Eine Frühlingstour mit dem Pudel Milo

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Mit 1 Bild ( 92Von Ju,ius vârjuJi ( Zürich ) Die ausserordentlich reichen Schneefälle des Winters 1950/51 liessen mir die Ausführung einer Skitour gegen Mitte Juni ins Sustengebiet als ratsam erscheinen. Mit Lawinengefahr war um diese Zeit beim Vermeiden, oder wenn es nicht zu vermeiden ist, beim vorsichtigen Betreten von gefährdeten Stellen kaum zu rechnen, ja der massenhafte Schnee, der auf den Gletschern lag, konnte deren Begehung eher noch erleichtern, so dass ich mir die Ausführung der Tour auf das Sustenhorn zumuten durfte. Eigentlich war ich ja nicht allein, mein treuer, anhänglicher Begleiter auf so vielen Touren, der Pudel Milo, kam wieder mit, und ich konnte mich auf ihn, als heben, hilfsbereiten Tourenkameraden, aufs beste verlassen.

So fuhren wir denn los! Von Göschenen stiegen wir in knapp vier Stunden zur Voralphütte hinauf. Zusammenhängenden Schnee trafen wir bereits vor der Mittwaldalp, wo ich die Ski endlich anlegen und bis zur Hütte benützen konnte. Das leicht neblige Wetter beunruhigte mich nicht, kannte ich doch den Weg von früheren Touren her. Von der Hütte nahmen wir, als einzige Besucher, Besitz. Ich holte Wasser zum Kochen, legte Feuer an und bereitete uns ein bescheidenes Essen, während Milo alle meine Bewegungen und Hantierungen mit kritischen Blicken verfolgte. Der mehrstündige Aufstieg im weichen Schnee hatte ihn scheinbar nicht ermüdet, denn er lief immer wieder zur Hütte hinaus und schien den Weg zum Fleckistock rekognoszieren zu wollen, stieg bis zu « den Flühen », suchte dort unter den zahlreichen in der Sonne spielenden Murmeli Beziehungen anzuknüpfen und kehrte erst, als das Essen bereit war, auf meinen Ruf hin zurück. Ich mahnte ihn, seine Kräfte zu schonen und für die Tour auf das Sustenhorn zu sparen, die für einen so jugendlichen, kaum drei Jahre zählenden Pudel gewiss eine ordentliche Leistung sein dürfte. Er schien meine Mahnung zu beherzigen, blieb bei mir, legte sich auf seine Windjacke, die ihm gleichzeitig als Kissen und Decke diente, und schlief bis in den frühen Morgen hinein.

Am nächsten Tag verliessen wir die Hütte früh, da das Wetter gut zu werden versprach. Und in der Tat, nach Überschreitung des Baches unterhalb der Hütte, je höher wir stiegen, klärte sich der Himmel mehr und mehr auf. Die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen das lockere Gewölk und färbten den Stuckli- und Fleckistock goldenrot, bald erglänzte auch die Ostflanke der Sustenkette in leuchtendem Sonnenschein. Die Luft war frisch, der Schnee hart gefroren, der Blick auf die umliegenden Berge überwältigend schön. Und die gewaltige Ruhe und Einsamkeit in dieser einzigartigen Hochgebirgswelt! Nur das Knirschen des Schnees unter meinen Ski, das leichte Säuseln der Bise und hie und da das muntere Bellen meines vorauseilenden Hundes unterbrachen das unendlich wohltuende grosse Schweigen; es war mir feierlich zumute. Ich kam ordentlich schnell vorwärts. Meine guten Felle erlaubten mir, eine ziemlich steile Spur anzulegen, und auch Milo hatte keine grosse Mühe, dieser zu folgen; ja, er lief mir gewöhnlich weit voraus. Er ist sonst ein stiller, schweigsamer Begleiter, gerade, wie ich es mir wünsche. Einen geschwätzigen Tourenkameraden mag ich nicht; man ist gezwungen, ihm Red' und Antwort zu geben, auch wenn man durchaus nicht aufgelegt ist zum Reden. Aber auch Milo macht sich gelegentlich bemerkbar. Er hat die Gewohnheit, in jugendlichem Übermut vorauszusteigen und, wenn ich ihm nicht schnell genug nachfolge oder gar anhalte, bellt er mich vorwurfsvoll an. Der Ton scheint zu sagen: « Du alter Knabe, mach ', dass Du vorwärtskommst! » Als sich diese Vorwürfe wiederholten, ertappte ich mich daran, wie ich anfing, mich vor ihm wegen meiner Langsamkeit zu schämen und, wenn ich mich von ihm beobachtet fühlte, wenn ich gerade nötig hatte, etwas zu verschnaufen, dann fing ich an, mit den Armen und Stöcken am Ort die gleiche Bewegung zu machen, wie wenn ich weiterlaufen würde, um ihn so zu täuschen und zu beruhigen. Und richtig, obschon er sonst sehr genau beobachtet, schien er sich durch diese Geste zu beruhigen — und lief weiter!

Die letzte grosse Spalte unterhalb der Voralphütte gab uns noch zu schaffen, doch brachten wir sie glücklich hinter uns, und ich glaubte, die Schwierigkeiten bereits überwunden zu haben, als ein Blick zur Lücke hinauf mich zu einer kritischeren Beurteilung meiner Situation zwang. Der nun folgende, sehr steile Hang zur Lücke hinauf konnte nur noch zu Fuss bewältig werden. Ich zog daher die Ski ab und trug sie auf den Schultern; als die Neigung zunahm, stiess ich sie vor jedem Schritt vor mir in den Schnee, um mich daran zu stützen und emporzuziehen. Weicher Schnee wechselte mit altem, hartem Lawinenschnee und Eis- und Felsblöcken. Ich hatte oft Mühe, besonders wenn ich im Schnee plötzlich bis zur Hüfte einsank und mich nur schwer wieder herausschaffen konnte. Dann verursachten mir die nassen, plattigen, schlechtgriffigen Felspartien Schwierigkeiten und desgleichen die vereisten Stellen. Ich bewunderte und beneidete Milo, wie er überall dieser Schwierigkeiten scheinbar mühelos Herr wurde: seine kräftigen Krallen benützte er als Steigeisen, über die Felsen sprang er mit Leichtigkeit, und weicher Schnee ist sowieso sein Element.

Wir kamen dem Übergang immer näher. Meine Zuversicht schwand mit jedem Schritt, denn immer deutlicher sah ich, dass die Lücke der ganzen Länge nach stark vergwächtet war und zu passieren jedenfalls problematisch schien. Dann standen wir dicht unter der Gwächte, deren Rand mit gewaltigen Eiszapfen geziert war. Sie glitzerten und tropften an der Sonne, drohten abzubrechen. In den seitlichen Felsen auszuweichen, kam nicht in Frage; sie waren ausserordentlich steil und plattig, ohne Griffe und Tritte. Zurück-zufahren zur Hütte, nach dem etwa vierstündigen, mühsamen Aufstieg, war nicht besonders verlockend, vielleicht aber doch der einzig sichere Ausweg. Ich prüfte alle Möglichkeiten und kam schliesslich auf den Gedanken, die Schneewand unter der Gwächte durchzustossen. Ich stiess einen Ski durch die Wand und siehe, als ich ihn zurückzog, schien die Sonne durch das enstandene Loch. Die Wand war knapp anderthalb Meter dick. Ich entnahm meinem Ruck- sack die stets mitgeführte Aluminium-Ersatzskispitze und begann damit zu graben. Bald sah ich jedoch ein, dass mich der lange Aufstieg zu müde gemacht und ich mit den frierenden, klammen Fingern das unzweckmässige Werkzeug kaum festhalten, geschweige denn kräftig führen konnte, um die mühsame Arbeit noch zeitig genug fertigzubringen. Ich musste das Beginnen aufgeben, tröstete mich aber mit der bevorstehenden schönen Abfahrt. Milo schien jedoch anderer Meinung zu sein. Er kauerte auf der Plattform, die ich ihm festgetreten hatte, zitternd vor Kälte und leise wimmernd, aber geduldig mich betrachtend. Als ich das Zeichen gab, dass wir den Rückzug antreten wollten, da sprang er auf, aber in das von mir angefangene Loch, und wütend begann er dasselbe mit seinen Pfoten aufzuscharren, dass der Schnee nur so herausflog. Er entwickelte eine Betriebsamkeit, die mir nach dem mehrstündigen Aufstieg geradezu unbegreiflich schien, und in der kürzesten Zeit war die Schneewand durch-gestossen, der Übergang freigelegt. Mit blutigen Vorderpfoten und fast mit spöttischer Miene kam er aus dem Tunnel, den ich nur noch wenig erweitern musste, und fröhlich bellend meldete er mir die getane Arbeit. Ich schob den Rucksack, dann die beiden Ski und zum Schluss auch mich durch das enge Loch auf die andere, von der Sonne beschienene, warme Seite. Im stolzen Bewusstsein seiner Leistung und mit dem Schwanz freundlich wedelnd begrüsste er mich und nahm dann die wohlverdiente Wurst entgegen. Ich war freilich überglücklich über die unerwartete Wendung. Ich schäme mich nicht, zu bekennen, dass mir die Augen nass geworden sind, als ich meinen lieben Pudel heftig an mich gedrückt habe.

Dann aber mussten wir uns sputen. Ich legte die Ski wieder an, fuhr auf den Gletscher hinab und stieg zur Sustenlimmi hinauf, mein Pudel mir nach, und in einer weiteren Stunde standen wir bereits auf dem Sustenhorn ( 3512 m ). Das Wetter war wundervoll, warm, windstill, die Aussicht unerhört schön! Die Berner Oberländer, die Gotthardgruppe, die nahen Urner und Unterwaldner Berge zeigten sich in ihrem Schneegewand grossartig; man konnte sich an der Herrlichkeit kaum sattsehen. Ich zeigte Milo den Titlis, den wir einige Tage zuvor in Begleitung seiner jüngeren Kameradin, der Moly, bestiegen hatten. Er knurrte befriedigt, als ich ihn darauf aufmerksam machte!

Und dann hinab zur Tierberglihütte! Über die steile Südostflanke vorerst wegen Spaltengefahr vorsichtig, dann in grossen Bogen an der Sustenlimmi vorbei auf dem mässig geneigten Firn direkt der Hütte zu. Ei, war das eine frohe, lustige Fahrt! Ich fuhr voraus, Milo sprang hinter mir her, freudig bellend. Man sah ihm an, dass ihm die tolle Fahrt Freude bereitete. Ich hatte gerade genug, als ich nach kurzer Gegensteigung die Hütte betrat, während Milo unermüdlich zu sein schien, denn übermütig wälzte er sich noch im Schnee. Auch in dieser Hütte befand sich überraschenderweise niemand. Erst gegen Abend trafen zwei Alleingänger aus zwei verschiedenen Richtungen ein, von der Kehlenalphütte und vom Hotel Stein her. Es war ein gemütlicher Abend, den die drei Alleingänger in der Hütte verlebten, und Milo trug nicht wenig zur Gemütlichkeit bei.

Der folgende, noch schönere Tag fand uns frühzeitig unterwegs zum Gwächtenhorn. Jeder der drei Alleingänger legte — unvernünftigerweise — eine eigene Spur an, nur Milo bildete die Verbindung und lief von einem zum andern und legte dabei sicher doppelt oder gar dreimal die Streckenlänge zurück, die wir zogen. Er sprang übermütig den Dohlen nach, die uns umkreisten, lief ihnen oft Hunderte von Metern weit nach und entschwand sogar unseren Blicken, so dass ich oft Angst hatte, es könnte ihm etwas Schlimmes zugestossen sein. Erleichtert atmete ich jedesmal auf, wenn dann sein schwarzer Chruselgrind aus einer Versenkung plötzlich auftauchte. So war es unterhaltend, mit ihm zu marschieren. Die frische, klare Luft, der festgefrorene Schnee und die wunderbar prachtvolle Landschaft trugen allerdings viel bei, den Aufstieg leicht und kurz erscheinen zu lassen.

Auf dem Gipfel angelangt, wiederholte sich unser gestriges Erlebnis des Sustenhorns: die Aussicht war beinahe noch schöner und gewaltiger und machte den Aufenthalt auf diesem Gipfel zum Ereignis besonderer Art. Nach längerem Verweilen und Geniessen kam die rassige, tolle Abfahrt, und nur zu schnell erreichten wir die prachtvoll gelegene Tierberglihütte wieder.

Wir bereiteten aus unseren Proviantresten ein reichliches gemeinsames Mahl, worauf sich die andern beiden Bergsteiger zur Abfahrt nach dem Hotel Steingletscher aufmachten, um das Postauto zu erreichen. Ich blieb mit Milo in der Hütte zurück. Unterdessen verschlechterte sich das Wetter. Nebel stieg aus dem Tal herauf, und bald waren die Gipfel und Firne in dampfende Wolken gehüllt. In kürzester Zeit entwickelte sich ein richtiggehendes Hochgewitter. Es blitzte und donnerte ununterbrochen, die Hütte erzitterte und knarrte unter den gewaltigen Windstössen. Es setzte auch kräftiger Schneefall ein. Mir wurde bang um die zwei, die sich in unsicherem Gelände im Kampf mit den Elementen befanden, während ich hinter dem Hüttenfenster geborgen in der warmen Stube sass.

Als wir am nächsten Tag im Hotel Steingletscher ankamen, vernahm ich zu meiner Beruhigung, dass die beiden Bergsteiger noch vor Ausbruch des vollen Gewitters, aber ganz durchnässt, das Postauto erreicht hatten. Bei aufhellendem Himmel stieg ich zum Sustenpass hinauf. Auf der Urner Seite brandeten wieder dichte Nebel an, so dass sich die Abfahrt über die steilen Hänge mühsam und nicht ungefährlich gestaltete. Auch waren die Bäche, die zahlreich von der Höhe zu Tale stürzten, teilweise nur schwach überbrückt und verlangten zur Überschreitung Vorsicht und viel Aufmerksamkeit. Mit Genugtuung beobachtete ich, wie Milo stets die besten Schneebrücken fand, auf welchen wir die mit grosser Gewalt in die Tiefe stürzenden Wassermassen am sichersten überschreiten konnten.

Doch bald waren auch die letzten Schneeresten hinter uns. In der Nähe von Färnigen hatte sich unser ein mitleidsvoller Automobilist erbarmt und nahm uns bis Wassen und Erstfeld mit, so dass unsern müden Beinen einige Stunden mühsamen Strassentippels erspart blieb.

Ich habe Milo zu mehreren grösseren Touren, auch Skihochtouren, mitgenommen, und noch nie hat er versagt, ja, beinahe bei jeder Tour trug er zum Gelingen derselben bei. So war er es, der am Hausstock die total im Schnee vergrabene Skihütte des Skiklubs Elm, unterhalb des Panixerpasses, entdeckte und mir half, sie auszugraben; auch den Aufstieg zum Blümberg fand er an einem nebligen Sonntag sicher, worüber sich die uns angeschlossenen Skifahrer nicht genug verwundern konnten. So ist mein lieber Pudel Milo mir nicht nur ein immer munterer, stiller, treuer Freund, sondern auch ein zuverlässiger, hilfsbereiter, intelligenter Tourenkamerad, den ich bei künftigen Touren mitnehmen werde, solange dies möglich ist.

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