Die Nacht am Mürtschen

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Von Hanns Ehrismann

Mit 2 Bildern ( 138, 139).Seegräben, Sektion Bachtel ).

I. Der Berg.

Der Mürtschen ist einer der schönsten Kletterberge des Glarnerlandes. Sein niedrigster Nordgipfel ist zugleich der kühnste der drei, der « Stock » oder der « Böse Mürtschen », 2392 m; dann folgt in der Mitte der « Faulen », DIE NACHT AM MÜRTSCHEN.

2415 m, dessen Gipfel von einem weiten, stellenweise ebenen Schuttfeld, dem sogenannten « Kartoffelacker » umrahmt ist. Und der Südgipfel, der « Rüchen », erreicht mit seinen 2442 m noch nicht einmal die Hochgebirgsgrenze. Charles Simon schreibt in seinem Bergbuche « Erlebnisse und Gedanken eines alten Bergsteigers » sehr treffend: « Man nenne mir einen Berg in dieser Höhenlage von seiner imponierenden Gestalt und verwegenen Schönheit, von allen Seiten! Von wo man ihn erblickt, auch aus der Ferne — der dreigipflige Mürtschen hat Grosse. Prächtig ist seine Erscheinung vom obern Zürichsee aus. Und wer ihn im Winter vom Neuenkamm gesehen, vergisst ihn nicht. » — Zwei hübsche Bergseelein liegen tief eingebettet am Nordwestfuss des Bergmassivs, der Talalpsee und der Spanneggsee. Sie sind das Ziel unzähliger Wanderer, die vom Walensee oder vom Glarnerland über den Schild oder den Frohnalp-pass hierher kommen und an schönen Sommertagen die Luft mit ihren Jauchzern erfüllen. Wohl viele schauen mit leisem Gruseln an die gewaltigen Felsmauern unseres Berges empor und ahnen nicht, dass dort oben im wilden Revier Menschen von Fleisch und Blut wie sie ihre heisse Sehnsucht nach tiefem Bergerleben, nach Kampf und Erlösung stillen.

Als Eintagsfahrt ist kaum ein Gipfel des Mürtschen zu machen. Die Unterkunftsverhältnisse sind aber in den Alphütten oft sehr primitiv. Die höchstgelegenen Standorte sind Tros und Obertros am Nordfuss des « Stockes ». Die Anstiege verteilen sich um den ganzen Berg; der jähe, wilde Aufbau bringt es mit sich, dass zu den Hauptrouten unzählige Varianten existieren, die öfters unfreiwillig ausgeführt werden. Leicht ist am Mürtschen kein einziger Weg zu nennen. Die geringsten Schwierigkeiten bietet wohl der Südostaufstieg von Robmen über die « Kasseten », das Schuttkar zwischen Faulen und Rüchen. Am häufigsten wird wahrscheinlich der Stock über die Nordroute von Obertros aus erklommen. Hiebei berührt man verschiedene markante Örtlichkeiten, deren Namen durch Jäger festgesetzt wurden. So den « Schussplatz », die « Jägernase », einen Felsbalkon, von dem aus der auf der Lauer liegende Schütze die flüchtenden Tiere erlegt, auf jener Schutthalde, wohin sie durch die Treiber auf einem ausgewitterten Schieferband, der « Schwarzen Schnur », gescheucht werden. Dieser Naturweg beginnt in der Geröllmulde der « Kasseten » und steigt, vielfach durch Runsen und Rippen unterbrochen, langsam in der jähen Ostwand bis zu den beiden Grattürmen an der Nordschulter des « Bösen Mürtschen », um dort auf die Westseite umzuschwenken. Auch hier tritt das Felsband zutage und ist bis zum « Rüchen » erkennbar. Kühne Jäger haben den Mürtschen wohl schon früh erstiegen. Die erste touristische Ersteigung des « Bösen » erfolgte 1867 durch Balzer und Leuzinger. Auf den « Faulen » setzte schon 1862 Arnold Escher von der Linth seinen Fuss.

Die Mürtschengipfel sind zu allen Zeiten von mächtigem Anreiz für die Kletterer gewesen. Schon mancher berühmte Alpinist hat sich in die Gipfelbücher eingetragen; Grate und Wände könnten von viel hartem Ringen erzählen, auch von Bergnot und Bergtod. In den letzten Jahren sind freilich andere Gebiete und Berge grosse Mode geworden; die Kletterer tummeln sich im Bergell, in den Kreuzbergen, in den Engelhörnern. Es ist klar, dass der Felsgeher im allgemeinen lieber im festen Kalk, Granit oder Gneis sich betätigt, wo er weniger mit den Tücken des brüchigen Gesteins oder des Steinfalls zu rechnen hat. Aber nur darum ist das Mürtschengebiet noch lange nicht als zu gefährlich abzulehnen. Man kann sich auch an diesen Fels gewöhnen, und hier wie anderswo ist die Steinschlaggefahr meist eine durch den Kletterer selbst bedingte. Während unseres Mürtschenbesuches hörte ich keinen einzigen Stein fallen, der nicht durch uns oder andere Touristen gelöst worden wäre. Einzig während der Nacht kollerten an der Ostwand des Faulen einige Steine, was aber leicht durch streifende Gemsen verursacht sein konnte. Es ist klar, dass der brüchige Fels die Schwierigkeiten der Besteigung erhöht. So sagte mir ein gewiegter Alpinist, der viele berühmte schwere Touren hinter sich hat, dass gewisse Wege am Mürtschen an technischen Schwierigkeiten jene übertreffen.

II. Der Tag.

Zuerst war der Tag. In einer Schweinehütte auf Talalp hatten wir trostlos schlecht genächtigt und waren dann mühsam und irrwegig auf die Hochmatt gestiegen. Nach der Frühstücksrast klommen wir über den Nordgrat und durch das flache Couloir rechts davon zum Schussplatz hinauf und weideten uns auf der Jägernase am unerhört steilen Gipfelbau unseres Berges. Ich war nicht in bester Verfassung; die Schinderei in der Morgenfrühe hatte mir den Krampf in die Beinmuskeln gejagt, und nun ersorgte ich das letzte Stück des Aufstieges. Aber mein Kamerad machte mir Mut: « Von nun an ist 's leicht; in einer halben Stunde sind wir oben! » Ungläubig staunend irrten meine Augen über die senkrechten und überhängenden Mauern und hafteten am « Bösen Band », von dem man mir allerhand Gruseliges erzählt hatte. Während ich noch an den Kletterschuhen herumnestelte und die Schenkel massierte, hing mein Freund schon an dem fast senkrechten Wändchen, den gewöhnlich benützten Biss verschmähend. Ich folgte ihm gesichert, und wir schritten dann über den herrlichen Naturweg des Bandes, der für den Schwindelfreien wirklich gar nicht « bös » ist. Und auf der « Bösen Nase »? welch göttlich schöner Tiefblick tut sich da auf zu den Obelisken am Nordfuss des Gipfelturms und zum grünen WalenseeDurch das mit Hartschnee gefüllte Couloir und ein brüchiges Grätchen erreichten wir glücklich den Steinmann des Bösen Mürtschen mit seiner schiefragenden, wettergebleichten Holzstange. Der klare Septembertag liess uns in alle Weiten schauen. Vorsichtig stiegen wir auf gleichem Wege zur Jägernase hinab.

Wir wollten noch zum mittleren Gipfel, dem Faulen. Ich wusste, dass schon viele Partien den Übergang verfehlten und umkehren mussten. Aber mein Kamerad wies mir den Kamin, der vom Band nach rechts um einen Vorsprung führt und durch den er vor zwei Wochen einige Touristen aufsteigen gesehen hatte. Wir hatten allerdings schon viel zu viel Zeit gebraucht, aber wir wagten 's! Es ging über das oberste, verschneite Band dicht unter den Gratwänden; nach längerer Traverse klommen wir einen steilen Kamin hinauf.

DIE NACHT AM MÜRTSCHEN.

Plötzlich waren wir mit unserem Latein zu Ende. In dem engen Schlupf versperrte ein drei Meter hohes, glattes Wändchen mit überhängendem Stirnwulst den Weiterweg. Jede Umgehungsmöglichkeit war ausgeschlossen. Nur Schulterstand konnte helfen. Und auch so reichte es nicht — ich musste den Freund unter Aufgebot aller Kräfte, seine Schuhsohlen packend, emporstemmen, bis es ihm nach langer Zeit gelang, sich über den grifflosen Wulst hinaufzuschieben. Sehr langsam schlich das Seil hinauf — Steine prasselten herab, vor denen ich durch den Überhang geschützt war. Endlich tönte es von oben: « Sichere cha-n-i, aber hälfe nüd! » Nach zwei misslungenen Versuchen, mich am freien Seil hinaufzuhangeln, riet ich zum Rückzug. Aber mein Kamerad wollte nicht mehr herunter. Ich knüpfte Schlingen ins Seil, eine für den Fuss, dann für die Hände, in regelmässigen Abständen links und rechts. Und daran krampfte ich mich samt dem schweren Sack und den beiden Pickeln empor. Ich war oben — aber ziemlich erschöpft! Einige Würfelzucker erfrischten mich etwas, und ich konnte nach einer Weile zum sichernden Kameraden hinaufsteigen, wo wir auf einer kleinen Schutterrasse endlich wieder vernünftig stehen konnten. Hinter uns reckte sich der schlanke Felsturm des « Kegelkönigs », den wir zur Rechten hatten bei unserer Kletterei statt zur Linken, wie der Klubführer sagt. Aber sehen konnten wir ihn eben vorher nicht. Was nun folgte, ist echte, nicht mehr sehr schwere Mürtschen-arbeit — über eine steile Rippe und eine Verschneidung drangen wir ziemlich in der Fallirne empor. Ganze Steinladungen prasselten zur Tiefe. Wir mussten den Fels säubern, um sichern Griff und Tritt zu gewinnen. Hurra — der « Kartoffelacker » war erreicht — fünf Minuten vor 19 Uhr standen wir auf dem Faulen!

Welch Glück — wir durften wieder einmal Augen haben für die Umwelt ausser dem Bereich unserer Glieder! Eben versank die Sonne blutrot hinter dem Jura. Aus dem tiefen Dämmerblau des Zürcherlandes blinkten gleich silbernen Schalen die drei Seen herauf, als wollten sie überlaufen in den dunklen Grund. Und dort — rechts neben dem Glutball, da leuchtete es wie güldenes Geschmeide am Himmel. Einer Gruppe Flugzeuge vergleichbar standen eine Anzahl hell strahlender Ellipsen im Ätherein wundervolles Bild! Flieger waren es nicht, unbeweglich blieb die Erscheinung, auch nachdem die Sonnenscheibe verschwunden war. Im Septemberheft 1940 der « Alpen » wies ein Beobachter aus dem Jura auf das gleiche, von uns geschaute Phänomen hin. Es müssen wohl Reflexe von Zirruswolken in grosser Höhe gewesen sein.

Stillschweigend hatten wir längst darauf verzichtet, den letzten Zug in Mühlehorn zu erreichen. Keiner von uns kannte den Abstieg über die jähe Ostwand des Faulen. Im letzten Tageslicht und im eiligsten Tempo konnten wir noch das Schneefeld der « Kasseten » erreichen. Nach dem Kartenbild hätte ein direkter Abstieg Richtung Meerenalp ohne weiteres möglich sein sollen, und wir wären allzugerne noch in der Nacht ins Dorf hinabgestiegen, um unsern Lieben, die sich gewiss ängstigten, berichten zu können. Aber alle unsere Versuche scheiterten an schroffen Abstürzen. Um 22 Uhr erklärte ich kategorisch: « Keinen Schritt geh'ich weiter, bevor es wieder hell wird! » Das Licht unserer Taschenlampen war am Ausgehen. Wir mussten in der Dunkelheit eine Katastrophe riskieren, wenn wir den Abstieg erzwingen wollten.

III. Die Nacht.

Ein trümmerbesätes Rasenplätzchen lud uns zum Biwak ein. Dicht aneinandergeschmiegt legten wir uns nieder.Jetzt komm, du süsser Schlaf! Aber wie soll ich die Augen schliessen angesichts des Sternenhimmels, der mit unerhörten Lichterheeren strahlt und atmet und lebt, so dass mir alle Müdigkeit vergeht! Der grosse Wagen hängt über den Churfirsten, der Bethlehemstern erscheint, und ungezählte Sonnen und Welten funkeln. Menschlein, du kleines, dummes — ahnst du hinter jedem dieser Fünklein den gewaltigen Geist und Lenker, in dessen Hut auch du dich immer wieder befehlen und bergen musst? Und die Berge in der Runde, eng geschart, kauern in stummer Andacht. Im leisen Bergwind iaunt die urewige Weise von Werden und Vergehen. Und ob es mich auch fröstelt — die stumme Zwiesprache mit der Natur und ihrem allmächtigen Schöpfer lässt das Herz höher schlagen. Wieviel reiner und tiefer noch ist diese Stunde der Nacht als das Glück nach vollbrachter Tat auf sonnigen Gipfeln! Und aus innerster Seele quillt der Dank zu Gott, der uns heute so gnädig behütete und diese Bergnacht erleben liess.Schlotternd vor Kälte springe ich auf und schreite umher; auch mein Kamerad sucht sich zu erwärmen. Wir setzten uns wieder, nachdem das Blut wieder in den Adern kreiste, wortlos im Schweigen der Nacht. Da — ganz in der Nähe ein Gepolter im Schutt, ein Hufeschlagen und wilde, erschreckte Flucht — waren es Gemsen auf der Streife, die uns witterten23 Uhr vorbei. Der Freund nimmt den Pickel und macht einen neuen Abstiegsversuch. Aber kleinlaut kehrt er zurück. Wir schultern die Säcke und steigen langsam zum Schneefeld hinauf, wo wir am Abend Spuren bemerkt haben. Wie Geisterfinger zucken plötzlich Scheinwerferstrahlen zum Himmel und eine heftige Kanonade setzt drüben im Sarganser Festungsgebiet ein. Ist es ein Sonntagnachtalarm, wie wir ihn einst auch erlebten? ( Wir erfuhren später, dass englische Flieger im Osten Schweizergebiet überflogen und deshalb beschossen wurden. Von Motorengeräusch war nichts zu vernehmen trotz unserm hohen Standort von über 2000 m. ) Wir finden die Spuren, aber sie nützen uns nichts, denn im Gestein verlieren wir sie sofort wieder. In einem von grossen Blöcken umgebenen Schneeloch will ich mir einen windgeschützten Schlafplatz schaffen, indem ich Steinplatten hineinwälze. Geringschätzig mustert mein Kamerad das Werk und kriecht in ein Felsloch, wo ich ihn bald schlafen höre. In meinem Lager halte ich es aber nicht lange aus. Auch mein Kamerad erwacht ob der Kühle. Gegen 1 Uhr kehren wir zum alten Plätzchen zurück, wo es doch noch etwas angenehmer ist als hier in der Schneeregion. Im Windschatten an einen Block gelehnt, zünde ich mir einen Stumpen an, derweil mein Leidensgenosse nochmals einen Abstieg versucht. Die Kanonen sind verstummt. Leise bimmeln Die Alpen — 1942 — Les Alpes.30 DIE NACHT AM MÜRTSCHEN.

Herdenglocken irgendwoher aus der Tiefe. Und Wasserrauschen — ach, wie lässt das den brennenden Durst wieder aufleben! Der Mürtschen ist verrufen als trockener Berg. Was nützt das gute Essen im Rucksack bei ausgedörrter Kehle? Einen kleinen Schneefleck in der Nähe haben wir bis zum Morgen fast ganz aufgegessen... Um halb 3 steigt königlich die Venus auf, der helle Morgenstern, die Vorbotin der Sonne. Wir plaudern — irgend etwas — und singen: « Zittre nüd eso, tue nüd eso ,'s Hüsli fallt hüt nüd um... » Dann wieder eine Anzahl eilige Erwärmungsrundgänge, streng abgezirkelt trotz aller Finsternis. Zwanzigmal herum — wieder eine Viertelstunde vorüber. Und der Freund kommt mit einem ganz neuen Rettungsplan — aber ich bleibe eigensinnig hocken. Schon zweimal stieg er da hinauf von Robmen aus, das letztemal vor zwei Wochen; aber in der rabenschwarzen Nacht kennt er sich nimmer aus — begreiflich.

4 Uhr. Dort im Osten wächst langsam eine Helle am Firmament — die Helle! Die Sterne erblassen mehr und mehr; nun ist die Sonne nicht mehr weit. Mein Kamerad packt auf und verschwindet trotz meinem Protest in der dämmrigen Tiefe, direkt den Steilhang hinab, bei jedem Schritt die Spitzhaue einhackend. Nach 10 Minuten sehe ich ihn wieder auftauchen — abgeschlagen. Aber mit stets wachsender Kraft schafft sich nun der Tag sein Recht — in alle Runsen und Schlüfte flieht die Nacht.IV. Der Morgen.

Unter dem Steilaufschwung des Ruchen-Ostgrates querend, fanden wir nach kurzem Suchen über stotzige Rasenplanken eine Wegspur durch Felsschroffen hinab zu den Weiden von Robmen. Dort umfing die liebe Sonne zwei überglückliche Gesellen. Leben, wie bist du so schön! Dreifach schön nach dem Kerker der FinsternisIn der Meerenalp löffelten wir ein Mutteli frische Milch. Die Sennen hatten bald heraus, dass wir oben hangen geblieben waren. Ein schwacher Trost für uns, dass einer sagt, das sei schon vielen passiert und in schlimmeren Situationen. In der Kasseten, da sei 's ja noch ganz gut. Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, wie sehnsüchtig unsere Augen sich im Dunkel talwärts bohrten zur Alp, wo er im warmen Heu den Schlaf des Gerechten schlief!

Ein wahrer Festtag wurde es für uns! Wir stiegen bummelnd zu Tal. Am klaren Bergbach entschädigten wir uns für den Durst vom vorigen Tag. In Mühlehorn, wie wir im schattigen Wirtschaftsgarten sassen, rief man von Haus zu Haus das Neueste: « Zwei Touristen werden vermisst am Mürtschen. » — Das ging uns an — und es gelang uns dann glücklicherweise, die bereits alarmierte Rettungsmannschaft in Obstalden von unserem kräftigen Dasein zu informieren.

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