTERS 1941/42.

Datum 30. 1. 42 30.1. 42 31. 1. 42 31. 1.42 31. 1. 42 31. 1.42 31. 1.42 31. 1. 42 31. 1. 42 31. 1. 42 31. 1. 42 31. 1. 42 1. 2. 42 1. 2. 42 1. 2. 42 1. 2. 42 1. 2. 42 1. 2. 42 2. 2. 42 2. 2. 42 2. 2. 42 2. 2. 42 2. 2. 42 2. 2. 42 3. 2. 42 3. 2. 42 5. 2. 42 Ort des Lawinenniederganges Kandertal, Mitholz. Frutigen-Adelboden, Lintergraben- laui. Gurtnellenberglawine.

Gurtnellenberglawine.

Ölbergtunnel Axenstrasse zwischen Ölbergtunnel und Kalchofen. Sisikon-Tellsplatte, Buggilawine. Ob Schwyz am Gaissberg.

Brunnen, Gersauer Strasse, Fallenbach Bisistal, 80 m unterhalb Gasthaus Schönenboden. Brienzersee, Mattengraben oberhalb Ebligen.

Brienzersee, Bönigen, Nordseite des Laucherhorns, sogenannte Hensch-lawine bis zum See.

Interlaken-Därligen, vom Därliggrat Beckenried, Buochserhorn.

Schäden Sperrt Frutigen-Kandersteg-Strasse.

Verkehr unterbrochen, Brücke weggerissen.

Bringt Güterzug der Gotthardbahn zum Entgleisen.

9 Todesopfer, zerstört 21 Gebäude und Vieh.

Strasse verschüttet.

Bauinstallationen weggerissen.

Stall Tschümperlin zerstört ( 15,000 Franken Sachschaden ).

Strasse 12 Stunden gesperrt.

Wohnhaus mit Grundmauern und Telephonmasten weggerissen.

Geleise der Brienzerseebahn verschüttet, elektrische Leitungen weggerissen.

Sehr grosser Schaden, ganzer Wald wegrasiert.

Staatsstrasse verschüttet, ca. 1000 m3 Waldschaden.

7 Todesopfer, Haus und Scheune Käslin in den Träschlibach geschleudert.

1 Todesopfer.

1 Todesopfer.

Stall weggerissen, Strasse verschüttet, See gestaut. Staatsstrasse Interlaken-Grindel- wald-Lauterbrunnen. Bahnhof von Les Cases, mehrere Hütten und elektrische Leitungen zerstört, 2 Todesopfer. 4 Todesopfer, erstmals seit 54 Jahren, grosser Waldschaden. Schmiede zerstört, 1 Todesopfer.

2 Hektaren Wald niedergerissen.

2 Scheunen und 2 Stück Vieh mitgerissen.

1 Scheune zerstört, eine andere Lawine zerstört den Scheibenstand.

2 Ställe fortgerissen und verschüttet.

1 Todesopfer, Hütte einer Baufirma aus Flums zerstört.

Grosser Viehstall zerstört, Haus beschädigt.

Viel Wald niedergerissen, Wasserversorgung von Ried beschädigt, 1 Hütte trotz « Ebehöch » zerstört.

Gaflischhütte.

Rigi.

Weisstannen Ringgenberg-Bruegg.

Ahornalp in die Lütschine.

Courcyses/Les Cases M. O. B. ).

( Haltestelle Glarus-Linthal am Kammerstock. Richtung Fetschbach.

Kandergrund, vom Mittagshorn herunter sogenannte Susegglawine.

Vom Niesen, westlich Heustrichbad.

Saxetental, sogenannte Aussenberg-lawine.

Saxetental, sogenannte Giebelberg-lawine.

Mühlehorn ( Glarus ), Gäsiberge ob Mühlehorn.

Sargans, auf der Ochsenalp, Gemeinde Grabs.

Schwyz, Muotatal, von der Achselalp herunterkommend.

St. Stephan im Simmental, wo seit Menschengedenken keine Lawine beobachtet wurde, Hang der Pot-mäder über Lowizug und Ritze durch Kapf und Bleiken.

Am Steilhang des Ritzli-Flöschbe-zirkes bei Lenk.

Im Simmental, im Klusi an den Seitenmädern. Vom Wildenstein herunter.

Zuhinterst im Eriz, bei Fallalp.

5. 2. 42 11. 2. 42 11. 2.42 11. 2. 42 1 Scheune zerstört, 7 Stück Vieh und 1 Ziege getötet, weiter Stallhütte und Scheune beschädigt.

Einige Heuschober zerstört.

Viel Wald mitgerissen, andere Lawine zerstört Sennhütten und Schattställe. 1 Alpstall mitgerissen.

DIE LAWINEN DES WINTERS 1941/42.

DatumOrt des Lawinenniederganges 11. 2.42 Oberhalb Reute ( Hasleberg ), auf Gum- menalp angebrochen. 15. 2. 42 Simmental, Bunschental boi Weissen- burg.

Schäden Streckenweise Wald niedergerissen.

2 Alphütten und die auf « Morgeten » erstellte Holzseilbahn samt Verankerung weggefegt, Hunderte von m3 Holz mitgerissen.

Ohne Schaden.

Staatsstrasse auf 40 m verschüttet. 2 Todesopfer.

1 Todesopfer.

Infolge Luftdrucks auf Alp Fläschli 2 Ställe zertrümmert, Schaden Fr. 15,000.

Auf Bärlaui und Oberen Altem je einen neuen Stall zerstört.

1 Todesopfer.

Eiserne Kühmattbrücke der Brienz-Rothorn-Bahn zerstört, Fr. 50,000 Sachschaden.

1 Todesopfer.

Staatsstrasse auf 40 m verschüttet, ebenso das Geleise der Berner-Ober-land-Bahn.

Durch Schutt und Schnee, 2 Todesopfer.

5 Todesopfer.

18. 2. 42 Les Diablerets, unterhalb des Gipfels, bei Mauvais Glacier grosse Lawine.

21. 2. 42 Schwyz, zwischen Gersau und Vitznau beim Forst.

23. 2. 42 Wengen, am Gürmschbühl, Osthang des Lauterbrunnentals.

24. 2. 42 St.Anna- Gletscher.

25. 2. 42 Wäggital, Fluhberg.

25. 2. 42 " Wäggital, Aubrig 25. 2. 42 Bei Bodio.

Brienz, zwischen Planalp und Ober- staffel.

27. 2.42 Valzeina. 6. 3.42 Lauterbrunnen-Zweilütschinen.

12. 3. 42 Wallenstadt, im Seez-Tobel, Mels. 14. 3.42 Realp, Gertal.

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