Eine Fahrt zum Stromboli

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Werner Güller, Freiburg i. Br.

Eine Seefahrt zur Insel Stromboli bildete den Mittel- und gleichzeitig Höhepunkt einer Omni-busreise nach Sizilien, die unter der Leitung eines Pfarrers aus Südwürttemberg stand und die durch die Besteigung der drei bedeutendsten Vulkane Italiens ( Vesuv, Ätna, Stromboli ) ein besonderes Gepräge erhielt.

Der Stromboli, ein äusserst imposanter Vulkan, ragt 926 Meter über die Meeresoberfläche und befindet sich seit der Antike fast regelmässig in Tätigkeit. Geographisch gehört er zu den Liparischen Inseln, welche nach dem Windgott Äolus auch Aolische Inseln genannt werden. Die Gelehrten sehen in dem Archipel einen zwischen dem Massiv des Ätna und Vesuv gelagerten un-terseeischen Gebirgszug, der mit sieben Gipfeln ausschliesslich vulkanischen Ursprungs über die Wasseroberfläche tritt. Von Lipari, das mit Vulcano zusammen den Hauptstrang des Organismus bildet, greift der Westarm über Salina nach Filicudi und Alicudi, der Nordostarm dagegen über Panarea nach Stromboli aus. Die Insel Stromboli selbst besteht aus dem Kegel eines submarinen Vulkanriesen, dessen Unterwassersockel ein Mehrfaches seiner über dem Wasserspiegel sichtbaren Höhe misst. Mit einer Rauchfahne bei Tag, einer Glutkrone bei Nacht ist der aus sandiger Schlacke getürmte, mit jüngerem Erdgussge-stein überlagerte Gebirgsstock zum Idealbild eines feuerspeienden Berges geworden mit fast chronometerhaft regelmässigen Eruptionen.

Vulkanologisch stellt der Stromboli einen besonderen Typ dar. Er bildet etwa die Mitte zwischen dem hawaiischen Typ, bei dem entgaste dünnflüssige Lava ruhig ausfliesst, und dem explosiven. Die Bezeichnung « strombolianische Tätigkeit » ist sprichwörtlich geworden und bedeutet regelmässige und mit nur kurzen Intervallen erfolgende Auswürfe von Lavateilen und Schlacken.

Dank einer ungewöhnlich klaren Witterung fesselte das Dreieck des Stromboli, das mit seiner gleichmässigen Rauchfahne wie eine Vision fern aus dem Meere ragte, schon bei der Fahrt entlang der Küste Kalabriens unsere Blicke, und je näher wir nach Ankunft auf Sizilien der Stadt Milazzo kamen, desto mehr zog uns der äolische Archipel in seinen Bann.

Nach einer im Omnibus bzw. auf dem Betonboden einer Garage überstandenen Nacht bestiegen wir in Milazzo frühmorgens den Verkehrsund Frachtdampfer « Lipari ». Auf der Fahrt über die tintenblaue See richteten wir unser Augenmerk zuerst auf das Eiland Vulcano, wo nach der Sage einst der Feuergott Vulcanus wirkte. Durch einen schmalen Isthmus ist Vulcano von der Hauptinsel Lipari getrennt, nach welcher auch der ganze Bereich benannt ist. Nur in grossen Zeitspannen entfaltet der Berg eine vulkanische Tätigkeit und ruht seit dem letzten Ausbruch in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts im solfataren Halbschlaf.

Lipari selbst, wo unser Dampfer an mehreren Orten anlegte, ist aus Basaltschlacke aufgebaut, über welche jüngere Ströme von Obsidian und Bimsstein sich ergossen haben. Auf schwarzen Verwitterungshalden breiten sich Obstanpflan-zungen terrassenförmig um die mauergegürtete Oberstadt aus. An der Nordostecke der Insel be- finden sich mächtige Lager von Bimsstein, einem vulkanischen Glas, welches trotz des verschiedenen Aussehens dem Obsidian nahe verwandt ist. In den Gruben von Canneto, einem besonders zwischen den beiden Weltkriegen gefürchteten Verbannungsort, verdienen Tausende von Menschen ein hartes Brot in völliger Wehrlosig-keit gegen den Glasstaub und seine schädliche Einwirkung auf Augen und Lungen. Der durch die Abtragung klaffende Hang ähnelt mit seinem höllischen Reflexlicht einem Firnfeld in erbarmungsloser Sonne.

Da sich durch die Gewinnung und Verarbeitung des Bims ein reger Handel entsponnen hat, ist es nicht verwunderlich, dass wir im Hafen von Canneto langen Aufenthalt hatten. Grosse Säcke mit Material wie auch Fässer wurden auf kleinen Booten von geschäftigen Männern zum Dampfer gerudert. Mit Hilfe eines rasselnden Kranes gelangte die Ladung in den Bauch des Schiffes. Zahlreiche Fuhren waren notwendig, bis alle Lasten verladen waren.

Auch im Bereich der doppelgipfeligen Insel Salina, welche mit dem 962 Meter hohen Monte Fossa delle FelciFarngrube ) die grösste Höhe des liparischen Archipels erreicht, wiederholte sich dieses lebhafte Treiben. Salinas Reben liefern den köstlich süssen Malvasiawein.

Gegen Abend erst richtete die « Lipari » nach heikler Durchfahrt zwischen dem malerisch verträumten Panarea und dem Felseiland Basi-luzzo - es ragen hier mehrere Felsriffe nur wenige Dezimeter über die Wasseroberfläche hinaus - ihren Bug geradewegs auf die ebenmässige Pyramide des Stromboli. Bevor wir unseren Bestimmungsort San Vincenzo erreichten, zog uns bereits die düstere « Sciara del Fuoco » in ihren Bann. Über diese gleiten bei stärkeren Ausbrüchen die Glutmassen, welche dem seitlich gelegenen Krater entströmen, in nordwestlicher Richtung unter heftigem Zischen in die See. Dadurch, dass die « Feuerhalde » durch eine Schlackenbarriere vom Grünland der Insel getrennt ist, konnten sich die Dörfer San Vin- cenzo, San Bartolo und Ginostra wie hinter einem natürlichen Schutzwall entwickeln.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit ging unser Dampfer zwischen Strombolicchio, einem vorgelagerten Basaltstumpf, und dem Gestade von Stromboli vor Anker. In einer schwungvollen, an das Helgoland der Vorkriegszeit gemahnenden Ausbootung wurden wir von Einheimischen auf Nussschalennachen zum widernatürlich schwarzen Seesand und Ufergeröll hinübergerudert. Im Albergo « La Sirenetta » fanden wir eine ausgezeichnete Unterkunft — eine willkommene Abwechslung zum bisherigen Übernachten im Zelt auf den mit der eigenen Puste aufgeblasenen Luftmatratzen oder im verschlos-senenOmnibus.

Für den folgenden Tag war der Aufstieg zum Gipfel des Vulkans geplant. Laut Vorschrift war damals für die Begehung des Kraterbe-reichs ein « Bergführer » erforderlich, doch ist die Route zum 918 Meter hoch gelegenen Kamm oberhalb der heutigen Ausbruchstellen unter normalen Eruptionsverhältnissen relativ leicht und gefahrlos zu finden, so dass man bei einer gewissen Ortskenntnis und der notwendigen Vorsicht ohne Führer zurechtkommt. Als sich nach anfänglichen Regenschauern während des Vormittags die Wolken in den frühen Nachmittagsstunden lichteten und die Sicht zum Stromboli freigaben, erschien der Führer Salvatore, um gemeinsam mit den Marschtüchtigen unserer Reisegesellschaft die Tour in Angriff zu nehmen.

Zwischen kubisch gebauten, weisslich getünchten, teilweise verfallenen Flachdachhäusern hindurch gelangten wir auf einem mit Basaltsteinen gepflasterten Gässchen zum westlichen Ende des Ortsteiles San Bartolo. In ihrer bunten Mannigfaltigkeit versetzten uns Rebgärten — auch hier wird der Malvasierwein als Hauptexportgut der Insel gezogen -, Oliven, Feigen- und Zitronenbäume, Orangenhaine mit stark duftenden Blüten und Früchten an demselben Stock, Agaven und baumartige Malven- gewächse mit roten, weit geöffneten Blüten in die Traumwelt von Tausendundeiner Nacht.

Nun schlängelte sich der Weg bei massiger Steigung in beharrlichem Zickzack empor. Dieser Bereich oberhalb der Kulturzone liefert lieblichen, salbeiblätterigen Zistrosen, der Baum-wolfsmilch, Fenchel- und Wermutgewächsen und Macchien ausreichende Lebensbedingungen. Oberhalb des ehemaligen Observatoriums Labronzo verfilzte sich das stachelige Gerank der Brombeersträucher mit mannshohem Spa-nischem Schilfrohr und Ginsterbüschen zu einem unlöslichen Dickicht.

Bis zu einer Höhe von etwa 300 Metern geleitete uns der gutausgebaute, gepflasterte « Promenadenweg ». Über eine Tufflehne ging es nun in steilem Aufstieg zum kahlen Lavabereich empor. Immer deutlicher wurde das Tosen und Krachen vernehmbar, verbunden mit einem Zischen, welches an jenes einer Dampf ablassen-den Lokomotive erinnerte. Über die schon gut sichtbare Sciara del Fuoco stürzten polternde Blöcke ins Meer hinunter, während vom eigentlichen Krater noch nichts zu sehen war. Die Vegetationsgrenze, die bei etwa 600 Meter Höhe liegt, wird hier nicht, wie in den Alpen, durch das Klima bestimmt, sondern durch einen sehr feinen Aschenregen, der alles Leben unbarmherzig erstickt.

Bevor wir nahe dem Rande des einstigen Einbruches auf Wegspuren durch Asche, Lava und Lapilli die Gipfelwüste betraten, warfen wir noch einen Blick über die Binsenpalisade nach San Bartolo. Märchenhaft hoben sich seine hell-getünchten Hauskuben gegen das saftige Grün der Pflanzenwelt und das Azurblau des Meeres ab, das sich hinter dem Leuchtturmriff Strombolicchio in der Unendlichkeit verliert.

Ein schauerlich-schönes Naturschauspiel erlebten wir auf dem g 18 Meter hohen Gipfel ( genauer ausgedrückt: auf dem Kamm oberhalb der heutigen Ausbruchstellen ). Der eigentliche Gipfel des Stromboli, der 926 Meter hohe Vancori, ist durch ein Tälchen von diesem Kamm getrennt. Er bildet den Rand des erloschenen Urkraters, dessen restlicher Teil einst ins Meer absank, als sich das glutflüssige Magma seitlich eine neue Ausbruchspforte verschaffte.

Dadurch, dass der heutige Trichter auf einer Höhe von etwa 750 Metern nordwestlich des Gipfels terrassenförmig vorspringt, konnten wir mehrere kleine Eruptionen gefahrlos beobachten. In drei fast kreisrunden Krateröffnungen brodelte unablässig die feurige Masse. Aus beiden äusseren Herden entluden sich brüllend und unter starker Dampfwolkenbildung hohe Lapilli-Fontänen in regelmässigen Intervallen, während der mittlere nur ein durchdringendes, kreischendes Zischen vernehmen liess. Rauchschwaden unterschiedlicher Gestalt und Grosse liessen das Bild des « Brockengespenstes » in Erscheinung treten. Zeitweise enthüllte der Vulkan eine Gruppe von Schroffen in Schwefelgelb und Giftgrün, die im Verein mit dem Korallenrot der Krateröffnungen und dem intensiven Schwarz der Asche wie unheimlicher Spuk der Hölle wirkte.

Von unserm Vorhaben, einen Teil der Nacht im Gipfelbereich des Vulkans zuzubringen, um das grossartige Naturschauspiel bei Dunkelheit zu erleben - der Stromboli macht sich kostbar durch seine vielgerühmten Nachteruptionen -, mussten wir Abstand nehmen; denn wir wurden in Wolken eingehüllt, und es begann zu regnen. Da sich bei Nebel im Kratergebiet schädliche Gase in gesteigertem Grade bilden, riet der Führer Salvatore zum Abstieg, für den wir eine andere Route einschlugen als für den Anmarsch. Sie geleitete uns über steile Aschendünen zum Vegetationsbereich und durch einen Urwald von hohen Ginsterbüschen, Schilfrohr und Macchiengehölz unmittelbar nach San Vincenzo hinab.

In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages brachten uns die Ruderboote wieder zum Dampfer « Lipari », der während unseres Aufenthaltes auf Stromboli nach Neapel und zurück gefahren war. Anfänglich bei Regen, spä- ter bei zunehmendem Sonnenschein erlebten wir die Seefahrt in umgekehrtem Sinne und erreichten gegen Abend wieder den Strand von Sizilien, den Blick unverwandt zum Stromboli und seiner gleichmässigen Rauchfahne gerichtet.

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