Eindrücke und Begegnungen

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

VON JOHANNES WANDERER

Mit 3 Bildern ( 49-51 ) Als Knabe unterwegs Als kleiner Bub erlebte ich einen Föhnsturm im Zuger Land. Naturgewalten interessierten mich von jeher; auch hoffte ich damals, vielleicht das Fliegen lernen zu können. Die von den Dächern herunterklatschenden Ziegel und die entwurzelten Bäume beunruhigten mich nicht besonders. Man hätte ja vorher schon wissen können und sollen, dass ein Sturm gefährlich sei, folgerte ich. Diese an Stoizismus grenzende Einstellung kam mir in meinem ganzen Leben wiederholt zugute; tatsächlich blieben meine Angehörigen und ich in zahlreichen gefährlichen Situationen von Unfällen verschont, wenigstens im Bereiche der Berge.

Ende Januar 1913 war 's, als mich mein Vater von Weesen nach Walenstadt führte, und zwar dem Nordufer des Walensees entlang. Anfänglich erfreuten wir uns an blühenden Enzianen. Später erwiesen sich die im Winter steinschlägigen Lawinentrichter bei Laubegg-Stäfeli auf etwa 1400 Meter als keineswegs harmlos. Da ich zeitweise bis zum Kinn im Schnee steckte, war es für meine erst fünfzehnjährigen Beine ein « Krampf ». Die Uhr lief rascher, als wir es wünschten, und im Laufschritt erreichten wir den letzten Zug in Walenstadt.

An einem schönen Sommertag marschierten wir von Siebnen auf den Fluebrig und zurück, was wegen der Bahnverbindungen ebenfalls innert 12 bis 13 Stunden ausgeführt werden musste. Ein Postauto ins Wägital existierte damals noch nicht. Mein Vater vertrat den Standpunkt, wenn möglich nicht auswärts zu übernachten, auch nicht im Heu, und keine Laterne und kein Bergseil mitzunehmen, da letzteres nur für Bergführer sei. Dadurch kamen wir gelegentlich in Zeitnot und Kletterschwierigkeiten. Später zog ich aber meine Lehren daraus, indem unsere kleinen und grossen Kinder schon frühzeitig mit Seilsicherungen vertraut gemacht wurden. Auf unserem Dachboden übten sich bereits fünfjährige Kinder im Abseilen, was auch den Zuschauern vergnügliche Stunden bereitete.

Noch als Schüler unternahm ich eine Fusswanderung von Männedorf nach Lichtensteig, um dort einige Ferientage zu verbringen. Am späten Nachmittag landete ich im Schnee südlich des Schnebelhorns. Indem ich notdürftig Schuhe und Socken trocknete, bewunderte ich ergriffen und mich vergessend den vielfarbigen Sonnenuntergang. Erst nachher erfasste ich fröstelnd die Tatsache, dass es bald Nacht sein werde. Eine grosse Wächte nahm ich im Sprung, um hernach zu erkennen, dass ein Nachtquartier höchst nötig sei. Mit grösster Mühe arbeitete ich mich wieder durch die verschiedenen Schneeanhäufungen aufwärts und fand bei stockdunkler Nacht einen verschlossenen Stall in der Nähe der Schindelberger Höhe. Unter Hemmungen schlug ich ein sehr kleines Fenster ein, konnte mit schlangenähnlichen Bewegungen hineinkriechen und hoffte, in der leeren Krippe schlafen zu können. Allerdings musste ich schlotternd immer wieder Turnübungen unternehmen. Leider fehlten mir vor allem Zündhölzer und Lampe. Nach einer nicht endenwollenden Nacht entdeckte ich im Nebenraum viel Heu, fand es aber doch nötig, den Weiterweg anzutreten, um ein Aufgebot einer allfälligen Suchexpedition rechtzeitig zu verhindern. Ich begab mich erst in den 40 Zentimeter hohen Neuschnee, nachdem ich meine Visitenkarte mit entsprechendem Hinweis in das defekte Fenster eingeklemmt hatte. Nach vielen Monaten erschien dann eine Rechnung von Fr. 2., welche ich freiwillig mit Fr. 5. beglich. Meine Schulkameraden beneideten mich um meine selbständigen Wanderungen jeweils gebührend; mir aber bedeutete der prachtvolle Sonnenuntergang vor dem Wetterumschlag viel mehr als ihre Bewunderung.

Balmhorn-Südaufs tieg Als nach verschiedenen familiären Bedrängnissen zu allem Überfluss auch noch die Krisenjahre berufliche Schwierigkeiten brachten, bedurfte ich keines weiteren Anstosses mehr, um der Überzivilisation zeitweise den Rücken zu kehren. In solchen Situationen waren die Berge meine treuesten Freunde. Mit zunehmendem Alter traf ich allerdings eine gewisse kritische Auswahl oder wandte mich bestimmten Berggruppen zu. öfters träumte ich von Berufswechsel; als diplomierter Bergführer oder Schafhirt würde ich zwar auch nicht immer ein unbeschwertes Leben geniessen können, aber ich nahm mir vor, mein Schicksal besser in die Hand zu nehmen. Da jedoch die Genfer Militär-instanzen auf meine Mitwirkung wegen rachitischer Anlagen verzichten wollten, nützten alle meine Einwendungen als sogenannter Bergführer nichts mehr. Lastentragen war ja nicht gerade meine Stärke. Damals gab es auch keinen Mangel an undiplomierten Schafhirten, welche die kleine Entlohnung noch nötiger hatten als ich, so dass ich auch diese verlockenden Pläne fallenlassen musste.

Beim Aufstieg aufs Balmhorn ( 3709 m ) über den sehr steilen Fluhgletscher musste ich mich vorwiegend auf meinen Feldstecher und meinen Instinkt verlassen. Anscheinend hatten die Erstbegeher diese Route nicht sehr genau beschrieben und reichlich viel Zeit benötigt, was ich glück- licherweise erst viele Jahre später erfuhr. Bei der Erkletterung der untersten Felsstufe westlich der Die photographischen Aufnahmen der abgebildeten Pläne und Figuren sind mir in verdankenswerter Weise von Herrn Dr. Anati, Direttore del Seminario et Centro Camuno di Studi preistorici, mit Erlaubnis zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt worden. Um die Wiedergabe der Zeichnungen zu verdeutlichen, sind sie mit verdünnter Kalkfarbe, die nachher leicht entfernt werden konnte, überstrichen worden W. Blumer 46 Figuren auf Felsen bei Naquane, Capo di Ponte. Bronze- und Eisenzeit Gitzifurgge brachte ich kleine Wegzeichen für den Abstieg an. Dann galt es, zwei geheimnisvolle Eishöhlen mit interessanten Gewölbedecken zu besuchen. Auch das Stufenschlagen auf dem Steilgletscher bot Abwechslung. Im oberen, brüchigen Teil war ein sehr grosser Felsblock so rücksichtsvoll, sich vorerst nur langsam zu bewegen, so dass ich rechtzeitig zur Seite springen konnte. Natürlich genoss ich ausgiebig die grandiose Gipfelrundsicht. Aber der junge Senn auf der Fluhalp zeigte gar kein Verständnis für meine Unternehmungslust. « Eine Prügelstrafe gehört eigentlich einem solchen Menschen », sagte er. Ob er mein Tun anmassend fand oder ob er befürchtete, ich könnte den Zorn der Berggeister heraufbeschwören, konnte ich nicht mehr ermitteln. Die Walliser Sonne und die Strapazen hatten mir zugesetzt, so dass ich den nächsten Tag mit einer gründlichen Wäsche verbrachte. Daraufhin benützte ich den « Alten Gemmiweg », welcher keine besonderen Schwierigkeiten bot; da er aber sozusagen nicht mehr benützt wird, besteht an Auswahl von Varianten kein Mangel. Vom Tschingelochtighorn wurde damals nur mit Respekt gesprochen. Da die Schichtung günstig ist, fand ich keine Kletterschwierigkeiten. Aus Begeisterung über die schönen Farben der Steine fertigte ich mir nachträglich Bleistiftskizzen an.

Inzwischen waren sämtliche Lebensmittel aufgebraucht, und um den Durst zu stillen, musste ich die gleichen Orangenschalen öfters mit heissem Wasser überschütten. Erfreut nahm ich auf der Alp Unterbächen im Üschinental 1 %Z Liter ungekochte Milch entgegen. Der Preis war aber ( im August 1923 ) so sündhaft hoch, dass meine sehr gute Meinung über die Gastfreundlichkeit der Älpler beinahe ins Wanken kam. Demgegenüber sei aber festgehalten, dass wir im Wallis wiederholt zum Milchtrinken aufgefordert wurden, ohne dafür etwas bezahlen zu dürfen, und im oberen Tessin erfuhren wir unter bescheidensten Verhältnissen eine Güte und Freundlichkeit, wie man sie nur selten antrifft.

Die « gefährliche » Taschenlampe Es liegt mir ferne, eine Bergbevölkerung lächerlich machen zu wollen, nur weil sie mit den modernen Entwicklungen nicht hat Schritt halten können. Schliesslich hatte auch Savoyen einen grausamen Krieg zu spüren bekommen, und die Landesregierung in Paris hatte wichtigere Geschäfte zu erledigen, denn Savoyen liegt ja nicht vor ihrer Haustüre. So durften wir etwa im Jahre 1920 im Zug eine « Notbremse » bewundern, welche als zusammengeknüpfte Schnur durch sämtliche Eisenbahnwagen lief, und wenn man am Ende der Schnur zog, ertönte in der Lokomotive oder im Kohlen-wagen eine grosse Glocke. Bei etwa 15° Kälte war es kein Vergnügen, mehrere Stunden in einem Bahnwagen zu sitzen, bei welchem zwei oder drei Fenster fehlten! Aber wir besassen jugendlichen Optimismus. Wir stellten unsere Kragen hoch; die Handschuhe mussten ausgezogen werden, damit wir den Kochapparat auf einer Sitzbank oder am Boden in Funktion setzen konnten. Höflicher-weise boten wir unser Gebräu auch den mitfahrenden Leidensgenossen an. Wer naiverweise seine kostbaren Skischuhe auf die Dampfheizung stellte, bekam wohl warme Füsse, aber beim Aussteigen blieben die Schuhsohlen an der Heizung kleben, oder sie lösten sich auf. Ob wohl daher der Fachausdruck « Brandsohlen » stammt?

Das ausgedehnte Gebiet der grandiosen Mont Blanc-Berge und die Gastfreundschaft seiner Bewohner einem Fremden gegenüber trotz einsamer, armseliger Hütten haben mich immer wieder tief beeindruckt. Ich durfte dort in einem « Einzimmer-Häuschen » und bei hermetisch verschlossenen Fenstern und Türen neben Grosseltern bis Enkelkindern, neben einer Kuh, Schweinen, Ziegen, Federvieh, Hund und Katzen übernachten, zog dann allerdings später mitunter ein « Freiluftlager » ( ohne Zelt ) vor. Hungrig und müde, wie ich war, wurde ich von einem alleinstehenden « Heu- 7 Die Alpen - 1967 - Les Alpes97 gädeli » angezogen. Der grasmähende Bauer gab mir sofort die Erlaubnis zum Übernachten. Als er jedoch - im Jahre 1920 - meine kleine elektrische Taschenlampe sah, nützten alle Diskussionen und Demonstrationen nichts mehr. Mit tränenden Augen zog mich der Bergbauer am Ärmel von seinem Gaden weg mit der Begründung: « Allez Monsieur, allez! Il est défendu de faire du feu et nous n' avons pas de pompiers! » Aber vielleicht wäre im Ernstfall auch die Feuerwehr zu spät gekommen. Übrigens hat er mich noch mit einem Blick auf meinen Bergpickel gefragt, ob ich aus dem Krieg komme oder ob ich Pflanzen aussteche. Mit geringer Hoffnung nahm ich nach Sonnenuntergang noch einen halbstündigen Fussmarsch auf mich. Am Fusse der Pointe Percée fand ich eine alleinstehende Sennhütte. Ich war nie ein Vielfrass, aber jene Quantitäten an Milch und Käse für ein Trinkgeld waren für meinen knurrenden Magen das Nonplusultra. Als ich mich nach einem Heulager erkundigte, entschuldigte sich der Patron mehrmals, man sei für Gäste nicht eingerichtet und sämtliche Betten und Räume seien besetzt. Ich rechnete schon aus, wie oft ein Vierbeiner wiederum auf meinen Korpus treten werde, und machte mich aufs Schlimmste gefasst; doch durfte ich zu meiner grossen Überraschung auf das Heulager steigen, welches mit sauberen Leintüchern, mit Woll- und Federdecke ausgestattet war.

Bergkameraden Wenn ich auch Individualist blieb, so hatte ich doch immer wieder Gelegenheit, mit vortrefflichen Kameraden schöne Touren zu unternehmen. Vor drei Jahrzehnten war die « Schlosserei » bereits so hoch entwickelt, dass ein « hakenloser » Alleingänger nicht mehr mitkonkurrieren konnte. Dennoch hatte ich die Möglichkeit, immer wieder neue Routen zu entdecken, indem ich mir genügend Zeit nahm, von einer « Normalroute » abzuweichen und dann nochmals um eine « Ecke » zu schauen. Mein Kamerad Heinrich war hell begeistert vom Südgrat und von der Nordwand des Geierspitzli, und neben dem doch sehr viel begangenen Westkamin am dritten Kreuzberg fanden wir eine sehr schmale Südrippe, welche allerdings ein Freibiwak nicht gestatten würde. Unsere Erstbegehungen konnten dank guter Vorstudien meistens wie eine Filmrolle abgewickelt werden, wobei jedoch kein Mangel an frischer Luftzufuhr herrschte.

Dann genoss ich das Vorrecht, mit einem verantwortungsbewussten Arzt Kletter- und Skitouren unternehmen zu dürfen. Auch er konnte sich für unbetretene Gebiete begeistern, besonders wenn die Routen nicht einmal im neuesten Säntisführer erwähnt waren. Dabei lernte ich botanische und naturwissenschaftliche sowie medizinische Gebiete besser kennen. Eine Spezialität meines geschätzten Begleiters war sein « geräuschloses » Klettern unter Vermeidung von Steinschlag. Seine spartanische, gesunde Ernährung liess den über 60jährigen Kletterer mit Leichtigkeit und Geistesgegenwart über Schwierigkeiten hinwegturnen. Auch er war gelegentlicher Alleingänger; mit zunehmendem Alter fand er es aber richtiger und vorsichtiger, schwierigere Touren nicht mehr ohne Begleitung zu unternehmen. Beim Westabstieg von den Widderalpstöcken kletterte er allein und ohne Seilbenützung die heikein Partien auf einer ihm unbekannten Route abwärts, welche erst viele Jahre später und von anderer Seite als « Erstbegehung » protokolliert wurde.

Ein psychologisch interessierter Freund nannte mich vor einigen Jahrzehnten einen introvertierten Skorpiontyp. Die Voraussetzungen für eine halbwegs glückliche Ehe lagen also nicht in meiner Wiege. Aber meine zweite Lebensgefährtin war nicht nur eine gute Hausfrau im üblichen Schweizer Sinn; sie verstand es auch, ihre kleinen und erwachsenen Kinder mit einer gewissen Wärme zu betreuen, ohne den in unserer Familie ausgeprägten Freiheitsdrang allzuviel einzuschränken. Wenn wir Eltern mit drei hilfsbereiten Kindern unter feierlicher Zeremonie ein Pfännchen erhitzten und nach einem eher mageren Abendessen ausnahmsweise in den Alpen in einem ( aus Gewichtsgründen nicht allzugrossen Zelt übernachteten, war dies nicht besonders komfortabel, aber es festigte das Zusammengehörigkeitsgefühl, und man freute sich allgemein aufs Aufstehen, was in einem weichen Bett nicht immer der Fall ist.

Als meine Bergkameradin mir erstmals den « Schlangenmenschen » oder andere Kunststücke vorführte, zweifelte ich nicht daran, in ihr eine gelehrige Kletterschülerin gefunden zu haben, was anderseits meiner turnerischen Unfähigkeit nur zugute kam. Auch erinnerte ich mich an die Schriften eines Norman-Neruda. Als er seine zukünftige Frau kennengelernt hatte, soll ihm der berühmte Klucker « das Ende seiner Bergsteigerkarriere » prophezeit haben. Norman ging aber trotzdem später als Alleingänger auf die Dent Blanche, was ich nicht zur Nachahmung empfehlen möchte, mir aber doch mächtigen Auftrieb gab.

Meine Frau ist zwar kein sportlicher Typ, aber sie hat unter anderem die unschätzbare Eigenschaft, in wirklich gefährlicher Situation nicht zu versagen, sondern in fast sachlicher Art das einzig Richtige zu unternehmen. Ist es daher zu verwundern, wenn ich mit einem solchen Menschen immer wieder sehr gerne Bergtouren unternahm, auch wenn ich von Natur aus eher Einzelgänger bin. Im Laufe der Jahre erwarben wir uns unter den verschiedensten klimatischen Verhältnissen gemeinsame Lehrbriefe vom Salève bis zu den Kreuzbergen, an Altmann-Ost und -West, den Kleinen Mythen, am Largo 1, Bacun, Piz Palü, Claridenstock, Piz Segnas, Grande Chenalette usw. Dabei hielten wir uns nicht immer an die üblichen Routen, durften dafür manch lehrreiche Überraschung und erfreuliche Entdeckung erleben.

Elmsfeuer Der Feldstecher hatte uns wieder einmal getäuscht. Der Aufstieg über den Griessgletscher aufs Kleine Scherhorn brauchte viel Zeit, denn die verlockenden, rötlich warmen Felsen waren brüchig und teilweise von Wassereis überzogen, so dass wir unser Seil verlängerten und lieber auf dem steilen Gletscher Stufen schlugen. Glücklicherweise waren wir gut aufeinander eingespielt. Beim Übergang aufs Grosse Scherhorn ( 3294 m ) sahen wir viele hundert Meter unter uns ein grandioses Gewitter. Vorerst fühlten wir uns noch sicher; dann aber glaubten wir, Ameisen auf dem Kopfe zu haben, die Pickel surrten verdächtig und liessen bläuliche Funken springen. Später spürte ich vorübergehend eine bleierne Schwere, welche verschwand, sobald sich der Wind drehte. Auf dem Grat gab es kein Ausweichen vor dem Gewitter, und erst beim Abstieg durften wir uns beeilen. Unterhalb des zerrissenen Griessgletschers konnten wir unter einem dürftigen Überhang einen Kaffee brauen, während uns ein ausgiebiger Gewitterregen erfrischte. Etwa dreiviertel Stunden oberhalb des Klausenpasses kam uns unser sechsjähriger Knabe lächelnd entgegen. Wir hatten ihn ( wie schon mehrmals ) ohne Bedenken in der Gegend unseres Zeltes zurücklassen können. Während unserer Abwesenheit hatte er das Zelt mit Blumen geschmückt. Den Tagesproviant musste er gut einteilen, denn wir hatten unsere Schlafstätte schon vor dem Morgengrauen verlassen.

Cima dal Largh und Bacone Es gab Jahre, da glaubte ich, nicht ohne eine Besteigung des Largo und Bacone auskommen zu können. So zogen wir, mein Bergkamerad Heinrich und ich, im Oktober 1938 auf den Largo. Die 1 Die neue LK schreibt Cima dal Largh; Kletterer nennen ihn aber heute noch Largo.

am Rücken baumelnden Kletterfinken konnten wir nie benützen, weil alle Nordpartien mindestens 40 Zentimeter Neuschnee aufwiesen. Mit den genagelten Schuhen waren unsere Kletterkünste nicht immer elegant. Die klammen Finger und eine glitschige Stelle am letzten Turm liessen mich ins Seil fallen. Aber die Sicherung funktionierte vorzüglich. Dabei hatte ich Gelegenheit, das sich drehende Panorama so lange zu betrachten, bis ich wieder festen Boden unter den Füssen fand.

Ein besonders erfreuliches Erlebnis war für mich eine Largobesteigung, als mein 16jähriger Sohn die ganze Kletterpartie anführte, so dass ich erst im Abstieg als « Bremser » wirken musste. Während der schönen Kletterei liess der Regen nach, ja, die Sonne blinzelte von Zeit zu Zeit durch eine Wolkenritze. Kaum waren wir aus dem Seil herausgeschlüpft, da öffnete Petrus alle himmlischen Schleusen. Dies tat jedoch unserem Appetit nach einer heissen Abendsuppe keinen Abbruch; unter der Regenpelerine kniend, löffelten wir das Geköch mit Hochgenuss.

Wahrscheinlich wird der Bacone nicht so häufig wie der Largo bestiegen. Ersterer erlaubt aber noch mehr Varianten, welche meine Bergkameradin und ich gerne benützten. In der Südwand des Bacone befindet sich auf etwa 3000 Meter ein entzückendes Blumengärtchen, welches den Bergfahrer durch seine intensiven Farben bezaubert.

Im Bergeller Führer vom Jahre 1922 ist die Forcola del Riciöl ( 3033 m ) als Übergang beschrieben. Wegen eines Bergsturzes ist der direkte Ostabstieg schon seit Jahren nicht mehr praktikabel. Man überschreitet daher den Ostgrat des Bacone, um eine ausweglose, gefährliche Situation zu vermeiden.

Eine Bergtour, die ins Wasser fiel Am B. August 1951 wurden die Eisenbahnbrücken von Ponte Brolla und Samedan fortgerissen. Im untern Bergell soll ein Car mit etwa 19 Personen fortgeschwemmt worden und ein italienisches Kleinkind im Auto ertrunken sein, während seine Eltern im Zollgebäude die Formalitäten erledigten. Andere Autos mussten abgeschleppt werden, und Zeltleute im Engadin bekamen mehr Wasser von Himmel und Erde zu spüren, als ihnen lieb war. Auch wir machten ungemütliche Bekanntschaft mit einem Übermass an Nässe; jedoch sind wir heute noch dankbar, dass niemand von unserer Familie auch nur den kleinsten gesundheitlichen Schaden davontrug.

Als krönender Abschluss unserer Ferienreise sollte eine Familientour auf den Piz Morteratsch ausgeführt werden. Ich hatte eine Vorliebe für diesen Berg und glaubte, ihn auch gut zu kennen. Noch war nicht entschieden, ob wir eine oder zwei Seilpartien bilden wollten, ob jemand beim Zelt oder in den windgeschützten Felsen der Fuorcla da Boval zurückbleiben möchte. Da im Sommer die Bovalhütte öfters überfüllt ist, schliefen wir etwa dreiviertel Stünden von ihr entfernt, südlich der Pasculs da Boval. Ausnahmsweise leisteten wir uns den Luxus von zwei Zelten. Die kleinen Gras-partien mussten mit den Pickeln von Steinen gesäubert und geebnet werden. Der beruhigende Abend liess uns genügend Zeit, alles Nötige ohne Hast auszuführen und die faszinierenden Himmelsfarben zu bewundern, vielleicht einen Grad zu schön und zu seltsam. Frühzeitig verkrochen wir uns ins Zeltinnere. Gegen Mitternacht schien die Erde zu zittern. Blitz, Donner und Hagel folgten sich, Sturzfluten ergossen sich auf unsere Zeltdächer, und in nächster Nähe bewegten sich Steinblöcke, was mir gar nicht gefiel. Unser modernes Bergzelt hatte uns nie im Stiche gelassen. Diesmal liess es viel Wasser durch, da sich die Heringe gelöst hatten. Mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen musste ich schwere Steine auf die Bodenbefestigungen legen. Vorsichtigerweise schob ich eine Regenpelerine in das andere Zelt, in welchem unsere 13- und I ljährigen Knaben schliefen. Jenes veraltete, unkomplizierte Zeltmodell überstand alle Stürme und Wassergüsse. Morgens um 5 Uhr regnete es immer noch. Wir hatten nicht allzuviel geschlafen; einzig unser jüngerer Knabe war erstaunt, dass wir überhaupt zusammenpackten. Er hatte ausgezeichnet geschlafen und sich selbst durch das schlimmste Unwetter nicht stören lassen. Natürlich hätten wir nach dreiviertel Stunden in der Bovalhütte Unterkunft finden können. Wir waren aber doch froh, im Zelt ausgeharrt zu haben, denn unsere Buben hätten nachts im weglosen Gelände verunglücken können. Da mit einer Wetterbesserung nicht zu rechnen war, wollten wir so rasch als möglich unser Auto neben der Station Morteratsch aufsuchen. Bereits freuten wir uns auf trockene Kleider und ein höchst nötiges Frühstück ohne Regenzusatz. Unterhalb des mehr als harmlosen « Bovalkamins » überfielen uns Sturm und Hagel aber dermassen, dass wir zeitweise kniend unsere zwei Knaben an der Hand hielten; sonst wären sie uns entrissen worden. Immer wieder munterte ich sie mit dem in Aussicht stehenden, ausgezeichneten Frühstück auf. Bevor wir die sonst liebliche Stelle Chünetta ( Wiege ) erreichten -der Ausdruck kam uns unpassend vor -, war der schmale Weg auf einer Länge von etwa 25 Metern vollständig überschwemmt, und es liess sich vorerst nicht abschätzen, wie tief und wie reissend das « Flussbett » sein könnte.Von einer Umgehung versprachen wir uns keinen Nutzen, da wir dem vielen Wasser doch nicht hätten entrinnen können. Wir befanden uns offensichtlich in einer Sackgasse und wollten nicht riskieren, dass unsere Knaben von den Sturzfluten über die Felswand geschwemmt würden.

Meine Naturverbundenheit war von jeher so stark, dass ich auch in solch scheinbar aussichtslosen Situationen keine Angst empfand. Aber wahrheitsgetreu muss erwähnt werden, dass ich damals nur den einen Wunsch hatte: meine Lieben in Sicherheit zu wissen. Wir retteten uns aus der gefährlichen Lage mit der altbewährten Methode: Anseilen und Sichern. Den Abstand nahmen wir so gross, dass stets nur eine Person im tiefen Wasser watete, wobei die zwei Knaben abwechslungsweise bis zur Brust darin standen. Dank unserer stets hilfsbereiten Gefährtin gelangten wir verhältnismässig gut durch die reissenden Fluten. Der sensiblere unserer Knaben fand die Lage nicht gerade vergnüglich, während der andere ( mit dem guten Schlaf ) lächelnd aus den Wogen stieg. Vielleicht freute er sich, dass seine Eltern ausnahmsweise der durchnässten Kleider wegen nicht schimpfen konnten. Das seit zwei Stunden erhoffte und gepriesene Frühstück schien jetzt wirklich in greifbare Nähe zu rücken. Doch: « Mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten! » Da es am Vortage sehr heiss gewesen war, hatten wir unseren Wagen im Schatten parkiert. Noch nie hatte sich meines Wissens dort ein Bächlein gezeigt. Staunend sahen wir nun aber, wie im Innern unserer Amphibienkutsche Halbschuhe und andere Gegenstände friedlich umherschwammen. Das Auto stand am Rande eines neu gebildeten Sees und musste abgeschleppt werden. Wie froh war ich ( und auch der Garagist ), dass ich von früh auf das Unterwasserschwimmen intensiv geübt hatte, denn das Stahlseil musste einen guten Meter unter dem Wasserspiegel an der Autoachse befestigt werden. Hernach empfand ich ein fröstelndes und prickelndes Gefühl - man konnte ja nicht wissen, wie tief der Wagen noch im See versinken wollte -, als ich, immer tiefer im Wasser sitzend, das Auto rückwärts um einen unsichtbaren Felsen herumsteuern und die « Unterwasserbremse » betätigen musste. Trotz dem anhaltenden Regen hielt ich das Fenster geöffnet, um im Notfalle durch einen Hechtsprung das Auto blitzschnell verlassen zu können. Darnach verging das Prickeln; dafür nahm das Frösteln zu, und ich sehnte mich nach trockenen Kleidern.

Der grauhaarige Maschinist Juon des Elektrizitätswerkes brachte uns spontan Hilfe, ehe wir nur einen Wunsch äusserten. Er bot einen Abschleppwagen mit Motorwinde auf, und wir erhielten viel heisses Wasser für das längst fällige Morgenessen. Als seine Frau aus der Ferne rief, sie hätte jetzt keine Zeit, verlangte er von ihr dringend ein grosses Badetuch nebst heissem Wasser.

Wir hatten sonst die Gewohnheit, einen grossen Kleider- und Proviantsack auf den Autoboden zu legen. Aus vorerst unbegreiflichen Gründen hatte ich jenen Sack am Vortage, bei schönstem Wetter, ausnahmsweise auf den hintern Sitzplatz gelegt. Dadurch blieb der Inhalt trocken und konnte rechtzeitig ins Elektrizitätswerk hinübergerettet werden. Nachdem das Motorenöl im Auto durch unerwünschte Wasserfluten herausgeschwemmt worden war, musste es zweimal erneuert werden. Darauf konnten wir unbehelligt heimfahren. Ausserhalb Chur waren wir erstaunt, wie ein sonst unscheinbares Bächlein die Strasse verwüstete, so dass die Feuerwehr aufgeboten werden musste. Am gleichen Abend genossen wir ein heisses Bad zu Hause und stellten aufatmend fest, dass niemandem von unserer Familie auch nur ein Haar gekrümmt worden war. Einzig das Auto rächte sich für die unwürdige Behandlung, indem die schönen roten Lederpolster noch lange Zeit unsere Sonntagskleider rötlich « anlaufen » liessen.

Die « grosse » Felszeichnung Vor langer Zeit schrieb mir ein inzwischen verstorbener Naturfreund von einer « grossen » Zeichnung, der Darstellung eines Maultieres oder Lammes im Weisstannental, welche angeblich von den Waisern aus dem 14. Jahrhundert stammen sollte. Natürlich wollte ich diese Gravierung kennenlernen. Es brauchte fünf Reisen, denn jenes Bild ist nicht leicht zu finden, und die jüngere Generation interessiert sich kaum mehr dafür. Mit meiner Lebenskameradin ging 's vorerst einmal zum einsamen Plattensee im Calfeisental. Auch mit einem jungen Lehrer und im Alleingang untersuchte ich ( mit einem Feldstecher und abseilend ) erfolglos viele Felsplatten oberhalb der Engla-Alp, etwa auf 2000 Meter. Immerhin fanden wir prachtvolle, nicht benützte Weiden, Türkenbund und andere Kostbarkeiten, auch Steinböcke, ein Schneehuhn mit fünf zierlichen Jungen, und die Begehung war in jeder Beziehung abwechslungsreich. Junge Gemsen benützten bei sommerlicher Wärme Schneepartien ( nördlich des Ritschlijochs ) zu wiederholten Abfahrten, während die älteren die Umgebung bewachten. Unter herrlichen Wasserfällen tranken wir andächtig Wasser, ohne eine Vergiftung riskieren zu müssen. Endlich fand ich kniend die verwitterte, etwa zwei Millimeter tiefe Gravierung. Aber das angeblich « sehr grosse »Tier ist in Wirklichkeit nur sechs Zentimeter hoch!

Bekanntlich bestand bis Ende des letzten Jahrhunderts kein direkter Zugang von Mels nach Weisstannen. Wenn man bedenkt, dass im 14./15. Jahrhundert beladene Maultiere vom Calfeisental über das Ritschlijoch ( 2438 m ) und über die Steinmad - ein ausgehauenes Wegstück ist heute noch auf etwa 2100 Meter sichtbar - geführt wurden, betrachtet man auch diese primitive Zeichnung mit einem gewissen Respekt.

Schlusswort Durch gelegentlich ungeschickte Handhabung oder durch jugendliche Unerfahrenheit, durch falsche Einschätzung von Zeit, Distanzen oder Schwierigkeiten, also aus Fehlern, welche glücklicherweise nie einen Unfall zur Folge gehabt hatten, namentlich aber auch aus der Literatur und durch häufige Beobachtungen, lernte ich schon in jungen Jahren das ABC des Bergsteigens, soweit sich dies ein Amateur überhaupt autodidaktisch aneignen kann. Einzelne Erstbegehungen unternahm ich weniger aus sportlichem Ehrgeiz; vielmehr reizte es mich immer wieder, eine unbekannte Gegend kennenzulernen. Unbewusst erhofft man nämlich dabei Entdeckungen, geheimnisvolle Erlebnisse, Höhlen-, Kristall- oder seltene Pflanzenfunde. Das Einführen der eigenen Kinder, aus- nahmsweise auch anderer jugendlicher Menschen in die Bergwelt, bringt nicht nur gegenseitige Strapazen, sondern auch Freude und Beglückung, wobei in der Erinnerung letztere überwiegen. Probleme zwischen der älteren und jüngeren Generation, wie sie schon vor Jahrtausenden bestanden haben mögen, lassen sich unter Umständen auf gemeinsamen Bergfahrten erstaunlich gut mildern, besonders wenn die technischen Schwierigkeiten den schwächeren Teilnehmern angepasst werden. Wie schon früher erwähnt, bietet sich auch dem Alleingänger willkommene Gelegenheit, ernste Lebensfragen in Ruhe und Abgeschiedenheit zu überdenken. Nach einem langen Leben überblickt man dankbar die verschiedenen Höhepunkte und gleicht dabei einer Sonnenuhr, welche klugerweise nur die heitern Stunden zählt.

Feedback