Dolomitenfahrten

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Von Herbert Maeder

Mit 2 Bildern ( 92, 93 ) ( Wil St. G. ) Drei Zinnen!

Die berühmtesten Dolomitengipfel — Spielklötze, von Zyklopenhand irgendwohin geworfenOhne Beziehungen zur Umwelt ragen sie einsam und herrisch über dem Tal von Rienza. Wenn der letzte Abendsonnenschein glutrot über Wände und Kanten streift und das Tal schon tief im Schatten liegt, wähnt man sich nicht mehr auf dieser Erde. Dann sind diese Berge kein Ort mehr für Menschen. Ein Hauch des Allgewaltigen umweht sie, ernst und still. Zum erstenmal erblicken wir diese fremde Welt, begehren Einlass in ein Reich, das, von Tausenden umschwärmt und besungen, mit dämonischer Macht besonders den jungen Bergsteiger immer in seinen Bann ziehen wird: Dolomiten!

Dieses Zauberwort genügt, tausend Vorstellungen von wogenden Fels-meeren, Südlandsonne, kühnen Taten und besinnlichem « Sichhingeben » an die Natur zu erwecken.

Von Landro, einstmals ein blühendes Dorf, im ersten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht, heute nur noch eine Haltestelle der Cortina-d'Ampezzo-Bahn, wandern wir zum Zinnenhaus. Wir staunen und trinken uns voll von diesen neuen, seltsamen Bildern.

Wie so anders rühren diese Berge an die Seele! Ich denke an unsere Heimatberge, an die gewaltigen Hochgipfel, von denen Eisströme fliessen, wo man mit der Landschaft, mit dem Berge verwachsen ist, wo man sich auch auf schwierigen Wegen geborgen fühlt. Hier — so denke ich —, gibt es kein solch stilles Einswerden mit dem Berg.

Nacht schleicht sich über die Berge. Regenschauer prasseln eintönig gegen das Fenster. Als senkrechte Schattenlinie sehen wir unser erstes Ziel aus dem Boden wachsen, dort drüben, wo Nord- und Ostwand der grossen Zinne sich berühren: die Dibonakante.

Grau der erwachende Tag! Feiner Rieselregen! Doch wir gehen. « Wohin? », möchte ein alter, gutmütiger Führer wissen. « Zinnen », lautet unsere lakonische Antwort. Willig hören wir uns die Ratschläge des graubärtigen Mannes an. Sie sind natürlich für den Normalweg bestimmt. An unserer Kante werden wir sicherlich keine grossen Orientierungsschwierigkeiten haben. Lange hocken wir am Paternsattel, bewundern die Kühnheit Preussens, der vor vielen Jahren schon diesen tollen Riss an der « Kleinen » bezwang. Unaufhörlich rinnt das Regenwasser über die Felstrümmer. Geduld bringt auch im schlimmsten Sauwetter hie und da Sonnenschein. Zaghaft blicken blaue Himmelsstreifen durchs Grau. Wir sind nicht mehr zu halten. Begierig stürzen wir uns ins grosse Erleben und springen auf schmalem Geröllweglein zum Einstieg. Eisenzeug in die Hosentaschen, sorgfältig den Seilknoten schlingen, mit weit zurückgelegtem Kopf hinaufstaunen, suchen, fragen: « Wo ist der Weg? » Die Antwort kommt von selbst. Erst ein wenig misstrauisch schiebe ich mich im nassen Fels höher. Dann aber überwältigt ein unglaubliches Gefühl von Sicherheit all mein Zaudern. Ist das ein Klettern! Rauher Fels, der unmittelbar in den Himmel führt. Überhänge, die dem menschlichen Wagen ein Ende zu setzen scheinen, sich dann doch immer in herrlicher, freier Kletterei überwältigen lassen. Hart auf der Kante streben wir hoch. Regen setzt ein. Als spitze Nadel geistert die Kleine Zinne im Nebel. In unsern Herzen jedoch scheint die Sonae heller und wärmer denn je. Jede Seillänge, und ihre Zahl ist endlos, bringt neue Überraschungen, neue Schönheiten. Ein Stein löst sich auf einem schmalen Schuttbändchen. Wir verfolgen ihn, sehen ihn zwischen der überhängenden Nordwand und dem wogenden Wolkenspiel pfeifend versinken. 700 Meter hoch ist die Kante, unsere längste bis heute, dazu unsere erste Dolomitenfahrt. Nach Stunden durchstossen wir die Nebelzüge. In seltsamer Glut leuchten die Felsen auf, die ein schlichtes, eisernes Gipfelkreuz überhöht. Wir sitzen ehrfürchtig still. Götterburgen, Märchengestalten rundum! Schwarze Nebel jagen um tollkühne Pfeiler. Sonnenstrahlen brechen sich ihren Weg ins Tal und lassen den reizenden Misurinasee aufflimmern. Wolken löschen das Traumbild.

Zur Königin der Dolomiten Tiefblauer Südlandhimmel, weisse Felsen über leise singenden Wäldern, ein kleines, kristallenes Wasser, schilfumsäumt, libellenumschwirrt, Götterburgen widerstrahlend: das war der Weg nach Cortina.

Vom Zinnenhaus wandern wir, noch einmal die kühnen, steilen Kletterwege, besonders aber die Dibonakante bestaunend, nach Misurina. Die Marmolata ist unser zweites Ziel. Über ihre lange, plattige Südwand, die nach Gallhuber immer noch ein ganz ernstes Problem darstellt, wollen wir jungen Stürmer aus der Schweiz die Königin der Kalkberge bezwingen. Der Weg über den Passo Tre Croci ist schön, traumhaft schön, so schön, dass er allein schon eine Reise in die Dolomiten tausendfach lohnen würde. Park-artige Wälder. Ein kleines, übermütiges Bächlein. Sonnenlicht fällt warm zwischen schlanken Stämmen ins Moos, ins Wasser, auf unsern nackten Oberkörper, und das ewig beglückende Summen der Bäume, Sträucher und Gräser verschmilzt mit dem Plätschern des Wassers zur feinsten Musik.

In einer weiten Talmulde sehen wir Cortina. Rings um das schmucke Dorf Dolomitenburgen. Weisse Wolken segeln irgendwohin, kommen, verschwinden, und neue, noch schönere, kommen nach.

Über den Passo di Falzarego führt eine schöne Alpenstrasse, ein Stück der Dolomitenstrasse, die Bozen mit dem Zentralort der Dolomiten verbindet. Zufrieden lassen wir uns in die weichen Polstersessel des Cars sinken, müde vom langen Marsche und doch noch voller Erwartung, voll Staunen. Cinque Torri, Becco di Mezzodì, dann die rotgelbe, herrlich gebaute Wand der Tofana! Oh, wenn wir doch überall bleiben könnten! Doch unbarmherzig frisst der donnernde Motor die kurvenvolle, staubige Strasse in sich hinein. Eine Stunde, und schon ist die Passhöhe erreicht, und dann rollt der lärmende Koloss an Abgründen vorbei in ein enges Tal. Glutrot taucht die Sonne hinter den Firnen der Marmolata unter. Im Süden flammt die Civetta, Glut lodert um die kalten Felsen.

In Caprile beginnt der Fussmarsch. Die Schöne im « Albergo Post » hätte uns gerne zurückbehalten. Und eine Weile zögerten wir selbst — um dann aber trutzig auszuziehen, der Bergkönigin zu. Die Sterne flimmern am Himmel. Endlos windet sich die Strasse nach Rocca di pietore und durch Schluchten ins Val Ombretta. Wir sind müde. Der Schlaf will sich in die Augen nisten. Die Füsse brennen. Wollen wir uns nicht hinlegen, schlafen und träumenDie Strasse hat längst einem schmalen Fussweg weichen müssen. In ungezählten Kehren windet er sich zwischen den Tannen zur Alp Ombretta hinauf. Wo ist die Hütte? Wir irren stundenlang über Geröllhalden und durch Wald. Die Nacht ist kalt. Im Windschutz eines überhängenden Felsens fachen wir ein Feuer an und kauern daneben. Magisch glüht das Gesicht meines Freundes in die blaue, kalte Bergnacht hinein. Die Scheiter knistern und Funken schweben zum Sternenhimmel hinauf. Sehnsüchtig erwarte ich den Tag. Das Feuer ist ganz klein geworden. Letzte Sternenglut verglimmt. Blass lastet der Himmel auf den Säulen der Berge. Doch es wird heller, und weit im Osten bildet sich ein goldener Saum hinter dem gezackten Horizont. Das Gold fliesst weiter, rieselt über die Wand und lässt sie fast unheimlicher, unnahbarer erscheinen. Alles Fragen stirbt im Drang nach Tat, unter dem bezaubernden Anblick einer leuchtenden, lotrechten Dolomitenwand. Wir stehen am Fuss der Mauer, schauen suchend in die weissen, glatten Felsen hinauf, die sich im unendlichen Raum verlieren.

Nach wenigen leichten Metern verschluckt uns ein senkrechter, glattwandiger Kamin. Wir stemmen uns in ihm höher und gelangen auf Absätze, die gute Sicherungsmöglichkeiten bieten. Ein Klemmblock! Behende turnen wir über ihn hinweg. Ohne Stockungen klimmen wir in den festen Felsen aufwärts, und immer öffnen sich über uns neue Kamine, neue Risse. Wo zwei glatte Platten in einem stumpfen Winkel zusammenstossen, zieht sich ein feiner Riss zur Höhe. Die Platten neigen sich für eine Strecke von einigen Metern nach aussen. Ich spreize weit, so weit es nur geht, schiebe mich vorsichtig höher, den Karabiner zwischen den Zähnen, um ihn am tief eingetriebenen Haken sogleich einklinken zu können. Dann ein schnelles Zufassen in die eingewaschenen Griffe, ein wenig ziehen, und dann ist 's geschaffen.

Die pfeifenden, singenden Steine, die, vom Schmelzwasser im obern Wanddrittel gelöst, weit aussen durch die Luft sausen, kommen näher und näher. Die erste Terrasse ist nahe. Im Schutze eines Überhanges sichere ich den Freund und lasse ihn nachkommen. Wahre Kanonaden von Steinen prasseln nieder und zerschlagen auf den glattgescheuerten Felsen zu Kies und Staub. In einer Kampfpause queren wir hastig den gefährlichsten Teil.

Das zweite Wanddrittel ist weniger ermüdend. Wohl ist auch hier die Kletterei fast durchwegs sehr schwierig, doch sind nicht mehr die langen, glatten Risse und Kamine wie bisher. Dafür ist die Wegführung ziemlich verwirrt, ein Umstand, der bei Wetterumbruch leicht zum Verhängnis werden kann. Endlos scheint der Weg. Gigantisch wächst der Fels ins Unendliche hinein. Wir sind begeistert von unserer Königin, wie nie zuvor ein Berg uns begeistert hat. Fester Fels, steil, durchwegs sehr schwierig. Doch jeder hat sein eigenes Mass, um Kletterwege zu bewerten, und die Schwierigkeiten einzelner Stellen lassen noch keine Gesamtwertung zu. Bestimmt ist aber diese Fahrt schwieriger als die Schleierkante an der Cima della Madonna. Die Durchschnittsschwierigkeiten sind mit denen des direkten Ostgrates am ersten Kreuzberg zu vergleichen. Wasserrauschen, eisgefüllte Rinnen verraten Gipfelnähe. Dann ist kein Fels mehr über uns. Unter uns liegt alles, weite, unendliche Landschaft, und nichts über uns als tiefblauer Himmel! Welch ein Gegensatz, diese Wand und ihre Krone, ihre schimmernde, glitzernde Krone, die alle Dolomitenburgen, die da und dort, in allen Richtungen sich auftürmen, überragt! Lange halten wir beglückende Gipfelrast. Die Eisenstifte und Drahtseile des Westgrates helfen uns schnell in die Tiefe.

Civettafelsen Als Königreich des « sechsten Grades » sind die Civettaberge bei extremen Felsgängern längst ein Begriff geworden. Domenico Rudatis verbreitete ihren Ruhm in der ganzen Welt.

In einer hellen Vollmondnacht wandern wir von Listolade durchs Valle di Corpassa. Gebannt, überwältigt blicken wir unaufhörlich auf die grossartige Szenerie. Torre Trieste, der Turm aller Türme. Die gewaltige, achthundert Meter hohe Felsburg leuchtet silbern in die blaue Nacht. Links von ihr die Torre Venezia, nicht so hoch, doch nicht minder eindrucksvoll.

Torre Trieste, Cima di Busazza und Torre Venezia bilden den Abschluss des Corpassatales, « den gewaltigsten Talabschluss der Alpen », schrieb ein Alpinist. In einem harzduftenden Wald hat sich das Rifugio Vazzoler eingenistet. Bergsteiger, die von der Dauphiné bis zum Wiener Wald die Alpen kennengelernt hatten, rühmten das kleine, gastliche Heim als das schönste der Alpen.

Heute ist Ruhetag. Die Sonne steht hoch über der Cima di Busazza. An einem kleinen Bächlein legen wir uns auf weichem Moos an die Sonne. Wir kommen gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. Wie in einem Paradies ist alles um uns. Märchenwald, summendes, schwirrendes Leben, wundersam bunte Blumen, ein leises Flüstern in den Wipfeln der Bäume, eine Bachstelze, ein Adler, der hoch oben seine Kreise zieht, und Berge! Ach, wie töricht erscheint uns jetzt alles Geschreibe vom « sesto grado »! Ein Buch von der Civetta, und nur Schwierigkeitsgrade? Ja, den sechsten Grad möchte ich gelten lassen, den sechsten Grad als obere Grenze — der Schönheit. Gegen Abend bummeln wir der Civetta-Nordseite entlang. Mit begierigen Blicken suchen wir die Wegführung durch die höchste und steilste Kalkwand, die 1300 Meter hohe Nordwestwand der Civetta. Erdrückend ist der Anblick der schauerlichen Wandflucht. Wasser rauscht irgendwo in einem Kamin, Steine krachen dumpf.

Wer glaubt, in diesen Bergen gäbe es nur Klettereien sechsten Grades, irrt sich. Durch die 500 Meter hohe Nordwestwand der Torre Venezia führt ein herrlicher Weg, Via Castiglione. Die Wand ist einzigartig ausgesetzt, sehr schwierig, aber durchwegs frei kletterbar. Mit italienischen Kameraden feiern wir auf dem kühnen Gipfel Bergsonntag. « Prima cordata svizzera » kritzeln die Italiener gross unter unsere Namen ins verwetterte Gipfelbuch!

Der Abschied von den Wunderbergen und den lieben, gastfreundlichen Leuten fällt uns schwer. Jedem Schweizer Bergsteiger, der die Dolomiten aufsucht, möchte ich den Besuch des Bifugio Vazzoler empfehlen. Abseits von den übervölkerten Tummelplätzen wird er dort alles finden, was das Zauberwort « Dolomiten » verheisst.

Cima della Madonna!

Welch klingender Name! Und dieser Berg, vielleicht einer der allerschönsten Dolomitenberge, verdient ihn. In wunderbar kühner Linienführung entwächst er den dunkeln Wäldern, besitzt eine Kante, die auch heute noch der Traum aller Felsgeher ist: die Schleierkante.

Ist es verwunderlich, dass in uns jungen Bergsteigern lange schon der Wunsch brannte, jenen über alle Beschreibungen erhabenen Felspfeiler zu meistern? In Schmitts und Gallhubers Dolomitenbuch hatten wir von ihm gelesen, mit glänzenden Augen die Bilder von diesem Berg und seinen Ersteigern betrachtet. Ältere Kameraden, erprobte Kaiserkletterer, hatten uns begeistert über diesen Pfad erzählt.

Gewitterwolken ballen sich drohend über den Palabergen zusammen. Die Felsen der Madonna schimmern matt durch legendäre Schleier. Wie ausgestorben scheinen die eckigen Grosshotels. Nur auf den staubigen Strassen pulst Leben. Cars und Autos pusten über den Passo di Rolle. Wir passen nicht in die mondäne Atmosphäre dieses Fremdenortes. Im frühen Nachmittag wandern wir nach der Alp Sopra Ronz. Neben einem riesigen Block, angesichts unseres Berges, überdacht vom blauen Gewölbe einer sternklaren Nacht, legen wir uns nieder. Zwei Österreicher gesellen sich zu uns, und bald ist beim flackernden Feuer die schönste Stimmung da. Wir plaudern, singen und verkürzen so die langen Stunden. Eine mächtige Neugierde treibt uns am frühen Morgen dem Einstieg zu. Die ersten Seillängen sind nicht schwierig. Sie feuern beinahe zum Springen an. Rechts, in einer grossen Einkerbung, beginnt der Ernst. Senkrecht bäumt sich der Fels auf. Nur ein abweisender, betonglatter Riss zieht sich gerade empor. « Oltromodo difficile » nach Castiglione. Keck zwänge ich mich in den Spalt hinein. Da hindert mich auch schon der Hammer in der Hosentasche. Heraus mit ihm! Und an der Leine baumelt er munter hin und her. Ich greife weit hinauf, finde hie und da einen Griff, ziehe mich empor, und wenn 's mit Klimmen nicht mehr geht, helfe ich mit « wurmartigen Bewegungen » nach. Zehn Meter im Riss, « einen Karabiner in den Haken klinken und ins Zwanzigmeterwandel hinaus », genau wie in den Büchern. Aber schön ist das, absolut senkrecht, und immer etwas für Zehen und Finger.

In der Scharte, auf dem ersten Kantenabsatz, sitzen wir wieder beisammen und mustern den Weiterweg. Dieser Blick hinauf wird uns unvergesslich bleiben. Rechts und links aalglatte Plattenschüsse, in der Mitte die luftige, steile Kante, hoch über den singenden, rauschenden Tannenwäldern, eine Himmelsleiter im schönsten Sinne des Wortes. Jauchzenden Herzens klimmen wir empor, jede Seillänge in der Führung wechselnd. Die Ausgesetztheit ist berauschend. Der weisse « Nylon » scheint in der Luft zu schwe- ben. Ich schaue hinauf. Wenige Meter sehe ich noch Griffe — und dann? Dann muss es doch einfach aus sein. Jede Seillänge bringt solche Überlegungen, und immer sind sie falsch, immer tauchen neue Griffe auf, rauh-felsige Griffe, wie sie nur an diesem Pfeiler wachsen konnten. Graue Nebelfetzen flattern um die Kante. In weissen Gischt gehüllt liegt tief unten das Tal. Wir erreichen den zweiten Absatz. Ein gähnender, zwei Meter breiter Spalt trennt uns von der dreissig Meter hohen Gipfelwand. Der berühmte Spreizschritt!

Man lässt sich hinüberfallen, kann, wenn man den « Spagat » beherrscht, sogar einen Tritt erreichen, zieht sich an einem kleinen, tiefen « Briefkasten » hinüber, heftet das Seil an den rostigen Haken und hat dann eine Seillänge vor sich, die noch einmal all die Schönheit der Kante in sich vereinigt. Gipfelrast, für dieses Jahr zum letzenmal in den Dolomiten! Wehmütig stimmt es uns, und inniger, tiefer freuen wir uns noch einmal an diesen Bergen und Wäldern. Oh, wie schön ist doch alles, wie unendlich weit weg vom Alltag, « wo man sich jagt und äfft, wo ruhelos und irr und bang, wie unbegrabne Schatten, man umeinander rennt » ( Hölderlin, « Empedokles » ).

Schwere Tropfen fallen. Dichte Nebel hüllen uns ein. Abenteuerlich ist der Abstieg durch den Winklerkamin. Gespenstisch versinkt mein Freund lautlos im Nichts. Hohl, totenhaft tönt sein « Nachkommen! » Verhängte Seile, Hagelschauer, Schluchten, die plötzlich in Überhängen abbrechen... Das war der Ausklang.

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