Drusenfluh

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Mit 2 Bildern ( 28, 29Zürich ) Leise surrend rollt unser Motorrad durch die herbstlichen Wälder, zieht uns in langen Kehren zum Kerenzerberg hinauf. Zwischen dem Rot der Laubbäume und dem dunklen satten Grün der Tannen fällt der Blick auf den See. Einige gefaltete Bänder folgen dem in feinen Stössen blasenden Wind, hell erleuchtet stehen die weissen Wände der Churfirsten über dem bunten Mosaik der Wälder, Weiden und Reben. Die weiten Pappelalleen des Rheintales nehmen uns auf, bis wir in die enge Schlucht der Landquart einbiegen. Ein kurzer Blick hinüber auf die jetzt noch grünen Hänge, über die wir so oft mit den langen Brettern hinweggefahren sind; und dann fordert die verbogene Bergstrasse unsere ganze Aufmerksamkeit. Hinter Pany, auf den geraden Strassenstrecken, haben wir wieder etwas Zeit, die Gegend anzuschauen. Die steile, gelbe Wand der Scheienfluh schliesst das Bild ab, und davor, im Abendlicht deutlich sichtbar, steht der Scheienzahn. Viele Geschehnisse knüpfen mich an ihn... Nur zu schnell verschwindet er wieder aus dem Blickfeld. Im Büel zu St. Antönien vertauschen wir die dicken Leder-überzüge mit den Rucksäcken, und in der anbrechenden Nacht bummeln wir dem schönen, breiten Weg nach zur Garschina-Hütte. Schnell ist das Essen zubereitet und « expediert », und bald liegen wir unter den Decken.

Der Tag steigt langsam hinter den Wänden der Sulzfluh und der Scheienfluh hoch, als der Wecker abläuft. Nach einem kräftigen Morgenessen machen wir uns auf den Pfad, hinüber zum Diechtl-Gedächtnis-Weg, der über den grossen Südwandpfeiler auf den Gipfel der Drusenfluh führt.

Zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir die kleine Nische oberhalb des breiten Plattenbandes, das den Einstieg vermittelt. Die Rucksäcke werden erstaunlich leicht, nachdem wir das Seil und die ganze « Klim-perei » aus ihnen herausgenommen haben. Es ist 9 Uhr, als sich die Finger an den noch kalten Fels legen und uns durch die Verschneidung zum Anfang der grossen Kaminreihe hinaufhelfen. Bald leicht, bald schwer führt mein Seilgefährte im guten Fels aufwärts bis zu einem geräumigen Schuttplatz.

Wir verschnaufen einen Augenblick, und ich erzähle dem Freund von Erlebnissen in dieser Wand — grad dort rechts, um die Ecke herum —, in der ich mich vor bald drei Monaten verstiegen hatte; trotz des guten Wetters wurde es damals ernst, und wir mussten unser ganzes Können daran setzen, um wieder aus den Felsen herauszukommen. Aber ich wusste, dass ich wiederkommen würde! Die ersten Herbstfarben glänzten schon an den Bäumen, als ich an einem Abend Freunde in Partnun traf. Sie kamen vom Scheienzahn zurück — an dem sie eine neue Route gefunden hatten —, und lange sprachen wir noch von Touren, Bergen, Arbeit und vom Weg, den wir gehen wollten. Er ist kein « neuer » Weg und doch für uns unbekannt und voller Überraschungen. Schneller schlugen unsere Herzen, als wir die Rucksäcke bereitlegten. Doch der Wettergott wollte es anders; dichter Regen ersäufte am anderen Morgen unsern Traum vom steilen, warmen Fels...

Weiter zieht sich das Kamin, bis wir die nächste schutterfüllte Nische erreichen. Dem Klubführer nach sollten wir nun nach rechts und über eine plattige Wand wieder in eine Nische kommen. Wir probieren auch pflichtbewusst alles mögliche, queren bald mehr bald weniger, versuchen sogar an dem riesigen eingeklemmten Block vorbeizukommen, doch der einzige Erfolg ist, dass Hans einmal auf eine magistrale Weise in einen Haken hinein-pendelt und dass mir ein ausbrechender Block den Arm gehörig schürft. Wenn wir uns schon verklettern, dann wenigstens recht, wird unser Motto, und, den Klubführer tief im Rucksack vergrabend, begebe ich mich auf den Weg, links hinaus auf die Kante. Die Griffe sind klein; abwärtsgeschichtet und ausgesetzt ist das Ganze, so dass ich zwischen meinen Beinen direkt in den Schutt hinunter sehe. Die üblichen Manöver folgen: Haken, Zug, zurückgelehnt den Weg studieren, einige ganz langsame spreizende Bewegungen — wenn nur die neuen Sohlen halten —, und die ganze Prozedur fängt von vorne an, bis ich aufatmend nach einem hohen Griff langen kann. Die ganze Angst und Unsicherheit ist verschwunden, zurück bleibt nur die Freude, ein Stück guter Arbeit verrichtet zu haben. In einer kleinen Nische, zwischen grossen Blöcken verklemmt, lasse ich Hans nachkommen. Ein paarmal muss ich stramm am Seil festhalten, während die Schläge des Hammers wie Tropfen von der Wand abspringen und irgendwo weit unten verhallen. Leicht schnaufend kommt Hans bei mir an — ich kann das nur zu gut begreifen — und muss auch gerade wieder weiter, denn der Platz ist nicht gross genug für zwei Personen. Noch einige Schritte in einem engen Kamin aufwärts, und eine Reihe von schuttbedeckten Bändern führt dann nach rechts zu einer geräumigen Plattform. Bevor wir an das « Wie weiter » denken, legen wir uns erst mal, vorsichtigerweise an einem eingeschlagenen Haken gesichert, in die Sonne, binden die Rucksäcke fest und essen.

Der Blick schweift weit über das Land hinaus, rechts aussen durch die Scesaplana begrenzt, links als grandioser Abschluss der Linard und die Berge der Silvrettagruppe. Erinnerungen tauchen auf, umgaukeln mich, und vor den müd geschlossenen Augen erstehen die silbernen Tage auf jenen Gletschern; die Abende im Fondei, wo der Veltliner wie Blut in den Gläsern funkelte und uns das Wissen um gute Freunde wie eine beruhigende Decke umhüllte; die langen, unvergesslichen Gespräche in Arosa; die stechende Sonnenglut am Tödi. Nur zu schnell vergeht die Zeit, und wenn Hans nicht seinen Rucksack packen würde und sich zum Weitersteigen bereit machte, so würde ich sicherlich noch ob meinen Träumereien vergessen weiterzugehen.

Irgendwie kam uns wieder der Klubführer in die Hände, und wir versuchen, unseren Standplatz — in einer 700 Meter hohen Wand — festzustellen. Rechts von uns steht ein riesiger, plattiger Kopf, unter dem scheinbar ein Durchgang möglich wäre. Wir sind aber noch zu träge, um an ernste Sachen zu denken. Nach rechts führt ein Kamin auf den Kopf hinauf, doch sollte jetzt die « Plattenrippe » des Führers folgen, und wirklich findet sich auch weiter links etwas, das man so ansprechen könnte. Ich habe immer noch die Mittagsfaulheit in den Knochen und gebe Hans gern den Vortritt. Auf eine mir unverständliche Art, ich hätte mich überhaupt nie dorthin getraut, er- reicht er, rechts der Rippe, einen Überhang, schlägt einen Haken und versucht dann, über etwas, was man gemeinhin als « äusserst griff arme Platten » bezeichnet, zur Rippe zu queren. Doch schon nach den ersten Schritten wird die Sache brenzlich; es geht nur mehr mit Seilzug, und irgendwie gefällt mir — ich bin inzwischen plötzlich wieder wach geworden — das ganze Zeug nicht. Der Nagel bleibt oben, und mehr oder minder am Seil kommt Hans wieder herunter. Wir werden also trotzdem das Kamin versuchen. Da ich besser ausgeruht bin, mache ich mich daran. Die ersten Meter gehen gut, doch dann folgt ein Miniaturüberhang, der oben überhaupt keine Griffe hat und mich weit genug aus dem Kamin herausdrückt, so dass ich mich nicht mehr verspreizen kann. Also: zwei Schritte hinunter, eine Ritze gesucht, Haken schlagen, Seil einhängen, und schon geht es. Das Kamin wird leichter, doch lässt sich ohne « eiserne Hilfe » die Querung auf den Kopf nicht machen. Es lohnt sich, da heraufzukommen: schöne, schmale Bändchen führen nach rechts weiter. Kaum ist Hans bei mir, nicht ohne alle Nägel säuberlich wieder entfernt zu haben, als ich mich auch schon auf den Weiterweg begebe. Doch mein Übermut sinkt sehr bald. Zwar sind die Bändchen wirklich leicht, aber es liegt gerade so viel feiner Schutt auf ihnen, um keinen ganz sicheren Stand zu gewähren, und ein Stein, den ich aus der Wand werfe, scheint überhaupt nie wieder aufschlagen zu wollen. Nochmals klettern wir um eine Ecke, dann folgt eine wunderschöne Platte, und ich stehe plötzlich in gutgestuftem, leichtem Gelände. Zu allem sehen wir noch weiter oben einen kleinen Steinmann und stellen fest, dass wir wieder in der Route sind. Nun geht es leicht aufwärts, der Gipfelblock ist — so meinen wir wenigstens — in greifbarer Nähe, und der « Auftrieb » wächst beträchtlich. Wir finden sogar den im Klubführer beschriebenen Riss, der uns dann aber wieder zu schaffen gibt und aus dem Laufschritt ein Schneckentempo macht. Und wie ich nach dreissig Metern am Ende von Seil und Riss anlange, puste ich wie eine Dampfmaschine. Der Weiterweg sieht einfach aus und ist es auch zum Grossteil. Doch ich verlaufe mich wieder auf einem Bändchen, finde dann aber doch den von Haken gespickten Durchschlupf etwas weiter rechts. Da zwei dieser Nägel vollständig zwecklos und überdies nur zum Schein in einer Spalte stecken — wir zogen sie mit den Fingern heraus —, nehmen wir sie gleich mit und erlösen sie von ihrem kalten Schicksal. Der bis jetzt immer gute und kompakte Fels macht plötzlich brüchigen Mergelkalken Platz, und wir versuchen den nächsten Steilaufschwung nach links über ein Band zu umgehen. Nach einigen Metern aber verleidet mir das « Im-Sand-Laufen », und da sich gerade ein Riss vor uns hinaufzieht, so versuche ich, ihn zu erklimmen. Aber was von unten leicht aussah, wird plötzlich schwer; vor allem hat es keinen Griff, dem man sich anvertrauen dürfte. Wieder müssen zwei Mauerhaken weiterhelfen, bis ich mich, meinen Rucksack nachziehend, zwischen einer abgesprengten Platte und dem Berg durchzwängen kann. Noch ein kurzes Gratstück mit vielen kleinen Türmen, und erfreut drücken wir uns dann um 20 vor 5 Uhr auf dem Gipfel die Händel In der kurzen Viertelstunde, die wir auf dem Gipfel verbringen, hat die Freude über die Tour keine Zeit aufzukommen, denn das « dicke Ende » folgt noch: über einen möglichst einfachen Weg müssen wir vor der Dunkelheit das Schweizertor erreichen. Zum Glück stehen überall Steinmänner, und im Schnee der Nordflanke finden wir sogar Spuren. Mit der einbrechenden Dämmerung sind wir im Pass und, trotz unserer Eile, hält uns das alte und immer wieder neue Schauspiel der aufsteigenden Nacht fest, die die Täler schon in ihrer Gewalt hat und nun mit langen, dunklen Fingern nach den Gipfeln greift.

Der Weg zur Garschina-Furka ist ja sicher nicht schwer, doch ist es im Oktober um halbacht schon stockdunkle Nacht, und manches Mal stolpern wir über Steine, fallen in Löcher und müssen in den Wiesen immer wieder den Pfad suchen. Endlich erreichen wir den grossen Block, wo mein Gefährte seine Bergschuhe deponiert hat. Es war auch allerhöchste Zeit, denn seine Kletterfinken sehen mitleiderregend aus, und während er sich umzieht, kann ich wieder einmal einen Vortrag über die Nützlichkeit der « Kagru-sohlen » halten. Nach diesem Zwischenspiel geht es weiter. Das Seil drückt auf die Schulter, die Haken klimpern leise im Karabiner am Gürtel. Jetzt noch das Ganze einpacken? Bald sind wir ja in der Hütte, und vielleicht wird es noch dunkler? Wir haben keine Zeit zu verlieren. « Peinlich klein » ist das Abendessen, das wir aus den Tiefen unserer Säcke hervorkramen, und Kübel von Tee müssen den Magen beruhigen.

Es scheint kaum eine Stunde her zu sein, seit ich auf dem Stroh liege, und schon wieder läutet der Wecker; das heisst, es wird mir mitgeteilt, er sei soeben abgelaufen! Nach einem feinen Milchkaffee, den wir zwei Hüttenbesuchern verdanken, treten wir in den kalten Morgen, um nach St. Antönien zu laufen. Und wieder sitzen wir auf dem Motorrad und fahren durch den Herbst. Der Kontrast zwischen den sonnendurchglühten Felsen und der weichen farbigen Landschaft, der weiten Ebene und dem ruhigen See erfasst uns immer wieder. Alles ist gleich wie vor zwei Tagen, und doch sehen wir es neu, farbiger, genauer. Es ist das ewige Erlebnis, schon so oft erkannt und immer wieder gesucht, das uns im harten, steilen Fels die Ruhe und den Mut für die Tage im Tal finden lässt.

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