Dreimal La Meije

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VON WALTER GROSSENBACHER, LANGENTHAL

Christian ist ein Grindelwaldner Dickschädel in Quadratur, weil er dazu noch im Oberaargau wohnt. Sintemal er sich schon nahe dem Eintritt in den Club der AHV-Rentner befindet, hat seine fixe Idee, die Traversierung der Meije als Clubtour aufs Programm zu setzen, bedrohliche Formen angenommen. Immerhin ersieht man hieraus, dass er dem antiquierten und im Verschwinden begriffenen Stamm der Bergsteiger angehört, bei denen Bergsteigen eine Geistesbetätigung ist. Wunderknaben, die per Velo an den Fuss einer unerstiegenen Wand radeln und mit Feuerwehrseil und abgetragenen Skischuhen, dafür aber mit mangelnder Bergerfahrung so nebenbei eine Erstbesteigung machen, schätzt er nicht sehr. Auch andere Berghelden, die mit viel Eisen und Material den Berg « besiegen », findet er leicht sonderbar. Mit andern Worten, unserm lieben Christian fehlt einfach das Verständnis für die Richtigkeit des modernen Materialismus, der auch im Alpinismus grassiert, und es ist ihm ( und vielleicht uns Alten allen ) nicht zu helfen, wenn er glaubt, der Mensch habe auch einen göttlichen Geist, zu dessen Betätigung allein wir in die Berge steigen.

Das Dauphiné, in welchem sich « La Meije » befindet, ist wohl eines der letzten Wunderländer, wo Wodan und seine Raben herrschen und die Nibelungen ihren Schatz verbergen. Während in Hochsavoyen die Berge und Nadeln um Chamonix in ihrer Erhabenheit als Thron der Götter uns hinaufziehen, ist das Dauphiné voll bedrückender Geheimnisse. Seine Granitnadeln und Eiswände frösteln uns bis ins tiefste Herz. Die Täler sind schmal und lang, so dass sich nur Einbahnstrassen in ihre Lehnen fügen. Und merkwürdig: Die « Segnungen » der Zivilisation haben vor diesem Wunderland haltgemacht: Vergeblich sucht man nach Liften und Kraftwerken in diesen verwunschenen Tälern. Obschon Nationalparkgebiet, sieht man wenig Wild und im Vergleich zu unsern feuchten Alpenmatten wenig Varietät in der Flora, dafür satte Farben, die mit dem südlichen Blau des Himmels und dem dunklen Ton der Granitbastionen aufs eindrücklichste kontrastieren. Die Gletscher haben noch weite, wohlgeformte Zungen, und die überall von den Felsen sich stürzenden Wasser sind frei und ohne technische Fassung. Zur Zeit der Römer war das Land durch die Germanen besiedelt ( deshalb wahrscheinlich das uns heimelige Wort: Meije, dessen etymologische Herkunft allerdings umstritten ist ) und kam erst 1356 in Berührung mit Frankreich, weil der französische König mit dem Dauphiné belehnt wurde. Im 15. Jahrhundert ging dann der Zusammenhang mit dem Deutschen Reiche verloren. Aus den Erklärungen eines Kollegen in Grenoble, der mir mit echt französischem Charme den Palais de Justice in Grenoble zeigte, entnahm ich, dass das Dauphiné das Schicksal der Schweiz genommen hätte, wenn es nicht Frankreich gelungen wäre, die ähnlich uns mit Unabhängigkeitswillen beseelten Dauphinois mit einer separaten Behandlung zu ködern und zu befrieden. Das Land fiel als Apanage an den Dauphin ( Königssohn ), und dieser, der seine Pappenheimer kannte, verstand es dann immer und immer wieder, durch Zugetändnisse von Freiheiten und Sonderrechten und durch persönliche Kontaktnahme das Land der Krone und damit Frankreich zu erhalten.

Aber nun genug des Vorgeplänkels: Im August 1958 traf eine ansehnliche Gruppe unserer Sektion mit unserem Christian in La Bérarde ein. Nachdem wir uns an den Shorts der zahlreichen Zeltbewohner sattgesehen hatten, stiegen wir ins Temple d' Ecrins, bestiegen den Pic Coolidge, den Fifre und traversierten die Barre des Ecrins über die Südwand. Es ist hier nicht der Ort, über diese Touren zu berichten, angesichts der Beschränkung des Themas; aber, lieber SAC-Kamerad: hüte dich vor der Traversierung der Barre des Ecrins, diesem einzigen Viertausender des Dauphiné: Dort muss heute noch der böse Nibelungenzwerg Alberich sein Unwesen treiben: Obschon ohne grosse Schwierigkeiten, steht man in der Wand seine vier Stunden unter dräuenden Gletscherabbrüchen und Steinschlaglehnen. Und wenn man dann auf dem Abstieg gegen den Col des Ecrins glaubt, den Böswilligkeiten des Alberich entronnen zu sein, dann besteht der Weg zuerst in einer glatten Felswand mit Drahtseil ( immer nett, die aufgerissenen, abstehenden und verrosteten Einzeldrähte ) und dann im Gang über den - o Ironie des Wortes - Glacier de Bonne-Pierre. Mein Ver-barium reicht nicht aus, diesen Gang zu beschreiben. Ich war derart erbost über die Nadelstiche, die mir dieser Gletscher versetzte, dass ich mich vorerst auf dem Moränenweg längere Zeit beruhigen musste, bevor ich in La Bérarde nach fast 18stündiger Tour einmarschieren konnte.

Nach dieser Tour erklärte der unter uns weilende oberste Pferdeherr der Schweiz: « Es ist schönes Wetter, auf in die Meije! » Für einen Hüttentippel fand ich den Tag zu schön, Hess es mir noch einige Stunden in La Bérarde gut sein und machte mich schliesslich allein ins Val Etancons. Ein angenehmer Weg führt in dieses sanft ansteigende Tal. Die Cabane de Chätelleret stand damals gerade im Bau, und so wanderte ich denn gemütlich meine vier Stunden fürbass. Auf dem Moränenweg am Ende des Tals überholte mich ein Einbeiniger auf Krücken, der mit Hilfe seiner Holzbeine in den Steinen ein Tempo anschlug, dem ich nicht zu folgen vermochte. Im Schnee und Eis konnte ich allerdings wieder aufholen, weil die Krücken im Schnee versanken und die « Gümpe » deshalb kleiner wurden. Auf meine Frage, wo denn nun eigentlich die gesuchte Cabane de Promontoire sei, zeigte der Einbeinige, ein Österreicher, in die Luft: Richtig: direkt über mir auf einem Wandpfeiler der Meije klebt, mehr oder weniger an Seilen aufgehängt, so ein braunes Hüttchen. Ich muss ziemlich mit echt eidgenössischer Dämlichkeit dreingeschaut haben, denn der Einbeinige fragt mich mitleidig: « Kann ich Ihnen beim Klettern helfen ?»Im Nu hatte der Österreicher seine zusammenlegbaren Stelzen in den Rucksack verpackt, und bevor ich überhaupt richtig antworten konnte, war er in den Felsen mit affenartiger Behendigkeit verschwunden. Nun kommen auch für mich wieder die mir nun schon sattsam bekannten Dauphine-Granitwände mit rostigen Drahtseilen; aber dank Stalldranges schwingt sich schliesslich auch mein Embonpoint hinauf, wobei ich das Pech habe, die Route zu verfehlen und in die Schusslinie der Toilette zu kommen. Nun, an solchen Bombardierungen ist noch keiner gestorben, und so erreiche denn auch ich, ausser Atem, zum erstenmal in meinem Leben wohl eine der berühmtesten Berghütten der Alpen, die Cabane de Promontoire ( 3150 m ).

Die Franzosen verstehen sich in malerischer Ordnung ihrer Dinge: Der Jugendstilherd ist hübsch rot ( auf deutsch: verrostet ) und platschvoll der entbehrlichen Dinge männlichen und weiblichen Daseins. Und wie wir - blutige Anfänger französischer Hüttenromantik - den Herd anzünden wollen, ist die Hütte innert fünf Minuten leer, und in Gedanken hören wir unten in La Bérarde das Feuerhorn schellen. Alle Pfannen, Teller und Tassen sind, lediglich zur Vertiefung der Romantik, fingerdick angerostet oder mit alten Speisen verklebt. Der Boden ist ein Sammelsurium von menschlichen Abfällen, und wenn man Pech hat, schlüpft man unter eine blutverkrustete Decke. Mit andern Worten: die Hütte ist urgemütlich! Ausserhalb der Hütte geht es entweder bolzgerade hinauf oder hinunter, dazu duften die Wohlgerüche Arabiens. Woher dieser Geruch kommt, begreife ich erst, als ich in der Nacht - o Schweizer Waisenknabe - in Socken vor die Hüttentür treteDie Socken wechselte ich trotzdem nicht, weil ich nämlich keine andern bei mir hatte.

Doch nun weiter im Telegrammstil: Um 17 Uhr seilt sich unser Alleskönner Otto in die Wand ab und kocht in einer Wandnische mit dem mitgebrachten Holz unser Nachtessen. Um 18 Uhr beginnt es zu schneien, und um 19 Uhr versuchen 45 Personen in der Hütte, die für 18 Platz hat, zu.

schlafen. Hier käme nun eine mehrseitige Beschreibung der Körperbeschaffenheit, insbesondere der Rippen, meiner Schlafkameraden zur Rechten und zur Linken; aber die Redaktion der « Alpen » hat mir erklärt, dieser Teil gehöre in ein medizinisches Kolleg und nicht in die « Alpen ». Also zurück zum Berg: Am Morgen war alles wunderhübsch verschneit und die Meije für mehrere Tage unmöglich.

Wie unsere Vorgänger nach Marignano zogen wir missmutig über die Brèche de la Meije hinunter nach La Grave und heim zu Muttern. Übrigens, dieser Übergang ist keine Versuchsstrecke für Bergsäuglinge: Obschon wir zwei französische Bergführer haben, gibt uns der Übergang ordentlich zu beissen, und die unendliche Kletterei über diese vom Gletscher abgeschliffenen Felssporne und Rippen, ohne Weg und ohne Route, ist nicht gerade das, was man sonntags am liebsten macht.

Wohl hatte uns also die Meije abgewiesen, aber sie hatte dabei nicht mit unserem Christian gerechnet. Auf den Tag vier Jahre später, d.h. am 6. August 1962, reissen wir uns wieder an den Seilen zu der Promontoirehütte die Hände wund. Diesmal ist Franz von Bergen, der mit der Meije auf du steht, unser Pfadfinder. Wir hatten vorher zwei geruhsame Tage in der neuen feudalen Cabane de Chätelleret zugebracht, Geissen gemolken ( wenigstens Franz, nicht ich !), vom Tuckern des Dieselmotors, der die elektrische Beleuchtung ermöglicht, sich in den Schlaf buddeln lassen und als Training den Pic Nord des Cavales bestiegen. Sintemal Franz uns necken wollte und uns über die glättesten Partien hisste, war diese Kletterei ein ganz vergnügliches Stück und ähnelt in meiner Erinnerung dem Ostgrat des Salbitschijn. Zu unserer Beruhigung stellten wir fest, dass auf diesem körnigen Kristallinen die Vibrams derart gut fassen, dass man, auch an steilen Stellen, selbst ohne Griffe, sicher gehen kann, oder es sei denn, man sei sich über seinen Schwerpunkt nicht ganz einig. Diese Erfahrung gab uns das nötige Toupet für die Meije.

Die Hütte auf dem Promontoire finden wir nun schon ganz heimelig. Diesmal sind wir schon erfahrene Meije-Gänger und haben Kocher bei uns. Noch spät in der Nacht hören wir Hilferufe ob der Hütte, und Max, unser Kletterfaxe, holt in stockdunkler Nacht einige Italiener aus den schwierigen Felsen direkt oberhalb der Hütte. Morgens 3 Uhr stellt ein übereifriger Herr Lehrer aus der Schweiz fest, dass das Wetter knochentrocken und günstig sei, während wir das einschläfernde Plätschern eines heimeligen Regens hören, und so schlafen wir dann noch eins, bevor wir am grauen Morgen in den Regen und an die neuverschneite Meije herantreten. Diesmal wird es nun aber langweilig - was sollten wir nur machen, da unsere Tourenwoche erst begonnen hatte. Aus « Täubi » beschliessen wir, der Meije grundsätzlich den Rücken zu kehren und möglichst weit weg zu wandern, wo wir diesen schwierigen Gesellen nicht mehr vor Augen haben. Und so steigen wir zurück nach La Bérarde und von dort in fünf Stunden in die Cabane de Pilatte. Aber was ist denn hier los? Ganze Karawanen jungen französischen Volkes ziehen mit uns, aber mit dreifacher Geschwindigkeit, dieser Hütte zu. Wie ich diese neue « Hütte » sehe, begreife ich diesen Sturm: Diese Unterkunft ist nichts anderes als ein gut durchorganisiertes, grosszügig ausgestattetes, schön und massiv ausgebautes Grosshotel für Matratzenlager ( Art Grimselhospiz ), das wahrscheinlich für mehrere hundert Gäste Platz hat. Dies alles in einer Umgebung, wie man sie nirgends schöner finden kann: ein weisser, wenig zerklüfteter Gletscher, umrahmt von Schneebergen, abgegrenzt durch dunkle Granitwände und Nadeln. Auch hier wieder das Tuckern des Dieselmotors, der das elektrische Licht liefert.

Nun, unser Franz war schon fünfmal in dieser Hütte, und deren Hüttenwart, selber ein berühmter Führer, der Erstbesteigungen gemacht hat, strahlt übers ganze Gesicht, als er Franzens ansichtig wird. Nun, es kam, wie es kommen musste: Der « Genepi » war der beste, den wir je getrunken, und da der Hüttenwart ein herzhafter Mann ist, der wie wir etwas gegen Polizeistunde hat, so tranken wir halt immer wieder eins, bis die weniger herzhafte Gattin des Wartes unserem Treiben ein Ende setzte.

Hier machte nun unser Franz einen grossen Fehler: Er erzählte uns nämlich einen allzu guten Witz, und wie wir nun auf unserem Lager lagen, wieder angenehm eingekeilt, schüttelte bald das ganze Lager ob unserem nachgängigen, verhaltenen Lachen, bis die Reklamationen gar zu eindrücklich wurden. Nun, den Witz will ich euch nicht vorenthalten: Im Dorf war ein äusserst flotter, von sich eingenommener, schnauzbärtiger Feldweibel der Mobilisationszeit 1870/71. Zu Hause über sein grösstes Erlebnis im Kriege ausgefragt, erzählt er: Eines Tages, als er mit seiner Einheit im Jura gewesen sei, sei der General gekommen, habe sich mit ihm unterhalten, ihm die Hand auf die Achsel gelegt und gesagt: « Imdorf, lueget mir rasch zur Armee, i muess go seh... » Am Morgen ging es auf Les Bans, eine der alpinistisch dankbarsten Touren, die ein simpler Trot-toirtreter machen kann zuerst prachtvoller Eisaufstieg mit Steigeisen, nachher ca. einstündige Kletterei über eine Wand, die wir Kalkwanzen zuerst mit Angst betraten, denn sie glänzte noch von Eis und Schnee. Aber dank Vibram und wundervollem Granit entpuppt sie sich als sichere Himmelsleiter. Die Aussicht ist überwältigend. Nur die Barre des Ecrins verdeckt uns einen Abschnitt des Himmelbogens. Wir sind nun « fast » restlos glücklich. Ja, wenn die Meije nicht wäre!

Es scheint nun doch gut Wetter eingekehrt zu sein, und so machen wir, dass wir gegen Abend wieder in La Bérarde sind. Anderntags steigen wir zum dritten Male ins Promontoire. Wir sind ja schon die alten Habitués. Am Abend produziert ein Franzose eine 5 m lange Gaskocher-Ex-plosionsflamme, und wenn wir, die wir uns bereits zur Ruhe gelegt hatten, nicht panikartig an unsere fast unmögliche Rettung gedacht hätten, hätten wir lachen müssen, denn die am Tisch sitzenden etwa sechs Bergsteiger kippen vor Schreck rücklings ab ihren Stühlen, wie Schiessbuden-figuren.

Wieder liegen wir, eng wie die Sardinen, in unserer Hütte. Am Morgen kündigt sich ein Glanztag an. Schon um 2 Uhr erheben sich mit viel Lärm und Geschnatter die ersten Kletterer, und erst jetzt begreife ich, warum das Hütteninventar im eingangs geschilderten Zustande ist: Das Anseilen muss nämlich in der Hütte geschehen; wenn der erste die senkrechten Felsen neben der Hütte erklettert, sichert der zweite unter der Hüttentür und der dritte schiebt noch rasch das gebrauchte Geschirr in eine Ecke oder deponiert es in den Felsen vor der Hütte. Da kann man natürlich nicht verlangen, dass der im Felsen Hangende wartet, bis der letzte Ordnung gemacht hat, ganz abgesehen davon, dass es am Morgen in dieser Hütte noch kein Wasser gibt.

Wir Schweizer bleiben ruhig liegen, denn unser Franz kennt die Art der französischen Kletterer. Als letzte Partie machen auch wir uns auf den Weg. Gegen 5 Uhr bin ich allein noch in der Hütte, während mein Seilkamerad Max sich bereits oberhalb der Hütte in den senkrechten Felsen bewegt wie ein Affe am Affenfelsen. Ich habe etwas Mumm im Magen, wie ich noch meine Decke zusammenlege und die Kerze lösche. Die Hütte wäre mir nun doch so heimelig, während mir der Affenfelsen gar nicht behagt, denn schliesslich bin ich nicht als Affe geboren. In der Befehlsausgabe von Franz hiess es: « Wir klettern kurz hintereinander ohne Seilsicherung, sonst könnt Ihr biwakieren. » Es zeigt sich bald, dass Kletterei vier Meter nach dem Nachtlager nicht viel Gutes hat: man ist noch steif, missmutig und noch nicht warmgelaufen. Mein Seilführer und 6. Grad-Spezialist Max hat glücklicherweise am Vorabend etwas vorgekundschaftet. Den Crapaud, der bald nach der Hütte kommt, nehmen wir nicht im Schulterstand, sondern Max findet eine elegante Umgehung. Aber ich muss schon sagen: So als letzter in dieser Grande Muraille, diesem riesigen Affenfelsen, zu hangen ist nicht das höchste der Gefühle, zumal es ein Zurück ( mangels Seilvorrat ) nicht gibt und mindestens zwölf Stunden exponierte und anstrengende Kletterei mit einem guten Dutzend Kletterhöhepunkten, die alle schöne Namen tragen, vor uns liegen. Ein vorzeitiges Aussteigen gibt es nicht. Ich begreife nun, dass diese Königin der Kletterberge einen nur in guten Tagen in ihrer Zackenkrone herumkraxeln lässt. Bei plötzlichem Wetterumschwung ist die Katastrophe wohl nicht sehr weit. Es ist hier nicht meine Absicht und der Ort, einen Führer für die Meije zu schreiben. Es gibt ausgezeichnete, sehr eingehende ( und sogar deutsch geschriebene ) Führer durch dieses Kletter-Eldorado, in denen seitenlang fast jeder Tritt beschrieben ist. Dank Franz haben wir es nicht nötig, diese vielen Seiten uns geistig und technisch einzuverleiben. Ich denke mit Schrecken daran, was passiert wäre, wenn ich, z.B. bei der Besteigung des « Cheval Rouge » ( ich hatte schon immer eine Antipathie gegen Füchse, denn bei dieser Pferdeart weiss man nie, was sie im Sinne hat ) hätte plötzlich die Seite des Führers wenden müssen und dabei verpasst hätte, dass man diesem steinernen Pferd zum Schluss noch rittlings auf den Hals sitzen muss, was nicht gerade die Art des feinen Reiters ist. Wenn man sich noch vorstellt, dass einige hundert Meter unter diesem Hals nichts mehr ist als 2500 m weiter unten die mir bestens bekannten Beizlein von La Grave und rechts davon ein kalter und vereister Überhang, so finde ich diese Reiterei direkt unfein. Aber, heisst es dann im Führer, man solle dann aus dem Reitsitz diesem schlecht placierten Pferde noch auf den Hals stehen und sich am Überhang hinaufziehen, so kommt mir dies vor wie « amigs » bei der Kavallerie, wo wir versuchten, vom Pferderücken in den ersten Stock zu steigen. Der « Dos d' Ane » und der « Pas du Chat » sind weitere Finessen dieser Wand. Das Problem der Besteigung dieser « Grande Muraille » scheint mir darin zu liegen, dass man nicht in die schwarzen, anfänglich recht griffigen und senkrechten Wände unterhalb dem Glacier Carré kommt Wer dorthin ohne genügend Seil und Schlosserei gelangt, soll gefährdet sein. In der Promontoirehütte hatten wir vier Münchner getroffen, denen das passiert war. Als geübte Wilder Kaiser-Kletterer gelang es ihnen, sich in der 600 m hohen Wand abzuseilen; aber mir, der ich die alpinistische Erfahrung nicht im Wilden Kaiser, sondern an den hohen Trottoirs von Langenthal gesammelt habe, wäre dies kaum möglich gewesen, ganz abgesehen davon, dass unsere Trottoirs in Langenthal doch nicht so hoch sind. Die Meije ist in den « Alpen » ( 1925, S.96; 1931, S.22; 1937, S.30; 1949, S.361; 1961, S.260 u.a. ) und insbesondere im klassischen Bergbuch von Andreas Fischer ( Vorgebirgswanderungen in den Alpen und im Kaukasus, 1912 ) eingehend beschrieben. Whymper hielt den Berg für unbesteigbar. Fischer bezeichnet ihn als die längste ununterbrochen schwierige Tour in den Alpen. Schwerwiegend sind nicht die einzelnen Kletterstellen ( 3 +Grad ), aber die Tatsache, dass sich die Schwierigkeiten auf der ganzen Länge summieren. Der Berg besteht nur aus Wänden und Zacken, die folgende Namen tragen: Grand Pic ( 3987 m ), Tour Zsigmondy, Pic Central oder Doigt de Dieu ( 3970 m ), nach welchem heute auf den Glacier du Tabuchet durch Abseilen ausgestiegen wird.

Doch nach diesem historischem Abstecher zurück zu unserer Traversierung: Die Aluminium-Madonna auf dem Grand Pic findet unsere Stimmung eher gedrückt. Nicht nur ist die grösste Schwierigkeit, der Zsigmondy-Riss, noch vor uns, sondern wir haben gut zwei Stunden verloren, weil wir die vor uns eingestiegenen Franzosen eingeholt haben und stundenlang zusehen müssen, wie diese an den diversen schwierigen Stellen « lismen ». Unter « lismen » verstehen wir folgendes schöne Bergspiel: Man seilt sich auf mindestens 40 m Distanz an, der erste klettert diese 40 m unter lauten Kommentaren der Zurückbleibenden, dann kommen diese einzeln nach, und bis das Seil ähnlich einer Garnkugel wieder eingeholt und aufgerollt ist, geht der halbe Sommer vorüber. Eine Überholung dieser « Lismer-Freunde » ist nur an wenigen Stellen möglich. Einige Partien haben wir überholt, aber zwei bis drei Partien sind noch vor uns. Richtig, schon im Abseilen vom Grand Pic in die Brèche Zsigmondy können wir wieder eine stille Stunde einschalten. Würde das Wetter umschlagen, wir kämen dank diesen jungen Bergfreunden aus Frankreich auf diesem ausgesetzten, schwierigen Grat in eine katastrophale Lage.

Was ist denn das? Knie oder Kino? Auf einem etwas verbreiterten Grat lagern sich malerisch zwei französische Seilschaften und starren in die Tour Zsigmondy, wo sich eine dritte Seilschaft durch die berühmte Fissure Zsigmondy hinauf knorzt. Nun, auch wir beziehen Sperrsitz und machen Studien. Nachdem ich einige mehr oder minder geschickte Kletterfreunde beobachtet habe, stelle ich mir folgenden Schlachtplan auf: Das Verstemmen im Spalt und entsprechende Hinaufmorgsen sieht sehr unelegant aus und ist mühsam, weil der über dem schrägen Spalt befindliche Überhang Pickel und Rucksack zu viel Widerstand entgegensetzt. Also nichts wie raus in die leicht überhängende Wand und den Spalt nur für Abstützung der Hände verwenden. Nun ist Schweiz an der Reihe: Franz nimmt die Stelle mit Meiringer Elan, und Christian macht es ihm mit derartiger Bravour nach, dass das ganze anwesende Frankreich in die Hände klatscht. Auch Otto und mein Seilkamerad Max lassen sich natürlich nicht lumpen, prägen mir jedoch ein, die Karabiner einzusammeln. Nur zögernd rasselt mein Seil durch die Karabiner, und von meinen Kameraden sehe und höre ich nichts mehr...

Nun bin ich noch allein mit Frankreich auf dem Anstand, und ich sehne mich in den Schoss von Muttern. Ich überlege: Wenn mein Schlachtplan irgendeinen Orthographiefehler aufweist, dann schaukle ich, nach Entfernung des ersten Karabiners, in einem riesigen Pendel Richtung der heimeligen Beiz in La Grave, wo es die guten Beefsteaks gibt, nur sind diese dann noch 2500 m Richtung Hölle entfernt von mir. Nun, meine Orthographie scheint zu klappen, und so gelange schliesslich auch ich mit halbabgefrorenen Fingern, wegen der vereisten Wand nach diesem Riss, auf den Grat zurück.

Die anschliessende Kletterei über den zum Teil messerscharfen Granitgrat des Doigt de Dieu bietet uns nun abgehärteten Mannen keine Schwierigkeit, und nachdem uns die sechste und letzte Abseilstelle über den Gletscherschrund « geschleudert » hat, tippeln wir auf schneebedeckten Gletschern dem Refuge de l' Aigle zu. Der weitere Abstieg ins Tal, nach Villar d' Arène, muss im Pur-gatorium für Bergsteiger als höchste Strafe verzeichnet sein. Wenn ich zukünftig einem etwas recht Böses wünschen will, so wünsche ich ihm, er müsse nur einmal pro Tag den Auf- oder Abstieg ins Refuge de l' Aigle machen. Mit diesem Auslauf rächt sich die Königin der Kletterberge, die Meije, an den Frechen, die ihr in die Krone gegriffen haben.

Wohlbehalten und glücklich ( vom Durst wollen wir nicht reden ) langen wir bei Einbruch der Dunkelheit im Tale an. Der Lebenstraum von Christian hat sich erfüllt.

Doch zur Warnung: Eignet sich die Traversierung der Meije als Clubtour? Grundsätzlich nein! Bei dieser Tour gibt es keine « ferner liefen ». Jeder einzelne muss sich über die 12-15 Stunden Kletterei allein durchpauken und darf nicht schlapp machen. Gesellschaftsreisen über diese Himmelsleiter könnten zur Katastrophe werden, und wenn ganz junge Franzosen rudelweise in diesen Wänden « lismen », wie wir dies erlebten, so ist dies das Vorrecht der Jugend, aber wir Schweizer Clubisten werden verantwortungsvoll davon absehen.

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