Ein vierbeiniger Bergkamerad

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Mit 1 Bild ( 155Von Ernst Kreis

Am 10. Oktober 1953 verliessen wir Linthal im späten Nachmittag, um zur Claridenhütte aufzusteigen. Kein Wölklein trübte den herbstlich verklärten Himmel.

Auf unserer Wanderung der Linth entlang bis zur Reitimatt nannte ich dem jungen Österreicher Röbi die Namen der Berggipfel, die den Talabschluss von Tierfehd umkränzen.

Zwischen den Felsabstürzen des Selbsanft und des Gemsistocks glitzerten die felsdurchsetzten Eiswände des Bifertenstockes so schön unter den Strahlen der Abendsonne, dass der Anblick kein Bergsteigerherz gleichgültig lassen konnte. Nur unsere verschleckte Gertrud aus Winterthur fand, das Bild erinnere an eine riesengrosse Schnitte Schwarzwäldertorte mit einer zünftigen Portion Nidel obenauf.

Rüstig ausschreitend bringen wir Kurve um Kurve des Fahrsträsschens hinter uns, das von der Reitimatt aus durch dichten Wald die Höhe der Altenorenalp erklimmt. Manchmal gewährt ein Fenster im bunten Herbstlaub einen Ausblick auf die besonnten Felswände des Rüchi und Nüschenstockes. Doch der Bergschatten an jenen Hängen steigt mit uns um die Wette. Mehr und mehr geht das schmelzende Sonnengold über in immer tieferes Rot. Ehe das letzte Alpenglühn auf den höchsten Zinnen über dem dunkelnden Taleinschnitt nochmals auflodert und dann rasch verblasst, gönnen wir uns den ersten Marschhalt im dichten Alpgras bei einem Gaden des Käsbodens. Wir wollen nochmals die Karte konsultieren, solange es noch hell genug ist zu diesem Unterfangen.

In unserer Feststellung, dass wir uns bei Punkt 1336 befinden, stört uns ein silbergrauer Kater mit weissem Naschen und weissen Stiefeln, der schnuppernd um die Hausecke herumgeschlichen kommt und sich neugierig den städtischen Besuch besichtigt. Auf meinen Lockruf nähert sich das Tierchen zutraulich und nimmt schnurrend unsere dreifache Liebkosung entgegen. Aber wir haben noch einen langen Hüttenweg vor uns und schultern gleich wieder die Säcke, denn selbst einem weissgestiefelten Kater zuliebe dürfen wir uns nicht zu lange verweilen. Indessen scheint es, dass uns dieser sein Geleit geben will. Beim Ahorn-stafel, 1409 m, sieht sich Röbi genötigt, das anhängliche Kätzchen zu verscheuchen, damit es sich nicht zu weit von seinen heimatlichen Mausejagdgründen entferne. Doch alle menschlichen Grobheiten verfangen nicht bei der eigenwilligen Katze, die beim Altstafel, 1532 m, immer noch an unserer Seite ist. Wiederum brüllt Röbi mit seiner fürchterlichsten Stimme: « Kehr um! Geh heim! Mach, dass du wegkommst! » Vor seinem drohend erhobenen Pickelschaft flüchtet sich die Katze höchstens ein paar Meter abseits der Wegspur, um parallel mit uns gegen das Altenorental anzusteigen.

Die zunehmende Dunkelheit nötigt uns, die Taschenlampe an den Gürtel zu schnallen und das Licht einzuschalten. Im Himmelsausschnitt zwischen den Felskämmen des Rotstocks und Gemsistocks, die beidseitig das Hochtal umschliessen, blinken Myriaden von Sternen; die Milchstrasse folgt genau der Talrichtung. Die schwarze Pyramide des Altenorenstocks, die den Talabschluss sperrt, scheint ewig in gleicher, unerreichbarer Ferne zu bleiben. An einer morastigen Stelle vervielfacht sich die Pfadspur. Der Lichtkegel beleuchtet hier nichts als schwarzen Sumpf, und man hat Mühe, nicht unversehens bis über die Knöchel in einer Pfütze zu versinken. Wird der Kater vor diesem schmierigen Hindernis nicht endlich kehrtmachen«Miau! » ertönt es von der Seite, und schon huscht mir das Katzenwesen wieder vor die Füsse.

Gedämpft schallt das Rauschen des Wallenbaches aus der Tiefe herauf, und kaum vermag da und dort ein Schimmer seiner weissen Gischt das Dunkel zu durchdringen. Allmählich verliert sich die Schafweide im Geröll. In Serpentinen ersteigt der Pfad die Blockhalde unter dem Gemsfayrenstock. Fast bei jeder Kurve erwartet uns der Kater auf einem Blocke sitzend, begrüsst uns mit höflichem « Miau! » und eilt weiter, um das Spiel beim nächsten Rank zu wiederholen. Zeitweise auch drückt er sich seitwärts unter eine Block-kante und nimmt da unser Defilee ab, worauf er die nächste Kehre schneidet und plärrend von der Flanke nachgestiegen kommt.

Vor der schärfsten Steigung schalten wir noch eine Rast ein. Weil wir alle ein bisschen Hunger verspüren, schneide ich einen Salametti in dicke Scheiben und verteile die Wurst redlich unter alle vier Kameraden, einschliesslich des Katers. Gierig schnappt der wackere vierbeinige Berggänger nach der pikanten Stärkung. Beim Aufbruch fällt mir ein, das Tierchen könnte müde sein. Ich lade es auf Schulter und Rucksack, um es ein Stück weit den Steilhang hinaufzutragen, und empfinde die Katzenwärme ganz angenehm an meinem Halse. Die Herrlichkeit dauert jedoch nicht lange; nach einigen zwanzig Schritten spüre ich gleichzeitig eine plötzliche Gewichtserleichterung am Rücken und eine Abkühlung am Nacken: mit kühnem Satz auf einen Steinblock hat sich der Kater wieder seine Katzen-freiheit errungen.

In fahlem Weiss glimmert aus der Schlucht das Altschneeschild herauf, das am Fusse des Altenorenstocks den Bachlauf überbrückt. Noch einige Kehren, und der Hang legt sich zurück. Die erreichte Mulde der obersten Talstufe durchschreiten wir fast ebenaus in Richtung auf die Gletscherzunge des Claridenfirns, die zwischen abgeschliffenen Felsmutten herunterlappt. Linkerhand schattet der Kamm des Altenorenstocks vor dem Nachthimmel, und von seinem horizontalen Rücken hebt sich auch schon die Kontur der Claridenhütte ab. Im Hintergrund der Talmulde überschreiten wir den Wallenbach. Als « heiliger Katzen-Christophorus » nehme ich dabei unsern Vierten im Bunde auf den Arm, damit er keine nassen Pfötchen riskiere.

Nach Ersteigung der Moränenhalde, die sich an die senkrechte Wand des Altenorenstocks anlehnt, suchen wir eine Zeitlang vergeblich nach dem Anfang des drahtseilversicherten Wegleins, das in den Fels gesprengt ist. Abschüssige Bänder, die bald an lotrechten Pfeilern verlaufen, bald zu schuttbedeckt sind, als dass es sich um einen oft begangenen Hüttensteig handeln könnte, führen uns mehrmals in die Irre. Derweil ich suchend um Kanten und Ecken herumleuchte, meldet Röbi, er habe das Ende des Drahtseils in der Hand. Kaum sind wir bis zur Mitte der steinernen Himmelsleiter gelangt, als sich droben auf einem Felsköpfchen die Silhouette des Katers abzeichnet, der dort schon unser harrt.

Dunkel und verlassen steht da die Claridenhütte, 2457 m, den verschlossenen Läden nach noch unbesucht. Wir betreten den Winterraum und gewahren zu unserer Überraschung im Lichtstrahl der Taschenlampe vier Schläfer auf den Pritschenhürden, bis zur Nasenspitze in die Wolldecken eingewickelt. Zwei Basler klettern aus dem Oberstock herab und sind uns in liebenswürdiger Weise behilflich, die Petrollampe anzuzünden und die Herdglut wieder anzufachen. Über unsern vierbeinigen Begleiter sind die beiden Beppi nicht wenig verwundert. Freilich, es gibt am Spalenberg und Kohlenberg manches Kätzchen, das im Leben nie erfährt, was 1100 m Steigung sind, und diese Strapaze auch wohl für den besten Messmocken nicht auf sich nähme.

Bald setzt uns Gertrud einen Krug Tee und eine Schüssel dampfender Suppe auf den Tisch. Sie füllt auch der Katze einen Teller, und mit Behagen läppt diese ihr Süpplein. Unnötig zu erwähnen, dass der Kater nachher auch Speck und Sardinen mit uns teilt. Im Verlaufe unseres Mahles entdeckt Röbi, dass sich das Kätzchen in einem unbewachten Augenblick über das Wasser im Eimer hergemacht hat, das schliesslich nicht dazu da ist, ein wenn auch noch so niedliches Katzenmäulchen zu waschen. Röbi bringt den Kessel auf einem Hocker in Sicherheit und schöpft dem durstigen Kater dessen Wasseranteil in ein Tellerchen, das zweimal nachgefüllt werden muss, bis der mächtige Brand der ausgerissenen Hauskatze gelöscht ist.

Nun aber wird es Zeit zur Nachtruhe. Leider haben sich die zeitig eingetroffenen Hüttengäste am Wolldeckenvorrat so reichlich bedient, dass für uns nur noch eine Decke pro Nase übrigbleibt, etwas wenig für eine kalte Oktobernacht.

Fröstelnd versuchen wir einzuschlafen. Zwischen Tisch- und Stuhlbeinen hört man noch Krach und Pfotengetrippel. Über ein Weilchen scheint dem Kätzchen die unergiebige Mäusepirsch verleidet zu sein. Behutsam kommt es über meine Wolldecke angeschlichen, legt sich hin, schmiegt sich eingerugelt an mich und beginnt zu schnurren. Wie ich mich einmal drehe, benützt der Kater die Gelegenheit, gar noch unter die Decke zu schlüpfen. Seine zwei Quadratdezimeter Wärme, die er mir spendet, sind mir jedoch gar nicht so unwillkommen, obzwar sie nicht ausreichen, mir die minimale Schlaftemperatur zu vermitteln. Zum Zeitvertreib halte ich Zwiesprache mit dem graubepelzten Nachtlagergenossen:

« Was ist dir eigentlich eingefallen, du lausiger Kater du, mit uns über eine Höhendifferenz von mehr als tausend Metern von deiner Alpentrift zu unserer einsamen Hütte aufzusteigen? Dein wohlgenährtes Aussehen beweist, dass du es bestimmt nicht nötig hattest, unsern nach Wurst und Käse riechenden Rucksäcken zu folgen. Ebenso gewiss war es dir auch klar, dass in dieser unwirtlichen Höhe weder zarte Katzenweiblichkeit noch weibliche Katzenzärtlichkeit anzutreffen ist. Offenbar hast auch du ein Rädchen zuviel oder eine Schraube zuwenig in deinem Köpfchen, sonst wärest du nicht unter die Bergsteiger gegangen. Was aber soll nun morgen aus dir werden? Willst du uns noch bis zum Gipfel des Claridenstocks nachstreichen und am Ende im klaffenden Bergschrund deine arme Katzenseele aushauchen? Das dürfen wir nicht zulassen, denn deine Krallen sind auch gar unzulängliche Steigeisen für hartes Eis. Also müssen wir dich in die Hütte einschliessen bis zu unserer Rückkehr. Dann aber bleibe eingedenk, dass eine SAC-Hütte kein Sägemehl-trückli und Gertrud keine Abwartefrau ist. Und abends müssen wir dich zum Käsboden zurückbringen. » Meine Gardinenpredigt muss den stolzen Kater beleidigt haben, denn sein Schnurren ist auf einmal verstummt.

Nach langem Hindösen wende ich mich aufs neue an den molligen Mitschläfer: « Entschuldige mich, du ungebetener Gast, ich muss einmal austreten! » Von der Rampe zu Häupten ertaste ich Brille und Taschenlampe. Wie ich hinter mir die Türe schliessen will, klemmt sich der Kater dazwischen, und gemeinsam treten wir in die klare Nacht hinaus. Nachdem ich hinreichend in die Sterne geguckt habe, die da flimmern über dem firn-gleissenden Scheitel des Piz Rusein, schaue ich mich vergeblich nach dem Kater um. Er ist verschwunden, und mein Lockruf verhallt nutzlos an den düstern Felsmassen in der Runde. Da ich in den blossen Socken auf dem nackten Gestein kalte Füsse bekomme, ziehe ich mich bald auf meine relativ doch noch wärmere Pritsche zurück.

Wie ich endlich so ein bisschen am Einnicken bin, schiesst plötzlich Gertrud in die Höhe und ruft: « Du! es isch ja scho sächsi! » Prompt springt Röbi auf, ergreift den Eimer und stürzt aus der Hütte, um drunten am Gletscherbach Wasser zu holen. Dem erkalteten Herd müssen wir lange zutun, bis das Holz endlich Feuer fängt. Mit dem Röbi und dem Wasser kommt auch der verloren geglaubte Kater wieder angeschritten. Ein Teller warmer Kondensmilch belohnt ihn für seine Rückkehr. Nach dem Frühstück trägt ihn Röbi vor die Hütte, um ihn mit dem Kodak zu porträtieren, damit wir ein Andenken haben an unsern vierbeinigen Bergkameraden. Darnach flieht das Kätzchen wiederum hinter die Hütte -und bleibt verschwunden auf Nimmerwiedersehen.

Mittlerweile haben sich auch die andern Schlafgänger erhoben und zu Tisch gesetzt. Wir aber packen, nachdem wir unsere Hüttenpflichten erfüllt, die Säcke und brechen auf, Richtung Claridenstock. Vom Felsenriff, das flach in die Gletscherzunge hinausragt, hielt ich während des Anseilens letzte Ausschau nach der Hüttenumgebung, konnte aber das Kätzchen nirgends entdecken. Während des prachtvollen Aufstiegs gedachten wir noch öfters unseres treuen Begleiters, besorgt darum, ob er auch ohne « Katzen-Christophorus » den Übergang über den Gletscherbach finde. Wir trösteten uns mit dem allgemach bekannten Ortssinn des Katzenvolkes und wünschten unserem bergsteigenden Strolchenkater von Herzen glückliche Heimkehr.

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