Eine alpine Odyssee

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Paul Mackrill, Lans-en-Vercors ( F )

Die erste Überschreitung der Schweizer Viertausender1 Das ( Zuhause ) unserer Familien während unserer alpinen Odyssee 1 Unter einer Traversierung oder Überschreitung eines Gipfels versteht man üblicherweise, dass Auf- und Abstieg nicht über dieselbe Route erfolgen. Im Idealfall handelt es sich um eine gestreckte Linie, die über den Gipfel führt.

Im vorliegenden Beitrag handelt es sich jedoch mehr um eine Aneinanderreihung von Gipfeltouren, wobei Auf- und Abstieg teils über die gleiche Route, teils über eine andere erfolgte.

Die Red.

Ein schwieriger Start Wir waren bereit, zu einer Reise aufzubrechen, die noch niemals zuvor versucht worden war. Drei Jahre Berechnungen, Vorbereitungen und Training, und dennoch befiel uns ein banges Gefühl, als wir starteten.

John Rowlands und ich hatten die Absicht, alle 79 mehr als 4000 m hohen Gipfel der europäischen Alpen zu besteigen und die ganze Strecke zu Fuss zurückzulegen. Auch unsere Familien waren beteiligt, sie sollten die Rolle der Unterstützungsmannschaft im Tal übernehmen.

Am 6. Mai 1988 nahmen wir bei schönem sonnigem und klarem Wetter den Südhang des Piz Bernina auf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien, des östlichsten Gipfels unserer Route, in Angriff. Jeder von uns trug einen Rucksack mit Verpflegung und Kleidung, Ski, Stöcke, Klettergurt und sogar Schneeschuhe. Alle Pfade waren tief verschneit.

Auch die beste Planung der Welt hat auf einen Faktor keinen Einfluss: das Wetter. Wir kamen nicht einmal bis zum Rifugio Mannelli ( 2813 m ), und das, weil es zu heiss war! Wir wurden in einem Amphitheater gestoppt, wo von den verschneiten Hängen niedergehende Lawinen uns den Weg versperrten. Es tut weh, bei solch strahlend klarem Wetter umzukehren, aber mit den Alpen lässt sich nicht spassen.

8. Mai: Wir befanden uns auf 3400 m, versuchten, den Berg von der Nordseite her anzugehen. Seit mehr als einer Stunde war der Gipfel im Nebel verschwunden. Dann begann es zu schneien.

Wenn es in den Alpen schneit, kann mehr als ein halber Meter in der Stunde herunterkommen. Es bestand Lawinengefahr. Wir kehrten um, überwanden unsere Enttäuschung im Bewusstsein, dass heil vom Berg zurückzukehren absoluten Vorrang hat. Als weiter unten der Schnee in Regen überging und die Schneedecke aufweichte, wurde der Abstieg zu einem Alptraum. Es war eine Erlösung, als wir die Bovalhütte ( 2495 m ) wieder erreichten.

Wir mussten vier Tage warten. Ich war ungeduldig. John nahm es gelassener. Seit unserer Ankunft war eine Woche vergangen. Liess sich unser Plan überhaupt durchführen? Nachdem ich zweimal ins Tal und zu meiner Familie zurückgekehrt war, begann ich mich schuldig zu fühlen. Ich versuchte, alle bedrückenden Gedanken beiseite zu schieben. Meine Frau Gill ermutigte mich mit dem Hinweis, wir stünden ja erst am Anfang.

Freitag der 13. gilt nicht als Glückstag, aber für uns war es einer. Wir brachen ein drittes Mal zum Berg auf. Und am nächsten Tag - das Wetter blieb stabil - standen wir auf dem Gipfel des Piz Bernina ( 4049 m ), auf unserm ersten Viertausender.

Der nächste Abschnitt hätte einfach sein sollen: eine Wanderung über verhältnismässig niedrige Alpenpässe. Wir starteten am Tag nach der Gipfelbesteigung; lange genug hatten wir unter dem Piz Bernina festgesessen. Geschwind und munter ging es bis über St. Moritz hinaus, dann nach Westen. Soweit war alles gut. Am nächsten Tag kamen wir zum Forcola-Pass ( 2226 m ). Es war unser erster Pass: 2100 m Aufstieg und sehr mühsames Gehen auf lockerem Schnee. Dann setzte Regen ein. Wir konnten das Aussehen der Pässe nur ahnen. Jeder Tag erforderte eine ebensolche Anstrengung wie irgendein hoher Gipfel. Es würde einfacher werden, redete ich mir zu. Der nächste Pass, der Trescolmen ( 2161 m ), war schlimmer. Beim Überschreiten blieb John mit dem Fuss hinter einer Wurzel hängen und fiel aufs Knie. Die Verletzung quälte ihn bis zum Schluss der Tour.

Nach dem Giümela-Pass ( 2117 m ), unserm dritten, mit noch tückischerem Boden, flüchteten wir auf die Talstrassen; eine Ausnahme bildete der Nufenenpass, dessen nur im Sommer geöffnete Strasse noch unter 10 m Schnee lag. Neun Tage nachdem wir unsern ersten Gipfel bestiegen hatten, trafen wir in Fiesch ein und waren bereit, ins Berner Oberland zu wechseln.

Rechts der Rhone Nach drei Angriffen auf unsern ersten Gipfel und einem heroischen Marsch über vier Pässe erlebten wir jetzt das bis dahin schlimmste Wetter.

Das Oberland ist vom logistischen Standpunkt ein Alptraum. Die gesamte Verpfle- gung und Ausrüstung muss mitgeschleppt werden. Nachdem wir uns entschlossen hatten, zusätzliche Notfall-Verpflegung für eventuelle Wartetage mitzunehmen, war jeder von uns mit 30 kg bepackt. Dann mussten wir diese unhandliche Last 2000 m hinauf zur Konkordiahütte ( 2850 m ), unserm Haupt-stützpunkt, tragen.

Die nächsten dreieinhalb Wochen spielte das Wetter mit uns Katz und Maus. In der Hoffnung auf eine Wetterbesserung zogen wir fünfmal mit unserer Last den Aletschgletscher, den grössten Europas, hinauf und hinunter. Das Ergebnis: Schnee, Wolken, Wind und regelmässig niedergehende Lawinen.

Während dieser vergeblichen Versuche, unsern ersten Gipfel im Oberland anzugehen, erreichte meine Enttäuschung ihrerseits den , als wir beim zweiten Versuch auf 3800 m bis zu einer Schulter des Neben-gipfels des Gross Grünhorn kamen. Ich konnte den Hauptgipfel in geringer Entfernung sehen, hatte das Gefühl, ich könnte fast hinübergreifen und ihn berühren, aber eine weisse flaumige Wolke zog auf und entlud ihre Last über uns. Ich machte meinem Ärger lauthals Luft. Wie machtlos fühlten wir uns gegenüber den Kräften der Natur. Wir mussten wieder absteigen.

20. Juni: unser dritter Angriff auf das Gross Grünhorn ( 4044 m ). Nach einer monumentalen Transportleistung haben wir jetzt oben in der Hütte genügend Verpflegung für eine zweiwöchige Belagerung.

An der von der Konkordiahütte zum Gletscher führenden Felswand sind 100 m Metalleitern angebracht. Ich kenne jede Stufe. Wir zogen die Felle auf die Ski. Dann folgten stundenlange Mühen, um zu sehen, wie weit wir kommen könnten. Ich schaute ständig über die Schulter, weil ich wieder mit einer von einem der Pässe herüberziehenden Wolke rechnete. Wir kamen zur letzten von uns bereits erreichten Höhe und querten über einen scharfen Grat mit faulem Schnee zum Nebengipfel. Dann mussten wir bis zu einem Pass, wobei wir kostbare Höhe verloren. Der anschliessende Felsgrat sah schlimmer aus als er war, und nach weiteren 45 Minuten standen wir auf dem zweiten Gipfel unserer Tour. Der Anfang im Oberland war uns geglückt. Würden wir für jeden Gipfel drei Anläufe brauchen?

Eine Reihe von Erfolgen Schliesslich begann die Sache so zu laufen, wie es uns gefiel. In den nächsten sechs Tagen bestiegen wir sechs Gipfel: Grosses Fiescherhorn ( 4049 m ), Hinter Fiescherhorn 4025 m ), Mönch ( 4099 m ), Jungfrau 4158 m ), Finsteraarhorn ( 4274 m ), Aletschhorn ( 4195 m ). Nicht an einem einzigen Tag war das Wetter wirklich beständig, jeder liess uns im Ungewissen. Aber es gelangen uns alle Gipfel der Region, und damit konnten wir der Konkordiahütte und dem Aletschgletscher endgültig den Rücken kehren. Dieses erfolgreiche Unternehmen war so schnell vor sich gegangen, dass wir schliesslich eine gewaltige Ladung ungebrauchter Lebensmittel zu Tal tragen mussten. Es war die schwerste Last der ganzen Tour.

Das Vorgehen bei unsrer Reise stand jetzt fest. Da wir niemals für längere Zeit auf beständiges Wetter hoffen durften, war es nötig, jede auftretende stabile Lage zu nutzen. So erging es uns beim nächsten Abschnitt, als wir nach Osten zurückgehen mussten, um die letzten beiden Gipfel des Oberlands, das Lauteraarhorn ( 4042 m ) und das Schreckhorn ( 4078 m ), zu besteigen, und gezwungen waren zu warten, bis wir wieder ans Werk gehen konnten.

Zum alpinen Bergsteigen gehört ein gut Teil Spannung und Anstrengung. Schon für den Weg zur Hütte sind gewöhnlich vier bis sechs Stunden nötig. Wir hatten selten mehr Zeit, als um zu essen, uns auf den nächsten Tag vorzubereiten und zu schlafen. Wir brachen zwischen zwei und vier Uhr morgens auf, um zurück zu sein, ehe die starke Nachmittagssonne den Schnee aufweichte. Die eigentliche Besteigung, von der Hütte und wieder zurück, kann je nach den Bedingungen und technischen Schwierigkeiten zwischen sechs und sechzehn Stunden beanspruchen. Wir verbrauchten zwischen 5000 und 6000 Kalorien pro Tag und verloren eine ausserordentlich grosse Menge an Körperflüssigkeit.

Ich nehme anderthalb Liter Wasser mit, die Menge, die ich vernünftigerweise tragen kann. Manchmal erhöhe ich die Flüssigkeits-menge, indem ich die halbleere Flasche mit Schnee auffülle. Während des Tages bekomme ich selten genug Flüssigkeit und ver- bringe den grössten Teil des Abends damit, Tee zu trinken. Dehydratisierung ist in Höhenlagen häufig die Ursache von Kopfschmerzen. Da die Lust zu essen meist gering ist, muss die Nahrung einen Anreiz bieten. Ich nehme Frucht- und Nussschokolade, Dörrfrüchte, Weichkaramellen und Bonbons mit, nach einiger Zeit der Akklimatisierung ausserdem Wurst, Käse und Brot. Selten ist genug Zeit für einen Halt und ein grosses Picknick.

Erlebnisse einer langen Tour Ein entscheidender Faktor, den man nie aus den Augen verlieren darf, ist die Müdigkeit. Wir mussten jeden Tag alle verbrauchte Energie und Flüssigkeit wieder ersetzen. Grosser Appetit ist in diesem Fall eindeutig ein Vorteil. Ständig etwas zu knabbern ist für Diätanhänger verboten, für Alpinisten aber unbedingt nötig!

Bis in den Juli hinein waren wir gut vorangekommen - Weissmies ( 4023 m ), Lagginhorn ( 4010 m ), Strahlhorn ( 4190 m ), Rimpfischhorn ( 4199 m ), Allalinhorn ( 4027 m ), Alphubel ( 4206 m ) -, als uns schliesslich Wetter, Müdigkeit und ein allgemeines moralisches Tief zu einer Pause zwangen. Wir hatten sechzehn Gipfel bestiegen. Bei einwandfreiem Wetter hätte die Gesamttraversierung immer noch möglich sein können, aber John und ich strebten jetzt, realistischer, die noch nie durchgeführte Überschreitung aller 51 Schweizer Viertausender in einem Zug an.

Unser nächstes Ziel war die Besteigung aller Gipfel der Monte-Rosa-Gruppe bis zum Breithorn oberhalb von Zermatt. Wir brauchten dazu, einschliesslich des Weges zur Monte-Rosa-Hütte ( 2795 m ), fünf Tage, dreieinhalb davon hielten wir uns ununterbrochen oberhalb von 4000 m auf. Während dieser Traversierung bereitete mir meine mangelhafte Akklimatisierung Schwierigkeiten.

Die Dufourspitze ( 4634 m ) ist der höchste Gipfel des Monte-Rosa-Massivs; wir bestiegen ihn vom Silbersattel aus durch ein Couloir der Nordseite. Die Route stellte sich als zwei Grad schwieriger heraus als im Führer angegeben - bei einer Skala von sechs Graden ein bedeutender Unterschied. Wir brauchten fast zwei Stunden, und ich verlor eine Menge Schweiss. Beim Abstieg in der zunehmenden Nachmittagshitze über den Südostgrat in Richtung auf die Zumsteinspitze befielen mich plötzlich unbeherrsch-bare krampfartige Atemstörungen. Wir hat- ten gerade angehalten, um etwas zu trinken oder um den Routenverlauf zu prüfen, als ich unvermutet anfing zu keuchen. Mir kribbelte es in den Armen, und ich war ein wenig schwindlig. Nach einer Weile beruhigte sich der Krampf, es blieben einzelne schwere Atemzüge, dann hörte auch das auf. Ich glaube, so etwas ist besonders für den Zuschauer beunruhigend; ich selbst glaubte, mich gut in der Gewalt zu haben, und liess alles seinen Lauf nehmen. John konnte nichts tun, nur warten.

Wir bestiegen an diesem Tag fünf Gipfel -Nordend ( 4609 m ), Dufourspitze ( 4634 m ), Grenzgipfel ( 4596 m ), Zumsteinspitze ( 4563 m ), Signalkuppe ( 4554 mund beschlossen ihn in der höchstgelegenen Hütte der Alpen, der Margherita auf der Signalkuppe. Zur Akklimatisierung ist es richtiger, in der Höhe zu bleiben, als ständig wie ein Jo-Jo auf- und abzusteigen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich unglaublich kräftig.

Die wachsende Zahl von Bergsteigern in den Alpen verursacht eine Reihe von Problemen sowohl in den Routen als auch in den Hütten. Wir verbrachten die nächste Nacht zusammen mit achtzehn andern in einer Hütte, die für sechs bis acht Personen berechnet wurde und in der es an Platz fehlte.

Als die Temperatur auf 25° C gestiegen war und die Luftfeuchtigkeit 100% betrug, wobei man auf 4000 m nicht mehr atmen kann, räumte ich meine Schlafstelle. Ich ging zu John, der draussen biwakierte; es war, als käme ich in einen Tiefkühler. Wir brachen früh auf!

Jede einzelne Aussicht ist atemberaubend, aber wegen der ständigen Notwendigkeit, den Berg zu verlassen, ehe der Schnee weich wird, hatten wir kaum Gelegenheit, sie zu geniessen. Selten hielten wir uns länger als eine Viertelstunde auf dem Gipfel auf. Aber selbst bei diesen so kurzen Zwischen-spielen empfanden wir den Ausblick als absolut hinreissend.

Vom Tal aus wirken die Gipfel fern und sehr hoch. Sieht man hingegen die Täler von oben, so bilden sie tiefe Gräben, die sich in dunkelpurpurnem Dunst dahinschlängeln. Über diesen Tälern liegen die Geländeschul-tern mit ihren Alpweiden, und darüber ragen die Gipfel auf, jeder mit seiner ganz eigenen Form.

Zwei Tage des Kletterns brachten uns über Lyskamm ( 4527 m ), Castor ( 4228 m ) und Pol- Auf dem Ewigschneefeld direkt unterhalb des Mönch lux ( 4092 m ) zum Gipfel des Breithorns ( 4164 m ), das uns mit zweihundert oder mehr Möchtegern-Alpinisten empfing, die nur 350 m tiefer aus einer Seilbahn quollen. Wir vermieden die Bahn, mussten aber stattdessen den mühsamen 5 km langen Weg über die Sommer-Skipiste hinuntergehen.

Als wir das nächste Mal zu den Bergen aufbrachen, hatten wir unsern grössten Erfolg: sechs Gipfel, nämlich Dürrenhorn ( 4035 m ), Hohberghorn ( 4219 m ), Stecknadelhorn ( 4241 m ), Nadelhorn ( 4327 m ), Lenzspitze ( 4294 m ) und Dom ( 4545 m ). Zwei Tage vorher hatten wir, nachdem wir aus dem Tal gekommen waren, daran gezweifelt, irgendetwas unternehmen zu können, und waren zu einem hastigen Biwak zwischen einigen Felsblöcken gezwungen gewesen. Während wir in unsre Schlafsäcke krochen, öffnete der Himmel die Schleusen. Auf den Regen folgte Schnee, begleitet von laut tosendem Donner. Vom Regen gelöste Steine und Schutt rutschten während der ganzen Nacht um uns herum zu Tal. Erstaunlicherweise taten sie uns kaum Schaden, und wir konnten am nächsten Tag eine Gipfelbesteigung verbuchen.

Damit hatten wir total vierzig Gipfel bestiegen. Johns Zeit lief ab, aber wir konnten noch eine weitere Überschreitung, entlang Im Aufstieg zum Weisshorn des herrlichen Nordgrats vom Weisshorn ( 4506 m ) zum Bishorn ( 4153 m ), machen. Damit endete unsre Partnerschaft. John kehrte zurück, um sein neues Amt als Internatsleiter der St. Bees School anzutreten. Ich blieb, entschlossen, die Traversierung der Schweizer Viertausender abzuschliessen.

John und ich hatten als gleichwertige, ebenbürtige Partner begonnen, jeder hatte bei den anfänglichen Vorbereitungen denselben Einsatz an Zeit und Kraft geleistet. Gemeinsam hatten wir mit der Besteigung von 42 Gipfeln in dreieinhalb Monaten bereits bewiesen, dass eine Traversierung aller Viertausender möglich ist. Gemeinsam hatten wir schon viel erreicht und teilten manche Erinnerungen.

Neue Gefährten, neue Mühen Das Wetter wurde absolut schlecht, kalt und nass. Bis wenige hundert Meter über dem Talboden fiel Schnee. Acht Tage lang wartete ich mit Adrian Robinson, meinem neuen Gefährten, und wir nutzten die erste Aufhellung, die sich zeigte.

Der Hüttenwart der Grand-Mountet-Hütte ( 2886 m ) schätzte unsre Chancen nicht hoch ein, ich aber meinte, wir könnten es versuchen. Der Nordgrat des Zinalrothorns ( 4221 m ) liess sich ziemlich leicht an, abgesehen von einem vereisten Felsstück und einer Passage von ungefähr 35 m, in der wir die Route vom Schnee befreien mussten, was aber nicht gefährlich war.

Ein weiterer Tag mit schlechtem Wetter folgte. Das Ergebnis war eine Neuschneedecke, die von jedem Griff und jedem Tritt sorgfältig weggewischt werden musste. Wir brauchten nahezu siebeneinhalb Stunden, um von der Hütte aus über den Ostnordostgrat ( Wellenkuppe ) den Gipfel des Obergabelhorns ( 4063 m ) zu erreichen, also fast das Doppelte der im Führer angegebenen Zeit. Die Bergführer mit ihren Gästen blieben jeweils hinter uns, wir waren für sie zum guten Schneepflug geworden. Der Gipfelgrat verläuft entlang der Kante der Nordwand. Das Eis war so kalt, dass die Feuchtigkeit an meinen blossen Händen gefror und ich regelrecht am Berg festklebte!

Diese langen, mühsamen, anspruchsvollen Tage stellen die körperliche und geistige Ausdauer auf die Probe. Wir durften in unsrer Konzentration keinen Augenblick nachlassen, ein Ausgleiten hätte unweigerlich fa- tale Folgen. Nichts darf dem Zufall überlassen bleiben. Gegen Ende des Tages, wenn die Verhältnisse schlechter werden und Müdigkeit aufkommt, wird es besonders gefährlich. Es ist eine Tatsache, dass eine grosse Anzahl der alpinen Unfälle sich beim Abstieg ereignet. Auch heute war es so. Ein Mitglied einer geführten Gruppe wurde durch einen von einem seiner Landsleute unvorsichtig losgetretenen Stein so ernsthaft getroffen, dass der Verletzte mit einem Helikopter abtransportiert werden musste. Man kann gar nicht vorsichtig genug sein.

Das Matterhorn ( 4478 m ), die Schlüsselstelle unserer Traversierung der Schweizer Gipfel, wollte sich uns nicht ergeben. Adrian war bitter enttäuscht, als ich ihm erklärte, selbst ein Versuch sei zu gefährlich. Die Ostwand ist noch Tage nach einem Sturm schneebedeckt. Der Aufstieg über den Hörnligrat bedeutet 1400 m Felskletterei ( ungefähr so, als wolle man den Ben Nevis auf Händen und Knien besteigen ) mit abschüssigen Bändern, lockerem Gestein und spärlichen Sicherungspunkten. Umzukehren war hart. Gab es aber einen andern Weg?

Fünf Tage später, nachdem ich mit Adrian die Dent Blanche ( 4357 m ) und die Dent d' Hérens ( 4171 m ) bestiegen hatte, bin ich zurückgekehrt und habe das Matterhorn mit meinem dritten und letzten Partner, Peter Edwards, einem in der Schweiz lebenden Briten, bestiegen. Die Traversierung aller Schweizer Viertausender war immer noch möglich. Ich musste noch eine Gruppe von vier Gipfeln des Grand Combin besteigen, und schliesslich meinte ich, über genügend Zeit zu verfügen: sieben Tage für einen dreitägigen Einsatz.

Eine zweitägige Wanderung über hohe vergletscherte Alpenpässe - Pas de Chèvre ( 2855 m ), Col de Cheillon ( 3243 m ), Col du Mont Rouge ( 3325 mbrachte mich nach Fionnay, dann nach Bourg-Saint-Pierre und an den Fuss des Grand Combin. Das Wetter wurde schlecht, als nur noch zwei Tage Anstrengung nötig waren, um die Traversierung der Schweizer Viertausender zu vollenden; es wurde nicht nur schlecht, es brach vollständig zusammen. Die Schneegrenze sank in den nächsten beiden Tagen unter 1700 m. Ein Gespräch mit dem Hüttenwart der Cabane de Valsorey ( 3030 m ) machte deutlich, wie hoffnungslos die Lage sich wirklich präsentierte. Es war ein Meter Neuschnee gefallen.

Die nächsten vier Wartetage, in denen ich in unserm Campingbus sass und den Wolken nachschaute, waren zum Verzweifeln. Der Wind kam aus Norden, und es schneite weiter. Am fünften Tag klarte es auf, nun wurde deutlich, was wirklich geschehen war.

Neuschnee schmilzt bei strahlender Sonne schnell, doch es lag immer noch eine ordentliche Schneedecke, als wir die Hütte erreichten und mit dem Ausruf:

Das erwies sich als richtig, aber auf der andern Seite des Passes versperrte uns eine vier Meter tiefe Stufe zu einem Bergschrund den Weg. Zum ersten Mal in fünf Monaten musste ich an einer Eisschraube abseilen, was auch unter besten Bedingungen eine entnervende Sache ist. In diesem Fall war es zudem stockdunkel, das Eis war sehr spröde und splitterte, als ich die Schraube ein-drehte.

Nach sechs Stunden erreichten wir den ersten Gipfel, den Combin de la Tsessette ( 4141 m ). Mein Partner, der die andern drei Gipfel schon vorher bestiegen hatte, beschloss, dort zu bleiben. So zog ich allein weiter, um mein Unternehmen zu Ende zu führen.

Um die Haupt-Gipfelzone - Aiguille du Croissant ( 4243 m ), Combin de Grafeneire ( 4314 m ), Combin de Valsorey ( 4184 mzu erreichen, musste ich über Stufen die steile Mur de la Côte hinaufsteigen. Oben war ich dann vollkommen allein, umgeben von all den letzten Gipfeln. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, mein Ziel lag in Reichweite.

Ich genoss diese letzten Augenblicke und konnte ein wenig über alles, was hinter mir lag, nachdenken. Doch bis ich auf dem höchsten Punkt des Grand Combin ( 4314 m ) stand, wurde mir die Situation noch nicht wirklich bewusst. Im Osten lagen all die andern Schweizer Gipfel. Jeden von ihnen hatte ich während dieses langen Sommers bestiegen, und meine Fussspuren verbanden alle diese Gipfel mit dem, auf dem ich jetzt stand. Als ich in meinen Kassettenrecorder sprechen wollte, überwältigte mich das Gefühl, mein Vorhaben vollendet zu haben, und mir war die Kehle wie zugeschnürt.

Rückblick und abschliessende Bemerkungen Ich habe alle 51 über 4000 m hohen Schweizer Gipfel bestiegen und dazu, vom ersten erfolgreichen Tag an gerechnet, 130 Tage gebraucht. Der Schweizer Bergführer André George hat die 32 Gipfel im Umkreis von Zermatt im Winter bestiegen, allerdings mit starker Unterstützung durch Helikopter. Wir dagegen haben alle Verpflegung und die gesamte Ausrüstung selbst aus dem Tal hinaufgetragen.

Mir blieben Verletzungen, selbst Blasen, während der ganzen Zeit erspart. Die Schlechtwetterperioden gaben den Muskeln Zeit, sich wieder zu erholen. Ich verlor auch während der ganzen Zeit kein Gewicht, was mich überraschte, denn normalerweise nehme ich im Lauf einer typischen Alpentour drei bis vier Kilo ab. Keiner von uns hatte auch nur eine Spur von Schnupfen oder Erkältung.

Während des ganzen Unternehmens wurden wir von unsern Frauen und Familien aufs beste unterstützt. Wir waren in zwei Cam-pingbussen gekommen, und während wir am Berg waren, schlugen sich unsre Frauen mit Verkehrsstaus und Touristen herum, suchten Campingplätze und nahmen die Alltagsarbeit und die Notwendigkeit, die Kleider von Hand zu waschen, auf sich. Vollkommen erschöpft zurückzukehren, unsre Last fallen zu lassen, die Schuhe auszuziehen und in einem Hafen voller Wärme, Nahrung und familiärer Vertrautheit Zuflucht zu finden, das ist eine gewaltige moralische Unterstützung.

Die Situation hatte aber auch ihre Schattenseite. Jeder Aufbruch war, als verliessen wir unser Zuhause, eine Trennung und ein Sich-Losreissen. Erstaunlicherweise schien das meine Kinder Brendan ( 5 J. ) und Heather ( 3 J. ) nicht sonderlich zu berühren. Der Campingbus war ihr Heim, und ihr Vater ging weiterhin einige Tage fort. Mit der Zeit wurde Brendan das Geschehen stärker bewusst. Als es einmal regnete, erklärte er: Fein, heute kann Daddy nicht in die Berge gehen, es wird schneien. ) Aus dem Englischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern Gill musste mit meiner ständig wechselnden Laune fertig werden. Im Tal war meist das schlechte Wetter an der Missstimmung schuld, ich glaube nicht, dass ich eine besonders angenehme Gesellschaft war. Zudem war Gill rings von Bergen umgeben, konnte jedoch nicht klettern, weil sie durch die Kinder gebunden war. Aber schliesslich ist sie doch noch mit mir zur Cabane de Valsorey auf dem Grand Combin gekommen.

Wir hatten während des ganzen Sommers 1988 unstabiles Wetter. England konnte sich im Mai und Anfang Juni an einem kurzen Sommer freuen, wir erlebten gleichzeitig das schlechte Wetter, das nach Süden abgedrängt wurde. Weltweit verzeichnete man unstabiles Wetter, im United Kingdom gab es den nassesten Juli seit fünfzig Jahren, im Sudan herrschten Überschwemmungen, in den USA eine Hitzewelle.

Wenn man also in einem schlechten Jahr 51 Gipfel besteigen kann, scheint es doch möglich, dass eines Tages alle 79 bestiegen werden. Schliesslich können unsre Nachfolger einigen unsrer Spuren folgen.

Wir haben diesen Angriff auf die Viertausender nicht nur im eigenen Interesse unternommen. Es war für uns auch eine Möglichkeit, Geld für die Foundation for the Study of Infant Deaths ( fsid ) zu beschaffen. Es ist dies die nationale Organisation des United Kingdom, die Studien über die Ursache des plötzlichen Kindstodes durchführt. Sie stellt auch Gruppen zusammen, die den von einem solchen unerklärlichen Todesfall betroffenen Familien beistehen. Bis heute ist es uns gelungen, mehr als £ 3000 zu sammeln.

Technische Angaben Alle Distanzen zwischen den einzelnen Bergen wurden zu Fuss zurückgelegt.

Gesamte benötigte Zeit: 130 Tage Die 51 Gipfel wurden in 24 Tagen bestiegen, nicht eingerechnet die Zeit für die Aufstiege zu den Hütten und für die Strecken zwischen den Bergen.

Aufstiegstage einschliesslich der fehlgeschlagenen Versuche: 46 Marschtage: 17 Ruhetage: 15 Wartezeiten ( Schlechtwetter, Verletzung ): 52 Tage Die 51 Gipfel der Traversierung Gipfel Höhe in m Datum der Gipfel Höhe in m Datum der Besteigung Besteigung ( 1988 ) ( 1988 ) 1 Piz Bernina 4049 H. Mai 28 Castor 4228 7. August 2 Gross Grünhorn 4044 20.Juni 29 Pollux 4092 7. August 3 Hinter Fiescher- 4025 21.Juni 30 Breithorn Roccia 4075 8. August horn Nera 4 Grosses Fiescher- 4049 21.Juni 31 Breithorn Ost 4141 8. August horn 32 Breithorn Zentral 4159 8. August 5 Mönch 4099 22.Juni 33 Breithorn West 4164 8. August 6 Jungfrau 4158 23.Juni 34 Täschhorn 4491 13. August 7 Finsteraarhorn 4274 24.Juni 35 Dürrenhorn 4035 14. August 8 Aletschhorn 4195 26.Juni 36 Höhberghorn 4219 14.August 9 Lauteraarhorn 4042 8. Juli 37 Stecknadelhorn 4241 14. August 10 Schreckhorn 4078 10. Juli 38 Nadelhorn 4327 14. August 11 Weissmies 4023 16.Juli 39 Lenzspitze 4294 14. August 12 Lagginhorn 4010 16.Juli 40 Dom 4545 14. August 13 Strahlhorn 4190 19. Juli 41 Weisshorn 4506 18. August 14 Rimpfischhorn 4199 19. Juli 42 Bishorn 4153 18. August 15 Allalinhorn 4027 19. Juli 43 Zinalrothorn 4221 28. August 16 Alphubel 4206 19. Juli 44 Obergabelhorn 4063 30. August 17 Nordend 4609 5. August 45 Dent Blanche 4357 6. Sept.

18 Dufourspitze 4634 5. August 46 Dent d' Hérens 4171 8. Sept.

19 Grenzgipfel 4596 5. August 47 Matterhorn 4478 11. Sept.

20 Zumsteinspitze 4563 5. August 48 Grand Combin 4141 19. Sept.

21 Signalkuppe 4554 5. August Tsessette 22 Parrotspitze 4436 6. August 49 Grand Combin 4184 19. Sept.

23 Ludwigshöhe 4341 6. August Valsorey 24 Corno Nero 4321 6. August 50 Grand Combin 4243 19. Sept.

25 Piramide Vincent 4215 6. August Croissant 26 Punta Giordani 4046 6. August 51 Grand Combin 4314 19. Sept.

27 Lyskamm 4527 7. August Grafeneire Morgenstimmung über dem Aletschhorn

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