Ein herbstliches Abenteuer

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Albert Gonthier, Montreux

Was soll ich in diesem verrückt steilen Grashang machen?

« He, Daniel! Glaubst du, dass wir da durchkommen? » Mein Begleiter gibt keine Antwort; wahrscheinlich philosophiert er wieder einmal vor sich hin und begnügt sich damit, mir einfach zu folgen. Der Himmel strahlt an diesem Herbsttag - es ist der 24. Oktober - wie im Sommer. Das seit zwei Monaten herrliche Wetter scheint noch nichts von dem ersten herannahenden Frost zu ahnen. Auf dem Moléson, wo wir am vergangenen Mittag abmarschiert sind, auf dem Teysachaux, am Col de Belle Chaux, wo unzählige Autos standen, haben wir überall Menschen beim Picknick in der Sonne und Familien auf dem Spaziergang getroffen.

Jetzt mühen wir uns am Felsriegel unterhalb des Gipfels der Dent de Lys ab; wir packen das Problem, das wir uns aus Lust und Laune bei der Wegabzweigung nach dem Chalet von Gros Molojy selbst gestellt haben, mutig an. Nach dem glatten Steilhang, einer wahren Rutschbahn aus hohem, dürrem Gras, steige ich in die brüchigen, labilen Felsen ein, die meine ganze Die Dent de Jaman und der Grat der Gais Alpins ( Waadtländer Voralpen ) Waadtländer Alpen und Voralpen. Die neue Route des Col de Chaude. Im Vordergrund: Crête d' Aveneyre-Malatray; im Mittelgrund: Tours de Famelon, Mayen und Ai; im Hintergrund: Arête Vierge, Pacheu, Grand Muveran Photos Albert Gonthier, Chernex Aiguille de la République ( Grands Charmoz ): im ersten Teil des Eperon ( Einzelaufnahme ohne Text ) Photo Raymond Monnerat, Moutier List herausfordern. Glücklicherweise sind diese Grashänge dem Vorsichtigen wohlgesinnt, und wir meistern die Schwierigkeiten bald rechts, bald links, wo es fast senkrecht ist, und landen am Fuss des Gipfelkreuzes, auf 2014 Meter.

Unsere Beine sind zwar ordentlich strapaziert, aber die aussichtsreiche Pause macht uns wieder munter. Man sieht bis zu den Urner Alpen. Wie ausgelassene Füllen, durchströmt von dem Glücksgefühl, auf einem wunderbaren Erdenflecken zu leben, galoppieren wir den Weg in die Tiefe hinunter, der, nebenbei gesagt, gar nicht so bequem ist.

Um 15 Uhr 15 sind wir auf dem Col de Lys. Der Col de Soladier, das nächste Etappenziel, scheint ganz nah zu sein. Aber unten an der Veveyse lagern schon die Schatten, während der Bergkamm bis zur Cape au Moine noch in der Sonne badet... Wir wollen über den Grat nach Soladier.

Gleich zu anfang führt uns eine Spur zahlreichen und oft schroffen Grataufschwüngen entlang. Unsere Schritte werden langsamer, während der Genfersee mehr und mehr in hellem Licht erstrahlt. Die Sonne brennt auf meine rechte Wange, und ihre eindringliche Liebkosung ermüdet die Augen. Aber wie herrlich, wie grossartig ist die Gegend, was für eine Hülle und Fülle in der Natur, was für eine Lebensfreude!

Die Besteigung des Folly-Borna ( 184g m ) bietet keine allzu grossen Schwierigkeiten, und ich muss sagen, dass mich Daniel reichlich mit guten Ratschlägen versorgt:

« Geh etwas mehr nach rechts! Trau diesem Griff nicht! Ist dieser Fels nicht wacklig? Sichere dich besser! » Blaue Disteln, sogar Enziane recken sich in der Sonne wie an schönen Junitagen.

Der Abstieg zum Engpass vor dem Vanil des Artses dämpft unsere Zuversicht, denn unsere nächste Kletterei scheint unheimlich steil zu werden. Stecken wir etwa in einer Mausefalle? Aber die Freiburger Seite ist nicht so schroff, dass sie für uns nicht doch ein Mauseloch offen liesse! Die Sonne nähert sich ihrem Spiegelbild im See; es ist schon mehr als 16Uhr. Vorwärts!

Der Aufschwung ist mühsam; eine Grasrinne führt auf eine spitze Krete, und ich stosse auf einen grossen Block, der auf beiden Seiten über den Rand hinausragt.

« Versuch's auf der rechten Seite! » redet mir Daniel zu.

Eine schmale Leiste und ein Riss für die Hände auf der untern Seite des Blockes helfen mir aus der Zwickmühle; doch Vorsicht bei jeder Bewegung und List und Tücke, um den rechten Weg zu finden, sind unerlässlich bis zum Gipfel. Ich habe nun aber an dieser Fin-ger- und Feingefühlskletterei Gefallen gefunden, und sie macht mir fast ebenso Spass wie die Kletterei im rauhen Granit oder festen Kalk.

Doch der Vanil des Artses ( 1993 m ) hält noch Überraschungen für uns bereit: erst einmal den Krampf in den Oberschenkeln als Beweis dafür, dass wir unsere Gehwerkzeuge seit langer Zeit strapazieren; mehrere Gipfel hintereinander mit einem letzten Gratabschnitt, der nicht enden will, und schliesslich schwindelerregende Aufschwünge am Grat. Längst haben wir die vier Zuckerstücke und die zwei Äpfel, die unsern ganzen Proviant darstellten, verschlungen. Unsere Kehlen sind ausgetrocknet, und wir lechzen nach etwas Trinkbarem...

Endlich haben wir den Fuss des letzten Hindernisses vor dem Col de Pierà Percia erreicht, den Pila, und durch ein erdiges Couloir gelangen wir ans Ziel. Auf den letzten 200 Metern des Grates streift uns nochmals die Sonne; aber sie hängt so tief über dem See, ihre Strahlen sind so schwach und ihrer ehemals königlichen Kraft beraubt, dass wir nicht mehr lange auf sie zählen können. Der Schatten hat schon vom ganzen Greyerzerland Besitz ergriffen. Vom Col de Lys bis hierher haben wir zwei Stunden gebraucht.

Eine halbe Stunde genügt uns, um den Pfad nach Soladier und zum Clubhaus der Sektion Montreux bei La Plagnaz hinunterzueilen. Der Hüttenwart, der das Haus während des Tages versorgt, ist eben dabei, in der Abenddämme-1 rung sein Bündel zu schnüren, und bietet uns, die wir nichts anderes begehrten als frisches Brunnenwasser, Limonade, ein Glas Wein -und bis Montreux einen Platz in seinem Wagen an.

Einen Platz? ...Ja, einen einzigen, ich muss es gestehen. Mit 50 Jahren ist man schliesslich alt genug, um seine Torheiten zuzugeben. Und diese Tour war eine, denn mein Begleiter Daniel, mein Ratgeber, mein zweites Ich, ohne das ich vielleicht nicht mehr in der Lage wäre, dieses Abenteuer zu erzählen - Daniel, das ist...

mein SchutzengelÜbersetzungen R. Vögeli

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