Dolomitenfahrt 1947

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Von A. Pfäffli

( Zürich ) Nun, da der Friede in Europa wieder eingekehrt ist, wird die Sehnsucht nach neuen Bergerlebnissen, wie früher, viele Kletterfreunde nach den vielbesungenen I✓olomiten ziehen. Namen wie « Drei Zinnen » oder « Vajolet » üben einen zauberhaft lockenden Klang aus. Wie so manche vor uns folgten auch wir diesem Rufe, um Neues zu erleben und uns an unbekannten Bergen zu erproben. Die folgenden Ausführungen über unsere Reise mögen Klubkameraden, die sich mit ähnlichen Plänen abgeben, die Durchführung einer Dolomitenfahrt vielleicht etwas erleichtern.

Ausrüstung. Unsere Kletterausrüstung bestand neben Kletterschuhen, einigen Mauerhaken und Karabinern aus einem Vierzigmeterseil, welches für die ausgefühlten Touren genügte. Reserveseil, Reepschnur und Pickel haben wir nirgends benötigt. Desgleichen kamen wir aus, ohne einen Mauerhaken zu schlagen, da an den wirklich schwierigen Stellen und an den verschiedenen Abseilstellen gute Haken bereits vorhanden sind.

Reise. Da die Klubhäuser im Südtirol meistens nicht weit von den guten Autostrassen stehen, bietet die Reise mit einem Privatauto bekanntlich viel Annehmlichkeiten. Jene aber, die wie wir auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind, werden sich die in der Hochsaison sehr guten Verbindungen der SAD ( Soc. Automob. Dolomiti, Hauptsitz Cortina d' Ampezzo ) zunutze machen. Der Fernverkehr spielt sich, da die Bahnverbindungen noch ganz ungenügend sind, zum grossen Teil in Autobussen ab. Über den Ofenberg/ Münster erreichten wir Bozen, von wo aus wir am nächsten Tag nach Cortina d' Ampezzo weiterfuhren.

Unterkunft und Verpflegung. Die Klubhütten, welche vom Kriege glücklicherweise ni;ht berührt worden sind, haben durchwegs den Charakter von Berggasthäusern. In der Regel sind sie von Mitte Juni bis Mitte September geöffnet. Man schläft in einfachen Betten und wird zu annehmbaren Preisen verpflegt. Fü~ die Zwischenverpflegung ist man vorteilhaft selbst besorgt.

Schokolade und Ovomaltine werden am besten aus der Schweiz mitgenommen. Die Beschaffung von Brot hat uns allerdings noch einige Schwierigkeiten bereitet, weil dieses gerade recht knapp war und richtigerweise nur gegen eine uns fehlende « tessera » abgegeben wurde. Als Schweizer haben wir überall eine recht freundliche und zuvorkommende Aufnahme gefunden. Die aufrichtige Freude der Wirtin der Vajolethütte, einer Tochter des berühmten Führers Piaz, an uns Schweizer Gästen verdient festgehalten zu werden.

Besteigungen. Nicht schwieriger aber bedeutend kürzer als z.B. der Salbitschyn-Ostgrat fanden wir die Begehung des Nordgrates der Croda da Lago. Die beiden Führer, Berti ( CAI ) und Meyer ( Ostalpenführer ), sind in der Routenangabe etwas unklar. Der Einstieg erfolgt durch die breite Rinne vor der letzten Schlucht, über welcher die Ostwand zum Hauptgipfel anhebt. Die nach dem Meyer-Führer schwierigste Stelle lässt sich links, ausgesetzt, jedoch nicht sehr schwierig, umgehen. Von ähnlicher Schwierigkeit ist die Route Nuvolau ( SSW-Seite ) des Grande Torre der Cinque Torri. Der Übergang vom Süd- zum Nordturm ist empfehlenswert. Von diesem führt die markierte Normalroute unschwer wieder an den Fuss des pittoresken Turmes zurück. Die Grosse Zinne ( Drei Zinnen = Tre Cime di Lavaredo ) gilt als mittelschwer und bietet auf der Normalroute eine empfehlenswerte^ zwei bis drei Stunden dauernde, anregende Kletterei. Der landschaftliche Reiz dieser Besteigung ist gross, und die noch vorhandenen Spuren aus dem ersten Weltkriege regen zu allerlei Betrachtungen über den Lauf der Welt und die Vergänglichkeit der menschlichen Bestrebungen an. Als klassischer Kletterberg darf wohl die Fünffingerspitze ( Cinque Dita ) am Sellapass bezeichnet werden. Die Besteigung über die Daumenschartenroute ist schwierig und interessant. Gleich beim Einstieg gilt es einen heiklen Kamin zu überwinden, der an Schwierigkeit nur noch durch die Wand und das anschliessende Gratstück oberhalb der Daumenscharte übertroffen wird. Sichere Griffe und gute Sicherungsmöglichkeiten zeichnen diese teilweise senkrechten und sehr ausgesetzten Stellen aus. Die Kletterei ist für gute Felsgänger ungemein genussvoll. Dies trifft in vollem Masse auch für Besteigungen in den kühnen, in den Alpen kaum ihresgleichen findenden Vajolet-Türmen zu. Führerlose Touristen wenden sich wohl, wie wir es taten, zuerst dem Stabeierturm zu. Obwohl er als letzter der drei Türme erobert wurde, weist seine Besteigung keine zu grossen Schwierigkeiten auf. Die freilich ausgesetzte und steile Route ist kaum zu verfehlen. Von seinem Gipfel aus bietet sich ein prächtiges Bild auf die beiden andern Gipfel. Besonders anschaulich ist der Blick auf den Pichl-Riss am nahen Delagoturm.Nach einigem Zaudern brachen wir auf, um unser Glück an diesem berüchtigten Obstakel zu versuchen. Vier Haken sichern den Aufstieg. Unten begann ich mit dem linken Arm und Bein im Riss, um ungefähr in der Mitte, auf einem kleinen Stand, die andere Körperhälfte in diesen, besonders für den Vorauskletternden, äusserst mühsamen Riss zu pressen. Mir erging 's wie dem Cavaliere Guido Rey, es gab eine Stelle, wo ich dachte, ich sei für alle Zeit nun da oben festgeklemmt! Doch irgendwie ging 's auch mit mir weiter. Oben äusserte sich meine Erregung in einem tief empfundenen Ausruf: Einmal und kein zweites Mal Pichl-Riss in meinem Leben! Mit frohen Herzen seilten wir uns nach kurzer Gipfelrast sechsmal 20 m in die Nähe des Einstieges ab. Ermutigt durch diesen Erfolg, wagten wir uns am nächsten Tag an den Winklerturm. Mit Ausnahme des bekannten Risses bietet die Besteigung keine grösseren Schwierigkeiten als der Stabeler-turm. Über den Winklerriss selber weiss ich nichts zu erzählen, als dass wir ihn läng;re Zeit von unten betrachteten... Mein Gefährte René Piguet tastete ihn sogar nach Griffen ab, wandte sich aber nach kurzem vergeblichen Bemühen couragiert der durch zwei Sicherungshaken angezeigten, nach rechts führenden Umgehung zu. Bald hing er an der senkrechten, äusserst ausgesetzten Wand, zog sich über sie hoch und verschwand. Beim Nachklettern über diese wirklich sehr schwere Stelle überkam mich ein Gefühl rückhaltlos empfundener Hochachtung für meinen Gefährten. Schwierig, doch nicht zu schwierig, ging 's weiter; die Freude am Erfolg trieb uns rasch vorwärts. Auf der Gipfelplatte wurde unser Jauchzen durch einen Jodel der Padrona der Vajolethütte, welcher einer Schweizer Sennerin alle Ehre gemacht hätte, erwidert. Der Abstieg von diesem Turm in die Stabeierscharte vollzieht sich ohne grosse Schwierigkeiten.

Der Zweck dieses Berichtes, andern zu ähnlichen Unternehmen einige nützliche Anhaltspunkte zu geben, wäre nun erfüllt. Der Schreiber fühlt dabei nur zu gut, dass diese Zeilen eines vermissen lassen, nämlich die Schilderung der Eindrücke des Gemütes und des Herzens: die tausend Freuden an Blumen, Lan ischaft, Menschen, an Höhen und Weiten, am Kampf an kühnen, zum Himme. ragenden Gipfeln und die Genugtuung über erreichte Ziele. Unsicher, ob meine Feder fähig wäre, darüber in der der Tiefe des Erlebens würdigen Form zu erzählen, möchte ich es dem Leser überlassen, diesen schönsten Gewinn des Bergsteigens aus eigenen Erlebnissen mitzuempfinden.

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