Die Tomliwand

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Von Max Eiselin

Nordwand des Tomlishorns ( PilatusKriens-Luzern Viel Staub wurde in Bergsteigerkreisen aufgewirbelt, als drei Luzerner Kletterer diese Wand im Jahre 1947 erstmals begangen hatten. Sie präparierten ihr Kletterobjekt nämlich in mehreren Vorstossen mit einem wenigstens in den Westalpen bis heute ungewohnten Kletterwerkzeug, dem Meissel, um dann eines Tages die rund zweihundert Meter hohe Wand, von der vierzig Meter sehr grosse Schwierigkeiten aufweisen, in achtstündiger Kletterei zu bezwingen. Misstöne wurden durch die Tatsache hervorgerufen, dass die Erstbegeher einen Photographen gedingt und ihr Unternehmen in der Tagespresse und am Radio breitgeschlagen hatten - wie sich 's zu einem solchen Sportanlass ja gehört... Wie dem auch sei, wir fragten wenig danach; die Hauptsache war für uns, das Erlebnis dieses kühnen Felsganges einmal selbst zu kosten.

Der Herbst 1950 neigte sich seinem Ende zu, als Sepp Mertens und ich zu einer Wand-rekognoszierung auszogen. Vor lauter Tomliwand vergass ich sogar, den Proviant in den Rucksack zu stecken; doch die Skihütte auf Alp Mülimäs, wo wir nächtigten, ist in letzter Zeit für ihre gute Bewirtung bekannt geworden, so dass uns diese Unterlassung einstweilen keine Sorgen verursachen konnte. Im Spätvormittag erst langten wir auf dem sagenumwobenen Kastelendossen an, der seinem stolzen Namen alle Ehre macht.

Hugo Nünlist schreibt über dieses romantische Stück Erde:

« Der Kastelendossen. Was denken wir bei diesem Wort? Bei manchem Ausdruck weiss man nichts mehr von dem ursprünglichen Sinn; denn er ist allmählich verschleiert worden. Dieses Wort aber kann man noch zergliedern. Der Dossen hat die Bedeutung von ,dorsum'oder Rücken. Der Name Kastelen leitet sich her vom lateinischen Wort ,castellumSchloss. Der Anblick des trotzigen Burgrückens packt uns unwillkürlich. Dunkle und mattsilberne Kalkplatten starren in die Weite. Hoch über dem Abgrund lehnen sie sich an die düstern Mauern des Tomlishorns, das sie überragt. Es breitet harte Schatten über die Burg, so dass diese kaum einen Sonnenstrahl im Winter empfängt. Das Schloss bleibt jedoch unheimlich, selbst wenn das Licht auf ihm spielt. Man fühlt sich irgendwie bedrückt von der Wucht der grauen und feuchtdunklen Felsen. Deshalb meidet man den Dossen und betritt ihn nur wie aus Versehen, weil ein alter Klettersteig dort vorüberführt. Seine lotrechten Wände fallen zu trostlosen Flühen ab, die von Geröll besät, von Schuttrinnen durchfurcht und von Stauden gesprenkelt sind. In der Tiefe ist die Lauelenalp eingebettet, die nur des Sommers bestossen wird. Wir hören das Herdengeläute gedämpft erklingen und den Wachthund kläffen. Die Laute schwingen herauf wie aus bodenloser Kluft. Die Burg hat ein flaches Dach, auf dem ein Schratten- oder Karrenfeld ruht. Es ist ein zerhacktes und scharfkantiges Kalkgebilde, von Rissen und Gräben durchwirkt, die Versteinerungen und Abgüsse von Muscheln enthalten, also Zeugen uralten Lebens und längst vergangener Zeiten. Die Gruben sind teils offen, teils durch Erdschollen verborgen. Man muss die Anhöhe mit Vorsicht betreten, um Verstauchungen zu entgehen. Das Schrattenfeld verschwindet schliesslich unter einem Farbenbrand von Thymian und Alpenrosen. In einer Vertiefung fliesst eine eiskalte Quelle, und Bergschafe finden spärliche Nahrung, sogar in den ödesten Gebieten, wo sich weder Fichte noch Föhre zu halten vermögen. Der Dossen ist heute von einer Steinwüste umgeben, obwohl vergilbte Handschriften von einer ehemals prächtigen Alp berichten... Es geht eine Sage im Volk:

Der reiche Älpler Klaus lebte am Kastelendossen. Eines Morgens steigt seine Nichte Magdalena vom Eigental über die Lauelenalp zu ihm hinauf und bittet ihn um Hilfe für ihre kranke Mutter. Klaus grinst unter dem Stoppelbart und spottet über die Gebresten. Magdalena verabschiedet sich verwirrt und folgt einem Pfad den Schaflägern entlang zur Bründlenalp. Dort klatscht der Regen auf Stein und Rasen. Sie begibt sich in den schir-menden Hüttenschopf. Regengüsse trommeln unaufhörlich auf das Schindeldach; dichte Nebel kleben am Gemsmättli und verhängen die Sicht; der Sturmwind wimmert um das Gebälk, und die Kühe scharen sich um den Stall, stumpf ergeben und durchnässt. Magdalena ist traurig, denn die Schatten, die alle Mulden füllen, schleichen auch in ihre Seele. Der Senn in der Stube hört sie sich räuspern, horcht auf und ist überrascht. Das Mädchen erzählt ihm vom groben Klaus, worauf der Älpler den Kopf schüttelt: der werde ein solches Verhalten noch büssen müssen. Dann schenkt er Magdalena einen Alpkäse. Da der Regen unterdessen aussetzt und nur noch blasse Nebel über die Matte wallen, zieht sie zu Tal. Die Fluhstufen sind aber aufgeweicht und schlüpfrig, glatt wie Seife und breiig wie Lehm. Nasse Grasbüschel schlagen ihr um die Waden. An einer Wegbiegung gleitet sie aus, worauf der Käse ihrem Arm entwischt und über einen Nollen zur Tiefe hüpft. Sie klammert sich in ihrer Verzweiflung wie gelähmt an das taufeuchte Kraut. Ihre Klage erstirbt im Stöhnen der Wettertannen, die im Winde hin- und herschwanken. Die verräterischen Wildheuplanggen haben den Laib verschlungen, und was sie sich holen, bleibt wohl für immer verloren. Wer will in diesen Wildenen was suchen, in diesen Kanälen voll Schutt und Wetterbächen, in diesen verschlammten Halden, die von Gestrüpp und hässlichen Zweigen wie ein Urwald verstopft sind? Unverhofft flüstert eine Stimme wie aus einer Gruft an ihr Ohr. Sie wendet sich entsetzt um: ein Wildmannli, mit weisser, flockiger Mähne, fragt gütig nach ihrem Leid. Das Mädchen berichtet vom Kastelensenn und vom Verlust des Käselaibes. Das Erdmannli tröstet Magdalena, entfernt sich dann in eine Höhle und bringt auf den Schultern einen blütenweissen Käse zurück. Sie dankt gerührt, während das Wildmannli mit erhobenem Finger zum Kastelen hinaufdroht und Sühne fordert. Nachher schlarpt es den Berg hinan. Daheim vernimmt Magdalena das Grollen des Donners. Die Wolken ballen sich dräuend am Tomlishorn zusammen, vermengen sich mit dem Grat und ergiessen sich von den Kalkwänden zum Burgdossen. Es dröhnt Schlag auf Schlag in den Flühen. Lichtfunken fahren aus dem Gewölk in den Bergkessel und erhellen gespensterhaft bald einen Felsen, bald eine Weide. Sie möchten alle Wände aufsprengen. Der Widerschein des Blitzes lodert durch die Scheiben, dahinter Magdalena wie gebannt hinaufschaut, geblendet vom Zucken der Strahlen und betäubt vom Rollen des Donners, der durch die Räume kracht, von Fels zu Fels geworfen wird und sich vervielfacht. Die ganze lange Nacht scheint dort der Sitz der Hölle zu sein oder eines Kraters, wo Feuer, Knall und Schwefeldämpfe durcheinander wirbeln und wo die Erde bebt. Gar bald geht die Kunde, die Kastelenalp mit all ihren saftigen Weidgründen sei zerstört, die Stafeln von Murgängen überschwemmt, die Hütten bis auf die Sockelmauern vernichtet und die Herde erschlagen worden oder über die Flühe gesprungen. Der Bergsturz hat die Alp in ihren Grundfesten erschüttert. Man fand den Klaus im Splitterholz eingezwängt. Ein Bein war ihm zermalmt. Auf einer Bahre trug man ihn zu Tal. Jahrelang humpelte er an Krücken umher und war verbittert1. » Auf der Höhe des Kastelendossens vertieften wir uns ins Studium der sich vor uns aufbäumenden Tomliwand. Wir hofften, heute noch bis zur Schlüsselstelle vordringen zu können, wo sich die vielbesprochenen Bohrlöcher befinden mussten. Um 11 Uhr stiegen wir in die Wand ein. Trotz der späten Tageszeit herrschte alles andere als Mittagshitze; begreiflich, wenn man sich noch Ende Oktober in einer Nordwand zu schaffen macht. In anfangs leichter Kletterei erlaubte uns ein schräg nach rechts ansteigendes Gesimse, in die Wand hinaus zu queren. An einer Stelle war es durch einen grossen, losen Block unterbrochen. Vorsichtshalber schlug ich noch einen Sicherungshaken. Allmählich ging das Gesimse in eine brüchige Rinne über, die uns auf das abschüssige, dem Steinschlag ausgesetzte Plateau im untersten Wanddrittel führte. Hier hiess es, so rasch wie möglich vorbeizukommen; denn der Pilatus besteht aus brüchigem Kalk, und von den vielen Gipfelbesuchern sind nur wenige mit alpinen Regeln vertraut. Bald waren wir am Fusse des markanten Felsdreiecks, auf dem sich die Schlüsselstelle aufbaut. In einem tiefen Riss erklommen wir die Höhe des Dreiecks und befanden uns noch knapp 40 Meter unterhalb der Normalroute. Fast schien es uns, wir seien da allzu gut weggekommen. Dafür entschädigte uns aber der Anblick der Schlüsselstelle zur Genüge. Lange betrachteten wir das senkrechte bis überhängende Wandstück ob uns. Vergeblich suchten wir nach Bohrlöchern und Haken, nichts war zu erspähen. Schon rüsteten wir uns zum Abstieg, da stach uns das Gewissen - schliesslich waren wir hier heraufgekommen, um die Stelle des allermodernsten « Bergsteigens » zu inspizieren, und da sich höchstens noch 40 Meter Fels ob uns befanden, konnten diese Zeugen der neuzeitlichen Felstechnik auch nicht weiter entfernt sein. Eine riesige Spannung bemächtigte sich unser, doch konnten wir nicht viel ausrichten, da unsere Ausrüstung - und auch unser Können - so schlecht wie der Fels schwierig war. Sepp ging gleich drauflos. Hastig erkletterte er ein steiles Risschen. Ungefähr 5 Meter hoch; dann kletterte er dieses mit letzter Kraft wieder zurück. Für heute bedeutete dies unsere erste Niederlage. Jetzt packte mich die Kletterwut, wie ich es vorher noch nie erlebt hatte. Sämtliche Haken ( ganze zwei Stücksowie einen Karabiner legte ich zurecht, dazu kam noch Sepps Ausrüstung, ein Karabiner und ein Monstrum von Haken « aus dem Salbitschijen ». Wo Sepp umkehrte, gelang es mir, einen kleinen Stift zu placieren. Der Weiterweg nach oben schien äusserst fragwürdig, so hielt ich nach andern Möglichkeiten Ausschau. Links leitete eine abgespaltene Platte, die jedoch gar nicht ver-trauenerregend aussah, zu einer Kante. Ich überlegte, dass mir bei geschicktem Handeln selbst dann nichts passieren könnte, wenn die Platte auch ausbrechen sollte. In diesem Falle müsste ich einfach raschestens zum Haken zurückpendeln. Ich machte Sepp auf- 1 « Der Pilatus und seine Geheimnisse », SJW Nr. 315.

merksam, in Deckung zu gehen und auf einen Sturz gefasst zu sein. Dann schlich ich zur Platte. Sie gab einen etwas hohlen Klang von sich, war sonst aber gar nicht bösartig. Nach der Überzeugung, dass die Stelle nicht « auf Druck », sondern nur mit kräftigem « Dülfern » passierbar war, vertraute ich mich der Platte an und hatte Glück: sie hielt mein Federgewicht gut aus, und hinter ihr kam, wie gewünscht, ein bequemes Gesimse zum Vorschein. Hier befand sich endlich das erste Bohrloch, worin Holzkeil und Haken steckten.

Unsere Aufgabe wäre hier eigentlich beendet gewesen, doch gleich darauf nahm ich auch das zweite Bohrloch wahr, diesmal ohne Haken. Der Weg dazu war hart, aber lockend. Bereits waren mir die Karabiner ausgegangen; deshalb liess ich mich mit Seilzug zum untersten Haken zurück, wieder an der unheildrohenden Platte vorbei, nahm den Karabiner mit und vergass natürlich, den Haken auszuschlagen. Auf dem Gesimse zurück, begann ich, mich weiter in die Höhe emporzuarbeiten. Nach ungefähr zehn Metern war ich beim zweiten Bohrloch angelangt. Zwischendrin schlug ich wieder einen Sicherungshaken, was zur Folge hatte, dass ich das ermüdende Spiel vom Retourholen der Schlosserei wiederholen musste und dabei viel Zeit verlor. Sepps Hakenmonstrum passte ausgezeichnet ins Bohrloch, und ich fühlte mich, an diesen Haken gehängt, wunderbar geborgen in der ungastlichen Wand. Die Exponiertheit war durch die Querung nun voll geworden und die Wand so steil, dass der fleissige Steinschlag uns trotz des nahen Ausstiegs nicht .belästigen konnte. Jedermann mag seine eigene Meinung über den Gebrauch eines Meissels im Felsklettern haben und besonders über die Folgen nachdenken, die entstehen könnten, sollte der Gebrauch dieses Gegenstandes die Masse der Kletterer erfassen! Aber es war ein akrobatisches Meisterstück der Erstbegeher der Tomliwand, an dieser Stelle stundenlang zu kleben und dabei ein Loch in den harten Fels zu meisseln; wobei es doch schon allerhand braucht, sich in solchem Gelände überhaupt festhalten zu können.

Mich drängte es weiter. Die nächsten Meter sahen äusserst schwierig aus, zu schwierig. Weiter oben aber winkte eine Nische, die wollte ich noch erreichen. Schräg links aufwärts kam ich zentimeterweise hoch. Wohl zwei oder drei Meter mochte ich im plattigen, griffarmen Fels geschafft haben. Dann war 's aus. Ich hatte mich gründlich verhauen und kam mir vor wie ein Eindringling in feindlichem Gebiet. Ich merkte, wie der Fels immer « speckiger » wurde, weder Ritze noch Griffchen vorhanden waren und schliesslich die Vibramsohle die spärliche Adhäsion auch noch verlor. Eine Sekunde später landete ich glücklich einige Meter unter dem Haken. Ich sah ein, dass mir eine Rast nicht schlecht tun würde, währenddem Sepp schon stundenlang schlotterte. Ich seilte mich zu ihm ab, und wir wechselten in der Führung. Mit Seilzug war er rasch beim Haken und griff unternehmungslustig an. Der Fels war mit ihm aber ebenso händelsüchtig wie mit mir. Das erste Mal ging 's auch Sepp nicht besser. Nun war die Schlacht entbrannt! Sepp wiederholte seinen Angriff sofort wieder und wurde prompt ein zweites Mal abgewiesen. Doch anstatt an Rückzug dachte er an das Beispiel der Ameise im Turm, die ja zwanzigmal herunterfiel, bis es ihr gelang, die Mauer zu ersteigen. Und schon beim dritten Mal wurde Sepp für seine Ausdauer belohnt. Er konnte einen Griff erfassen und zur erwähnten Nische gelangen. Sein Freudengeheul verkündete mir, dass er das dritte Bohrloch gefunden hatte. Der Vorrat an Haken und Karabinern war nun allerdings erschöpft. Trotzdem wollte Sepp weiter, da es bis zum Ausstieg nur noch wenige Meter waren, so dass sich ein Rückzug trotz der Absicht, die Wand nur zu erkunden, nicht mehr rechtfertigen liess. Langsam entschwand Sepp meinem Blickfeld. Der Fels schien leichter geworden zu sein; denn das Seil glitt flüssig durch meine Hand. Leider aber nicht sehr lange; plötzlich fing es an zu stocken, um dann - zuerst langsam, dann immer schneller werdend - zurückzurutschen, bis der oberste Sicherungshaken das Zurück- rutschen des Seiles in Zug verwandelte. Instinktiv umfasste ich das Seil fester, und da kam auch Sepp schon in Riesentempo den Überhang heruntergesaust. Ich hängte mich mit vollem Gewicht ins Seil und konnte den starken Seilzug auffangen. Dieser Sturz meines Kameraden war hoch, aber « Unkraut verdirbt nicht ». Immerhin hatten wir einstweilen genug Tomliwand und kletterten die Wand zurück. Bei Einbruch der Finsternis waren wir wieder beim Einstieg.

Fast auf den Tag genau ein Jahr später kam ich wieder. Diesmal war Hans Schluchter mein Gefährte. Wir fühlten uns in Form und hatten einen « Schlachtplan », dem sich die Wand nicht mehr widersetzen konnte. Rasch brachten wir die einfachen Seillängen unter uns. Nichts Aussergewöhnliches geschah, als dass uns der Steinschlag im untern Wandteil einmal verderblich nahe kam. Bei der Schlüsselstelle nahm ich die erste Hälfte, die mir vom letzten Jahr her noch in guter Erinnerung war, gleich in Angriff. Der Fels war inzwischen nicht weniger steil geworden, doch kam mir alles bedeutend leichter vor, da ich diesmal genügend Ausrüstung mit hatte und auch die schweren Meter eingehend kannte. Bei der letztjährigen Umkehrstelle hängte ich mich an den Haken und sicherte Hans nach, der gleich über mich hinwegstieg; zuerst mit Schulterstand, dann half ich ihm noch mit den Händen nach - und der böse Überhang war besiegt. Die folgenden zwanzig Meter bis zur Einmündung in die Normalroute boten noch schwere Kletterarbeit. Von der Nische an wich unsere Route von der des vorigen Jahres um einige Meter ab, indem wir einen nach links führenden Seilzugquergang anlegten, worauf es galt, sich mittels Gewichtsverteilung und Adhäsions-kniffen hochzubalancieren. Endlich war wieder ein knapper Stand erreicht. Noch ein letztes Bollwerk in Form eines Wulstes wollte sich uns entgegenstemmen, wurde aber von Hans kunstgerecht zurechtgeschlossert. Dann gab sich der Berg endlich geschlagen, und ein Rißsystem führte uns verhältnismässig bequem in die Normalroute. Wir folgten jedoch nicht dieser, sondern erklommen frisch geradeaus den Grat und gelangten über ihn auf den Gipfel.

Der Durchstieg kostete uns nicht ganz drei Stunden, von denen volle zwei auf die vierzig Meter der Schlüsselstelle entfielen. Man darf wohl sagen, dass die Tomliwand zu den schwersten Klettereien der Innerschweiz gehört. Nur ist die Routenführung unideal, da sie im untern Wandteil sehr brüchig und stark dem Steinschlag ausgesetzt ist und dazu nicht direkt auf den Gipfel führt sowie in ihrer ganzen Länge die Gipfelsenkrechte nicht einmal streift.

Nach dieser extremen, typisch voralpinen « Sportkletterei » sehnten wir uns nach einer Gipfelstunde auf stolzer Warte in alpiner Einsamkeit. Leider ist der Gipfel des Pilatus dazu vollkommen ungeeignet, da sich allzuviele Leute in Sonntagsgewand und Halbschuhen darauf herumtummeln, so dass wir uns wieder in die Tiefe des einsamen Kastelendossens wünschten, wo weder Bahn noch geländerumsäumte Weganlagen noch das geschäftige Treiben der vielen « Sitztouristen » den Berg profanieren; wo aber die unberührte, heroische Landschaft uns das Bergabenteuer voll erleben lässt.

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