Die Südwand der Grossen Windgälle

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Mit 4 Bildern ( 58—61Von Gerold Styger

( Zürich ) Kühn, trotzig und doch elegant in ihren Formen erhebt sich die Grosse Windgälle ( 3192 m ) aus der rechten Talseite des malerischen Maderanertales. Gedrungen erscheint sie vom Aufstieg zur Windgällenhütte, doch erst kurz unterhalb derselben erhascht sie das suchende Auge. Imposant dagegen und alles überragend erscheinen ihre schneebedeckten Doppelgipfel im Panorama der umgebenden Urner Berge. Wuchtig strebt ihre sechshundert Meter hohe Südwand gen Himmel. Hellschimmernde Plattenpanzer verstärken den Eindruck der Glätte und des Unnahbaren.

Aus einem anfänglich weniger steilen, unteren Wandteil schwingt sich der mittlere — die eigentliche Südwand bildend —, steile und teilweise überhängende Wandgürtel zur aus Schroffen und Simsen aufgebauten Gipfelwand. Linker Hand wird die Südwand durch eine markante Schlucht von der Südwestwand und rechter Hand durch eine anfänglich wenig ausgeprägte Kante, die später zum Südgrat des Westgipfels wird, von der Südostwand getrennt.

Natürlicher Ausgangspunkt ist das Obere Furkeli ( ca. 2700 m ), das man über den westlichen Stäfelgletscher und ein anschliessendes, steiles Schneeoder Geröllcouloir ohne nennenswerte Schwierigkeiten erreicht.

Am 21. Juni 1931 stiegen W. Weckert und W. Rickenbach bei denkbar schlechtem Wetter in die noch unbegangene Südwand ein. 25 Meter Seil und 15 Meter Reepschnur sowie 4 Mauerhaken bildeten ihre einzige Ausrüstung. Trotz Regen und Gewitterschauern erkämpften sie sich den Weg durch die Wand, die neun Stunden harter Arbeit forderte. Lebhaft und anschaulich schildert uns W. Weckert in seinem Aufsatz « Kein Weg zurück! » sein Erleben dieser beachtenswerten Erstdurchsteigung1. Ihre Route führt über das Obere Furkeli zur grossen Schlucht, folgt östlich dieser gerade aufwärts, um den grossen Trichter zu erreichen, der vom Westgipfel seinen Anfang nimmt. Sie weicht also den stark überhängenden Felsen des rechten Wandstückes aus, um den ebenfalls überhängenden Plattenwulst am Beginn des Trichters zu überwinden. Die Route dürfte ziemlich dem Steinschlag ausgesetzt sein, besonders oberhalb des Plattenwulstes.

Am 13. September 1942 erfolgte der Zweitdurchstieg durch O. Gerecht und S. Wechsler auf teilweise neuer Route. Wiederum Einstieg am Oberen Furkeli. An Stelle des grossen, 70 Meter langen Querganges zur Schlucht verfolgten sie ihre Route gerade aufwärts durch eine Verschneidung auf das charakteristische Plattendreieck im mittleren Wandteil. An seiner rechten Seite und teilweise über dasselbe erreichte diese Partie einen Kamin, der sie auf ca. 3000 m Höhe auf den Südgrat führte. Kletterzeit Oberes Furkeli-Westgipfel siebeneinhalb Stunden 2.

1 « Bergkameraden », Orell-Füssli-Verlag, Zürich 1939.

2 « Die Alpen » 1944, Neutourenbericht Seite 207.

Unser am 3. Juli 1951 erfolgter Durchstieg scheint der dritte gewesen zu sein 1. Anlass zu dieser Besteigung gab die Revision des Urnerführers. Mein Klubkamerad Alois Regli und ich einigten uns schnell, und eine vorgängig erfolgte Erkundigung bis zum Quergang bestärkte unser Vorhaben.

Wir frösteln, wie wir am Morgen des 3. Juli in die sternklare Nacht hinaustreten, begleitet von den besten Wünschen unseres Hüttenwartes Epp. In Gedanken wird er sicher bei uns sein, und wir sind überzeugt, dass er des öftern nach uns äugen wird, um zu sehen, wie es uns geht.

Der Schnee ist hart gefroren und erlaubt uns ein schnelles Vorwärtskommen trotz den Kletterschuhen. Die schweren Schuhe liessen wir aus Gewichtsgründen in der Hütte zurück. Das Tempo ist forsch. Am Fusse der Südwand queren wir zum Couloir des Oberen Furkelis. Der Kletterhammer ersetzt zur Not den Eispickel. In den kleinen Kerben und mit den Kletterschuhen ist dies eine mühsame Angelegenheit. Wir sind beide froh, im Oberen Furkeli zu stehen. Mittlerweile erreicht uns auch die Sonne, die unsere Glieder nach dem steilen, unwirtlichen Couloiranstieg angenehm wärmt.

Hier wird angeseilt. Gemeinsam klettern wir über die leichten Felsen aufwärts. Nach knapp einer Stunde stehen wir am Beginn der grossen Schlucht. Da die Kletterei allmählich schwieriger wird, verbinden wir uns zusätzlich noch mit einem zweiten Seil. Ein Riss und eine anschliessende Verschneidung führen uns zu einer überhängenden, bauchigen Wand. Unter diesem Bauch zieht sich ein feiner, horizontaler Riss nach rechts in die dachziegelig geschichtete Wand hinaus. Offensichtlich haben wir nun das Plattendreieck des mittleren Wandteiles erreicht. Katzengleich schiebt sich Alois Regli am Riss entlang und entschwindet meinen Blicken. Stetig lasse ich die zwei Seile durch meine Hand, die gleich zwei dünnen Schlangen über den Fels gleiten und feine Steinchen und Staub über mich streuen. Je mehr ich Seil gebe, desto problematischer wird unsere Sicherung. Nach ungefähr 30 Metern stoppt der Fluss plötzlich, und noch immer höre ich keine Hammerschläge, die unserer Sicherheit unter die Arme gegriffen hätten. Ich höre Rufe, aber der Wind verschlägt sie, so dass ich nur vermeine, das Wort Wassereis zu hören. Seltsam, wie uns plötzlich die Wand in Atem hält. Nach anfänglich leichter spielerischer Tätigkeit verlangt sie nun unsere ganze Aufmerksamkeit Gespannt achte ich auf die zwei Seile, die einzige Verbindung mit meinem Seilgefährten. Nun fliessen die Seile wieder, zuerst langsam, dann ruckweise. Jetzt ist die Reihe an mir. Vorerst wird der Sicherungshaken entfernt, dann schiebe ich mich langsam dem Riss entlang. Die Kletterei fordert feine Fingerarbeit und volles Vertrauen auf die Gummisohlen. Wie ich um die Ecke komme, wird die Exponiertheit voll. In unheimlicher Steilheit schiesst das Plattendreieck abwärts, darüber wölben sich überhängende Wülste. Schräg rechts oberhalb meines Standortes guckt das Gesicht Wisis aus der Wand. Offensichtlich muss er einen Standort gefunden haben, obwohl es dem Anschein nach dort absolut nichts Derartiges geben kann. Ich habe nicht lange Zeit zum Überlegen, die Fortsetzung beschäf- 1 Hüttenwart Epp erinnerte sich an zwei aus Basel stammende Kletterer, die die Südwand zum mindesten versucht haben sollen. Erkundigungen meinerseits bei den verschiedenen Basler Bergvereinigungen blieben erfolglos.

tigt mich zur Genüge. Die Platten werden steiler, und Schmelzwasser rieselt darüber. Vorsichtig quere ich die nassen Stellen und stehe unmittelbar unter meinem Kameraden, von dem mich noch steile, abwärts geschichtete Platten trennen. An kleinen Untergriffen und mittels Stemmens wird auch diese Stelle geschafft. Unsere erste schwierige Seillänge liegt hinter uns. Irgendwie stimmt uns dies optimistisch.

Wir sind nun mitten in der Wand, tief unter uns liegt das Obere Furkeli mit unseren Spuren vom Morgen. Das Maderanertal ist voll von der Lichtfülle des prächtigen Sommertages. Leichte Schönwetterfetzchen von Nebel umwallen den noch tief im Winterschnee steckenden Oberalpstock. Auch recken schon die verschiedenen Walliser Gipfel ihre Köpfe über die nahen Urner Berge der linken Reusstalseite. Auch diese stehen noch tief in ihrem Winterkleid. Der Frühling hält spät Einzug in diesem Jahr.

Leichte, brüchige Schroffen führen uns höher zu einer Nische mit einem anschliessenden Riss. Hier finden wir einen rostigen Haken, Zeuge einer früheren Seilschaft. Wiederum wölbt sich die Wand nahezu zur Senkrechten. Vergeblich versuchen wir nach links in den Trichter zu kommen Immer noch bewegen wir uns unter dem überhängenden Wandteil, der uns stetig nach rechts drängt. Dafür sind wir vor Steinschlag sicher. In weitem Bogen fliegen die Steine über unsere Köpfe hinweg, zischend sausen sie neben uns in die Tiefe. Längst sind wir von der Weckertroute abgekommen Der Riss oberhalb der Verschneidung ist leicht, doch die folgenden Partien, es sind wiederum ein feiner Riss, dann eine Verschneidung und zu guter Letzt ein Kamin, sind nahrhafte Kost. Prüfend gleiten meine Augen über die kommenden Meter, die anscheinend schwer sein müssen. Dann packe ich den Riss an und stemme mich zu einem vermuteten Ruheplätzchen, das aber alles andere als bequem ist und meinen Oberkörper weit ins Leere drückt. So bleibt mir nichts anderes übrig, als die Verschneidung auch noch anzuhängen. Die steilen Felsen narren einem: alle Simschen entpuppen sich als abwärtsgeschichtete Platten. Endlich kann ich mich im anschliessenden Kamin verklemmen und verschnaufen. Gleich einer Mücke klebe ich nun im Kamin, unter mir die Verschneidung, die nach zehn Metern ins Leere mündet, und in dieser Wisis Schopf, der seltsam fremdartig in dieser Umgebung wirkt. An die 30 Meter kletterte ich, und immer noch keine Ritze, in die sich ein gut sitzender Haken treiben liesse. Die Ritzen sind entweder zu klein, oder dann blättert der Fels ab unter den Hammerschlägen. Einzig bei meinem Standplatz kann ich einen kleinen, herzförmigen Haken anbringen, dem ich aber nicht ganz traue und mit entsprechendem Misstrauen begegne. Doch gibt er mir das nötige Gleichgewicht für den kommenden Überhang. Darüber folgen leichteres Gelände mit vernünftigen Handgriffen und eine gute Sicherungsstelle. Ein Fichtelhaken dringt unter meinen Hammerschlägen summend in den Fels. Wisi kommt überraschend schnell nach. Bald höre ich sein Keuchen. Er muss beim Haken sein, bei dem er, ebenso wie ich, einen längeren Schnaufhalt einschaltet. « Was machst Du denn so lange da unten? » necke ich ihn meinerseits. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, die vollgespickt ist mit urnerischen Kraftausdrücken, und die kaum im Schriftdeutschen wiederzugeben wären! Meine Frage scheint auch seinen Unwillen gegenüber meinem nigelnagelneuen Höhenmesser Luft verschafft zu haben, der beharrlich nicht über die 3000-Meter-Grenze rücken will. Fortwerfen, wegschmeissen, dummes Ding und blödes Zeug sind noch die besseren Namen, die er für diesen empfindlichen Apparat verwendet. Doch nach einiger Zeit verebbt auch dieses Unwetter über dem « seelischen Urner See ». Bald darauf steht er neben mir, und gemeinsam prüfen wir die Fortsetzung. Sie sieht nicht gerade einladend aus! Der Riss, der bis anhin so schön, wenn auch manchmal sehr schwierig in die Höhe führte, nimmt hier sein Ende. Erneute Überhänge versperren uns den Weiterweg in die Höhe. So versuchen wir, sehr skeptisch, nach rechts auszuweichen, um den nahegerückten Südgrat zu erreichen. Von diesem aus wären alle Schwierigkeiten zu Ende; weg wäre auch das bedrückende Gefühl, über die aufgestiegene Route zurücksteigen zu müssen. An schlecht sitzenden Mauerhaken abzuseilen, ist nicht unser Geschmack. Schwerfällig beginnen wir, umklettern eine Ecke und sind nicht wenig überrascht, einen leichten Kamin zu erwischen, der uns auf den Südgrat leitet. Alle Müdigkeit ist wie verflogen. Mit jugendlichem Übermut klettern wir durch den Kamin. Mein Urner ruft einen tollen Jauchzer zur Hütte hinunter. In aller Hast essen wir eine Orange. Aber wir sind nicht recht bei der Sache, wir haben Gipfelfieber! Gemeinsam überklettern wir den leichten Südgrat. Um halb 3 Uhr stehen wir auf dem Westgipfel. Sechseinhalb Stunden benötigten wir vom Oberen Furkeli bis hieher. Trotz der schönen Aussicht rasten wir nur kurze Zeit, da wir noch das letzte Postauto in Bristen erreichen möchten. Wir seilen uns in die schneebedeckte Lücke zwischen den beiden Gipfeln hinab und spuren dann zum Ostgipfel hinauf. Weich und nass ist der Schnee im Ostwandcouloir, durch das wir abfahren und so durch und durch nass werden. Doch was kümmert uns der nasse Hosenboden! Tempo ist die Losung! Nach fünfviertel Stunden sind wir in der gastlichen Windgällenhütte, und nach kurzem Imbiss eilen wir talwärts, Bristen zu. Aber trotz unserer Eile fuhr das Postauto vor unserer Nase weg. Doch gemütlich und zufrieden wandern zwei Kameraden das abendliche Maderanertal hinaus, während die letzten Sonnenstrahlen hinter der Kröntengruppe verschwinden.

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