Ein dramatischer Tag

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Karl Bniggmann, Goldach

Was ich gerade geträumt habe, weiss ich nicht mehr, aber irgendwo hat 's gepoltert. Da — es poltert schon wieder, scheint von oben zu kommen. Was ist denn nur los? Ich reibe mir die Augen und schaue auf die Uhr. Mühsam kann ich vom schwach erleuchteten Zifferblatt ablesen, dass es Zeit ist, den neuen Tag zu beginnen. Selbstverständlich fängt bei mir ein normaler Arbeitstag nicht schon kurz nach drei Uhr in der Frühe an; heute ist aber ein ganz besonderer Tag, und er wird es in mancher Hinsicht noch werden, ohne dass ich das um diese Zeit schon weiss.

So leise wie möglich verlasse ich meine Matratze, um im Dunkeln Georg zu suchen. Eigentlich sollten wir ja vom « Küchentiger » aus dem Schlaf gerüttelt werden; aber die Taktik, dass zuerst die Führerpartien geweckt werden, scheint auch am Fusse des Matterhorns üblich zu sein. Georg schläft noch tief, und das im wahrsten Sinne des Wortes - auf einer Matratze am Boden. Mit einem für seinen Hintern genau berechneten Tritt, nicht zu sanft und nicht zu rabiat, will ich ihn wecken; doch irgend etwas scheint daneben-gegangen zu sein, denn was Georg darauf von sich gibt, ist alles andere als ein Morgengebet. Ich weiss nun auch warum: In der Dunkelheit habe ich seinen Hintern mit etwas anderem verwechselt. Georg nimmt mir das « Versehen » jedoch nicht lange übel, und noch bevor der nächste im « Schlag » begreift, was los ist, sind wir samt unseren Siebensachen draussen.

Ziemlich hastig verschlingen wir ein kräftiges Frühstück, das ja immerhin eine ganze Weile den Hunger in Grenzen halten soll, und stolpern ins Freie. Es ist sehr kalt, und das weisse Licht der Platzbeleuchtung macht die ganze Szene nur noch kälter. Im Licht dieser Lampe seilen wir uns an und treffen die letzten Vorbereitungen für eine schon lang erträumte Tour. Langsam und wie von ungefähr gehen wir nun hinter einem Berführer und seinem amerikanischen Gast zum Einstieg, einem kleinen Wändchen unweit der Hütte. Da die Zermatter Bergführer im allgemeinen gut gekennzeichnet sind, fiel es uns nicht schwer, einen einheimischen Führer für unser Vorhaben ausfindig zu machen. Schon gestern haben wir nämlich beschlossen, uns soweit wie möglich einer Führerpartie anzuschliessen, um auf diese etwas parasitäre Weise unsere Sorgen um den Routenverlauf los zu sein.

Sehr rasch kommen wir voran. Ohne « unseren » Führer wäre der Aufstieg wohl nicht so glatt gegangen, denn es gibt vor allem im unteren Teil genug Couloirs, um im Dunkeln das falsche zu erwischen. Im Osten wird der Horizont ganz langsam heller, während im Westen immer noch Sterne am Himmel blinken. Es scheint ein wunderbarer Tag zu werden. Inzwischen hat der Bergführer unsere Absicht bemerkt, denn er beschleunigt in dem nicht sehr schwierigen Gelände seine Gangart enorm. Obwohl wir dadurch arg ins Schnaufen kommen, denn wir sind diese dünne Luft einfach nicht gewohnt, vermögen wir den beiden zu folgen. Anders geht es anscheinend dem Kunden des Führers, denn die beiden müssen ausruhen. Auch uns ist das nicht unangenehm, und ich benütze die Gelegenheit, einige Photos von der soeben aufgehenden Sonne zu knipsen. Wunderbar und kaum mit Worten zu beschreiben ist so ein Sonnenaufgang im Hochgebirge! In Zermatt ist es noch fast dunkel, während uns schon die ersten Sonnenstrahlen berühren.

Mittlerweile hat sich unser Führer wieder in Bewegung gesetzt. Über leichtes Gelände steigen auch wir weiter. Weit unter uns sind einige aufsteigende Partien zu erkennen. Am Fuss einer plattigen Stelle, gerade unter der Solvayhütte, schliessen wir erneut zur Führerpartie auf. Das soll nun also die Mosleyplatte sein! Mit einem leisen Schmunzeln auf den Stockzähnen lässt uns der Führer den Vortritt. Ich weiss auch warum: Das soll, wie ich einigen Berichten entnommen habe, eine schwierige Stelle sein... Doch auch die- ses Hindernis lässt sich ohne grosse Schwierigkeiten überwinden.

Interessiert betrachten wir die Solvayhütte, und der nun etwas gesprächiger gewordene Führer gibt uns bereitwillig jede gewünschte Auskunft. « Das Wetter macht mir etwas Sorge », gibt er leicht verärgert bekannt, und tatsächlich sind einige graue Wölklein um den Gipfel zu erkennen. Trotzdem setzen wir unseren Aufstieg fort, nachdem wir vom Führer eine Beschreibung des weiteren Routenverlaufes erhalten haben, bringen auch reibungslos weitere markante Stellen, wie zum Beispiel die obere Mosleyplatte, die Umgebung des roten Turmes und das steile Schneefeld zur Schulter, hinter uns. Das Wetter verschlechtert sich indessen zusehends. Während wir auf der Schulter etwas ausruhen und den grandiosen Blick in die Nordwand geniessen, kommt uns der Führer mit seinem Gast auch wieder näher. Wir sind aber nicht wenig erstaunt, als er uns bekanntgibt, er werde wegen des schlechten Wetters umkehren und auch wir sollten besser den Abstieg antreten, denn es « braue sich da etwas zusammen. » Uns scheint das aber doch nicht so bedrohlich zu sein, denn ausser einer Wolke um den Gipfel ist weit und breit tiefblauer Himmel zu sehen. Wir entschliessen uns daher, den Rat des Führers in den Wind zu schlagen; es wäre doch wirklich zu schade, so nahe dem langersehnten Gipfel aufgeben zu müssen, und ausserdem: Sind wir etwa durch die ganze Schweiz gereist, um 150 Meter vom Ziel unserer Träume entfernt kehrtzumachen? Mitnichten!

Nun helfen uns die fixen Seile weiter, und wir gewinnen rasch an Höhe, zumal über den weiteren Verlauf der Route infolge der vorhandenen Spuren keine Zweifel bestehen. Die Verhältnisse sind ausgezeichnet, und es kommt mir vor, als ob dieses Weglein über das Dach zum Gipfel Stufe um Stufe vom Zermatter Verkehrsverein präpariert worden sei.

Unterdessen hat uns aber ganz mählich der Nebel eingehüllt. Wie durch einen Schleier sehen wir tief unter uns das ins Sonnenlicht getauchte Tal. Dann wird der Vorhang dichter und dichter, während wir unverdrossen weiter steigen...

Plötzlich stehen wir unterhalb eines Grates. Die von uns verfolgte Spur verläuft, soweit wir im dichten Nebel sehen können, nicht mehr aufwärts, sondern eher leicht nach unten. Stehen wir etwa schon auf dem Gipfel? Deutlich kann man Stimmen vernehmen. Um uns Gewissheit zu verschaffen, verfolgen wir die Spur noch etwas weiter; doch das ist nicht mehr lange nötig, denn der Nebel reisst auf... Wir sind auf dem Gipfel! Lachend und glücklich schütteln wir einander die Hände. Unser Ziel ist erreicht! Fast 3000 Meter weiter unten liegt Zermatt. Auf dem Italienergipfel stehen auch zwei Bergsteiger. Ausser riesigen Wolkenburgen ist nach Süden nichts zu sehen.Wir schwelgen richtig in der Freude, den ersten Viertausender bestiegen zu haben, und triumphieren beinahe, weil uns viele Alpinisten sagten, wir seien für ein solches Unternehmen noch viel zu jung; dabei ist Georg 17, und ich bin immerhin auch schon 18 Jahre alt.

Aber warum stehen wir eigentlich so allein auf diesem Gipfel? Merkwürdig! Doch da erscheint auch schon die zweite Seilschaft, ein junger Österreicher mit seiner Frau, und die beiden berichten, dass alle anderen umgekehrt seien. Während unserer Plauderei ist es in der Tat wieder ganz dunkel geworden; dichter Nebel hüllt uns ein.

Da — ein unheimlicher Knall zerreisst die Stille! Unsere Haare sträuben sich, surren, und die Pickel haben plötzlich einen gespenstigen blauen Schimmer. Zack — schon wieder knallt 's. Blitz und Donner nimmt man fast gleichzeitig wahr. Immer wieder und zeitweise schnell hintereinander fauchen die Blitze ins nahe Gipfelkreuz und in die Felsen des Gipfels, und der Donner scheint die ganze Atmosphäre auszufüllen, ja selbst den Berg zum Erzittern zu bringen - ein ohrenbetäubender Lärm. « Das ist die Hölle », geht es mir durch den Kopf: « nicht umsonst dieser Ozongeruch! » Ja, das ist also ein Hochgewitter! Es regnet zwar nicht; aber zu allem Überfluss be- ginnt es nun zu schneien. Ganz kleine Flocken schweben von unten nach oben oder werden vom Wind gegen die Felsen getrieben, doch will der leichte Schneefall nicht recht zu dem höllischen Treiben um uns passen.

10 Uhr. Ich muss richtig schreien, um das meinen Kameraden mitzuteilen. Am besten wird es sein, wenn wir jetzt augenblicklich absteigen. Walter und Helga ( die Österreicher ) haben sich flach in den Schnee gelegt und wollen so das Ende des Gewitters abwarten, während Georg und ich so rasch wie möglich absteigen wollen. Mittlerweile hat sich der Schneefall verstärkt. Wir kommen aber über das « Dach » bis zu den fixen Seilen. Georg steigt sofort den Seilen nach hinunter. Das Surren auf unseren Köpfen hat aber immer noch nicht aufgehört. Auch ich klettere den dicken Seilen nach abwärts. Ich habe aber noch das Ende des letzten Seiles in den Händen - da trifft mich ein schwerer Schlag. Zwei grosse rote, immer grosser werdende und sich schnell drehende Flecken rauben mir die Sicht, während mein Hirn sich krampfhaft an etwas zu erinnern versucht...

Wo bin ich? Mühsam vermag ich meine Umgebung zu erkennen: Jemand beugt sich über mich, und wie aus weiter Ferne dringt eine Stimme an mein Ohr. Alles um mich ist weiss. Langsam beginnen sich meine Gedanken wieder zu sammeln und zu ordnen. Es hat also geschneit. « Tut dir etwas weh? » - « Nein, nein. Mir brummt nur der Schädel. Was habt ihr denn gemacht? » Ich versuche mir alles zu überlegen. Doch mein Kopf schmerzt noch, und in allen Gliedern kribbelt und krabbelt es, als wären sie eingeschlafen gewesen. Ja, was ist denn eigentlich los? Nun wird mir etwas eingeflösst. Pfui Teufel! Das ist nicht gut. Wo ist Georg? « Hier !» ruft eine Stimme von oben herab. Der Schnaps—oder was es sonst war - hat mir gut getan. Behutsam versuche ich mich zu bewegen. Es geht ganz gut. Alle Glieder scheinen noch intakt zu sein. Was will ich denn noch mehr? Mir geht 's schon wieder viel besser.

Walter und Helga sind bei uns. Sie erzählen, dass sie uns etwa eine Stunde, nachdem wir den Gipfel verlassen haben, hier halb bewusstlos fanden. Was geschehen ist, wissen wir nicht genau, aber nach dem braunen, ausgebrannten Loch in der Gesässtasche beim Geldbeutel in Georgs Hosen zu schliessen, hat uns wahrscheinlich ein Blitz getroffen, oder er muss in unmittelbarer Nähe eingeschlagen haben. Wie leicht hätte dies das Ende unserer Tour sein können, und nicht nurderTour...

Inzwischen sind etwa to Zentimeter Neuschnee gefallen, und das Gewitter hat sich verzogen, doch schneit es immer noch. Wir sind gerade dabei, auf unseren etwas wackligen Beinen den Abstieg fortzusetzen, als wir Stimmen hören: Zwei Bergsteiger kommen uns entgegen; sie sprechen allerdings französisch, verstehen aber auch einige Brocken Deutsch. Sie sind eher mangelhaft ausgerüstet und, wie sie sagen, bis auf die Haut durchnässt. Der eine trägt einen flachen Strohhut, der in diesem Schneegestöber recht komisch anmutet und etwa passt wie die Faust aufs Auge. Den weiteren Abstieg wollen wir gemeinsam in Angriff nehmen, was für uns nach unserem Erlebnis eine grosse Erleichterung bedeutet. Die zwei gehen voraus, Georg und ich in der Mitte, und Walter und Helga machen den Schluss. Es ist aber nicht so einfach, den Abstieg zu finden, denn beim Aufstieg hat ohne Schnee alles ganz anders ausgesehen; dazu kommt nun noch ein ziemlich garstiger Wind auf; doch hat es endlich aufgehört zuschneien.

« Hat da jemand gerufen? Hast du gerufen, Georg? » - « Nein, es kam von weiter unten, wo eben unsere welschen Kameraden um eine Ecke verschwunden sind. » Immer schön den Spuren unserer Kameraden folgend, queren wir unter dem roten Turm. « Was ist denn nur da los? Wo sind die denn weitergegangen? » Die Spur hört plötzlich auf. « Georg, schau mal, was liegt denn dort unten? » In einer etwas windgeschützten Nische liegt der grosse gelbe Strohhut im Schnee, so, als sei er dort hingelegt worden. Und dann entdecken wir zu unserem Entsetzen die Auf- schlagspuren unserer Kameraden. Im frischgefallenen Schnee lässt sich genau verfolgen, wo zwei Menschen, die sich eben noch ihres Lebens erfreuten, über die Ostwand des Matterhornes abgestürzt und wahrscheinlich erst im ewigen Eis des Gletschers am Fusse des Berges zur Ruhe gekommen sind.

Unsere Stimmung ist damit endgültig unter den Nullpunkt gesunken. Leise weint Helga vor sich hin; unsere Nerven sind aufs äusserste gespannt. Kein Wort wird mehr gesprochen, während der Wind um alle Ecken heult und an unseren nassen Kleidern zerrt. Ich friere. Nebel hüllt uns ein. Die ganze Umgebung ist nass, kalt und düster. Trostlos, furchterregend und grausam ist uns heute dieser Berg begegnet.

Aber wir müssen weiter! Viel vorsichtiger als zuvor steigen wir weiter ab, machen in der Solvayhütte halt und brauen ein heisses Getränk zusammen; dabei hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach, denn alle sind niedergeschlagen und traurig.

Bis zur Hörnlihütte scheint es nicht mehr weit zu sein, denn man kann sie hin und wieder durch Wolkenlöcher deutlich erkennen. Über die Mosleyplatte seilen wir uns ab. Es ist schon sehr spät, und wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Ein Glück nur, dass das Wetter ein wenig bessert, so dass wir bald unten sind und mit blossem Auge feststellen können, dass man mit Feldstechern zu uns heraufspäht.

Punkt i g Uhr stehen wir wieder am Fusse unseres Schicksalsberges und seilen uns in der Nähe der Hütte los. Eigentlich hätte uns das Ende dieser Tour froh stimmen müssen, doch das Erlebte hat uns zu stark erschüttert.

Freudig werden wir von einigen Kameraden, die morgen das Horn besteigen wollen, begrüsst. Erst als ich gefragt werde, ob ich krank sei, wird mir bewusst, was für Gesichter wir schneiden. Von der Hütte aus hat man den Absturz in der Ostwand verfolgt und will von uns wissen, wer die beiden sind; doch darüber können auch wir keine Auskunft geben.

Weil uns das Essen im Hals würgt, trinken wir nur noch ein paar Glas Wein und gehen dann schlafen. Aber immer wieder wache ich auf oder habe Alpträume, und bedrückt wache ich bald wieder auf. Es ist noch nicht einmal Mitternacht. So lautlos wie möglich verlasse ich mein Lager und gehe ins Freie. Schwarz und mächtig hebt sich das Matterhorn vom nächtlichen Himmel ab. Das also ist der Berg, der meinem Freund Georg und mir in einem Tag eine Lehre erteilte, die gut auch die letzte in unserem noch jungen Leben hätte sein können...

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