Die Nordwand des Dolent im Winter

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Christian Pisteur, Genf

Dolent... dieses Wort hat unsere Gedanken während Monaten beschäftigt. Aber wie hat dies alles eigentlich angefangen? Die Idee ist einem von uns zufällig irgendwann einmal gekommen. Wahrscheinlich beim Durchblättern des Vallot-Führers.

« Was meint ihr, am Dolent hätte es eine schöne Wand für diesen W inter! » Man diskutiert mit ein paar Kameraden.

« Warum eigentlich nicht? » Aber die Idee verflüchtigt sich schnell, weil die Alltagssorgen in den Vordergrund treten oder weil man Pläne in der näheren Umgebung schmiedet.

November. Die ersten Fröste stellen sich ein. Der erste Schnee fällt. Der Gedanke regt sich wieder, und ganz allmählich wird die Absicht, diese von Séracs begrenzte Wand, die sich bis auf 3800 Meter hinaufschwingt, in Angriff zu nehmen, zum festen Entschluss. Jeder von uns macht sich seine eigene Vorstellung von diesem Berg: Für den einen stellt er ein technisches Problem dar, für den andern eine erste Winterbesteigung, die man nicht verpassen darf, für den dritten eine Erfüllung, eine Befriedigung in seinem Streben nach dem Erhabenen.

Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, Pickel und Steigeisen gewetzt, die Schuhe eher zwei- als einmal eingefettet, die Nahrungsmittel nach Kalorien berechnet. Nichts, aber auch gar nichts wird vernachlässigt, am allerwenigsten der Schutz gegen die Kälte. Gamaschen werden angefertigt. Duvet- Schlafsäcke sind sehr vorteilhaft. Jeder ist bestrebt, sein bestes Ausrüstungsmaterial auszuklügeln und dabei doch das Gewicht auf ein Minimum zu beschränken. Und am Heiligen Abend gleichen wir kleinen Kindern, die aufgeregt und zappelig auf das Er- scheinen des Christkindes warten, auf ein Fest, das für uns noch schöner, weisser und « höher » sein wird.

Am frühen Morgen des 25. Dezember finden wir uns in La Fouly zu fünft zusammen, Aldo, Bernard, Jacques, Maurice und Christian, mehr oder weniger in Form, je nachdem, wie das Weihnachtsfest gefeiert worden ist. Und wie der Schmetterling lange Zeit als Larve verpuppt bleibt, um dann endlich als bunter Falter das Licht der Welt zu erblicken, so schlägt auch unserem Plan die Geburtsstunde der Verwirklichung.

Wir lassen die letzten Chalets von La Fouly hinter uns. Mit regelmässigem Schritt steigen wir auf den Brettern die Reuss von A Neuve hinauf und landen auf einem Schnee- und Eishaufen: dem Glacier de l' A Neuve.

Das erste Problem taucht auf: Wie gelangen wir an den Fuss der Wand? Vielleicht auf der linken Seite, unter dem Eisband des Dolent? Oder mitten auf dem Gletscher zum Fuss der Aiguille de l' Amone? Einerseits hohe Séracs in labilem Gleichgewicht über unsern Köpfen, anderseits ein sagenhaftes Labyrinth. Wir entscheiden uns für den Gletscher. Schliesslich haben die Alpinisten auch ihren Schutzengel. Schnell schnallen wir unsere Ski von den Schuhen und gehen zu Fuss weiter, oft auf allen vieren, und dies alles, um über eine Séraczacke zu « reiten ». So kommen wir nur langsam voran, denn der Weg ist auch nicht leicht zu finden. Endlich liegt der Gletscher hinter - aber die Nacht vor uns... Wir schlagen die Zelte auf und schlüpfen mit Wohlbehagen in unsere Schlafsäcke.

Trotz vieler Vorurteile muss ich gestehen, dass es sehr angenehm sein kann, eine Bergnacht ausserhalb einer Hütte zu verbringen, sei es in einem Iglu, einem Zelt oder an einen Felsen gelehnt, den Blick zum Sternenhimmel gerichtet. Man muss lediglich auf ein solches Erlebnis vorbereitet und gut ausgerüstet sein. Anderseits muss ich allerdings zugeben, dass das 1Auf dem winterlichen Dolent-Gipfel 2Abfahrt auf der italienischen Seite, deren sanft geneigte Hänge in krassem Gegensatz zur Nordwand stehen 3In der Dolent-Nordwand im Winter Photos Bernard Agustoni, Genf Kampieren mitten im Winter, zu dritt in einem Zweierzelt, nicht letzten Komfort bedeutet und dass der Rauhreif, der die Wand beschlägt und uns bei der geringsten Bewegung überzuckert, keine paradiesische Freude hervorruft. Aber im Grunde sind diese kleinen Unannehmlichkeiten doch nicht so schlimm. Im Gegenteil, sie verleihen solchen Nächten erst die richtige Würze. Es gibt nämlich Schlimmeres: sich in einer vollge-pferchten Hütte zu befinden, wo man sich nicht einmal ausstrecken kann; keinen Schlaf zu finden, weil man in der stickigen Luft eines überfüllten Zimmers Platzangst kriegt; bis in alle Nacht hinein den Radau von Touristen zu ertragen, die die Hütte mit einem Wirtshaus verwechseln.

Wir aber verbringen eine gute Nacht auf 2500 Meter und sind am Morgen bereit für den eigentlichen Einstieg in die Wand.

Wir gehen wieder den Gletscher hinan, der allmählich steiler wird. Der Bergschrund wird überwunden. Ein ziemlich harter Eishang, der in einer Kehle endigt, liegt hinter uns und eröffnet den Zugang zu leichten, aber eisgepanzerten Felsen. Mit der Zeit duldet der Berg den Fremdkörper, den die beiden Seilschaften bilden, doch droht er jeden Moment den Eindringling abzuschütteln. Die Séracs über unsern Köpfen können uns plötzlich wegfegen. Die Eishänge lauern auf den kleinsten Fehltritt. Die Geltscherspalten warten tückisch darauf, den Bergsteiger, der sich über eine brüchige Schneebrücke wagt, zu verschlingen. Wir kennen die Gefahren und nehmen das Risiko auf uns. Unser Gegner ist grossmütig, und wir müssen die Regeln des Spieles beachten. Und allmählich kommen wir doch voran. Die Besteigung verläuft ohne allzu grosse Schwierigkeiten. Vielleicht enttäusche ich viele, die den Alpinisten und den Sportler im allgemeinen als Zirkustier betrachten, als Supermenschen, eine Art modernen Gladiator: Wir jedenfalls haben keine Heldentat vollbracht.

Schnell geht der Tag zur Neige; es ist schon fünf Uhr nachmittags, und noch fehlen uns 300 Meter bis zum Gipfel. Wir widerstehen der Versuchung, ihn in einem letzten Anlauf noch heute zu erstürmen, denn die einbrechende Nacht, die Müdigkeit nach einem anstrengenden Tag und vor allem der Nebel machen es ratsam, die Nacht in der Wand zu verbringen. Im übrigen lässt sich hier ganz gut ein zweites Biwak einrichten; der Platz ist sozusagen eben. Auch werden wir nicht mehr ständig von oben durch Séracs bedroht. Nebelschleier geistern durch die Scharte des Amone und hüllen uns ein. Bedeutet dies einen Schlechtwettereinbruch, oder sind es nur einige Wolkenfelder, die die Gipfel verneblen? Die Furcht vor dem Wetterumsturz lässt uns unserer Ohnmacht in dieser Welt aus Fels und Schnee so recht bewusst werden. Da helfen alles Prahlen und der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit wenig: Der Berg kann gebieterisch werden.

Die Zelte sind gut vertäut und durch Schneemauern geschützt. Wir schlafen ein und überlassen die Entscheidung über gutes oder stürmisches Wetter dem Himmel. Sollten die Götter uns feindlich gesinnt sein, so könnten wir uns immer noch auf den Glacier du Dolent abseilen und von dort aus in wirtlichere Gegenden flüchten.

Aber der Morgen kündigt sich gut an und erspart uns somit den schmerzlichen Entschluss zum Verzicht. Der Gipfel lockt in nächster Nähe: nur noch ein paar Längen - zwar endlose in diesen obersten Hängen! Mittag, 26.De-zember: Der ersehnte Gipfel, die Erfüllung so inniger Hoffnungen, das Resultat all unserer Vorbereitungen und Nervenanspannungen, ist Wirklichkeit geworden. Jetzt stellt er nichts anderes dar als einen schönen Aussichtspunkt und das Ende unserer Mühen. Wir haben das Ziel erreicht und sind glücklich, den Plan in die Tat umgesetzt zu haben. Was für ein Glück auch, dass diese enge Berührung mit dem Berg und seinen elementaren Gewalten uns heil und gesund entlässt. Ein letzter Dank an die Jungfrau, hier, auf 3800 Meter, an der Grenze dreier Länder; sie hat mit schützender Hand die Séracs während unseres Aufstiegs festgehalten.

Und schon müssen wir an den Abstieg denken.

Wir gehen dem Südostgrat entlang und erreichen nach zwei Abseillängen den Glacier de Pré de Bar. Sonne und Weiträumigkeit: Sogar im Gebirge wird Italien seinem Rufe gerecht. Die sanften, weiten Hänge des Dolent auf italienischem Gebiet bilden einen krassen Gegensatz zu der schroffen, kesseiförmigen und zergliederten Nordwand auf der Schweizer Seite. Eine kurze Rast ist uns sehr willkommen. Das Bedürfnis sich auszuruhen, vor allem aber Hunger und Durst fordern gebieterisch Befriedigung. Es ist drei Uhr nachmittags, und seit heute morgen haben wir weder etwas gegessen noch getrunken, denn der Aufstieg hat uns zu sehr in Atem gehalten.

Das liebliche, anmutige Val Ferret, das sich zum Gletscher hinaufzieht, ruft uns die Zivilisation und deren Annehmlichkeiten wieder in Erinnerung. Nach zwei entbehrungsreichen Tagen entdeckt man ganz gewöhnliche Dinge, die durch den Alltag zur Gewohnheit werden, von neuem und lernt sie auch von neuem schätzen: in der Sonne faulenzen, essen, trinken, schlafen, mit Kameraden bei Tische sitzen.

Aber greifen wir nicht vor! Der Abstieg ist noch nicht zu Ende. Wir haben noch den Petit Col Ferret zu überqueren und in die Combe des Fonds abzusteigen. Manchmal ist es viel anstrengender, während Stunden im Schnee zu waten, als einen heiklen Schneehang zu bewältigen. Eine lähmende Müdigkeit will sich unserer Glieder bemächtigen. Jetzt, wo unser Geist nicht mehr mit technischen Problemen, nicht mehr mit einem hochgesteckten Ziel beschäftigt ist, denken wir allzu leicht an unsern Körper, an die Beine, die nicht mehr mitmachen wollen, an die Blasen an den Füssen, an den quälenden Durst. Es kann nun sogar passieren, dass wir in einer unangenehmen Situation, wenn wir bis über die Hüften in den Schnee einsinken, unserer Wut mit lasterhaften Flüchen Luft machen. Jedenfalls erreichen wir erst nach vielen Mühsalen La Fouly bei einbrechender Nacht.

Dort ist unsere erste Sorge, ein Restaurant zu finden; denn nachdem unser Geist und unsere Seele gesättigt sind, will nun unser Körper zu seinem Recht kommen, und das besteht in einem Steak und Flüssigkeit - literweise.

Was aber bleibt von unserer « kleinen Idee », die Nordwand des Dolent zu machen, übrig? Vieles! Nämlich die Erinnerung daran, wie unser Plan allmählich herangereift ist, die Erinnerung an die fieberhaften Vorbereitungen, an die Ungeduld vor dem Aufbruch, an die Befriedigung, ein sich gestecktes Ziel erreicht zu haben. Wir erleben im Geiste wieder die winterlichen Nächte in ungewöhnlicher Umgebung, jenes Gefühl der Einsamkeit, diese Begegnung mit der Natur und ihren elementaren Gewalten; man entdeckt verlorengegangene Werte neu. Es bleibt uns aber zudem jene praktische Erfahrung, die auch die zutreffendsten Worte nicht ersetzen können. Aber trotz der verschiedenartigen Einstellung des Menschen dem Berg gegenüber: er steht immer da, erschreckend oder wohlwollend, geheimnisvoll.

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