Dolomitenerlebnisse einer Fast-Alpinistin

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erlebnisse einer Fast-Alpinistin

Claire Mottini-Wenger, Nassenwil ZH

An Vorbildern hatte es mir wahrlich nicht gefehlt. Einer nach dem andern meiner grossen Brüder wurde vom Bergfieber gepackt. Bei gutem und bei schlechtem Wetter füllten sie an jedem Wochenende den Rucksack und radelten ihrem Touren-Ausgangspunkt zu. Ich schaute ihnen mit glühender Bewunderung nach. Beim Wort vibrierte auch in meinem Innern eine Saite, die auf den Dreiklang Sehnsucht/Liebe/Drang gestimmt war. Zwar berichtete der älteste Bruder oft von Mutproben, die mir bei der blossen Vorstellung kalte Schauer den Rücken hinunterjagten - etwa wenn er vom weggeworfenen Pickel an der Aiguille d' Argentière während eines Unwetters erzählte oder vom viertägigen, sommerlichen Schneefall im Berninagebiet, eingeschlossen im Rifugio Marco e Rosa, abwartend und an alten Brotresten kauend. So extrem stellte ich mir ja meine eigenen Taten nicht vor, aber in der Familie hiess es ganz einfach:

Damals, Mitte der dreissiger Jahre, war es ein stiller Flecken Erde, der Dolomiten-Weiler mit dem wohlklingenden Namen Colfosco-La-dinia. Getreu der Gewohnheit, vor Ankunft in einem mir unbekannten Landstrich dessen Geographie zu studieren, erkannte ich bei meiner Ankunft am Dorfeingang rechts den trutzigen Sass Songher, auf der gegenüberliegenden Seite die schroffen Wände der Sella-Gruppe. Die Abendsonne spiegelte sich in den Fenstern der wenigen Häuser, als ich mein Absteigequartier erreichte. Die Gastwirtin wirkte ebenso frisch und freundlich wie die Blumen an den Fenstern des Hotels.

Die ersten zwei Tage verbrachte ich damit, die Gegend auszukundschaften und die Flora zu bewundern: die einzelne Blüte einer rosavioletten Alpenaster etwa, mitten unter der Steinraute, oder eine besonders schöne Viola biflora mit braungestreiftem fünftem Kron-blatt, die sich im leichten Wind auf ihrem zarten Stengel wiegte.

Nach der Hymne an die Blumen wechselte ich auf näheren Kontakt mit Geröllhalden. Ich mag sie nicht besonders und sie mich auch nicht. Aber ich übte einen Tag lang, zwei Tage, bestieg die gleiche Halde ein paarmal, um den Abstieg ohne Ausrutscher zu bewältigen. Am dritten Tag kollerten plötzlich Steine auf mich herunter. Ich dachte an Steinschlag und drückte mich hart an die Felsen. Unvermittelt tauchten zwei Männer auf, die Urheber des Segens von oben. Nicht besonders liebenswürdig redete ich den jüngeren, den ich für den Bergführer hielt, an:

Der letzte Stern war verblasst, als wir am nächsten Morgen abmarschierten; zuerst durch lichten Lärchenwald, dann Einstieg ins enge Val de Mesdi. Aus der Tourenbeschreibung hatte ich ersehen, dass das Tal mit einem Gletscherrest abschliesst. Nach jeder Stundenrast wurde ich neugieriger, denn ich sah nirgends Eis. Als ich Gaudenz danach fragte, erklärte er, dass dort wohl Eis liege, dieses aber so stark mit Schutt und Geröll zugedeckt sei, dass niemand mehr an einen Gletscherrest denke.

Nach Passieren der unsichtbaren Eisfläche weitete sich das Tal; die Temperatur kletterte in die Höhe. Das blasse Morgenlicht war einem tiefblauen, wolkenlosen Himmel gewichen. Bis jetzt, wenige hundert Meter unter dem Gipfel, waren wir keinem Menschen begegnet. ( Glauben Sie, dass wir heute allein auf dem höchsten Punkt der Sella-Gruppe stehen werden ?) fragte ich. Gaudenz lächelte wie am Vortag und blieb die Antwort schuldig. Noch bevor wir zur Boe-Hütte gelangten, wusste ich, warum Gaudenz meine Frage belächelt hatte. Stimmengewirr und Musik zerrissen die herrliche Ruhe. Zu meiner Erleichterung begehrte mein Begleiter nicht einzukehren. Wir marschierten auf einige Distanz an der Hütte vorbei, die letzte Steigung leicht überwindend. Auch der höchste Punkt war bevölkert, nur bot er genügend Platz für das gute halbe Dutzend Bergsteiger. Ich wählte einen Felsvorsprung mit der Sonne und den Touristen im Rücken, liess die Beine Richtung Pordoi baumeln und entschädigte meine Enttäuschung über den Grossaufmarsch mit der Freude am grossartigen Panorama. Gegen Süden gleissend in der Vormittagssonne die Gletscher der Marmolada, breit hingelagert mit ihren Trabanten. Westlich die Langkofel-Gruppe, rückblickend das Puez-Geisler Massiv und im Osten der Col di Lana. Ich schaute eine Weile auf den kraterähnlichen Gipfel, der seit dem Ersten Weltkrieg wie ein eingefallener Pudding aussieht.

Mein Befremden über den lärmigen Betrieb auf meinem ersten Dreitausender war Gaudenz nicht entgangen. ( Ich hätte Ihnen vielleicht sagen sollen, dass die Boè von mehr als sechs Seiten bestiegen werden kann. ) ( Und alle auf schön gestampften Weglein>, lachte ich, um meine Selbstverachtung zu übertönen, dass ich dazu einen Bergführer benötigte.

Wir einigten uns, weiter unten in Ruhe nochmals eine Pause einzuschalten. Mühelos gelangten wir an den Fuss des Gipfels, stiegen auf der gegenüberliegenden Seite wieder leicht an, die Mesules zur Linken und die Dent de Mesdi zur Rechten. Der Marsch über das Hochplateau bis zur Pisciadu-Hütte glich einem Spaziergang, ermüdete mich aber mehr als die fünfeinhalb Stunden Aufstieg. Wieder begegneten wir keinem Menschen; auch bei der Hütte herrschte wohltuende Ruhe. Ich willigte gern ein, uns an einer Erfrischung zu laben. Nach dem grellen Licht der Mittagssonne sah ich beim Betreten des Gastraumes nur einen dunklen Schatten hinter der Theke. Erst als dieser Schatten Stimme bekam und gleich in Gelächter ausbrach, erkannte ich den Mann, der mir am Vortag zusammen mit Gaudenz begegnet war. Ich setzte mich an den erstbesten Tisch, während Gaudenz zur Theke schritt, um Getränke zu holen. Unüberhörbar tuschelte der Mann, den ich nun als Hüttenwart einstufte: ( Mensch, wie kommst Du zu der Geröllhalden-Jungfer ?) Die paar Worte, die Gaudenz in ladinischer Sprache zischte, wertete ich in meinem ( Sprachlabor ) ungefähr mit ( Halt die Schnauze !) Wortkarg, wie wir den Aufstieg bewältigt hatten, stiegen wir ab. Schon bald machte ich Bekanntschaft mit einer wirklich steilen Geröllhalde. ( Hier habe ich noch nicht geübt ), plapperte ich ohne Hintergedanken. ( Schon besser ), konterte Gaudenz prompt, ( hier hätten Sie die Aufsteiger mehr gefährdet als drü- ben über dem Ciampatsch-See> Entgeistert starrte ich ihn an.

, lächelte er versöhnlich,

Mehr erleichtert als resigniert wanderte ich am kommenden Morgen auf Abkürzungen zum Grödner Joch. Auf dem Rückweg begegnete ich Gaudenz mit zwei Touristen. Ob ich Lust habe zu ein paar Kletterübungen, fragte er mich. Ich sagte freudig zu. Wettersorgen gab es keine, so dass wir uns schon für den nächsten Tag verabreden konnten. Beim Anmarsch Richtung Tschierspitze erklärte Gaudenz die geplanten Routen. Einstündige Kletterei, Rast, Abstieg und Einstieg auf einer andern Seite. Obwohl ich noch nie so steil gestiegen war, dass ich mir das Kinn mit den Knien reiben konnte, ging alles gut. Nur beim Abstieg der dritten Übung rief ich aus:

Die Meije

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