Die Westflanke der Drus: die Amerikaner-Direttissima.

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Claude Stucky, Carouge

« Kommst du mit auf die Amerikaner-Direttis-sima der Drus? » « Du bist ja verrückt; das geht über meine Kraft! » So hat alles angefangen. Der Fragesteller ist der zwanzigjährige brillante Kletterer Claude, der Gefragte der andere Claude, 43 Jahre alt, ein guter Kletterer, aber trotzdem...

« Es ist doch am Pilier Gervasutti gut gegangen; also sollte das auch möglich sein », sagt Claude ( der junge ).

( Schweigen am Telefon. ) « Tja! Gib mir fünf Minuten zum Überlegen, ich rufe zurück! » Mein Kopf brummt. Der Dru, dieser besonders schwierige Berg! Und dann noch die Direkte! Das heisst klar und deutlich: mindestens 25 Stunden Klettern, zwei Biwaks - ein Plan für die ganz Grossen. Also nein!

Aber der Vorschlag hat mein Interesse geweckt. Ich stelle mir den Bonatti-Pfeiler vor, allerdings, ohne daran zu glauben. Überlegen wir einmal ganz nüchtern! Wie bist du in Form? Ausgezeichnet! Wie ist dein Seilkamerad? Dito! Und das schöne Wetter? Vorhanden! Ich rufe zurück.

« Einverstanden. Abfahrt in Carouge Sonntag um 13 Uhr. » Es ist 15 Uhr in Chamonix. Eine Menge Touri- nierende Sonnenuntergänge bewundert. Wir sind auf klaren, oft wildbewegten Meeren gefahren, auf schwankendem Packeis marschiert, wir haben unberührte Gipfel erklommen und liebenswerte Menschen kennengelernt.

Möge uns dieses herrliche Abenteuer eines Tages den Weg in andere Kontinente öffnen, zum Ruhme unseres Ideals: des Alpinismus.

Übersetzung E. Busenhart sten, Ferienleute, Alpinisten drängen sich in der klaren Hitze der schönen Sommertage. Am Montenvers dieselbe Menschenmenge, dieselbe Klarheit der Bergspitzen, die uns zum Klettern einladen. Wir sitzen auf der grossen Terrasse und schlürfen ein erfrischendes Getränk. Unberührt vom Lärm der Menge, ruhig und entspannt nehmen wir die Dinge in uns auf; unsere Blicke schweifen vom Mer de Glace bis zu den phantastischen Jorasses. Aber es ist die Westflanke des Dru, die uns fasziniert, diese flammende Pyramide.

Um 16 Uhr starten wir und steigen bis zu der von Bergführern herausgehauenen Höhle hinunter, überholen zaghafte Touristen, überqueren das « Eismeer » und steigen die gegenüberliegende Moräne wieder hinauf bis zu einem charakteristischen, schweren gelben Block. Darüber windet sich ein steiler, aber angenehmer und idyllischer Pfad empor. Würzige Düfte steigen bis zu uns herauf; kein Wunder, denn überall gibt es Blumen, sogar eine Berglilie, und die laden eher zum Träumen ein als zu der harten Kletterei, die vor uns liegt. Die Säcke sind schwer, und wir verschnaufen vonZeit zu Zeit. Um 19 Uhr erreichen wir den Sockel des Dru, wo wir auf 2250 Meter Höhe biwakieren. Claude macht einen Erkundungsgang zum Einstieg, während ich das Abendessen zubereite.

Wir schlüpfen in unsere Schlafsäcke. Welch herrliche Nacht! Links der schwarze Pfeil des Dru, darüber ein Teppich von Sternen, von Lichtwundern auf tiefem Blau. Von Zeit zu Zeit ein schwacher Blitzstrahl, eine Sternschnuppe, die Gott weiss wohin fliegt. Tiefe Ruhe durchdringt mich, das Wohlbefinden des entspannten Körpers, aber auch ein innerer Friede. Mitten in der Nacht erwache ich und wage einen Blick hinaus: der Mond übergiesst alles mit seinem bleichen Licht, lässt aber den Dru im Schatten. Ich schlafe ein und wache gleich wieder auf. Es ist 3.45 Uhr. Träge bricht der Tag an. Wir frühstücken rasch und steigen ein. Der Schnee ist hart, und ein paar von einer deutschen Seilschaft gehauene Stufen erleichtern uns die Aufgabe. Um 5 Uhr beginnen wir zu klettern. Mein Sack mit seinen zwölf Kilo drückt ziemlich schwer. Über mir klettert Claude schon in den ersten Längen des IV. Grades. Es ist frisch, aber nicht kalt. Man muss die Maschine anheizen. Von Zeit zu Zeit überqueren wir ein feuchtes Rinnsal. Die Schwierigkeiten nehmen zu. Die sieben Längen, die uns über den Sockel auf ein halbmondförmiges Schneeband führen, haben den Schwierigkeitsgrad V und V +. Wir haben die Deutschen eingeholt, die uns höflich vorbeilassen. Die Wand ist grau und alles um uns herum düster. Die schon lange aufgegangene Sonne erreicht sie nicht; um so besser, denn ungefähr 850 Meter Kletterei warten aufuns... und der Durst!

Eine anstrengende Verschneidung leitet würdig zu den folgenden Schwierigkeiten über, bevor wir zur « Dülfer » ( VI ) kommen.

Vor uns erreicht eine französische Seilschaft den Fuss dieser « Dülfer ». Sie haben auf dem Schneeband biwakiert und sind ziemlich spät aufgebrochen, so dass der Weg markiert ist. Claude ( der junge ) hat das nicht gern. Er wählt eine « kitzlige » Traverse ohne Haken, die frei ausgesetzt ist. Wie ich ihm so zusehe, ahne ich nichts von ihrer Schwierigkeit. Aber als ich dran komme, muss ich dreimal ansetzen, so stark zieht mich der Sack nach hinten. Endlich ist es ge- schafft, und wir sind am Fuss dieser berühmten Dülferstelle. Die Franzosen sind schon da. Der erste klettert ohne Sack. Das werden wir auch tun. In dieser Länge von 40 Metern höchsten Schwierigkeitsgrades sind zehn Haken in der ungeheuren Wand eingeschlagen, eine richtige Schwertfisch-säge. Während die Franzosen klettern, schiesse ich einige Photos. Es ist 8.45 Uhr. Claude startet, ohne seinen Sack. Ich nehme ihn, und den meinen, nicht allzu schweren werden wir heraufziehen.

Claudes Geschmeidigkeit und Kraft stacheln mich an. Wenn er 's kann, kann ich es auch. Schon ist er oben. Jetzt komme ich! Der Start ist alles andere als bequem. Es gibt wenige oder gar keine Griffe für die Füsse, die Hände sorgen gleichzeitig für das Gleichgewicht und das Ziehen. Langsam komme ich hoch, indem ich die Arme schone. Die klassische Dülferstelle tritt immer deutlicher in Erscheinung, beinahe senkrecht. Man sucht den Fels zu überlisten, ruht sich auf den kleinsten Unebenheiten aus, atmet fünf Sekunden, nicht mehr, und los geht 's wieder. Ich hake die Karabiner los, und schon bei der Hälfte durchströmt mich eine jubelnde Freude. Ich weiss, dass ich durchkomme.Von oben regnet es nur so von Ermutigungen:

- « Geht's, Claude? » - « Gut gemacht, Claude! » Noch ein Stück, und ich bin auf einer kleinen Plattform. Wir geben uns die Hand. Bravo! Dann hissen wir den Sack. Vierzig Meter, ein Haus mit dreizehn Stockwerken! Ich klemme mir zweimal die Finger am Karabiner ein, und dann geht 's wieder los. Drei ganz schwierige, zugleich grossartige und anstrengende Längen bringen uns zu einem ausgezeichneten Stand. Es ist 12.20 Uhr. In dreieinhalb Stunden haben wir 200 Meter gemacht.

Die Sonne erwärmt unsere Knochen. Ah, wie das wohltut! Wir sind glänzend in Form, und der Hunger meldet sich. Seit 5 Uhr morgens haben wir nichts mehr gegessen. Die Kletterei geht nun in der Sonne weiter, und der Durst wird schlim- mer. Von Zeit zu Zeit beschert uns eine Verschneidung einen Streifen willkommenen Schattens. Das Klettern ist weniger schwierig, doch angenehm. Die Haken werden seltener, und bald erreichen wir den Gipfel des « Klemmblocks ». Es ist 15.30 Uhr. Ein Schneefeld liefert uns Schneewasser, was uns erlaubt, den übriggebliebenen Inhalt der Feldflasche aufzusparen. Die Franzosen über uns steigen in die 90-Meter-Verschneidung ein. Wir wollen zwei Stunden warten, bis wir weitergehen. Wie eine Eidechse strecke ich mich aus und entspanne vor allem die strapazierten Arme. Wir sind glücklich, Claude und ich. Die jetzt hinter uns liegende « Amerikaner-Direkte » ( zehneinhalb Stunden Klettern ) haben wir gut gemeistert. Gar nicht so müde, beschliessen wir, weiterzugehen und nach dem fixen Seil auf der « Terrasse des Allemands » zu biwakieren. Die Franzosen werden versuchen, sie von der Nordseite her zu erreichen. Da gibt es wohl gar Übernachtungsschwie-rigkeiten...!

17.30 Uhr. Claude steigt in die 90-Meter-Ver-schneidung ein. In praller Sonne ist es an dem graugrünen Felsen ein schwieriges Klettern. Die Muskeln werden stark in Anspruch genommen, aber die Bewegungen erfolgen mit grosser Genauigkeit. Endlich gelangen wir auf die « Terrasse des Allemands ». Es ist 19 Uhr. Die Sonne vergoldet den Felsen wunderbar und verwandelt ihn in ein lebendiges Wesen. Zu unserer Linken erhebt sich der Bonatti-Pfeiler. Darunter schlängelt sich der mit dem Eismeer verbundene Weg. Über uns riesige gelbrote Dächer! Ich mache einige Photos, dann wischen wir den Schnee von dem schmalen, aber ganz bequemen Band, so dass wir uns beide schräg ausstrecken können.

Noch einige Augenblicke wärmt uns die Sonne, dann verschwindet sie hinter der Nordwand. Kein Kocher, und meine durchlöcherte Thermosflasche ist in Genf geblieben! In einer kleinen Spalte entdecke ich etwas Meta, das eine frühere Seilschaft zurückgelassen hat. Ich lege es unter meine zu einem Dreifuss aufgebauten Steigeisen und stelle meine mit Schnee gefüllte Feldflasche darauf. Nach einer Stunde können wir an einem eisgekühlten Getränk nippen und ohne Sorge dem morgigen Durst entgegensehen.

Die letzten Sonnenstrahlen beleuchten das ganze Mont-Blanc-Massiv. Wir haben ein « geniales », bequemes Biwak- bis auf den Schnee, der auf der Terrasse liegengeblieben ist.

Ziemlich rasch schlafen wir ein.

Gegen Mitternacht wachen wir auf. Der Mond taucht alles in eine phantastische, bläuliche Atmosphäre. Nach vier Stunden Schlaf sind wir gut ausgeruht und beginnen ein langes Gespräch über unsere Freuden, Hoffnungen und Pläne und lernen uns dadurch besser kennen. Dann schlafen wir wieder ein. Von Zeit zu Zeit drehe ich mich, was allerdings durch das Seil erschwert wird, das mich an den Felsen bindet und sichert. Hin und wieder summen die Haken, und ein Hund bellt in die Nacht hinaus - eine letzte Verbindung mit dem Tal.

2 Uhr morgens. Da haben wir 's! Alles ist feucht geworden. Ein Schauder durchfährt mich. Nur die Geduld nicht verlieren! Ich nicke wieder ein. Und schon ist es 4 Uhr, Zeit zum Aufbruch. Dass wir frühstückten, wäre zuviel behauptet: Eiswasser, trockenes Brot, Petit-Suisse, eine Orange. Schon ist Claude im Steigbügel. Wir finden den Fels grau und viel kälter als am Abend vorher. Aber wir sind ja auf ungefähr 3350 Meter Höhe. Nach anfänglicher Steifheit erwärmen wir uns bald und kommen über eine lange Reihe von Verschneidungen, dünnen Platten und Überhängen zwischen den grossen gelben Dächern hindurch. Wir befinden uns immer in der Westwand, auf der klassischen Route, die 1952 von Bérardini, Dagory und Magnone eröffnet wurde. Der Fels ist nicht mehr so glatt und fest, unsichere Blöcke müssen mit Vorsicht, wie auf Zehenspitzen, angegangen werden. Man macht sich federleicht. Und endlich kündet ein frischerer Luftzug den Ausgang auf die Nordwand an. Ein Eckterrassen-Biwak! Da haben die ziemlich spät in der Nacht angekommenen Franzosen geschlafen. Nun gibt es einen Kulissenwechsel: die graue, kalte Flanke, vom Eis in Glas verwandelte Wände! Nun zuerst angenehmes Klettern an der Felskante, dann ein schlechter, von hartem, bei der geringsten Berührung einbrechendem Schnee verstopfter Kaminriss und vereiste Wände. Wie hat es dieser Teufelskerl Claude angestellt, da durchzukommen? Mein schwerer Sack drückt mich. Ah! Jetzt sehe ich 's: Stufen in harten Schnee. Ich probiere und lande - plumpszwei Meter weiter unten in einem eisigen Morgenbad. Keuchend gehe ich wieder los und arbeite mich wie ein Kaminfeger mit Ellbogen und Knien millimeterweise und mit verzweifelter Anstrengung vorwärts. Im oberen Teil geht es zum Glück besser. Es ist sogar ein Vergnügen, kleine Griffe ohne einen Haken zu finden. Nun erreichen wir rasch die Schulter über dem Bonatti-Pfeiler. Soeben sind die Franzosen angekommen. Es ist 9.45 Uhr. In dieser ganzen Kletterpartie zähle ich zweiundfünfzig Haken, von denen wir an einem Stand einen einzigen eingeschlagen haben. Die Sonne durchdringt uns bis ins Innerste. Die Brust hebt sich in tiefem und schnellem Ein- und Ausatmen, nicht aus Erschöpfung, sondern aus dem Bedürfnis heraus, wieder Luft zu schöpfen, und vor allem aus Befriedigung.

Man sollte bis zur Spitze hinaufsteigen können, aber schon umhüllen wolkige Baldachine die Gipfel des Mont Blanc und der Jorasses. Wir müssen uns beeilen.

Schnell eine leichte, bescheidene Verpflegung: Trockenfleisch, ein Happen trockenes Brot, ein Schluck aus der Flasche, eine Orange. Während die Seilschaften sich daran machen, den Bonatti-Pfeiler zu erstürmen, beginnen wir uns abzuseilen. Es ist wundervoll, phantastisch, sich vierzig Meter hinabgleiten zu lassen, manchmal wie eine um ihren Faden herumwirbelnde Spinne; aber keine Müdigkeit und keine falschen Bewegungen! Wir sind vorsichtig, seilen uns zusammen mit den Franzosen ab und erreichen den Grat der « Steinernen Flammen ». Die Aussicht auf den Bonatti-Pfeiler ist wunderbar. Der graue, zeitweise rote Fels erstreckt sich in langen, manchmal durch Verschneidungen und Dächer unterbrochenen Senkrechten. In der Ferne sehen die Praz, die so nahe scheinen, wie wenn uns nur ein Katzensprung davon trennen würde, vertraut und friedlich aus.

Wir rollen das Achtzig-Meter-Seil auf. Schwer, sehr schwer! Ich nehme es, aber die Müdigkeit macht sich bemerkbar. Claude löst mich in schräger Richtung ab. Wir überqueren breite, sehr steile, aufgeweichte Schneefelder, wo grösste Vorsicht geboten ist. Die Sicherung wird aufrechterhalten, um uns vor dem grossen Sturz in die Tiefe zu bewahren. Bei der Traversierung des Charpouagletschers folgen wir angeseilt der gut sichtbaren Spur. Und schon sind wir bei der Hütte, die wie ein schwarzer, grober, aber gastlicher Fleck aussieht. Gastfreundlich sind auch der Hüttenwart und seine Frau, und wir geniessen das Bier, mit ausgestreckten Beinen auf dem Felsen sitzend.

Das Wetter verschlechtert sich da oben, ein Gewitter ist im Anzug. Es ist 16.50 Uhr. Um halb 7 fährt der letzte Zug von Montenvers. Wie Kaska-deure stürzen wir hinunter über Wege, Blöcke, mit Stufen versehene Platten, Spalten, Geröllhalden. Auf der Höhe der Leitern des Carré Blanc überrascht uns sintflutartiger Regen; aber was tut 's? Völlig durchnässt, aber glücklich erreichen wir Montenvers um 18.20 Uhr. Die Touristen sind verschwunden. Vor fünfzig Stunden sind wir in eben diesem Montenvers gestartet. Der Körper ist tropfnass, aber Kopf und Herz weilen noch dort oben in dem vergoldeten, so wunderbar harten und reinen Fels...

« Danke, Claude!... » Übersetz/mg E. Busenhart

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