Die Pizzas d'Annarosa

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Es ist dies der im Schamserthal gebräuchliche, romanische Name eines längern, von Westen nach Osten auslaufenden Grates im südlichen Teil der Beveringruppe. Er trennt die Schamseralpen von denjenigen des Rheinwaldgebietes und wird hier mehr mit dem deutschen Namen „ Grauhörner " bezeichnet.

Vor längerer Zeit schon habe ich mir vorgenommen, diese Gegend genauer zu durchforschen. Wie oft habe ich in meiner Jugend die Strecke zwischen Andeer und Splügen befahren, mit welchem Interesse habe ich dann von der Straße aus die im Hintergrund ob Sufers für kurze Zeit sichtbaren Ausläufer der Grauhörner, die spitze Form des Cufercalhorns und weiterhin die nackten Felswände des Kalkberges ob Splügen betrachtet.

Noch ungleich mächtigere Eindrücke erhielt ich von diesen wilden Zacken, wenn ich, als Knabe, jagend ( damals bedurfte es noch keines Patentes ) vom Beverin her über die Alp Annarosa, die fürchterlich zerrissenen Pizzas stets vor den Augen, daherkam. Südöstlich vom Vizzan, einem von Andeer in vier Stunden leicht zu erreichenden Punkt mit wundervoller Aussicht, liegen die sogenannten Schamserberge, von denen im Spätsommer das Heu hinuntergeführt wird. An solchen Tagen saß ich häufig auf dem Grat des Vizzan oder weiter südlich, hinter dem sogenannten „ Tschaingel mellen ", in den Anblick der wunderschönen Gegend versunken. Wenn auch von hier aus zuerst die silbernen Surettahörner und das spitze Tambohorn in die Augen fallen, so fesselten dennoch die scharf gezackten Pizzas d' Annarosa die Blicke am meisten. Die Gegend ist reich an Hochwild und manche Gemse zog von den Schamserbergen herauf oder vom Vizzan her vorbei und verlief sich in die wilde Gegend der Cufercalalp. Vor einigen Jahren hatte man öfters Gelegenheit, Herden von 60—70 Stück beisammen zu sehen, wobei allerdings zu bemerken ist, daß das Beveringebiet fünf Jahre lang Freiberg war.

Wenn man das Safierthal von Norden her durchschreitet, so zieht das Weißhorn uns so lange an, bis es im hintern Teil des Thaies den Grau-hörnern den Rang lassen muß; es ist ein überwältigender Anblick, die schroffen Kämme der Grauhörner im hellen Sonnenglanz leuchten zu sehen.

Warum aber, wenn der Zug meiner Seele nach jener Gegend so groß war, bin ich erst so spät dazugekommen, mein Lieblingsgebirge näher kennen zu lernenZuerst hieß es eben: fort in die Kantonsschule, dann ans Polytechnikum, dann in die Fremde, in die Praxis, ziemlich weit von der Heimat entfernt. Während dieser Zeit wurde geschossen, geturnt, geritten, gesungen, geliebt, und dabei kamen die Berge zu kurz. Durch die Gründung der Sektion Randen erwachte, wie bei vielen meiner Sektionskameraden, so auch bei mir, das alte Feuer. Unsere herrlichen Berge, die so treu die einmal geschlossene Freundschaft zu halten wissen, sind, je höher und wilder, um so sehnsüchtiger und beharrlicher geliebt, unseres Geistes und Leibes Freude und Erholung, unsere lebenslänglichen Freunde geworden.

Im XXV. Jahrbuch des S.A.C. giebt Herr Ingenieur Reber eine kurze anziehende Schilderung der „ Gruppe des Piz Beverin ". Mit gespanntem Interesse folgte ich jeder Notiz und wurde dadurch auch auf die Müller-Wegmannschen Zeichnungen ( z.B. die Aussicht vom Piz Vizzan ) aufmerksam gemacht. Alsbald ward die nächste Bekanntschaft mit diesem Gebiet, speciell mit den Pizzas d' Annarosa als erstes Ziel aufgestellt.

Viel habe ich bis jetzt nicht erreicht und daran war bei meiner kurzgemessenen Zeit jedesmal die Unbill des Wetters schuld.

Im Oktober des Jahres 1891 traf ich in Andeer ein. Für die Ausführung meines Planes tauschte ich gerne die Reize der eben beginnenden Gemsjagd ein. Meine Idee war folgende: Aufstieg von Sufers über die Steileralp, in den Sattel zwischen Grauhorn und Alperschällihorn, auf das Grauhorn, wieder in den Sattel, dann auf das Alperschällihorn, über die Stutzalp, ein mir bekanntes Gebiet, nach Splügen hinunter. Als Begleiter hatte ich Wildhüter Peter Schwarz von Splügen engagiert, der diese Gegend wie kein anderer kennt. Der Mann ist willig, bescheiden und als routinierter Jäger ein durchaus sicherer Kletterer. Im Gasthof Hinterrhein bei Sufers ( rechtes Ufer ), wo man in jeder Beziehung gut aufgehoben ist, wo eine schwarzäugige, niedliche Hebe den besten Veltliner kredenzt, wurde Quartier genommen. Am frühen Morgen schlichen wir wie Diebe auf und davon. Ein guter Fußweg führt vom Dorf Sufers ( 1424 m U. M. ) steil, aber bequem am Stutzhorn vorbei in die abgelegene, wilde Alp Steilen. Es fängt an zu regnen, doch bald bricht die Sonne zur Stärkung unserer Hoffnung wieder durch. Immer wilder wird die Gegend; in wenigen Stunden gelangen wir in eine Höhe von cirka 2300™. Am Fuß einer vom Grauhorn herabhängenden, großen Schutthalde angelangt, beraten wir uns über den möglichen Aufstieg. Es ist ein eigenes Gefühl, das uns bei der Ausforschung des Weges zu einer jungfräulichen Spitze beschleicht; da steht die Wahrscheinlichkeit des Gelingens auf schwankenden Füßen. Dasselbe wurde noch verstärkt, wenn man nur erst die unteren bastionartigen Partien der Felswände der Pizzas betrachtete; dazu verbarg sich die Sonne hinter verdächtigen Wolken. Ein ob der Schutthalde sich hoch hinaufziehendes schmales Schneebändchen ist von dieser Seite wohl der einzige Zugangsweg; im übrigen bietet die südliche Seite wenig Wahrscheinlichkeit für ein Gelingen. Sollen wir da hinauf? Wir hätten es versucht, da wir mit einem guten Seil versehen waren. Da erinnerte ich mich, daß Reber in seine Bemerkungen die Notiz eingeflochten hat, daß von Westen oder Norden her der Zugang leichter sein dürfte. Der weitere Aufstieg bis zur Paßhöhe ( 2596 m ) ist ohne irgendwelche Schwierigkeit zu bewerkstelligen; so entschlossen wir uns, bis an die westliche Seite des Grates vorzurücken und von dieser Seite hinaufzuklettern. Nach einer Rast mit Imbiß, während welcher wir uns weiter zu orientieren suchten, gings weiter, einem großartigen Anblick entgegen. Ein solch furchtbares, wüstes, gigantisches Trümmerfeld habe ich noch nie gesehen. Da liegen Kolosse von Blöcken in jeder Richtung durcheinander; dazwischen ragen zerrissene Felsnadeln drohend und unheimlich empor. Sogar der Mürtschenstock, auch ein ziemlich zerklüfteter Geselle, verschwindet im Vergleich mit diesem Bild einei riesenhaft großartigen Zerstörung und Verwitterung.

„ Was haben Sie da? Schleppen Sie zum Vergnügen Eisen auf die Berge hinauf ?" Das war meines Führers Frage, als ich meinem Tornister einige fußlange, fingerdicke Eisenstäbe entnahm. „ Das ist unser Siegeszeichen; diese Stangen habe ich schon lang zu diesem Zweck bereit gemacht und von Schaff hausen mitgenommen; hier ist ein vergoldeter Stern und da eine rote Fahne mit dem weißen Kreuz. Die Stangen werden zusammengeschraubt und auf der höchsten Zacke soll der Stern nach allen Richtungen im Sonnenschein glänzen. " „ Da werden die diese Tage von allen Seiten einrückenden Jäger sich wohl verwundert die Augen ausreiben, als hätte sie ein Spuk geneckt. Und die Abergläu-bischen unter ihnen erzählen dann im Thal, sie hätten die sagenhaften Fräulein Anna und Rosa ihnen winken sehen; sie hätten aber die im Hintergrunde harrende Belohnung lieber im Stich lassen, als ihr Leben für die Erlösung der Jungfrauen wagen wollen. " Auf, ihr hartgesottenen Junggesellen des Alpenclubs, gleichet nicht den feigen Jägern; kommt und erlöset ihr Anna und Rosa!

Nach kurzer Stärkung und frisch an Kräften brachen wir auf. Vereinzelt fallen Regentropfen; doch wer wird deswegen das auf 400 m. nahegerückte Ziel aufgeben? Sieht uns doch der Genuß einer echten Felsenkletterei mit allen Reizen des Unbekannten bevor.

Bald biegen wir in eine Öffnung des Felsengewirres ein und haben uns nach einer Viertelstunde schon verrannt. Das Weiterkommen ist rein unmöglich; überall sperren Felstrümmer den Weg. Wir müssen zurück und beginnen den Aufstieg von einer etwas nördlich gelegenen Einbuchtung. Die Sache geht schon etwas besser; zuerst gelangen wir über eine große Trümmerhalde hinüber und bald stehen wir bei einem großen Stein am Rand des Abgrundes gegen die Alp Annarosa hin. Es fehlen noch etwa 150 m bis zur Spitze und doch müssen wir heute und gleich im ersten Anlauf auf den vollständigen Sieg verzichten.

Ein Blick zeigt den Beginn des Schwierigsten; die kleine Höhendifferenz könnte sogar noch 1—2 Stunden erfordern. Und doch hätten weder die Wildheit der Gegend, noch die über uns drohenden Felsblöcke uns zurückgehalten. Ein anderer Grund gebot uns Halt. Es regnete nicht mehr, aber es schneite und zwar immer dichter. Die hierdurch drohenden Gefahren kenne ich, als in den Bergen aufgewachsen, zur Genüge. In solcher Höhe, etwa 2800 m, im Monat Oktober eingeschneit zu werden, imgesichts des schon schwierig gewordenen Abstiegs zur Sattelhöhe, des noch weiten Weges durch die Steileralp bis Sufers, das ist eine ernste Sache. Man denke nur an das Unglück am Säntis, wo in weit geringerer Höhe Paganini und Leuch die Opfer eines plötzlichen Schneesturmes geworden sind, obschon eine Clubhütte und menschliche Wohnungen lange nicht so weit entfernt waren. Die Pflichten des Familienvaters gebieten sofortige Umkehr.

Jahrbach des Schweizer Alpenclubs. 29. Jahrg.20 Eine mit der Karte versehene Flasche wird unter dem großen Stein verborgen; auch die Eisenstäbe werden zusammengeschraubt und so gut als möglich befestigt. Die erstere wird wohl noch ruhig an ihrem Platze liegen; die Siegestrophäe ist vielleicht schon längst vom Sturme weggefegt worden.

Der Abstieg bis zum Fuß des Felsengewirres war des Schneewet-ters wegen mißlich genug. Dasselbe wurde immer schlimmer und durch und durch naß langten wir in Sufers an.

Es ärgerte mich tief in die Seele hinein, so nahe am Ziel eine solche Täuschung erfahren zu haben. Mein Humor war dahin; auch das am gleichen Abend im Gasthof Hinterrhein veranstaltete Konzert, wobei eine bekannte, junge und bildschöne italienische Schriftstellerin mit der Guitarre meine Mundharmonikaweisen begleitete, war nicht im stände, mich aufzuheitern.

Gern hätte ich gleich am andern Tag den zweiten Versuch unternommen; es regnete und schneite aber immerzu und ich zog heimwärts. Noch acht Tage lang soll Gott Pluvius über Sufers seine Schleusen aufgezogen und die höhern Lagen in Schnee gestellt haben. Bei meinem zweiten Eintreffen, das ein Jahr später stattfand, regnete es wieder tagelang; ich mußte also auf alle Schritte verzichten.

Zum drittenmal ( Ende September 1892 ) fiel die Sache ins Wasser. Mit Freund Krebs-Gygax geriet ich schon auf der Hinreise in ein tüchtiges Schneewetter. Ich konnte ihm zwar vom Vizzan aus zeigen, wo die Pizzas liegen und wie sie aussehen; aber die Höhen waren schon stark in Neuschnee eingehüllt. Dagegen hatten wir das seltene Vergnügen, eine 14 Stück haltende Gemsherde auf etwa 15 Schritt Entfernung zu überraschen. Die Tiere waren, was mir jetzt noch unbegreiflich ist, gar nicht schüchtern, sahen uns lange ruhig an und defilierten ganz gemütlich, eins ums andere, langsam im Bogen an uns vorbei.

Erst im Juni des Jahres 1893 gelang endlich der Aufstieg. Wieder war Schwarz mein Führer; ein Namensvetter H. von Sp. schloß sich uns an. Wir wählten diesmal einen andern Weg, brachen früh von Sufeis auf, stiegen rechts zur Cufercalalp hinauf und gedachten, die Grauhörner von Osten her zu ersteigen und dann dem Grat nach Westen hin zu folgen. Unterwegs trafen wir bald eine, bald mehrere Gemsen. Ihre Zahl wuchs schnell und plötzlich sahen wir auf die Entfernung von 200 Schritten eine unzählbare Herde im rasendsten Lauf über die Steileralp gegen die Teurihornzacken dahineilen. Das Rudel sah in der Morgendämmerung wie eine Schar aufgestörter graubrauner Mäuse aus. Das war ein Schauspiel für Freund H., der auch gern der Jagd obliegt. Eine halbe Stunde später konnten wir das Rudel, auf einer großen Schneehalde spielend, sich tummeln sehen. Wir zählten 10, 20, 30 u. s. f.f ja, wenn ich mich genau erinnere, reichte die Zahl 70 nicht.

Da stehen wir nun ziemlich nahe am östlichen Fuße des Cufercalhorns, in der Einsattlung, die mit dem Namen „ Furcla di'I Lai pintg " auf der Karte eingezeichnet ist. Vor uns ragt der westliche Teil der Grauhörner, der mit dem Cufercalhorn durch einen sägeartigen Grat verbunden ist, hoch empor. Schon wieder ziehen verdächtige Wolken auf und dämpfen unsere Zuversicht. H. traut dem Wetter nicht und ist auch nicht so erpicht, wie ich, den weiten, Ungewissen Weg und den etwas unheimlich aussehenden Aufstieg zu machen. Ich glaube, er kann die Gemsen nicht vergessen, und da er zum erstenmal hier ist, zieht er es vor, die Gegend im Interesse der Jagd genauer zu studieren.

Schwarz und ich brechen auf. Ein ordentlich breites, in der Karte nicht eingezeichnetes Schneefeld traversierend, geraten wir bald in die Felsen. Das Seil hindert derart, daß wir es bald wieder zusammenrollen. Mit der äußersten Sorgfalt gelangen wir auf die Spitze, die wir vom Lagerplatz für den Gipfel angesehen hatten. 0 weh! da drüben lacht ein weit höherer, spitzer Kumpan auf uns herunter; wir hatten ihn bis jetzt nicht sehen können. Kein wenn auch noch so schmaler Grat führt hinüber; eine große Spalte trennt uns, zwingt uns, auf der Südseite etwa 50™ hinunterzusteigen, die ^Vand zu traversieren und uns zu dem hohen Gipfel wieder emporzuarbeiten. Jeder ist auf sich selbst angewiesen; man kann einander nicht viel helfen; aber darauf trachtet man, daß man nahe beisammen bleibt. Endlich stehen wir auf dem kleinen Raum der ersehnten Spitze; wir sind ziemlich stark im Nebel; mit Ausnahme des freien Blickes nach Nordosten sieht man kaum 100 m weit.

Nun sprechen wir siegesfroh einem labenden Trunk zu. Der Blick nach Norden und hin und wieder nach Süden trifft auf senkrechte, zerrissene Felswände. In einer Ritze, die wir zufällig entdecken, wird die Flasche mit der Karte versorgt. Zu einem Steinmannli giebt es hier kein Material; was nicht mehr fest ist, fliegt hinunter. Unser Siegesjubel wird schon wieder zum Verstummen gebracht. Es kommt beiden vor, wie wenn dort drüben im Nebel, kaum 150 m entfernt, ein noch 3—4 m höherer Gipfel uns hänsle. Nun hätte ich gerne alle Heiligen gesteinigt. Zum Trost weiß ich wohl aus Erfahrung, wie man sich in der Höhenschätzung irren kann. Als Beispiel nur folgendes: Mehrere Gotthard-Offiziere waren gleichzeitig auf dem P. Nurschallas und auf dem Pazzolastock. Die Luftdistanz zwischen beiden Punkten beträgt etwa 700 m, die Höhendifferenz 4 — 5 m, jede unserer Abteilungen hielt bei der etwas nebeligen Witterung den Lagerplatz der andern für 50—70 m höher, als den eigenen.

Nehmen wir jene Spitze nur auch noch! dann sind wir sicher. Halt! Ein turmhoher, senkrechter Abschnitt zwingt auch hier wieder zum Tie-fergehen. Der Einschnitt führt uns aber so lange abwärts, daß wir wohl 150 m tief absteigen müssen; nun sollte die Südwand noch traversiert und der Aufstieg zum dritten Kegel neu gewonnen werden. Zweifel am Wetter und an der Wahrscheinlichkeit, daß die neue Spitze wirklich höher sei, als die andere, sowie die vorgerückte Tagesstunde und die Aussicht auf den weiten Marsch nach Safien-Platz, veranlassen uns, von dem Unternehmen abzustehen. Lange Zeit geht der Rückweg sehr gut durch ein Schneecouloir hinunter; der Schnee ist zwar weich, dagegen der Hang so steil, daß man lange stehend sanft bergab gleiten kann. Wir haben unerwarteter Weise gerade das Schneecouloir beim Abstieg benützt, welches wir das erstemal für den Aufstieg vom Steilerthal aus in Betracht gezogen hatten.

Am Fuß desselben trennten wir uns. Schwarz zog das Steilerthal hinunter heimwärts, ich rechts vom Bodenhörnli dem Curtnätscherhof und Saßen Platz zu. Meine freie Zeit war zu Ende, ansonst ich noch einen Tag für das Alperschällihorn verwendet hätte.

In Nr. 5 der „ Österreichischen Alpenzeitung ", Jahrgang XVI, begegne ich einer interessanten Schilderung von W. A. B. Coolidge über die südliche Gegend der Beveringruppe, die er die „ Splügener Dolomiten " nennt. Es ist dasselbe Revier, an dessen Durchforschung, mit Ausnahme der Pizzas d' Annarosa, wie schon erwähnt, das schlechte Wetter mich hinderte. Auch ihn scheint die Rebersche Abhandlung besonders dazu veranlaßt zu haben, dieses den Touristen wenig bekannte, geologisch charaktervolle Gebiet näher anzusehen, um dieser oder jener Spitze als Erster den Fuß auf den Kopf zu setzen. Es trifft sich gut, daß ihn besonders das Alperschällihorn, die höchste Spitze dieser Gruppe, mich aber die um ca. 40 m niedrigem Grauhörner anzogen, deren wilde Formen seit meiner Jugend einen unauslöschlichen Eindruck in meiner Seele hinterlassen haben. Somit ergänzen sich unsere beiden Touren und Berichte einigermaßen. Es wäre unnütz, den geognostisch und auch topographisch genügenden Aufklärungen des Herrn C. etwas beizufügen. Was Herr C. im allgemeinen über die Wildheit der Gegend sagt, dem stimme ich vollständig bei; in Einzelheiten gehen die Ansichten etwas auseinander. Die Frage, ob Piz Calandari und der noch weiter nördlich liegende Vizzan auch zu den Dolomiten gehören, glaube ich verneinend beantworten zu müssen, wenigstens was den letztern anbelangt.

Der Weg durch das Steilerthal ist gut gangbar und frei von Schwierigkeiten, sofern nicht Schnee und Eis hindernd auftreten. Bei nasser Witterung begegnet man bald nach der obersten Hirtenhütte einer Unmasse von schwarzen, fast unbeweglichen Molchen, über die man aus Mitleid sorgfältig hinwegschreitet. Man sieht es den schönen Augen der unbeholfenen Geschöpfe an, wie sehr sie den Menschen fürchten.

Wer Freude an einer richtigen Kletterpartie hat, die jedoch im obern Teil absolute Schwindelfreiheit erfordert, dem empfehle ich die Pizzas d' Annarosa; ich schließe mich, sofern die Zeit es zuläßt, gerne an.

Über die Schwierigkeiten des Aufstiegs auf der südlichen Seite irrt sich Herr C. in etwas. Er hält die untere Partie für die schwierigere, die höhere sogar für leicht. Von weitem mag die Sache so aussehen; mit der Wirklichkeit stimmt sie nicht. Mit Ausnahme des erwähnten Schneebändchens wüßte ich, wie schon früher angedeutet, von Süden her keinen andern Zugangsweg. Dieses in die Felsen hinaufreichende und dort sich verlierende Band ist wohl seiner Steilheit und Länge wegen höchst anstrengend, im übrigen mit Zuhülfenahme des Seils verhältnismäßig gut zu begehen. Bei vereistem Boden unterlasse man lieber die- sen Aufstieg. In der Höhe werden die Schwierigkeiten groß, weil alles kahl und spitz ausläuft.

Direkt von der nördlichen Seite, die ich zwar nicht genügend in Augenschein genommen habe, ist eine Ersteigung meiner Ansicht nach kaum möglich. So bleiben außer dem genannten Schneecouloir wohl madie beiden von mir benutzten Wege offen, derjenige von Osten her, am nördlichen Fuß des Cufercalhorns vorbei, und derjenige des ersten Versuchs von Westen her. Diesen letztern Aufstieg möchte ich demjenigen empfehlen, welcher die grause Zerrissenheit dieser Dolomitzacken in ihrer grenzenlosen Zerstörung betrachten will. Der Anblick von unserm ersten Lagerplatz am Fuß der Felsen und sodann der vom großen Stein aus, unter welchem unsere Karte geborgen liegt, läßt bei längerem Verweilen die toten Felsnadeln in lebende, auf uns scheinbar herunterstürzende Kegel sich verwandeln.

Als Ausgangspunkt für die südlichen Teile dieser Dolomiten eignen sich Splügen und Sufers am besten. Wer in Andeer seinen Standort hat, ist für die Pizzas d' Annarosa ebensogut daran. Am Abend vorher kann man noch eine ziemliche Höhe gewinnen; die Maiensäß Dros ( cirka 1800 m ), Besitztum des Herrn Hauptmann A. in Andeer, ist für Nachtquartier gut eingerichtet. Von dort kann man am Morgen direkt nach Osten gegen den Vizzan die Schamserbergwiesen gewinnen ( der Name steht nicht auf der Karte ) und kommt dann bei der Cufercalalp vorbei, wo am Ende in einer der Hütten auch notdürftig ein Lager zu finden wäre. Auch in der Alp Annarosa läßt es sich übernachten. Diesen Weg würde ich auch empfehlen. Auf ihm trifft man das größte Alpenrosenfeld an, das ich je gesehen. Kommt man nicht zu spät in der Alp an, so kann man noch die furchtbare Nordseite der Pizzas d' Annarosa betrachten. Am andern Morgen führt dann der Weg der ^Furcla di'ILai grond " und mit einer Biegung nach Süden unserm ersten Lagerplatz zu.

Zum Schluß noch eine Bemerkung über das Führerwesen. Im Rheinwald sieht es in dieser Beziehung gut aus. Schwarz, Trepp, Sprecher und wie sie noch heißen, sind gut. In Andeer ist man hierin bös daran. Ich kann nicht begreifen, daß in diesem für Bergtouren ( Beverin, Curver, Gelbhorn, Bruschghorn, P. d' Annarosa, Averser und Rheinwaldberge ) so günstig gelegenen Centralpunkt nicht schon längst zwei bis drei entschlossene, kräftige Männer für den Sommer diesem so schönen und lohnenden Beruf sich zu widmen suchen. Es scheint, als ob der Abgang des Verkehrs über den Splügen auch die Energie der männlichen Bewohner dieses Dorfes gelähmt hätte. An Sprachkenntnis fehlt es den Leuten nicht; die meisten reden romanisch und deutsch und verstehen auch italienisch. Auch sind die Schulen auf einer Höhe, daß das Selbststudium der Karten zu nutzbringenden Kenntnissen führen kann.

C. Hössly ( Sektion Randen ).

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