Eine Besteigung der Eigernordwand

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VON ALOIS STRICKLER, MORGES

Mit 4 Bildern ( 20-23 ) Ein Telephonanruf meines Freundes Schmied am 28. August 1961 gab den Anstoss für die ausserordentlichste Besteigung meines Lebens.

Das schöne Wetter schien für ein paar Tage gesichert, und ein Führer aus Grindelwald, der uns über die Bedingungen an der Eigernordwand auf dem laufenden hielt, ermunterte uns lebhaft, den Aufstieg zu versuchen.

Im Augenblick des Aufbruchs war ich jedoch sehr entmutigt. Der Sprecher der schweizerischen Depeschenagentur hatte eben berichtet, dass der Eiger ein neues Opfer gefordert habe. Der Alpinist Adi Mayr, der die berühmte Wand im Alleingang bezwingen wollte, war auf der Rampe ausgeglitten, und sein Körper lag nach einem Sturz von tausend Metern zerschmettert am Fusse der ungeheuren Wand.Einige Wochen vorher, als ich mit einem Freund am Südhang des Mont Blancs kletterte, hatte uns ein ähnlicher Vorfall bewogen, eine andere Route zu wählen. Wir hatten die Absicht gehabt, den Mont Blanc über die Major-Route zu ersteigen; aber kurz vorher erfuhren wir, dass zwei Bergsteiger am Tag zuvor dort zu Tode gestürzt seien, und wir entschlossen uns für die Grandes Jorasses über den Hirondelles-Grat. Es war nicht, weil wir das gleiche Schicksal für uns befürchteten, sondern um das Andenken der unglücklichen Opfer zu respektieren.

Diesmal konnte mich aber nichts mehr davon abhalten, diese lange begehrte Wand zu erklettern. Auch sagte ich mir, dass ein Kletterer naturgemäss ein grösseres Risiko eingeht, wenn er sich allein in eine solche Wand hineinwagt. Jedenfalls durften wir nicht zögern, da die Wand nicht oft begehbar ist, in gewissen Jahren überhaupt nicht. Die etwa achtzehnhundert Meter hohe Flanke hält die Wolken auf, die ihre Feuchtigkeit rasch als Schnee abgeben, und um den Gipfel brechen häufig Gewitter los, welche die Besteigung der Nordwand ausserordentlich gefährlich gestalten. Nicht umsonst spricht man in der Gegend vom « Eigerwetter », das den Unglücklichen, die sich in seine Flanken gewagt haben, so oft zum Verhängnis wird.

Schon 1960 hatte ich mit meinem Freund Fredy Hächler die Begehung der Eigernordwand geplant, und wir hatten uns zusammen einem ernsten Training unterzogen: die Poire am Mont Blanc, die Nordwand der Grande Dent de Veisivi ( eine Erstbesteigung ), die Nordwand des Lötschentaler Breithorns und die Weizenbachroute am Nordhang des Breithorns von Lauterbrunnen. Um die Serie der Breithörner zu vervollständigen, hätten wir noch nach Zermatt fahren können, aber wir hatten ein anderes Projekt im Kopf, die Nordseite des Triolet, und hatten keine Ruhe, bis wir diese schroffste Eiswand in ihrer ganzen Höhe durchstiegen hatten. So waren wir wohl vorbereitet, den Gefahren und Schwierigkeiten der grössten Nordwand in den Alpen die Stirn zu bieten. Aber der Eiger behielt sein winterliches Aussehen durchs ganze Jahr. Inzwischen führte Fredy am Volant seines 2CV eine Expedition durch ganz Afrika und Amerika durch. Wie verabredet, kam er 1961 zurück; aber durch Krankheit ans Bett gefesselt, musste er darauf verzichten, meinen Versuch mitzumachen.

Im Laufe des letzten Sommers konnte ich mein Training noch vervollkommnen durch die Besteigung des NE-Grates der Adolphe-Rey-Spitze und der Südflanke der Dent du Géant, beides schwierige Besteigungen, welche anhaltende Kraftanstrengung verlangen.

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Der Tag des Aufbruches ist auf den 29. August festgesetzt. In Bern treffe ich mich mit Ernst Schmied, der mein volles Vertrauen besitzt. Auch er hat eine eindrückliche Zahl von Besteigungen hinter sich und ist mit den Bergen des Berner Oberlandes vertraut. Auch war er auf dem höchsten Berg der Erde, dem Everest.

Gleich nach unserer Ankunft in Grindelwald stellen wir sorgfältig unser Material zusammen und gehen dann zum Führer, der uns die nützlichen Auskünfte über den Zustand der Eigernordwand vermittelt hat.

« Ihr seid einen Tag zu spät! », ruft er bei unserer Ankunft aus, « das Wetter kann sich plötzlich ändern. » Es war kein erfreulicher Empfang; aber ich verstehe die Zurückhaltung unseres Gastgebers, der die Verantwortung für unser Unternehmen nicht auf sich laden möchte. Wir verabreden auf jeden Fall, dass er uns am Mittwochabend zwischen 8 und 9 Uhr Lichtsignale gibt, wenn für Donnerstag schlechtes Wetter gemeldet würde. Für eine so heikle Besteigung ist es nützlich, mit einem Beobachter im Tal Verbindung zu haben. In der Wand verfügt man nur über ein sehr begrenztes Blickfeld, und es ist schwierig, das heisst unmöglich, mit einiger Sicherheit einen Wetterumschlag vorauszusehen.Während die Bahn gemächlich zur Kleinen Scheidegg hinauffährt, erforsche ich mit dem Blick die faszinierende Wand. Ich suche die Passagen, klettere in der Phantasie die schwindelnde Flanke empor. Ich quere schon die vom Steinschlag geritzten Eiscouloirs, mein ehrgeiziger Wachtraum bringt mich zur Rampe, zum letzten Schneehang - und zum Gipfel, dessen Umriss die Sonne mit einem Goldband säumt.

Auf der Kleinen Scheidegg steigen wir für einen Augenblick aus dem Wagen. Ernst Schmied wird von Neugierigen belästigt, die ihn als Everestfahrer erkannt haben und ihn über das Ziel seiner Fahrt ausfragen. Ich bewundere die Gewandtheit, mit der er die Zudringlichen über den wahren Grund unseres Hierseins täuscht.

Wenig später erreicht die Bahn die Station Eigergletscher, den besten Ausgangspunkt für unsere Besteigung.

Im grossen Hotelsaal sassen sechs Personen beim Abendessen. Wir vernahmen bald, dass unter den Gästen die Tschechen Kuchar und Zibrin waren - wie wir begierig, die Eigernordwand zu erzwingen. Wir schenken ihnen aber nur flüchtige Aufmerksamkeit.

« Gehen Sie etwa in die Wand? » fragt uns fast ängstlich die Serviertochter, die an unseren Tisch kommt.

« Nein, Fräulein, was denken Sie! Sehen wir so verwegen aus? » Beruhigt kassiert sie ihr Geld ein und wünscht uns gute Nacht.

Wir sind beizeiten zur Ruhe gegangen, denn die nächsten Tage und Nächte werden beschwerlich sein. Aber ich finde keinen Schlaf: der Geist ist hellwach, die Phantasie arbeitet weiter, alle Muskeln meines Körpers sind gespannt. Mir ist, als ob die gigantische schwarze Mauer, die mit ihrer erdrückenden Masse über unserer zerbrechlichen Unterkunft emporragt, in ihren Grundfesten wanke.

Endlich entspannt sich der Körper, und der Schlaf übermannt mich - als mich schon das gebieterische Hämmern des Weckers wieder aus dem Schlummer reisst.

Wir haben am Abend vorgehabt, sehr früh aufzustehen, um bis zum Tagbeginn so viel Höhe als möglich zu gewinnen. Aber im Augenblick des Aufbruchs fürchtet mein Freund, dass das Wetter umschlage. So entschliessen wir uns, am ersten Tag nicht weiter als bis zum Schwalbennest zu steigen. Diese Lösung hat den doppelten Vorteil, einen raschen Rückzug zu ermöglichen im Falle eines Wetterumschlags, oder dass wir, wenn die Verhältnisse günstig sind, am Morgen früh die gefährlichste Stelle der Wand passieren können.

Es eilt uns also nicht, und wir steigen gemächlich über die Wiesen und Geröllfelder, die zum Fuss der Wand führen. In anderthalb Stunden lässt sich dieser Anmarschweg leicht bewältigen.

Bald erreichen wir den Einstieg. Ein grosser Pfeiler gibt uns den Weg an. Wir steigen einen Lawinenkegel hinauf, überschreiten rasch den Bergschrund und steigen in die eigentliche Wand ein. Mir ist 's zum Jauchzen vor Freude: das seit Jahren genährte Vorhaben soll endlich Wirklichkeit werden! Die Unruhe, die mich vor ein paar Stunden quälte, ist verschwunden; ich empfinde im Gegenteil einen Überschwang an Kraft, den ich kaum meistere.

Wir seilen uns an, und durch einen Kamin und über einige nasse, brüchige Felsmauern gewinnen wir mühelos eine erste Felsbank. Jeder Griff muss von feinem Sand gesäubert werden. Als wir im Zickzackanstieg den Kopf des zweiten Pfeilers erreichen, entdecke ich über mir zwei Kletterer. Gewiss die Tschechen, die vor uns in die Wand gestiegen sind! Sie haben den schwierigen Riss schon hinter sich und beginnen die Querung unter der roten Fluh.

Auch wir sind an einer heiklen Querung von etwa fünfzig Metern auf ausgesetzten feuchten Platten. Von einer vorragenden Wand über uns tropft fortwährend Wasser herab. Die Firne tauen auf. Auf einer heiklen Terrasse hat mich Schmied eingeholt, und wir gönnen uns eine kurze Rast, bevor wir uns in den zweiten Teil der Wand einlassen, der ernste Schwierigkeiten bietet: als erste den schwierigen Riss. Im Norden ist der Himmel klar, und es ist warm. Ein prachtvoller Tag kündigt sich an.

Über einen Überhang mit seltenen Griffen steigen wir in den 25 Meter langen Riss ein. Ich lege meinen Sack ab und arbeite mich hoch. Mit Genugtuung stelle ich fest, dass zwar die Griffe rar sind, dafür aber der Fels von guter Beschaffenheit ist. Der Ausgang des Risses bietet weniger Schwierigkeit, und bald erreiche ich einen mit Haken ausgestatteten Standplatz. Nun hisse ich meinen Sack herauf, aber er sperrt, da er neu ist, und mein Freund muss nachhelfen. Zur Linken weitersteigend gewinnen wir Höhe und erklettern mit Hilfe der Steigeisen einen Eishang. Bald erreiche ich den Fuss einer Verschneidung, die zum Hinterstoisser-Quergang führt. Ich will eben meine Steigeisen abschnallen, als ich ein lautes Krachen höre. Instinktiv drücke ich mich platt an den Felsen, während um meinen Kopf die Steine prasseln und von allen Seiten Schnee herabrinnt. Ein schwarzer Schatten schiesst pfeifend an mir vorbei. Mein Freund, der etwa 20 Meter von mir entfernt unter einem Felsen Schutz gefunden hat, hat der Steinlawine angstvoll zugesehen. Der Felsblock, der mich beinahe zerschmettert hat, sei so gross wie ein Bierfass gewesen. Wir wissen, dass der Eiger gefährlich ist durch seine häufigen Steinschläge, aber wir haben nicht erwartet, von solchen Blöcken bedroht zu werden. In der Hoffnung, dass uns weitere solche Überraschungen erspart bleiben, arbeiten wir uns in der Verschneidung aufwärts. Die Griffe sind voll Schnee und darum schlüpfrig. Nach zwanzig Metern Kletterei werde ich von mächtigen steilen Platten aufgehalten. Es ist die Schlüsselstelle, über die man die Firnfelder und die Mitte der Flanke erreicht.

Hinterstoisser hat 1936 als Erster diese Platten traversiert. Sie sollten ihm und seinen Kameraden zum tragischen Schicksal werden. Da die kühnen Kletterer die Vorsicht ausser acht liessen, hier ein fixes Seil anzubringen, konnten sie - von den Schwierigkeiten und vom schlechten Wetter 5Die Alpen - 1962 - Les Alpes65 zurückgetrieben - die Stelle nicht mehr bewältigen und kamen hier vor Erschöpfung um. Seither trägt dieser Quergang den Namen desjenigen, der sein Bezwinger war und zugleich sein Opfer wurde.

Heute sieht er einladend aus. Er ist mit einem italienischen Militärseil ausgerüstet, dem man sich ruhig anvertrauen kann, obwohl es mehr als ein Gewitter durchgemacht hat. Das Reserveseil in meinem Rucksack haben wir also nicht nötig. Über eine grifflose Platte von drei Metern erreiche ich die Stelle, wo das Querseil an drei Ringhaken befestigt ist. Mit einem Karabiner hänge ich mein eigenes Seil an einen dieser Haken und quere nach links hinüber ein paar Meter abwärts. Es gibt genügend Griffe, die - gesichert am fixen Seil - ein freies Klettern erlauben. So erreiche ich einen schlechten Standplatz unter einem Dach und klettere dann durch einen Kamin, wobei die Behinderung durch den Sack die Hauptschwierigkeit darstellt. Zwanzig Meter weiter oben mündet er vor dem Schwalbennest aus.

Es ist erst 13 Uhr, und ich schlage vor, den Aufstieg fortzusetzen; aber mein Freund möchte die Nacht hier verbringen. Ich klettere noch, von ihm gesichert, bis zum ersten Firn, um die morgige Strecke zu rekognoszieren, und gewahre von neuem die Tschechen, welche eben den oberen Rand des Schneefeldes erreichen. Wir haben sie also schon fast eingeholt. In Anbetracht der Gefahren in dieser Wand rücken sie zu langsam vor!

Plötzlich wieder ein grosser Lärm! Ich klebe am Felsen... aber es ist nur das Knattern eines Flugzeugs, das uns in der Wand entdeckt hat! Es ist gut, dass man nicht erraten kann, wer wir sind. Wenn nämlich meine Eltern wüssten, wo ich mich befinde, würden sie angstvolle Stunden durchmachen.

Anderntags konnte man in den Zeitungen von einer mysteriösen Seilschaft lesen, die sich in die Wand gewagt habe, dass sie aber schon am frühen Nachmittag ihr Biwak einrichtete und den Schwierigkeiten dieser fürchterlichen Wand offensichtlich nicht gewachsen sei. Der Chronist fügte bei, dass einer der Kletterer ( das war ich !) nervös hin und her gehe, während der andere in einem Loch sitze. Die Wahrheit sah etwas anders aus: ich suchte Steine für eine anständige Unterlage, die uns erlaubte, die Nacht nicht direkt im Schnee verbringen zu müssen. Was meine Nervosität anbelangte, kann ich sie nicht bestreiten, aber ich zweifle, dass man meinen Zustand von der Kleinen Scheidegg aus beurteilen konnte.

Wir richten unser Nest so behaglich wie möglich ein. Wohl könnte man sich einen bessern Ort vorstellen, um die Nacht zu verbringen, aber in der Eigerwand gibt es wenige so günstige Plätze wie diesen. Wir waren immerhin vor Steinschlag geschützt.

Schon am Morgen haben wir an die zehn Bergler entdeckt, die über die Geröllfelder am Fusse der Wand gingen. Jetzt sehen wir sie langsam einem Lawinenkegel entlang absteigen mit den traurigen Resten des verunglückten Bergsteigers...

Langsam wird es dunkel. Um 8 Uhr schauen wir aufmerksam nach Grindelwald hinab, von wo uns der Führer einen eventuellen Wetterumschlag signalisieren wird. Als kurz vor 9 Uhr noch keine Rakete abgefeuert ist, drehe ich mich froh zu meinem Kameraden:

« Das Wetter ist beständig, alles in Ordnung! » Die Nacht umhüllt unsern Unterschlupf. Die Wand ist still geworden. Man hört nur die Tropfen, die in regelmässigen Abständen auf unseren Sack fallen, in dem die Füsse stecken. Auf unseren Seilen sitzend und an den Fels gelehnt warten wir auf den Morgen. Erst kurz bevor wir wieder aufbrechen müssen, gelingt es uns einzuschlafen.

Wir beginnen den Tag mit einem heissen Getränk und essen etwas. Als wir den Aufstieg wieder aufnehmen wollen, klagt mein Freund über Magenschmerzen. Ich will ihn beruhigen, es werde vorbeigehen. Aber sein Zustand verschlimmert sich rasch, und er übergibt sich. Bald sagt er:

« Es tut mir leid für Dich, aber ich kann nicht weiter. » So ist das Schlimmste eingetroffen. Ich muss zurück, muss meinen unglücklichen Kameraden zum Fuss der Wand hinabbegleiten - jetzt, wo das Wetter und die Aufstiegsbedingungen nicht besser sein könnten! Meine Moral ist auf Null. Wortlos bereite ich die Abseilung vor, und dann verlieren wir langsam Meter um Meter der gestern erreichten Höhe.

Beim schwierigen Riss begegnen uns zwei Bergsteiger; es sind die Polen Motowski und Biel. Sie melden, dass hinter ihnen zwei Schweizer im Aufstieg sind. Ich frage mich, wer die Glücklichen sein mögen, als wir kurz darauf von Sepp Inwiler begrüsst werden, der eben seinen Gefährten Kurt Grüter sichert, welchen ich gut kenne.

« Ich wusste wohl, dass Du hier bist », ruft er mir entgegen, « Fredy Hächler hat mir gesagt, er wette, dass Du in der Wand seist! » Wie ich ihm unser Missgeschick erzähle, meint er, dass auf der Kleinen Scheidegg ein Bergsteiger namens Schlömmer darauf brenne, in die Wand einzusteigen, und nur auf einen Seilgefährten warte. Ich wünsche den beiden gute Fahrt - und zweifle nicht, dass ich ihnen morgen wieder begegnen werde. Gegen Mittag lasse ich Schmied allein ins Tal hinab weitergehen, während ich mich zur Kleinen Scheidegg begebe.

Kaum habe ich mit jemandem, der auf der Wiese vor dem Hotel Mittagsruhe hält, ein paar Worte gewechselt, als ein Jüngling in städtischer Kleidung daherkommt.

« Kommen Sie aus der Wand? » fragt er mich.

« Heissen Sie Schlömmer? » ist meine Gegenfrage. Ich sehe wohl, dass der junge Mann besser in eine geflickte Berghose passt als ins Gewand, das er trägt.

Wir reden von Gipfeln, die wir bestiegen haben, und bald drücken wir uns die Hand. Wir wollen zusammen die erste gemeinsame Besteigung unternehmen: die Eigernordwand. Der andere Bergsteiger, ein Zuger wie ich, offeriert sich spontan, unsere Säcke zum Fuss der Wand zu tragen. Leo Schlömmers Vetter wird der zweite Träger sein.

Wir richten uns in einem Schlafzimmer in der Hoteldependance ein, um unsere Ausrüstung durchzusehen. Alles Material wird auf den Strohsäcken ausgebreitet. Unglaublich, was man alles mitnehmen muss: 2 Pickelhämmer ( auf die Pickel verzichten wir; denn es hat fast keinen Schnee mehr ), die Steigeisen, einen Hammer, zwei 40 Meter lange 9 mm-Seile und als Reserve ein 6 mm-Seil und einen Eishammer; dazu kommen 15 Felshaken, 4 Eishaken, 6 Eisschrauben, 13 Karabiner, die Stirnlampen mit zwei Ersatzbatterien, ein Rechaud, ein Liter Benzin, eine Apotheke, einen Biwaksack, Wäsche und Proviant für drei Tage.

Wir gönnen uns ein gutes Nachtessen und hören nochmals die Wetterprognose an; sie lautet gut. Die Nacht ist kurz, um halb 1 Uhr läutet der Wecker. Wir bereiten uns ein Frühstück mit zwei Litern Milch und einem Nährmittel. Um halb 2 Uhr gehen wir in die Nacht hinaus. Es ist nicht kalt, aber der Himmel ist klar. Möge er es noch zwei Tage bleiben! Durch Wiesen und Geröll nähern wir uns mit den Trägern der gigantischen Masse, die sich dunkel im schwachen Mondschein abzeichnet. Dann verabschieden wir uns von unsern Freunden und, begleitet von ihren Wünschen, klettern wir, jeder für sich, aufwärts. Plötzlich entdecke ich, dass wir in der Dunkelheit zu weit nach links gegangen sind. Wir haben, ohne es zu merken, den zweiten Pfeiler umgangen und müssen nochmals an den Fuss zurück. Erst beim schwierigen Riss seilen wir uns an und wechseln in der Führung ab. Im übrigen profitieren wir von der Tatsache, dass ich die Strecke kenne, und kommen rasch vorwärts. Schon um 7 Uhr erreichen wir das Schwalbennest.

Leo quert den ersten Firn und gelangt auf einen 55° geneigten Schneehang. Er entschwindet meinem Blick. Das Seil läuft rasch durch den Karabiner. Dann bin ich dran. Die Steigeisen greifen in der harten Oberfläche gut an, und an Leo vorbei klettere ich bis zum Ende der Seillänge. Nach drei Seillängen erreiche ich die Wand, die den ersten Firn vom zweiten trennt. Wir halten nach rechts zum Eisschlauch, der den Zugang zum oberen Eisfeld ermöglicht. Es ist eine heikle Stelle, die uns Zeit kostet. Wir ersteigen zuerst eine senkrechte Mauer aus brüchigem Fels und queren dann zu einem 70° geneigten, mit Glatteis überzogenen Couloir hinüber. Zwei Stunden später erreichen wir den unteren Rand des grossen Firnfeldes. Zuerst folgen wir den gut sichtbaren Spuren unserer Vorgänger, verlassen sie aber bald und halten schräg hinüber auf die Felsen zu. Wir kommen schnell vorwärts, und im Innersten hoffe ich, heute noch in die Nähe des Gipfels zu gelangen.

Die Schneeschicht wird immer dünner, aber wir verlieren trotzdem keine Zeit, Stufen ins Eis zu schlagen. Wichtig ist, dass wir nach jeder Seillänge gut sichern. Von Zeit zu Zeit treiben wir zur grössere Sicherheit eine Schraube ins Eis.

Wir sind guten Mutes; denn alles geht nach Wunsch. Zwischen uns herrscht volles Vertrauen, was von grosser Wichtigkeit ist. Als Leo einmal an mir vorbeigeht, sagt er unvermittelt: « Es ist steil hier, aber am Triolet war es noch steiler! » - Überall, auf Schnee und Eis, bemerkt man Gleitspuren von Steinen, was uns zeigt, dass es hier zuweilen ungemütlich sein kann. Da es noch früh ist, haben wir jedoch keinen Steinschlag zu befürchten. Hier ist tatsächlich die Schnelligkeit die beste Garantie für die Sicherheit.

Bald sind wir am Ende unseres Eisfeldes. Ich entdecke den Ringhaken unter einem kleinen Dach, so wie er im Führer erwähnt ist. Ich versorge die Steigeisen im Sack und erklettere diese 30 Meter hohe Mauer. Nach einer Querung von einigen Seillängen über faulen Fels und Glatteis ersteigen wir einen runden Buckel, das sogenannte Bügeleisen. Schon um halb 1 Uhr gelangen wir zum Todesbiwak und schalten den ersten Halt ein. Dann quert Leo das dritte Firnfeld, es ist sehr schroff und steinschlaggefährdet. Gute Stufen, die Adi Mayr hinterlassen hat, erlauben uns ein rasches Vorrücken. Wir sind froh darüber; denn es ist eine der gefährlichsten Stellen der ganzen Wand. Nach einem leichten Abstieg sind wir am Fuss der Rampe.

Über uns hören wir Stimmen. Sind uns die andern Seilschaften nur soviel voraus? Wir kommen weiter rasch vorwärts und holen um 2 Uhr 45 die Luzerner ein, die ihrerseits erstaunt sind, uns so bald wieder zu sehen, und uns herzlich begrüssen. Nun lassen wir uns Zeit. Es sind nur noch drei Seillängen bis zum oberen Teil der Rampe, und diesen werden wir den Rest des Tages widmen. Voraus geht der Pole Motowski; er kommt langsam vorwärts, und man hat den Eindruck, es sei schwierig. Der Kamin, zu manchen Zeiten mit Glatteis überzogen oder in einen Wasserfall verwandelt, ist heute trocken und sollte also nicht zu schwierig sein.

Über uns wieder plötzlich ein fürchterlicher Lärm! Und fast gleichzeitig fliegen Steine durch die Luft. Wir sind alle - einige Meter voneinander entfernt - im Schutz eines überhängenden Felsens. Aber Motowski wir sehen ihn nicht mehr! Nach angstvollen Augenblicken wird alles wieder still und von oben tönen beruhigende Worte. Auch er war in Angst um unsEiner nach dem andern steigen wir gut gesichert zum oberen Teil der Rampe. Dann beenden wir den Aufstieg für heute. Die letzte Seillänge ist sehr heikel und schwierig.

Wir bereiten sofort unsere Biwaks vor. Die Polen haben einen guten Platz gefunden. Die Luzerner richten sich zwanzig Meter über uns ein. Da wir zwei keine passende Stelle finden, sind wir gezwungen, eine Nische ins Eis zu schlagen. Während Leo diese Arbeit übernimmt, hole ich -für die Polen und für uns - in einem nahen Couloir Wasser.

Bald summt das Rechaud, und da wir ausser ein paar Stückchen Zucker den ganzen Tag nichts gegessen haben, verzehren wir mit Heisshunger alles, was essbar ist.

Unsre Stimmung ist ausgezeichnet, wissen wir doch, dass wir das Ärgste hinter uns haben. Wenn auch finstere Wolken nahen und uns die Abendsonne verdecken, hoffen wir immer noch, dass das gute Wetter noch einen Tag andauere. Langsam zieht die Nacht herauf. Gut geschützt und gesichert sitzen Leo und ich in unserer Eisnische, die Füsse im Sack, der in der Luft baumelt.

Auf einmal streckt einer der beiden Polen die Hand zum Himmel und ruft: « Ein Sputnik. » Ich verbessere: « Ein Explorer. » - Aber in Wirklichkeit war es eine « Jet », die ihre Linie über den dunkelnden Himmel zog.

Vergeblich versuchen wir zu schlafen. Die Kälte durchdringt unsere Kleider. Wir haben das Gefühl, in einem Eiskasten zu kauern. Um 4 Uhr erheben wir uns. Ein dicker, feuchter Nebel umhüllt uns. Ist es das Zeichen für den brüsken Wetterumschlag, den fast alle unsere Vorgänger erlebten?

Es braucht viel Mut, den Aufbruch vorzubereiten. Alle unsere Effekten sind feucht und kalt, der Körper ist starr und der Geist müde. Ein warmes Getränk hebt unsere Moral. Sobald die Morgendämmerung erscheint, beginne ich die Querung eines steilen Eishangs und bemühe mich, die brüchigen Felsen zur Rechten zu erreichen. Wir sind alle übereingekommen, zusammen als eine Seilschaft weiterzugehen, weil sonst die vorderste Seilschaft die nachfolgenden durch losgelöste Steine in Gefahr bringen könnte. Als ich die delikate Passage hinter mir habe, überholt mich Leo und steigt sofort in einen 40 Meter hohen Riss ein von ebenso brüchigem Fels, und er überwindet nicht ohne Mühe diese schwierige Stelle, die zum Götterquergang führt. Während ich einen der Polen sichere, schnalle ich, um keine Zeit zu verlieren, die Steigeisen los und lege sie neben mir in eine kleine Vertiefung; aber als mich Motowski erreicht, stösst er versehentlich mit seinen Schuhen daran, und schon fallen sie mit hellem, metallischem Ton in den Abgrund. Wenn es im unteren Teil der Wand passiert wäre, hätten wir sofort umkehren müssen. Leo ist nicht gerade entzückt von diesem Verlust. Ich beruhige ihn, dass ich trotzdem meinen Anteil an der Führung übernehmen könne: statt nach jeder Seillänge zu wechseln, werde von nun an er an den Eishängen und ich in den Felspartien vorangehen.

Alles ist ohne Mass in der Eigernordwand; so ist es auch beim Götterquergang: auf diesem heiklen Gelände quert man eine Strecke von etwa hundert Metern, ohne einen Meter Höhe zu gewinnen. Unter sich ahnt man die überhängende Partie der Rampe, und man denkt schaudernd an einen Sturz, wo der Körper über dem Abgrund am Seil baumeln würde.

Bei der Spinne lasse ich Leo vorausgehen, der sich sehr vorsichtig auf dem brüchigen Eis bewegt. Ich selbst rücke nur mühsam nach; meine Gummisohlen finden keinen festen Halt auf dem Eis, und ich muss mich am Seil halten, das mich mit meinem Gefährten verbindet. Glücklicherweise hat das Wetter aufgehellt. Dafür werden wir ständig von Flugzeugen gestört, die um uns herumkreisen. Dazu müssen wir auf die Steine aufpassen, die ohne Unterlass von oben herab aufs Eis aufspringen und auf den Felsvorsprüngen bersten, bevor ihre Trümmer in der Tiefe verschwinden.

Wir atmen auf, als wir endlich den oberen Rand des Eishangs gewinnen, obwohl die Schwierigkeiten noch nicht zu Ende sind. Leo verschwindet schon hinter einem Felsen; das Seil gleitet mir durch die Hände, langsam, immer langsamer... bis es stillsteht. Plötzlich höre ich die Stimme meines Kameraden: « Halte gut! » Unsere Sicherheit ist hier zweifelhaft, und ich schlage zur Vorsicht noch einen Haken ein. Die Zeit vergeht. Hinter mir warten schon alle andern, als ich Leo endlich folgen kann. Diese Stelle, die schwierigste der ganzen Flanke, ist eine fünfzehn Meter hohe, vollständig mit Glatteis überzogene Wand aus schwarzem Fels, dessen kleine kubische Steine an ein Mosaik erinnern. Unmöglich, einen Haken einzuschlagen; er hält nicht Unmittelbar darüber liesse sich in einer bequemen Nische ausruhen, wenn dort nicht Wasser herabrinnen würde wie von einem Dach bei Tauwetter im Frühling. Noch eine Seillänge auf vereistem Fels, aber weniger steil, und es ist an mir, zu führen. Ich klettere durch eine Spalte in sicherem Quarz, wo ich einige Haken entdecke.Von einem Überhang aufgehalten, überwinde ich eine schwierige Platte und versuche eine kleine Plattform zu erreichen; aber eines der Seile verklemmt sich in einem Riss, und ich bringe es mit aller Anstrengung nicht heraus. So binde ich mich los und klettere mit einem Seil weiter. Die Plattform, auf der man sich bequem aufhalten kann - es ist der bequemste Ort, dem wir heute begegnet sind -, nennt sich Biwak Corti, seit dem Tag, wo dieser unglückliche italienische Alpinist hier auf Hilfe vom Gipfel her warten musste. ( Die Tschechen sollen die Stelle nicht viel vor uns passiert haben, trotzdem sie seit vier Tagen in der Wand waren. ) Ein kurzer Abstieg am Seil, und ich gelange zum Fuss eines neuen Vertikalrisses, wo Wasser im Überfluss herauskommt. Ich braue mir eine Limonade und gebe meine Feldflasche samt Pulver den Kameraden weiter. Dann steige ich mit gespreizten Beinen den Riss hinauf. Der Hang ist nicht mehr so steil, aber der Fels wird immer fauler, und es ist unmöglich zu verhindern, dass sich Steine lösen. So wird unser Freund Sepp von einem getroffen und am Knie verletzt, aber glücklicherweise nicht ernstlich, so dass er weiterklettern kann.

Auf einmal höre ich Stimmen vom Gipfel, und eine davon scheint mir bekannt. Ist's möglich? Es muss die Stimme meines Freundes Paul seinWir übersteigen die letzten Felsen und erreichen den Fuss des Firns. Die Nähe des Gipfels gibt uns neue Kraft, und fast im Eilschritt nehmen wir die letzten Hindernisse. Zuletzt folgen wir dem obersten Stück des Mittellegigrates. Der Schnee ist weich, und die Wächten sind ausserordentlich gefährlich, so dass grosse Vorsicht am Platz ist.

Glücklich und stolz, unser Ziel erreicht zu haben, drücken wir uns 17 Uhr 45 auf dem so ersehnten Gipfel die Hände. Und mit welcher Freude begrüssen wir dann unsere Freunde: Paul Peier, Gilbert Sigrand und Leos Vetter, die uns hieher entgegengekommen sind. Sie haben uns offensichtlich bewiesen, dass wir im Falle schlechten Wetters oder eines Unfalls nicht verlassen gewesen wären. Aber das Glück hat uns gelacht, und wir geniessen das Münchner Bier, das unsere Freunde aus ihren Säcken hervorholen und das unsere trockenen Kehlen köstlich erfrischt. Es herrscht frohe Stimmung, und das Biwak, das wir noch vor uns haben, kann unsere Begeisterung nicht dämpfen.

Wir beginnen den Abstieg und hoffen, noch so tief als möglich hinabzugelangen, denn das Wetter verschlechtert sich rasch. Da die schlechten Bedingungen im Gelände grosse Aufmerksamkeit verlangen, kommen wir langsam vorwärts. Die Luzerner halten zuerst an, während die Polen sich hundert Meter weiter unten einrichten. Wir sind auf etwa 3500 Meter, als uns die Dunkelheit überfällt. Leo, der vorausgegangen ist, hat einen guten Biwakplatz gefunden. Unter uns glänzen die Lichter auf Eigergletscher. Ich denke an die Menschen, die dort unten warm und bequem in guten Betten schlafen oder essen und trinken nach ihrem Begehr. Sie können all ihre Gelüste verwirklichen - aber sie werden sich nie so glücklich fühlen wie wir, die hier in freier Luft, in Schnee und Wind die Nacht verbringen. Solche Überlegungen führen mich zu Betrachtungen über uns komische Sorte Menschen, über die Alpinisten, die solche Strapazen und die Unbequemlichkeit von Biwaks auf sich nehmen müssen, um restlos glücklich zu sein!

Regelmässig und leise fällt der Schnee und deckt uns mit seinem Wattemantel. Von Zeit zu Zeit stehe ich auf und schüttle mich wie ein Hund, der aus dem Wasser steigt. Aber auch solche Nächte nehmen ein Ende, und sobald es der Tag erlaubt, geht der Abstieg weiter. Die grifflosen, feuchten Platten sind gefährlich, und ohne Eile erreichen wir unsern Ausgangspunkt.

Zahlreich sind jene, die behaupten, dass Kletterer, die sich auf die Eigernordwand einlassen, dies aus Sensationsbedürfnis tun. Ich könnte ihnen antworten, dass die meisten von ihnen ohne Aufsehen andere, ebenso gefährliche, das heisst schwierigere Touren ausgeführt haben. Aber diese berühmte Wand zu ersteigen ist eines der Ziele, die sich jeder Kletterer setzt, welcher von der Leidenschaft nach hohen Gipfeln beherrscht ist - auch dann, wenn sich der Eiger zuhinterst in einem verlorenen Tal erhöbe.

Auf Eigergletscher erwartete uns ein prächtiger Empfang, wie nachher auch auf der Kleinen Scheidegg. Es waren zwei Glieder meiner Familie dabei, welche vor Freude und Stolz strahlten; aber ich las in ihren Augen auch die Erleichterung darüber, mich gesund und heil wiederzusehen. Von der allgemeinen Fröhlichkeit angesteckt, verzichtete ich darauf, mich auf abgelegenen Wegen zu entfernen, und wenn ich während der Mahlzeit, die folgte, manchmal von einem gewissen Stolz erfasst wurde, so verdankte ich es weniger der Tatsache, dass wir ein paar Stunden wie « Helden » gefeiert wurden, sondern dem Wein, der uns grosszügig offeriert wurde.

Bald aber entschloss ich mich, zu Tal zu fahren. Bevor ich den gastlichen Ort verliess, hob ich meinen Blick noch einmal zur Wand. War es Einbildung? Sie sah jetzt weniger düster, weniger abschreckend, weniger feindlich aus, als sie mir vor fünf Tagen erschienen war.

Übers.: F.Oe.

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