Die Marmorberge von Carrara

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Von Hans Zumbrunn.

An einem herrlichen Frühlingsabend des Jahres 1909 stand ich zum ersten Male an den Ufern des lieblichen Golfes von Spezia und gewahrte am südlichen Horizont die steilen, in ihrer Gesamtheit mächtig wirkenden Marmorberge von Carrara, die im Feuerschein der sinkenden Sonne immer markanter hervortraten. Inmitten der mich noch fremd anmutenden Umgebung weckte dieses Bild heimatliches Sehnen und den gleichzeitigen Wunsch, jene mir unbekannten Berge zu durchstreifen.

Allein mein Vorhaben stiess vorerst noch auf allerhand Widerstände. Für Bergsport und Wanderungen hatte man dort unten sehr wenig Interesse. Schweizer, welche ich für meine Gedanken und Projekte begeistern wollte, lehnten kühl ab. Italienische Freunde, bei denen ich Näheres über Land, Leute und Unterkunft zu erfahren suchte, fanden es direkt unsinnig, zum Vergnügen in jene unwirtlichen Felsengebirge hinaufzusteigen. Also war ich auf mich allein angewiesen. Ich beschloss, vorerst meine Sprachkenntnisse zu fördern, dann die Küstenstriche von Spezia zu durchstreifen und so Land und Leute aus eigener Anschauung kennenzulernen und die dortigen Verhältnisse richtig einzuschätzen. Und ich tat gut daran. Denn ich entdeckte auf meinen Wanderungen eine Fülle landschaftlicher Schönheiten, die, abseits der grossen Heerstrasse gelegen, dem Italienfahrer unbekannt bleiben. Ich nenne da nur die herrlichen Buchten von Muggiano und Porto Venere. Dann das eigenartige Bergdorfchen Campiglia mit seinem alten Sarazenenturm, der den Schmugglern bis in die 80er Jahre hinein noch als Leuchtfeuer diente. Das anmutig am Monte Parodi gelegene Biassa und das an die Uferfelsen geklebte Riomaggiore.

So streifte ich am Meere entlang, durch Weingärten, Pinien- und Kastanienwälder. Suchte Höhenwege in den Randgebirgen der Küste oder kletterte in den heissen Gipfelfelsen der längst erloschenen Gemelli herum. So gelangte ich auch zu dem verborgenen Bergnest Carpena, das, auf einem Felskegel erbaut und inmitten terrassenförmig angebauter Weingärten gelegen, wohl eines der lieblichsten Idylle der ligurischen Küste verkörpert. Und wo ich einkehrte, sei es beim Fischer, Bauer, Schmuggler oder Bergler, überall fand ich freundliche Aufnahme und liebe Menschen, die mir mit ihrem farbenfrohen Leben Beweise ihres liebenswürdigen Volkscharakters gaben. Mannigfaltig und unauslöschlich waren die Eindrücke solcher Wanderungen. Was verschlug es, wenn dann die Stadtmenschen den heimkehrenden Turisten mit seinem Rucksack bemitleideten und nur als matto Inglese beurteilten.

Bei einer solchen Heimkehr in die Stadt grüsste mich ein freundlicher, junger Italiener und bat mich, bei ihm einzutreten. Giulio Bardi, so hiess der junge Mann, hatte den sehnlichsten Wunsch, mich auf meinen Wanderungen zu begleiten, und im Austausch unserer Gedanken erkannten wir als gemeinschaftliches Ziel die Carraraberge. Damit war der Bund geschlossen, der sich im Laufe der zahlreichen Bergfahrten zur grossen Freundschaft vertiefte, die heute noch andauert, trotz gänzlich veränderten Verhältnissen.

Wir beide waren noch jung, und keiner gehörte einer turistischen Korporation an. Wir hatten darum einige Schwierigkeiten in der Beschaffung des nötigen Kartenmaterials, Blatt Massa 1: 100,000. Auch verfügten wir über keinerlei alpine Literatur, denn der vom Club Alpino Ligure ( Sektion des C.A.I. ) herausgegebene kleine Führer war uns nicht bekannt und gelangte Alpi Apuane vom Monte Sagro ( 1748 m ) aus gesehen.

erst in unsern Besitz, nachdem wir das Gebiet aus eigener Anschauung kennengelernt hatten. Zusammenfassend wäre darüber folgendes zu sagen: Die Marmorberge von Carrara-Massa oder, geographisch genannt, die apuanischen Alpen umfassen ein Gebiet von zirka 70 Quadratkilometer. Das Gebirgsmassiv besteht aus verschiedenen Ketten, welche sich strahlenförmig vom Apennin zur ligurischen Küste ziehen und diese unterhalb Spezia erreichen. In kühnem Schwung streben die Gipfel vom Meeresspiegel direkt auf 2000 Meter hinauf. Schöne Bergformen, verbunden durch gewaltige Wände und zackige Grate, geben dem Ganzen alpinen Charakter, der durch die tiefeingeschnittenen schluchtartigen Täler noch erhöht wird. Gipfel und Nadeln in allen Schwierigkeitsgraden locken den Berggänger, doch ausser den Marmorarbeitern und Talbewohnern trifft man selten Turisten. Auf dem Passo della Focolaccia, 1600 m, steht eine Clubhütte des C.A.I.

Sonstige Unterkunftsgelegenheiten sind wenige, denn Dörfer und Weiler sind in den engen Felsentälern ganz spärlich vorhanden. Die Anstiegrouten sind eher lang, und zieht man die wirkliche Höhendifferenz in Betracht und nimmt unsere Hütten als Basis an, so stehen viele Besteigungen in nichts unsern mittelschweren Hochturen nach.

Der Reisende, welcher im Schnellzug vorbeisaust, sieht verwundert die weissgrauen Wände und Couloirs, die besonders im Winter öfters für Schnee angesehen werden. Es sind dies die unzähligen Brüche mit ihren Ablagerungen, welche sich über das ganze Gebiet erstrecken bis in eine Höhe von 1500 Meter. Man schätzt ihre Zahl auf zirka 700. Welch ungeheurer Reichtum an Marmor vorhanden ist, zeigt das Beispiel, dass die heutigen Brüche kaum zwei Stunden hinter denjenigen liegen, wo einst die Sklaven der Cäsaren den Stein brachen.

Hauptzentren sind Carrara im nördlichen und Massa im südlichen Distrikt. Sie beherrschen heute den Weltmarkt in Marmor, und der ganze Erwerb ist auf dieses wichtige Ausfuhrprodukt eingestellt. Sägereien, Polier-werkstätten, Bildhauerateliers etc. wechseln in bunter Folge.

Im Distrikt Massa sind die Brüche noch nicht so zahlreich, die Verwüstung infolgedessen nicht so fortgeschritten. Die Berge haben dort vielfach ihren romantisch-wilden Charakter beibehalten und wurden aus diesem Grunde von uns bevorzugt.

Carrara ist Ausgangspunkt für die Besteigung des Pizzo Torrione, des Grondilice, Pizzo d' Uccello und Monte Sagro. Unsere erste Besteigung galt dem Monte Sagro, 1748 m.

Von Carrara aus gelangt man durch die Val Torano in das Zentrum der Marmorbrüche im Kessel des Torrione. Ein Bild grösserer Verwüstung und Zerstörung kann man sich schwerlich denken. Ringsum sind die Felswände bis in die steilsten Partien und Grate hinauf gesprengt, aufgerissen, zersägt oder ausgehöhlt. Nackt und aus unzähligen Schwären blutend, recken sich diese zertrümmerten Bergleiber in den Himmel, als wollten sie den natur-zerstörenden Menschen anklagen. Hänge und Talsohle sind buchstäblich mit Marmorschutt zugedeckt. Saubere Strassen und schön geschichtete Treppen führen durch dieses Labyrinth und hinauf zu den Brüchen. Von allen Seiten schaukeln Seil- und Materialbahnen von den Stollen herunter. Neben der modernen Rollbahn dient auch noch der scheibenrädrige, mit 10 bis 15 Joch bespannte Ochsenkarren als Beförderungsmittel. Inmitten der Arbeiterhütten fanden wir eine Trattoria mit guter und billiger Verpflegung, was für unsere spätem Turen sehr von Vorteil war. Ein zufällig anwesender Aufseher anerbot sich, uns einen der hochgelegenen Brüche zu zeigen und uns den Pfad zu weisen, der in diesem Wirrwarr von Treppen und Stegen nicht leicht zu finden ist.

Hunderte von Treppenstufen führen durch die steilen Geröllhalden empor zu den Stollen. Viele derselben sind an fast unzugänglichen Stellen, und die Arbeiter schaffen auf Strickleitern, Schaukeln oder angeseilt. Neben modernem Arbeitsbetrieb mit elektrischem Bohrer sieht man auch noch Hammer und Meissel, und das überaus schwere Handwerk verlangt starke, unerschrockene Männer, um die oft riesigen Marmorblöcke zutal zu bringen.

Oftmals hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, wie diese braven Arbeiter stunden-langmitnacktenFüssen über die Geröllhalden zu den Arbeitsplätzen stiegen.

Erfolgen Spren -gungen, so hallen weithin Hornsignale oder langgezogene Warnrufe, oft melodisch im Dreiklang wie unsere Jodler. Dann krachen die Wände und bersten auseinander, und der Berg sinkt in sich zusammen. So sind ganze Bergkämme ausgehöhlt oder abgetragen worden.

Beim obersten Bruch war der Pfad durch die Sprengungen eingesunken, und wir mussten uns über schmale Bretter ba- lancieren, welche der Alpi Apuane — Punta Carina ( 1670 m ).

steilen Wand entlang führten wie die « Heiigen » im Wallis. Der Anstieg über diese Treppen und Schutthalden hinauf war äusserst anstrengend und mühsam. Nach den Brüchen erreichten wir über eine Felskanzel ganz unvermutet ein kleines Hochplateau. Wellenförmig sanft ansteigend, verlief es in östlicher Richtung, um dann spontan in die Südwestflanke der Gipfelpyramide auszulaufen. Trotz der Hitze verdoppelten wir unsere Anstrengungen, und über leicht bemoosten Fels ( Marmor ) erreichten wir in weitern zwei Stunden den Gipfel, 1748 m. Die letzten fünfzig Meter legten wir fast im Laufschritt zurück, denn wir konnten es kaum erwarten das Rätsel des Rundblickes gelöst zu sehen und das so lang erträumte Ziel zu erreichen.

Schon öfters hatte ich daheim von schneebedeckter Warte ins weite Land geblickt, das Schauen aber in diese unbegrenzten Weiten war bis zur Einstellung des Auges und der Sinne fast beängstigend. In einem einzigen kühnen Fall stürzte unser Berg zur nahen Küste hinunter, welche sich nordwärts nach Spezia hinaufzog und gegen Genua zu im Dunste verschwand. Gegen Süden zu kräuselte der weisse Schaum der Brandung die Küste von Livorno bis Piombino, und als dunkle Punkte sichtbar hoben sich die Inseln Elba und Korsika vom Meere ab. Im Süden gipfelten die Massaberge, und im Nordosten erhob sich der wuchtige Bau des Pizzo d' Uccello. Im Westen aber flimmerten die unermesslichen Weiten des grünblauen Meeres.

Der Monte Sagro ist Aussichtsberg und seine Besteigung nicht schwer, mit Ausnahme der imposanten Ostwand, die auch dem verwöhntesten Kletterer harte Arbeit verspricht.

Erfüllt von dem Erlebten traten wir etwas verspätet den Abstieg an. Um den Zug in Carrara noch rechtzeitig erreichen zu können, kam mir der Gedanke, in einer der Materialbahnen abzufahren. Wir gondelten zusammen in dem schwankenden Behälter zur 400 Meter tiefer liegenden Station, aber, offen gestanden, haben wir dieses Abenteuer nie mehr wiederholt. Den Zug erreichten wir freilich, dafür aber kam in Avenza die unerwünschte Messervisite. Und der Bergsteiger kann doch unmöglich auf dieses nötige Ding verzichten.

Im gleichen Jahre, im Herbst 1909, unternahmen wir die Besteigung des Pizzo d' Uccello, 1781 m. Will man den Berg von der Hütte auf dem Passo della Focolaccia aus angehen, so hat man eine Gegensteigung von 1200 Meter zu überwinden, da der Cavallograt überschritten werden muss. Wir wählten darum den etwas längeren Weg von Spezia über Aulla, erreichten von dort mit einem Eselgespann in dreistündiger Fahrt den Flecken Ajola und nach weiteren zwei Marschstunden durch die Schlucht des Lucido den Weiler Vinca, 760 m. Hier nächtigten wir und stiegen am andern Morgen auf steilem Fussweg zur Foce di Giove, 1495 m. Von hier aus wählten wir den Südgrat, der uns in unschwerer Kletterei auf den Gipfel brachte. ( 4 Stunden von Vinca. ) Der Rundblick orientiert hauptsächlich auf die Massaberge, und vor allem zeigt sich hier die mächtige Ostwand des Monte Sagro. Der Abstieg erfolgte ohne Schwierigkeiten über die Nordwestflanke. Auf dem Rückmarsch überraschte uns die Nacht, und so krochen wir ohne weiteres in eine verlassene Hütte einer Cave. Gerade dieses urwüchsige, unverfälschte Herumabenteuern hatte es uns angetan und manche unserer Fahrten reizvoll gestaltet.

Im Herbst des gleichen Jahres gelang uns die Erkletterung der Sagro-Ostwand. Waren die Schwierigkeiten auch nicht übermässig, denn wir wählten nicht die exponierteste Route, so darf doch angenommen werden, dass dies vielleicht die erste Begehung dieser Variante war. Überhaupt dürfte mancher Grat oder Gipfel durch uns seinen ersten Besuch erhalten haben. Da unsere Karte äusserst ungenau war, führten wir unsere Besteigungen nach eigenem Ermessen aus. Das vorerwähnte Büchlein des Club Alpino Ligure kam leider erst in unsere Hand, nachdem wir die meisten Gipfel auf eigene Faust erobert hatten. Eine Schulung im Klettern hatten wir auch keine genossen, so dass manche Fahrt anfangs nicht den gewünschten Erfolg einbrachte.

Wenden wir uns nun den Bergen von Massa zu. Die Stadt selbst bietet wenig Interessantes, einige Kirchen und die schöne Orangenbaumallee, welche sie mit dem Bahnhof verbindet.

Will man zum Rifugio Aronte auf dem Passo della Focolaccia aufsteigen, so quert man die Stadt in östlicher Richtung. Man gewinnt so die Landstrasse in die Val Frigido, dem Ufer des gleichnamigen Flüsschens entlang. Die Strasse ist bis auf Forno von einer Schmalspurbahn begleitet. Bei Canevara führt eine romantische Brücke ans andere Ufer. Beim nächsten Dörfchen, Guardine, zweigen Bahn und Strasse nach Forno ab ins Zentrum der dortigen Brüche. Man folgt darum dem Frigido auf schmalem Saumpfade bis zum einsamen Weiler Gronda. Das Felsental verengt sich immer mehr und be- Alpi Apuane — Monte Pisanino ( 1945 m ).

kommt wildromantischen Charakter. Die Wände türmen sich höher und näher zusammen und lassen nur noch Raum für Pfad und Bach. Bei Gronda öffnet sich unvermittelt das imposante, schluchtartige Tal der Pentola. Tief in der Schlucht unten rauscht der Bergbach, während hoch oben am Rand der Fussweg nach dem Bergdörfchen Resceto führt. Von hier sind zwei Möglichkeiten, auf die Passhöhe zu gelangen. Der bequemere Saumpfad folgt der Schlucht bis unterhalb der Passhöhe, wo die Felsen muldenartig auslaufen. Oder man steigt über die Felshänge zur Linken bis zum Übergang der Vettolina unterhalb des Cavallogrates und gewinnt von dort die Hütte. Beide Anstiege benötigen von Massa aus zirka 5 Stunden.

Das Rifugio Aronte liegt 1600 m hoch und ist Eigentum des C.A.I., Sektion Ligure. Es ist ganz aus Zement erstellt und bietet Raum für etwa 12 Personen. Seine Lage ist äusserst günstig, denn es bildet Ausgangspunkt für die Besteigungen des Monte Cavalle, der Tambura und des Pizzo Pisanino sowie für verschiedene Passübergänge.

Im Februar 1910 stiegen wir selbander auf der angegebenen Route nach Resceto. Bardi hatte herausgefunden, dass dort der Hüttenwart Conti zu Hause sei. Um uns genau in diesem Gebiete orientieren zu können, wollten wir Conti auf unsere erste Tour mitnehmen. Da er in einem Marmorbruche arbeitete, hatte er uns durch seine Frau sagen lassen, dass er uns in der Hütte treffen werde. Die gute Signora gab uns noch eine gute Stunde das Geleite, damit wir ja nicht die Hütte verfehlen konnten. Wenig nach unserer Ankunft traf auch Conti ein. Der grosse, starke Mann hatte den ganzen Aufstieg über die verwitterten, rauhen Felsen barfuss gemacht. Neben seinem Amte als Hüttenwart diente er den spärlichen Turisten als Führer, und er besass hierzu eine ganz erstaunliche Ortskenntnis des ganzen Gebietes. Er entpuppte sich auch als ganz vorzüglicher Kletterer, und Bardi und ich haben in dieser Beziehung manches von ihm gelernt. Mein Freund schenkte ihm im Laufe der Zeit Pickel, Seil und Rucksack und genoss dafür väterliche Zuneigung.

Unser erstes Ziel war die Tambura, 1890 m. Von der Hütte aus folgt man dem wellenförmig ansteigenden Nordgrat und gelangt auf diesem leicht in zwei Stunden auf den Gipfel. Bei unserm Aufstiege war der Fels noch stellenweise mit Schnee bedeckt. Am gleichen Tage erstiegen wir noch den Monte Cavallo, 1889 m, von Süden her. Zunächst über Schutt und Geröll gelangten wir in die Steilwände. In luftiger Kletterei erreichten wir einen schmalen, schief nach oben verlaufenden Kamin, dessen Bewältigung nicht ganz leicht war. Unter dem Gipfel mündete er auf den Grat, und von dort war die Spitze in wenigen Minuten gewonnen. Dieser Anstieg lässt sich in drei Stunden ausführen. Im Laufe der Zeit haben wir dann immer schwerere Varianten ausgesucht und die ganze Südwand des Cavallo in allen Richtungen erstiegen.

Erheblich schwieriger ist die Überschreitung des Cavallogrates von Süden nach Norden. Gleich zu Beginn nimmt der Grat dolomitenartigen Charakter an, der in Türmen und tiefeingeschnittenen Scharten zum Ausdruck kommt. Wohl der formenschönste Turm ist die Punta Carina, deren Erkletterung uns nach einigen Versuchen gelang. Von der Hütte aus betrachtet, präsentiert sie sich als schlanke Felsnadel. Steht man aber bei ihr in der Gratscharte, so bemerkt man, dass ihre Wände nach Westen zu etwa 300 Meter in die Tiefe schiessen. Der Einstieg ist leicht, dann folgt leichte Kletterei bis in halbe Höhe des Turmes. Von hier weg klafft schräg aufwärts durch die ganze Wand ein schmaler Riss, eine etwas kitzlige Traverse mit einziger Sicherungsmöglichkeit an der gegenüberliegenden Gratschneide. Diese Einzelheiten hatten wir bei verschiedenen Versuchen festgestellt. Conti, dessen Rat wir einholten, fand die Sache schwierig. Aber nachdem uns bis jetzt alles gelungen, schämten wir uns fast, vor dieser Felsnadel Rückzug blasen zu müssen, und bei erster Gelegenheit führten wir unser Vorhaben aus. Da wir keine Kletterschuhe hatten, gingen wir in den Socken, Conti sogar barfuss. Bis zur Traverse ging alles gut. Conti hatte die Spitze erreicht, und Bardi sass gut gesichert auf der Gratschneide. Wie ich in den Riss einstieg, brach ein guter Griff aus, und ich pendelte nun an der Wand zur Gratschneide hinüber. Instinktiv zog ich Kopf und Rücken ein und schon schlug ich auf, wobei der Photoapparat Bardis den Stoss auffing und zerschellte. Da hing ich nun. Ein Hinaufziehen war ausgeschlossen. Ich bat Conti um mehr Seil. Dafür musste aber zuerst Bardi sich abseilen. Und dann brachte ich mich durch Abstossen und seitliches Pendeln in immer grössere Schwingungen, bis es mir nach einigen Versuchen gelang, die Gratschneide zu erwischen. Mit Seilhilfe erreichte ich dann auch noch die Spitze, aber nicht gerade mit Siegergefühlen.

Dieser glücklich verlaufene Unfall, der mir, nebenbei gesagt, Brustfell-und Rippenquetschungen eintrug, war für unsere weitern Unternehmungen sehr heilsam. Die stürmische, draufgängerische Jugend wurde etwas gedämpft, und neue Turen wurden mit mehr Sachlichkeit und Überlegung ausgeführt.

Der Pizzo Pisanino ist mit seinen 1946 Metern der höchste und formenschönste Berg der ganzen Kette. Isoliert, nach allen Seiten steil abfallend, macht er einen imponierenden Eindruck. Vom Rifugio Aronte aus quert man in nördlicher Richtung unter den Wänden des Cavallogrates durch bis zu den beiden Zucchini ( Kürbisse ). Dann steigt man in die tiefe Gratscharte hinunter und gelangt so in die Südwand des Berges. Im untern Teil ist sie von treppenartig übereinandergeschichteten Bändern durchzogen, die eine etwas luftige, aber griffsichere Kletterei bieten. Unterhalb des Gipfels muss man der steilen Platten wegen nach Westen abbiegen bis zum scharfen Grat und erreicht den Gipfel nun ohne weitere Mühe. Herrliche Tiefblicke auf Massa, die Küste und das Meer entzücken das Auge.

Der Abstieg nach Forno hinunter ist steil, mit einer Höhendifferenz von 1500 Meter. Dabei hat man das Vergnügen, stundenlang über leichtgeschichtete Blöcke zu klettern und zu springen, dass die besten Sprunggelenke abklappen. Der Abstieg übers Kalli nach Bäregg ist dagegen die reinste Promenade.

Die Beschaffenheit des Gesteins ist sehr verschieden. Durch Einwirkung der Witterung wird der Marmor an seiner Oberfläche rauh und bietet guten Griff. Ist er aber mit andern Gesteinsmassen durchsetzt, so bröckelt er leicht, und darum ist wegen Steinschlag immer Vorsicht geboten. Das Unangenehmste aber sind die schon erwähnten Geröll- und Schutthalden, die bei jedem Schritt in Bewegung geraten.

Fällt im Winter Schnee, so steigern sich die Schwierigkeiten ganz wesentlich. Namentlich ist dies aber der Fall, wenn nur ganz wenig Schnee fällt und salziger Seewind einsetzt. Dann sind die Berge wie mit feinem Glas überzogen und Steigeisen unbedingt notwendig.

Es war ein Wintermorgen des Jahres 1912. Als wir nach einer stürmischen Nacht vor die Hütte traten, war alles ringsum mit einem wunderbaren Kristallzucker übergossen. Mangels Steigeisen umwickelten wir die Schuhe mit Stricken und Lumpen und konnten so unter grössten Schwierigkeiten den Pisanino erklimmen. An diesem klaren Wintermorgen bot sich eine Rundsicht bis zum Monte Viso und den Seealpen im Norden und zum Gran Sasso im Süden. Der oben erwähnte Abstieg nach Forno war schlimmer als ein Gletscherbruch.

Als weitere, sehr lohnende Turen sind noch zu nennen der wildzerrissene Monte Contrario, der Alto, die Sella, der Altissimo, auf welchem Michelangelo eine vom Meer aus sichtbare Kolossalstatue errichten wollte, sowie die Pania Secca und der kurios geformte Procinto.

Im Laufe der Jahre zählte unsere Bergsteigergemeinde 6 Mann, und es bildete sich der Club Alpino Apuano in Spezia. Allein der Krieg zerstörte das Werk. Bardi jedoch setzte es fort mit unverminderter Begeisterung. Er hat das ganze Gebiet systematisch durchwandert und darüber in der Rivista des T. C. I. verschiedene Aufsätze erscheinen lassen. Seine wohl einzig existierende Photo- und Diapositivsammlung ist leider bei seiner Übersiedelung nach Peru vernichtet worden, Grund, warum ich das interessante Gebiet nicht mit bessern Bildern veranschaulichen kann.

Letztes Jahr führte mich meine Ferienreise wieder in jene Gegend, und ich konnte mich überzeugen, dass die geschilderten Verhältnisse heute noch Geltung haben. Die apuanischen Alpen haben nichts von ihrer eigenartigen, wilden Romantik eingebüsst.

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