Die Lokalwinde der Alpen

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Mit 1 Bild ( 68 ) und S SkizzenVon Rudolf Streiff-Becker

( Zürich ) Wer in den Alpen oft und aufmerksam über Berg und Tal wandert, kann beobachten, dass in relativ engbegrenzten Bezirken besondere Winde wehen, während in benachbarten Räumen Windstille herrscht oder gar ein entgegengesetzter Wind weht, was durch die Flugrichtung von Wolken oder Rauchfahnen erkennbar ist. An vielen Orten des Alpengebietes werden Lokalnamen für Winde gebraucht, die aus sonderbarer Richtung wehen. In den meisten Fällen handelt es sich um eine örtlich engbegrenzte, durch einen Berghang oder eine Felswand erzwungene, von der normalen abweichende Windrichtung. Es würde zu weit führen, hier alle Lokalnamen der kurzen Winde zu nennen, die in den Alpenländern gebräuchlich sind. Wir wollen nur die bedeutenden Lokalwinde besprechen, welche in einem grösseren Bereich wirksam sind, durch ihre Eigenschaften allgemeine Aufmerksamkeit erregen, und deshalb besondere, auch in der Wissenschaft eingeführte Namen erhalten haben. Es sind dies:A. Pass- und GratwindD. Föhnwind B. Berg- und TalwindE. Mistral und Bora C. Gletscherwind Wir wollen versuchen, die Entstehung dieser Winde kurz und allgemeinverständlich zu erklären. Es ist bekannt, dass ein Wind in erster Linie beim Ausgleich zwischen Luftmassen ungleichen Gewichtes entsteht. Bei einer Luftanhäufung ( Antizyklone = Hochdruck ) sinkt die Luft vom Scheitel des Luftberges, langsam rechtsdrehend \ nach aussen und abwärts gegen eine Depression hin, wo schwächerer Druck, also tiefer Barometerstand herrscht. In der Depression ( Zyklone = Tiefdruck ) steigt warme Luft linksherumwirbelnd1 aufwärts, andere Luft an ihrem Rande mitreissend oder ansaugend. Im Bereich von Europa gibt es auf unserem Erdball bestimmte Stellen, die für das Wettergeschehen von grosser Bedeutung sind. Gebiete häufiger Bildung von Antizyklonen sind das Inlandeis von Grönland, der Umkreis der Azoreninseln und im Winter Sibirien-Russland. Depressionen bilden sich in erster Linie über dem warmen Golfstrom, in geringerem Masse über dem warmen Mittelmeer. Die atlantischen Depressionen schlagen, schon infolge der Erddrehung, vorwiegend die westöstliche Zugrichtung ein. Es kommen zwar Abweichungen vor, welche der Wetterprognose Schwierigkeiten bereiten. Je kürzer die Distanz zwischen den Zentren hoher und niedrigerer Luftkörper ist oder zwischen kalten und warmen, je steiler also der Druck- respektive Temperaturgradient ist, um so heftiger ist der zum Ausgleich entstehende Wind, am heftigsten, wenn beide Gradienten sich addieren. Die Erklärung der Lokalwinde ist damit schon vorweggenommen und bedarf nur noch weniger Ergänzungen.

A. Pass- und Gratwind. Wenn wir bei windstillem Wetter zu einer Passhöhe hinaufsteigen, so empfängt uns dennoch auf der Passhöhe fast immer ein spürbarer Wind. Die Ursache kann darin liegen, dass auf den beiden Paßseiten ungleich grosse Luftdrucke herrschen oder dass die eine Paßseite noch im Schatten liegt, daher kalte, schwere Luft enthält, die andere Seite dagegen warme, lockere Luft infolge intensiver Sonnenbestrahlung. Der zum Ausgleich entstehende Luftstrom muss zudem am Pass durch einen engeren Querschnitt fliessen als vorher am breiten Hang, muss deshalb eine grössere Durchflussgeschwindigkeit annehmen. Ähnlich sind die Verhältnisse am Grat eines Hochgipfels. Die Luft im 1 Auf der südlichen Halbkugel ist der Drehsinn umgekehrt.

Die Alpen - 1953 - Us Alpes13 Schattenkegel des grossen Berges ist von der nächtlichen Ausstrahlung her noch kalt und schwer, auf der Sonnenseite infolge der oft senkrechten Einstrahlung sehr warm. Der Temperaturgradient kann sehr gross sein. Er ist dann horizontal gerichtet und führt zum scharfen Ausgleich um die Grattürme herum, zum Missvergnügen des Alpinisten, der auf der Alp unten vorher noch Windstille feststellte. Kommt zum Temperaturgradienten noch ein Druckgradient hinzu, dann kann der resultierende Sturm ungemütlich werden.

B. Berg- und Talwind. Diese Winde sind ausgesprochene Schönwetterwinde, denn sie kommen in typischer Form nur vor, wenn eine Antizyklone, ein Hoch, über den Alpen lagert. Auf den Gipfeln herrscht Luftruhe, das ideale Wetter für den Bergsteiger. Die nächtliche Ausstrahlung, daher die Abkühlung der Luft an den Gipfelhängen und am Talgrund, ist gross. Die Luft, weil kalt und schwer, sinkt langsam abwärts und talaus, als deutlicher Bergwind bis zum Alpenvorland, jedoch nur morgens bis etwa gegen Mittag. Am Nachmittag wird die Luft an den sonnenbestrahlten Hängen so warm, dass sie aufzusteigen beginnt. Als Ersatz muss Luft von unten her nachkommen, so dass am Nachmittag ein oft recht energischer Talwind vom Eingang des Tales bis weit hinauf sich bemerkbar macht. Diese in gleicher Folge auftretenden Winde sind typische Schönwetterwinde.

C. Der Gletscherwind. Im Gegensatz zu den vorgenannten ist der Gletscherwind kein Schönwetterwind, dafür ein solcher, der hauptsächlich vom Temperaturgradienten abhängig ist. Die Gletscheroberfläche ist der dauernde Kältelieferant an die Lufthülle des Gletscherkörpers. Die Luft im Kontakt mit dem Eis kühlt sich ab, wird demnach schwerer als die zunächst obere Luft, sofern diese positive Temperaturen aufweist. Die kalte Kontaktluft-schicht ist zwar nur seicht, doch schwer genug, um abwärts zu strömen, jedoch nicht sehr weit über das Gletscherende hinaus. Dort wird sie wieder wärmer, biegt nach obenhin um, strömt wieder bergwärts, um oben wieder zum Ersatz der abwärtsfliessenden Luft den Kreislauf zu schliessen. Die Geschwindigkeit dieses zirkulierenden Gletscherwindes ist von der Grösse des Temperaturgradienten abhängig. Dieser Wind kann also auch bei Schlechtwetter vorkommen, wenn z.B. relativ warme atlantische Luft von einer Depression her ins Bergtal dringt, er kann jedoch im Winter ausbleiben, wenn bei Schönwetter die Luft kälter ist als das Gletschereis.

D. Die Föhnwinde. Der Föhn ist ein trockener, warmer Wind, der steil in tiefe Talgründe hinabstürzt, die im Schütze hoher Gebirgswände vom Sturmwind eigentlich verschont bleiben sollten. Dieses gesetzwidrige Verhalten, zusammen mit der auffallenden Trockenheit und Wärme selbst in der kalten Jahreszeit haben schon frühe die Aufmerksamkeit der Menschen erregt. Er ist in der Literatur schon frühe erwähnt und wissenschaftlich beschrieben worden, so dass wir uns hier beschränken und nur das Wichtigste wiederholen wollen.

DIE LOKALWINDE DER ALPEN Vor Eintritt des Föhns herrscht gewöhnlich über den Alpen Hochdruck und Luftruhe in den Tälern. Es entsteht dann, zumal zur kühleren Jahreszeit, eine sogenannte Temperaturumkehr ( Inversion ), d.h. im Talgrund lagert kalte Luft, wärmere Luft schwimmt darüber in den mittleren Berglagen. Die Wetterlage, welche nun den Föhn erzeugt, wohl auch gleichzeitig das Föhnunbehagen vieler Menschen, zeigt stets ein ähnliches typisches Bild: Es erscheint im Räume von Frankreich dicht vor den Alpen eine kräftige Depression, während die Antizyklone nach Südosten hinter den Alpenkamm ausgewichen ist. Die Linien gleicher Barometerstände ( Isobaren ) zeigen in der Wetterkarte über der Poebene eine Ausbuchtung gegen Westen, das sogenannte Föhnknie. Das besagt, dass im Schütze des Alpenwalles eine Zunge hohen Druckes erhalten bleibt. Der steile Druckgradient gegen die Depression jenseits der Alpen erzeugt heftigen Südwind über den Alpenkamm hinweg. Teile dieses breiten Luftstromes werden in den Hintergrund gleichgerichteter Täler, in Lee des Alpenkammes, infolge Saugwirkung aerodynamisch steil hinabgezwungen. Nach physikalischen RSt-B Piz URLAUN AUEN-UNTHAL GLARUS -ZCH.

Gesetzen erwärmt sich die Luft adiabatisch um nahezu 1 Grad C auf je 100 Meter Fallhöhe. Sie durchströmt als Föhn ein Talstück oder auch das ganze Tal, je nach Gegebenheiten, um an der Stirnseite über die trägere kalte Bodenluft oder über ein orographisches Hindernis hinauf und hinweg sich zu schieben. Je nach den Stärken des Höhenwindes oder den Temperaturverhältnissen der Talbodenluft nimmt der Föhn einen verschiedenen Charakter an und wird entsprechend benannt. Wenn im Sommer warme Luft im Tal vorhanden ist, wird der Südsturm hinter dem Bergkamm nur wenig tief gegen den Talhintergrund hinabgebogen, weil die Warmluft ihm entgegensteigt. Wir nennen ihn dann Höhenföhn.

Nimmt die Stärke des Höhenwindes zu und liegt träge kalte Luft am Talgrund oder ist gar als Bergwind schon abfliessend, dann ist der Absturz rasch und jähe bis auf den Talgrund wahrscheinlich. Wir haben dann den typischen Talföhn vor uns. Hat der Höhenwind maximale Stärke, dann überspringt er den hintersten Talgrund und stösst erst weiter draussen zu Boden, zuweilen erst am Alpenrand, er wird zum seltenen Dimmerföhn. Wenn schliesslich eine kräftige Antizyklone über den Alpen lagert, umgeben von schwachen Tiefdruckgebieten, so kann die absinkende Luft an engen Talausgängen föhnartige Eigenschaften annehmen. Wir sprechen dann von einem Hochdruck- oder Antizyklonalföhn.

Einige Täler, insbesondere die Täler der französischen Westalpen, kennen den echten Föhn nicht. Diese Täler verlaufen in Ost-Westrichtung, weshalb die Saugwirkung des quer über sie hinwegstreichenden Südwindes ungünstig ist und dieser nur wenig tief hinabdringt.

Der echte Alpentalföhn ist sehr warm und trocken und weht selten ins Alpenvorland hinaus. Er wird noch vielfach verwechselt mit dem ebenfalls warmen, jedoch sehr feuchten, DIE LOKALWINDE DER ALPEN Legenden zu den Wetterkärtchen Wetterlage bei Ausbruch eines Talföhns « Föhnknie » über der Po-Ebene Das Tief ist nach NO abgezogen, der Föhn ist « heimgegangen » regnerischen Südwestwind. Dieser lässt die Talhintergründe in Ruhe, weht dagegen stürmisch über das Schweizer Mittelland. Bei diesem Südwest verlaufen in der Wetterkarte die Isobaren zwischen dem Hoch im Süden und dem Tief im Norden der Alpen parallel den Breitegraden, und das Föhnknie ist nicht vorhanden.

E. Mistral und Bora. Am westlichen Rand der Alpen macht sich besonders deutlich im unteren Rhonetal bis zum Meer hin ein kräftiger, von Norden nach Süden blasender Wind geltend, wenn über den Cevennen im zentralen Frankreich ein Hochdruck lagert und über dem Golfe du Lion eine Depression erscheint. Dieser als Mistral bekannte, oft recht lästige Wind weht am stärksten, wenn zum oben vermerkten Druckgradienten noch ein kräftiger Temperaturgradient sich addiert. Das ist der Fall, wenn in den Cevennen noch Winterschnee liegt, über dem Mittelmeer dagegen schon wärmere Frühlingsluft. Ähnliche physikalische Gesetze beherrschen einen typischen Fallwind am Ostrande des Alpenkörpers, nämlich die am Adriatischen Meer so gefürchtete Bora. Wenn auf dem Karst bei einer Antizyklone noch Schnee liegt, über dem frühlingswarmen Adriatischen Meer eine Zyklone entsteht, dann stürzt die schwere, kalte Luft über die Westhänge des Karstgebirges hinab und schiebt sich unter die Warmluft der Depression. Der Fallwind erwärmt sich, wie der Föhn, adiabatisch; weil jedoch hier die Ausgangstemperatur sehr tief ist und die Fallhöhe viel geringer, kommt die Bora in Triest und Venedig relativ kalt an und wird im Kontrast zur abziehenden, weichen und wannen Adrialuft sehr unangenehm empfunden.

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