Eine Besteigung des Zermatter Weisshorns

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Mit 2 Bildern ( 126, 127Von Carl Sdimaditenberg

( Bielefeld ) Zwischen dem Tag, an dem ich das Weisshorn vom Gipfel eines seiner grossen Nachbarn unter den Zermatter Viertausendern zum ersten Male sah, und dem Tag, an welchem wir die Steigeisen auf seinen Gipfelfirn setzten, liegen 8 Jahre. Jeden, der den stolzen Gipfel zum ersten Male erblickt, zieht die edelgeformte Gestalt in ihren Bann. Mag das Matterhorn der kühnste, rassigste Berg der Walliser Riesen sein — man hat es nicht mit Unrecht den « Dämon von Zermatt » genannt —, das Weisshorn steht ihm in seinen edlen Formen und feingeschwungenen Graten nicht nach. Fast zur gleichen Höhe — es ist nur ein Unterschied von 7 Metern — heben sie ihre stolzen Häupter empor. Unvergesslich wie die Stunde, da wir das Weisshorn zum ersten Male sahen, wird uns der Augenblick sein, da wir seinen Gipfel voll stolzer Freude betraten.

Ein buntes Durcheinander herrscht auf der Terrasse des Hotels in Randa, wo der Inhalt unserer Rucksäcke ausgebreitet auf dem Fussboden liegt. Nur das Allernotwendigste soll verstaut werden, da wir hoffen, 24 Stunden später wieder hier unten zu sein. Oft schaue ich sorgenvoll zum Himmel nach dem Wetter aus; mancherlei Anzeichen lassen darauf schliessen, dass uns der Wettergott nicht so hold bleiben wird, wie er es bei den unvergleichlich schönen Fahrten, die hinter uns liegen, gewesen ist. Trotzdem schwanken wir nicht in unserem Entschluss, die Fahrt zu versuchen; denn wenn es umschlägt, so ist es vielleicht für die nächste Zeit unmöglich, grössere Fahrten zu machen, und nochmals müssten wir unsern Berg vom Fahrtenplan streichen.

Gegen halb 8 Uhr, als die Dämmerung schon hereinbricht, langen wir auf der Weisshornhütte an. Reges Treiben herrscht im Innern der Hütte, die nicht allzuvielen Besuchern Platz bietet. Engländer, Schweizer, Deutsche, allerlei zünftiges Volk. Aus den scharfen Zügen der Gesichter spricht Härte und Energie, ihre gebräunte Haut, die unrasierten Wangen zeigen, dass alles EINE BESTEIGUNG DES ZERMATTER WEISSHORNS Menschen sind, die Wetter und Sturm trotzen, deren Reich die Firnenwelt hier oben ist. Die Berge formen den Menschen. Mir scheint es oft, als ob man schon aus der Hütte und ihren Insassen den Rang des Berges ermessen könnte, für den sie der Ausgangspunkt ist. Hier finden wir keine Jochbummler oder die Tageswanderer mit ihren Lunchtüten aus den Hotelpalästen, denn es gibt keinen Hüttenkipf oder « lohnenden Aussichtsberg » von hier aus leicht zu besteigen. Es ist, als könnte man von den Gesichtern aller das gleiche Ziel ablesen, als stünde in ihren leuchtenden Augen nur das eine Wort: « Weisshorn ».

Während meine Kameraden das Essen herrichten, sehe ich mich rasch, ehe es vollends dunkelt, vor der Hütte um, nach Richtung und Spuren für unsern Aufstieg, um morgen in der Frühe keine unnötige Zeit zu verlieren. Wie zur Begrüssung wird gerade unser Gipfel frei; stolz reckt sich sein weisses Haupt in den tiefdunklen Abendhimmel, gleichsam, um uns seine königliche Gestalt zu zeigen. Will er uns warnen oder rufen? Unglaubhaft steil steigen die Grate empor; noch gewaltiger erscheint mir die Wildheit und Steilheit von hier aus als vom Mettelhorn her, das wir eine Woche zuvor als Einlauftour erstiegen haben, um uns einen guten Einblick in unsern Berg zu verschaffen. Zwei junge Basler kommen mit mir ins Gespräch. Sie waren heute droben, und voll Stolz schauen sie nochmal zu ihrem Gipfel zurück. « Leicht war 's freilich nicht », ist ihr kurzes Urteil, « aber es war die schönste Fahrt unseres Lebens. » Es wetterleuchtet. Drohend hängen die schwarzen Wetterwolken noch drüben im Berner Oberland, wo sich heute nachmittag schwere Gewitter entluden. Still gehe ich zurück in die heimelige Hütte zu den Kameraden. Wir sprechen nur wenig an diesem Abend und legen uns bald nieder.

Als ich um 3 Uhr in der Frühe vor die Hütte trete, sind nur einzelne Sterne durch eine zerrissene Wolkendecke sichtbar. Aber es ist kälter als gestern, was ich als günstiges Zeichen deute, so dass wir beschliessen, den Versuch zu wagen, den Berg zu bezwingen. Wenigstens bis an den Fuss des Ostgrates wollen wir aufsteigen und abwarten, ob sich das Wetter bis dahin endgültig zum Guten oder Schlechten gewandt hat. Über Geröll und Rasenhänge erreichen wir in einer knappen Viertelstunde den Firn des untern Schalliberggletschers, von den Einheimischen Melliggletscher genannt, den wir in westlicher Richtung fast eben queren. Wir gelangen an den Fuss der Felsbastion, die die beiden Teile des Gletschers trennt, und durchsteigen diese durch ein leichtes Couloir. Lautlos bewegt sich unsere kleine Karawane im spärlichen Licht der Laternen vorwärts. Der Schnee ist hart und ermöglicht uns ein rasches Weiterkommen. Nur das gleichmässige Einstossen der Pickel unterbricht die Stille. Der Abstand der Lichter der beiden vor uns aufsteigenden englischen Partien wird immer kleiner, und bald haben wir diese eingeholt. Wir bleiben hart am Rande der Felsen und halten nun im rechten Winkel zu unserer ursprünglichen Richtung direkt auf den als schwarzes Dreieck deutlich erkennbaren Fuss des Ostgrates zu. Zur Linken treten die wildzerrissenen Abstürze des aus den Flanken des Ost- und Schalligrates herabstürzenden Gletschers in dem dämmernden Morgenlicht immer deutlicher hervor. Der Gletscher bildet hier ein grosses Dreieck, in das von den Graten herabziehende Pfeiler tief einschneiden. Unser Anstieg wird allmählich steiler.

und über eine der auf uns zustrebenden Rippen erreichen wir gegen 7 Uhr am Fuss des Grates den sogenannten Frühstücksplatz, der sich schon bevor er erreicht ist, wie manche seinesgleichen, durch herabgeworfene leere Flaschen und Büchsen ankündigt. Krächzend kreisen ein paar Dohlen über uns, eine schmale Beute witternd.

Wir lassen uns zu einer kurzen Rast nieder. Jetzt heisst es, endgültig zu entscheiden, ob wir den Gipfel angehen oder uns zur Umkehr entschliessen sollen. Auf den Gesichtern meiner Kameraden ist es nicht schwer, den Wunsch abzulesen, den sie im Herzen tragen. « Wenn es nur bis zum Mittag hält », meinte einer von ihnen. Aber das genügt nicht, denn die Bergfahrt ist nur dann von dem Führenden zu verantworten, wenn er mit voller Sicherheit seine Seilschaft wieder zum Ausgangspunkt zurückführen kann. Im besten Falle können wir in den ersten Abendstunden wieder auf der Hütte sein. Der eine Engländer ist mit seinem Führer schon bei den ersten Felsen umgekehrt, die andere Partie ist etwa % Stunde weit voraus. Leichter Schneefall setzt ein, als wir uns anschicken, die ersten Felsen zu erklettern. Das Gestein ist wundervoll fest und bietet gute Griffe und Tritte. Die leichte Schneeauflage macht uns nicht viel zu schaffen, jedoch erfordert mitunter die dünne Eisschicht grösste Vorsicht. Wir erreichen bald die bekannte Stelle, die man wegen des hohen Griffes im allgemeinen überwindet, indem man das Seil über einen herausragenden Zacken wirft. Dies erscheint uns jedoch zu gefährlich, da der Zacken vermutlich ebenfalls mit einer Eiskruste überzogen ist, so dass das Seil leicht abgleiten könnte. Wir umgehen deshalb diese Stelle nach links, steigen ein paar Meter ab und queren einige kleine Couloirs. Als wir weiter oben den Grat wieder gewonnen haben, hat uns dieses Umgehungsmanöver nahezu eine Stunde kostbarer Zeit gekostet. Ungezählte Türme und Zacken werden überschritten; der Grat wird immer exponierter. In schroffen, bizarren Felsabstürzen fällt er zur einen Seite auf den tief unter uns liegenden Biesgletscher, zur andern zum Schalligletscher ab. Durch das anhaltende Schneetreiben ist uns der Tiefblick fast ganz genommen. Gespensterhaft drohen die dunklen Schatten der wilden Verwerfungen der oberen Eisbrüche des Biesgletschers zu uns herauf. Wo eine grosse, aus dem Schalligletscher heraufziehende deutlich erkennbare Felsrippe sich mit unserm Grat vereinigt, ist die eigentliche Kletterarbeit überwunden. Wir haben mehr Zeit gebraucht als vorgesehen. Hier begegnet uns die zweite englische Partie, die sich ebenfalls zur Umkehr gewandt hat. Doch nun, da wir uns schon so weit emporgearbeitet haben, weisen wir den Gedanken an Aufgabe entschieden zurück. Das Schneetreiben lässt nach, der heftiger aufkommende Wind reisst die Wolkenfetzen auseinander, gibt uns für wenige Minuten den Blick frei und zeigt uns die Wildheit der Welt, in der wir stehen. Sogar der Gipfel wird für wenige Augenblicke frei. Unendlich steil türmt er sich vor uns auf, wie eine Himmelsleiter erscheint mir der Firngrat, der zu ihm emporführt. Jedoch kann es gar so weit nicht mehr sein, denn nur 400 m Höhenunterschied trennen uns von ihm. Wir legen die Steigeisen an. Prachtvoll greifen die Zehnzacker ins Eis. Gleichmässig kommen wir vorwärts, uns meist direkt an den Grat haltend, bis zur ersten Randspalte, die wir, ein wenig rechts ausbiegend, auf einer guten Schneebrücke überqueren. Wir EINE BESTEIGUNG DES ZERMATTER WEISSHORNS sind wieder in dichten Wolken. Die Luft wird merklich dünn hier oben in mehr als 4000 m Höhe, und häufiger müssen kurze Pausen gemacht werden. Es gilt, sich mit äusserster Energie weiter vorzuarbeiten. Wir nähern uns der zweiten grossen Querspalte, die, wesentlich grösser als die untere, eine Breite von ungefähr 20 m aufweist. Sie ist ganz von einer dichten Schneedecke zugedeckt. Mit einigen kräftigen Pickelstössen überzeuge ich mich, dass der Schnee trägt; einige Meter absteigend, gewinnen wir den andern Rand mit eiligen leichten Schritten. Ein paar mit dem Pickel geschlagene Stufen und Griffe erleichtern den Ausstieg. Wieder fegt der Wind die Wolken vom Grat und ermöglicht einen Blick auf den Weiterweg, was uns neuen Mut gibt, denn das Daherstapfen im grauen Nichts, einem Ziele zu, das man nicht sieht, zermürbt und zehrt an den Kräften. Wir lassen die Rucksäcke zurück, um völlig frei und ungehindert die letzten 200 m bewältigen zu können. Es muss und wird uns gelingen; wir sind unserm Ziele so nah, dass unser Glaube an den Sieg fester ist denn je und keinerlei Gedanken an die grossen Strapazen und an Ermüdung aufkommen lässt! An dem noch steiler werdenden Grat erkenne ich, dass wir am letzten Steilaufschwung des Gipfelaufbaus angelangt sind. Nochmals ist eine Spalte zu überqueren, von kleinerem Ausmass als die vorigen. Nach jeder Seillänge muss eine Pause eingeschaltet werden, das erfordert die starke Beanspruchung der Lungen in der dünnen Luft hier oben. Wir warten, bis die zweite Seilschaft wieder unmittelbar herangekommen ist, um das letzte Stück gemeinsam zu bewältigen. Schier endlos kommt uns unsere Himmelsleiter vor. Jetzt glaube ich, ganz nahe vor mir den Gipfel zu erkennen, das spornt zur Eile an, und wirklich, der Nebel hat uns nicht getäuscht: deutlich sehe ich die Gipfelstange, eine Seillänge nur trennt uns von ihr. Mit einem Ausruf der Freude stosse ich den Pickel in den Firn und verständige die Kameraden am zweiten Seil durch Zurufe. Ein stolzes, freudiges Gefühl erfasst uns. Vier Menschen reichen sich fest die Hände. Die drei Grate treffen hier so genau aufeinander, dass ihre Firnschneiden eine haarscharfe Pyramide bilden. Der Gipfel bietet kaum Raum für uns vier. Es ist genau 1 Uhr mittags. Mit einemmal reissen die Wolken wieder auseinander und geben den Blick frei. Unmittelbar vor uns die Mischabelgruppe, rechts von ihr die gewaltige Eisfestung des Monte Rosa und Lyskamm. Wir sehen ein Stück blauen Himmels über Italien, und im Süden ragt gewaltig der Obelisk des Matterhorns vor uns auf, das uns gleichzeitig die schnittigen Konturen des Schweizer und des Lion-Grates zeigt. In den Tälern Wolkenbänke und ziehende Nebel. Unmittelbar zu unsern Füssen der zacken- und türmereiche Schalligrat, den in diesem Jahre noch keines Menschen Fuss betreten hat. Schon wälzen sich von Westen wieder neue schwarze Wolkenhaufen heran, die uns an eiligen Abstieg mahnen.

Kaum sind wir wenige Seillängen unterhalb des Gipfels, als es schon wieder vollständig « zumacht », und bald tanzen die Flocken dicht um uns her. Wir kommen schnell tiefer; das Überschreiten der Spalten erfordert jetzt noch grössere Vorsicht, denn es ist wieder wärmer, und der Schnee ist weicher geworden. Gerade hat der Letzte die Brücke der untersten Spalte verlassen, als diese lautlos zusammenbricht und in die Tiefe versinkt. Bald ist die Scharte erreicht und der Felsgrat beginnt. Wir müssen ihn wieder in seiner ganzen Länge überschreiten, wozu wir nicht weniger Zeit als im Aufstieg benötigen. Die Verhältnisse haben sich inzwischen bedeutend verschlechtert, wir müssen jeden Tritt und Griff sorgfältig von Eis befreien, ehe wir uns ihm anvertrauen. Besonders die Platten zeigen sich im Abstieg bedeutend unangenehmer als im Aufstieg. Die Stelle, welche wir heute morgen durch die Flanke umgangen haben, überwinden wir jetzt durch Abseilen, indem wir das Seil oben um den Zacken herumlegen. An dieser Stelle stürzte vor Jahren Franz Lochmatter, der hervorragende Walliser Führer, zu Tode. Es ist 5 Uhr, als wir den Frühstücksplatz wieder erreichen. Das Schneetreiben ist inzwischen so dicht geworden, dass man nur noch wenige Meter weit sehen kann. Die Seile sind hartgefroren und mit dicken Eisklumpen behaftet. Zu einer Rast bleibt uns keine Zeit. Es verspürt auch niemand von uns grossen Hunger Eilig steigen wir weiter ab, über grosses Blockwerk, um den Schalligletscher zu erreichen. Durch das plötzlich einsetzende Surren unserer Pickel wird uns klar, dass wir uns mitten in einem Gewitter befinden. Unter uns hören wir das dumpfe Rollen des Donners. Der Abstieg über die Rippe will kein Ende nehmen, längst müssten wir auf dem Gletscher sein. Ein Blick auf Karte und Bussole; wir steigen weiter hinunter. Der Gletscher will nicht kommen Wir müssen erkennen, dass wir uns auf der falschen Rippe befinden; am Frühstücksplatz haben wir uns geirrt und sind im Nebel auf eine andere Rippe geraten als die heute morgen beim Aufstieg benutzte, die tiefer hinabführt als die erste. Es gibt keine Wahl, kein langes Überlegen, wir müssen wieder hinauf. Als wir ein Stück gestiegen sind, queren wir durch ein Couloir zu den nächsten Felsen. Hier geht 's wieder abwärts und abermals in ein Couloir. Diese Rinnen sind steinschlaggefährdet, und in Eile suchen wir wieder die Felsen zu erreichen. Viel kostbare Zeit haben wir verloren, und schon bricht die Dämmerung herein, als wir endlich auf den Gletscher kommen. Wir sind in einen bösen Wettersturz geraten; der Sturm heult und treibt den Schnee vor sich her, der uns in weisse Gestalten verwandelt hat. Heute tobt das Wetter um uns, das wir gestern in der Ferne im Berner Oberland beobachtet haben.

Im Dunkeln auf dem Gletscher weiter abzusteigen, durch ein Gewirr von Spalten, die nun alle verschneit und versteckt sind, ohne irgendeine Spur, erscheint uns zu gefährlich, obwohl die Hütte keine zwei Stunden mehr entfernt sein kann. So bleibt uns nur die Möglichkeit, zu biwakieren. Rasch ist der Entschluss gefasst, und wir suchen uns am Rande der Felsen eine möglichst geeignete Stelle aus. Mehr schlecht als recht ist der Platz, aber ein langes Suchen in der Dunkelheit ist nicht möglich, und so bleiben wir dort, wo wir auf die ersten Randfelsen stossen, die wir mit den Pickeln, so gut es geht, schneefrei machen. Obwohl wir zwei Zeltsäcke bei uns haben, kriechen wir alle unter einen, während wir den andern als Unterlage verwenden. Das wird unser Obdach schneller erwärmen. Wir sitzen treppenartig hintereinander, der unterste steckt seine Füsse in den Rucksack. Die Abendmahlzeit besteht aus zwei Scheiben Knäckebrot, einer Handvoll Rosinen und einer getrockneten Banane für alle! Ein paar Zigaretten helfen zur Erwärmung neben der kleinen Kerze, deren Licht aus Mangel an Sauerstoff immer spärlicher brennt und schliesslich ganz erlischt. Mit Humor suchen wir uns über unsere missliche Lage hinwegzuhelfen. Unsere Kameradin, die so tapfer als einzige Frau seit 18 Stunden alle Freuden und Leiden am Seil mit uns rauhen Gesellen geteilt, hat doch schon so oft von einem Biwak geschwärmt, wie sehr sie sich das einmal wünsche, wie herrlich und romantisch eine solche Hochgebirgsnacht sein müsse! So gehen manchmal Wünsche unerwartet rasch in ErfüllungGottlob ist die Nacht nicht übermässig kalt. Langsam schleichen die Stunden dahin, während draussen der Sturm pfeift und Schnee und Eiskörner gegen die Zeltwand peitscht, hinter der wir uns sicher und geborgen fühlen. Unsere Gedanken gehen zurück zum Gipfel, und alle Unbilden scheinen uns nur ein Geringes gegen das Grosse, das wir heute erlebten. Stets bleibt einer wach, während die andern versuchen, zu schlafen und immer wieder für kurze Zeit in eine Art Halbschlummer verfallen, sich müde an die Schultern des Kameraden legend.

Als ich gegen Morgen den Kopf zum Zelt hinausstrecke, hat das Schneetreiben aufgehört. Es ist schon ziemlich hell, und staunend sehe ich mich in der neuen Umwelt um. Zwar sind die Bergspitzen und Grate noch von schweren Wolken verhangen, doch um uns herum und unter uns ist alles frei. Wir kriechen aus dem engen Unterschlupf heraus und recken eifrig die vom Sitzen und der Kälte steif gewordenen Glieder. Schnell ist wieder alles in den Säcken verstaut, und wir setzen den Abstieg fort. Schon nach einer knappen halben Stunde sehen wir unten die Hütte liegen. Die gefallenen Neuschneemengen lassen uns oft bis zu den Knien einsinken. Gegen 7 Uhr langen wir bei der Hütte an, wo man uns schon sorgenvoll erwartet. Erstaunt sehen uns die andern in guter Stimmung, sie hatten uns wohl halb erfroren und stark mitgenommen erwartet. Die jungen Engländer, Studenten aus Genf, reichen uns Kognak und heissen Tee und zeigen sich als echte Bergkameraden. Aber unser sehnlichster Wunsch ist, heraus aus den nassen Kleidern und auf die Lager, denn es gilt, noch einige Nachtruhe nachzuholen nach solch einem Tag.

Das Weisshorn aber, das uns 26 Stunden in seinem Bann hielt, hat uns mehr gegeben als viele andere Gipfel, deren Grate wir bei herrlichstem Sonnenschein erklommen. Der gestrige Tag wird für uns ein Markstein in unserem Bergsteigerleben bleiben.

Bergsteiger kann man nicht werden, Bergsteiger muss man sein.,;Oft wird uns vorgehalten, wir suchten die Gefahr. Niemals suchen wir die Gefahr um ihrer selbst willen, aus Drang zum Abenteuerlichen oder aus blossem Nervenkitzel. Wir suchen den Kampf. Und Kampf ist Willen zum Sieg. Nicht zum Sieg über den Berg, denn die Berge sind ewig unbesiegt. Zum Sieg über uns selbst. Kampf des Menschen mit den Naturgewalten kann nicht gefahrlos sein, denn dort oben an Graten und Firnen, wo die Urwelt noch ist, wie sie des Schöpfers Hand geschaffen hat, unendlich in ihrer Schönheit, unerbittlich in ihrer Urgewalt, ist der Mensch der ungleich schwächere Streiter. Die Waffen seines Geistes und die Hilfsmittel moderner Technik, die menschlicher Geist ersann, sind nichts, wenn die Elemente der EINE BESTEIGUNG DES ZERMATTER WEISSHORNS Natur entfesselt wüten. Viele unserer Besten sind in diesem Kampfe geblieben. Aber trotzdem zieht es uns immer wieder dorthin, denn allein die Berge schenken uns grösstes Erleben, und der Kampf um dies ist Sinn und Ziel unseres Tuns.

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