Eine Piz-Palü-Überschreitung und Berninabesteigung

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Von Peter Moser

Mit 2 Bildern ( 131, 132).Zürich, Sektion Titlis ).

Es war am Montag, den 26. August 1940, als wir St. Moritz verliessen und mit der Berninabahn nach Berninahäuser fuhren, wo wir um 4 Uhr nachmittags eintrafen. Nachdem die jetzt ganz überflüssig, ja fast etwas lächerlich erscheinenden, wärmespendenden Kleidungsstücke auf und in den Rucksack verstaut und am Rucksack selbst die letzten « Druckstellen » untersucht und beseitigt worden waren, machten wir uns unverzüglich auf den Weg zur Diavolezzahütte.

Etwas oberhalb des Bahnhofes von Berninahäuser beginnt ein guter, breiter Weg, welcher zu dieser Hütte hinaufführt. Ich kannte die Gegend vom Winter her und war dann etwas erstaunt, dass der Sommerweg weiter oben, vom kleinen Diavolezzasee weg, viel weiter nach links geht als die Winterroute. Man vermeidet so den Aufstieg über das Gletscherchen, welches man auf der Sommerroute nur fast gerade zur Hütte hinüber zu überqueren braucht.

Dort wo der Sommerweg in das Firnfeld führt, geniesst man eine prächtige Aussicht auf die Berge und Täler östlich des Berninatales und des gleich- Die Alpen — 1942 — Les Alpes.29 EINE PIZ-PALÜ-ÜBERSCHREITUNG UND BERNINABESTEIGUNG.

namigen Passes. Auch südlich des Berninapasses öffnet sich der Blick weit über die Berge und Firne der italienischen Alpen. Prächtig sind die Einblicke in das Heutal und in das im Winter sehr lawinengefährliche Val Minor. Die Ostseite des Piz d' Arias sowie die des Piz Cambrena kann man aus nächster Nähe bewundern.

Wir erreichten die Diavolezzahütte um zirka 6% Uhr abends. Trotz der schweren Rucksäcke und der heissen Sonne hatten wir die Hütte in normaler Marschzeit erreicht.

Da die Hüttenbummler die Klause bereits verlassen und sich auf dem Heimweg befanden, herrschte in dieser vorbildliche Ruhe; die Pritschen waren gut und weich, auch gab es vor dem Einschlafen kein Geschnatter und Gewisper, was ich sehr vielen jungen Bergsteigern zu Nachahmung empfehlen möchte. So haben wir recht gut geschlafen, so dass wir um 3 Uhr nicht ohne « innere Überwindung » das Tagwacheklopfen vernahmen und uns marschbereit machten, um gegen 4 Uhr den Aufstieg zu den Gipfelhöhen zu beginnen.

Wir stolperten von der Diavolezzahütte aus über einen Geröllboden, denn es war noch ziemlich dämmerig, überschritten ein Schneefeld und erreichten so eine erste Fuorcla. Eine Wegspur führte in die schroffen, geröllbedeckten Osthänge des Piz Trovât. Nachdem ein ziemlich steiles, hartes Schneefeld auf guten Spuren überschritten war, gelangten wir in die Fuorcla d' Arias.

Als wir die Diavolezzahütte verlassen hatten, funkelten noch die Sterne als einziges Licht am Himmel. Die Milchstrasse leuchtete mitten über den Palü-Hauptgipfel, wie ein Bündel Scheinwerferstrahlen. Die Nacht war hell, windstill und gar nicht kalt. Im Ausschnitt der Fuorcla d' Arias erblassten die Sterne im Osten mehr und mehr. Ein heller Streifen am Horizont verkündete das Erscheinen des Tageslichtes.

Und er wurde sehr licht und hell, dieser sonnige Tag, welcher uns über die drei Gipfel des Piz Palü führte!

Nachdem wir von der Fuorcla d' Arias noch ein wenig über grobes Geröll abgestiegen waren, erreichten wir den Persgletscher. Hier legten wir die Steigeisen und das Seil an, nachdem wir mit dem Photographieren schon ziemlich viel Zeit verloren hatten. Zwei Partien hatten uns in der Fuorcla bereits überholt, und nun ging gar eine dritte an uns vorbei, natürlich nicht ohne zufriedenes Schmunzeln. Dafür aber hatten wir in vollen Zügen all die Schönheiten und das Farbenspiel des werdenden Tages gekostet.

Die Sonne hatte bereits über den Palügipfeln ein feines, rosiges Licht gestreut, als wir den Gletscherwinkel unter dem Piz Cambrena überschritten und uns dem Gletscherbruch näherten. In dem kalten, bläulichen Licht, in welchem der Gletscher lag, sah er schaurig genug aus. Ein Chaos von Spalten, Brüchen und Eistürmen, alles grünlich-blau schimmernd, und oben auf den Gipfeln der fast heimelig warm anmutende Firn im Sonnenlicht! Kein Wunder, dass wir in strammem Anstieg die Höhe zu gewinnen suchten.

Unter einer hohen Eiswand durchgehend, erreichten wir flachere Firnfelder, welche nur von einigen gut überbrückten Spalten durchzogen waren. Bald aber wurde es wieder steiler und wir gewannen die Höhe der Fuorcla Pers-Palü ( 3464 m ). Nach einer guten halben Stunde strammen Steigens befanden wir uns auf dem Sattel des Palü-Ostgrates, nun wieder in Gesellschaft von zwei Partien, welche uns vorher überholt hatten.

Schon seit längerer Zeit hatte ich auf meine regelmässigen Atembeschwerden gewartet: ich wusste, in der Höhe von 3100 bis 3500 m treten diese am stärksten auf und überfallen oft auch gut trainierte Bergsteiger. Als ich nun gar nichts davon verspürte, ja der Aufstieg eigentlich ganz mühelos und ohne Beeinflussung durch die Höhe vonstatten ging, war ich sehr froh und zufrieden. Eigentlich hatte ich mich schon zum alten Eisen gezählt, nun aber sah ich, es geht ja immer nochGrund genug, um froh und zufrieden zu sein.

Hier im Sattel machten wir die erste, wirkliche Rast, zirka 3700 m. Es war 8 Uhr morgens. Nach Osten, Süden und Norden übersah man Hunderte von Gipfeln und Tälern. Der ganz nahe Piz Cambrena lag unter uns, Piz Languard und Piz Alv waren schon ganz unansehnlich geworden. Imposant war immer noch der Piz Kesch, welcher alle seine nächsten Nachbarn überragt. Die Aussicht gegen Westen ist ganz vom Piz Palü verdeckt, dessen Ostgipfel sich hier mit einem sehr steilen, aber breiten Schneehang zum Gipfelgrat aufschwingt.

Mittlerweile hatte sich eine der eingeholten Partien auf den Weg gemacht und stieg ruhig und kraftvoll den steilen Hang hinan. Auch die zweite Partie machte sich marschbereit. Bis auch wir so weit waren, war die erste Partie bereits dem Gipfel zu verschwunden; die zweite hackte aber an dem gut gespurten Aufstiegstracé herum. Wir konnten nicht begreifen, was dort oben eigentlich los sei. Sie hatten doch Steigeisen? Wir holten die Partie in etwa halber Höhe des Hanges ein und sahen nun, dass nur zwei Teilnehmer der Viererpartie Steigeisen bei sich hatten, diese aber auf dem Rucksack trugenAuf unsere Frage, warum nicht wenigstens der erste und der letzte sich der Steigeisen bedienten, meinten sie, sie müssten für die zwei andern, ohne Steigeisen, ja doch hacken, was aber bei der gutgetretenen Spur gar nicht nötig gewesen wäre, wenn der Erste und der Letzte guten, sicheren Stand gefasst hätten. Nun, wir zogen vorbei und liessen sie weiterhacken.

In zirka einer halben Stunde hatten wir über eine gewaltige Spalte und ein kurzes Grätchen den Ostgipfel des Piz Palü erreicht ( 3889 m ). Das trigonometrische Signal steht etwas unterhalb des Gipfels, da derselbe nach Norden gewöhnlich sehr stark überwachtet ist. Prächtig sind hier die Einblicke in die Nordwand des Palü-Hauptgipfels sowie der Tiefblick auf den Pers- und Morteratschgletscher. Im Süden überblickt man den gewaltigen Palügletscher sowie den Altipiano di Fellaria mit seinen Gipfeln, die Talschaft von Poschiavo und die Bergamasker Alpen. Gegen Osten sieht man die italienischen Berge des Livigno, die Ortlergruppe, die Paznauner, die Ötztaler und die Berge des Unterengadins, unmöglich, alle zu kennen, ja unmöglich, alle zu beachten!

Es war wundervoll sonnig und windstill, so dass wir das gewaltige Panorama ruhig und sorglos geniessen konnten.

Gegen halb 10 Uhr machten wir uns auf den Weg zum Hauptgipfel. Der Abstieg vom Ostgipfel zum Sattel zwischen Ost- und Hauptgipfel ist leicht und nicht zu steil. Vom Sattel zum Hauptgipfel jedoch schwingt sich EINE PIZ-PALÜ-ÜBERSCHREITUNG UND BERNINABESTEIGUNG.

der Grat steil und sehr schmal hinauf. Der Tiefblick auf beide Seiten ist eindrucksvoll, und wenn man sich nach einigen Schritten daran gewöhnt hat, grossartig. Man steigt über diesen Grat frei und leicht hinauf, man möchte höher und weiter, immer höher und weiter auf dieser luftigen Stiege ohne Geländer! Bestaunt die gewaltigen Eiswülste, die riesigen Abbruche, die feinen Firngrätchen, die feingezeichneten Rillen im steilen Firnfeld!

Auf dem Hauptgipfel ( 3912 m ), der ein grosses Firnplateau ist, machten wir nur kurzen Aufenthalt, bewunderten die schönen Formen und Grate des Piz Bernina und die Ostwand des Piz Zupò, welcher durch seine grössere Höhe ( 4002 m ) und seine steile, felsige Ostwand sofort auffällt. Die Gipfel der Bella Vista machen von hier aus keinen grossen Eindruck.

Wir stiegen vom Hauptgipfel den zuerst breiten und nicht zu steilen Grat hinunter zur Einsenkung zwischen Hauptgipfel und dem dritten Gipfel des Piz Palü, dem Piz Spinas. Der Grat wird steiler und schmäler. Man empfindet das Hinabsteigen über solch steile und schmale Grätchen immer unangenehmer als den Aufstieg, besonders wenn sie so ausgesetzt sind, wie es hier der Fall ist. Trotzdem stiegen wir frei und sorglos hinunter, denn die Steigeisen griffen gut und unsere Tritte waren sicher. Schwindlig sein darf man hier allerdings nicht, sonst hat man nichts von einer solchen Wanderung. Wir erreichten die ersten Felsen des Piz Spinas, wo bereits eine Partie rastete, und hielten die schöne Gipfelrast. Wie wertvoll eine solche Gipfelrast ist, weiss der, der sie erlebt hat, dieses Rasten, das uns zufrieden und glücklich macht!

Nachdem wir etwa eine Stunde geruht hatten, stiegen wir die wenigen Meter zum felsigen Spinasgipfel hinauf ( 3825 m ). Unten war eben die Partie mit den zwei Paar Steigeisen angekommen, welche beim Abstieg vom Hauptgipfel nun unseren Rat befolgt hatte, und auf diese Art viel besser und rascher vorwärts kam. Wir wandten uns dem felsigen Spinasgrat zu, welcher nicht steil, aber ziemlich schmal zum Bella-Vista-Sattel hinabführt. Der Grat ist meist felsig und nur an einigen kurzen Stellen verfirnt. Der Fels ist gut und nicht schwierig. Wir erreichten die Fuorcla Bella Vista zirka um 1 Uhr mittags ( 3684 m ).

Um y22 Uhr brachen wir auf, um die Bella-Vista-Terrasse zu überschreiten und die Fuorcla Crast Aguzza zu erreichen. Der Marsch über die Terrasse ist angenehm und leicht bis zum sogenannten « Eck », wo der eigentliche Abstieg und damit die Spalten und die Eisschlaggefahr beginnen. Zuerst geht es noch weniger steil über einige verdeckte Spalten hinunter. Dann wird der Abstieg steiler, und man muss unter riesigen Eisbrüchen durchqueren. Auch unterhalb der Route befinden sich hohe Eisbrüche. Einige Schneebrücken schienen sehr brüchig, und im kleinen, flachen Boden war die Spaltengefahr noch viel grösser, da infolge des hier zusammengewehten Neuschnees die Spalten nicht gesehen werden konnten und auch die Spaltenrichtung sich immer wieder änderte und nie genau zu bestimmen war. Wir kamen aber glücklich durch und überschritten im weiteren Abstieg eine breite Spalte, und querten dann auf einem schmalen Schneegrätchen, welches zwei riesige Spalten trennte. Dann ging es unter den Eisabbrüchen der Crast Aguzza durch, und wir befanden uns nun in der Fuorcla Crast Aguzza, wo der Boden wieder etwas sicherer war. In einem weiten Rechtsbogen erreichten wir über aufgeweichtem Blankeis und Firn das italienische Rifugio Marco e Rosa, 4 Uhr nachmittags.

Die Marco-e-Rosa-Hütte war leer. Wir hatten vorher verschiedenes über die Primitivität und Feuchtigkeit in dieser Hütte gehört, als wir aber alle Fensterläden geöffnet hatten, waren wir ziemlich überrascht, als sich der Raum ganz weiss gestrichen, sehr freundlich und hell präsentierte. Die Hütte besteht nur aus einem Raum, abgesehen von einer ganz kleinen Abteilung, wo das Geschirr und einige andere Dinge des Hütteninventars verstaut sind. An der Wand des Aufenthaltsraumes fällt sofort eine vom Dopo lavoro, Sondrio, gestiftete italienische Fahne mit den darüber aufgehängten Photographien der Stifter dieser Hütte, Marco e Rosa de Marchi, aus Mailand, in die Augen.

Bei Anwesenheit des Hüttenwartes kann man in dieser Hütte, trotz dem schlechten, ja sogar ziemlich schwierigen Zugang von der Capanna Mannelli aus, verhältnismässig billig Tee und Kaffee usw. bekommen ( 1 1 Tee 6 Lire ). Das Wasser muss aus Schneeschmelze gewonnen werden, so dass wir noch vor Sonnenuntergang genügend Tropfwasser beim nahen Firne auffingen. Ein Kochherd ist in dieser Hütte nicht vorhanden, denn der Holztransport ist bei dem weiten und oft geradezu schwierigen Zugang von der italienischen Seite aus fast unmöglich, so dass man auf den eigenen Spritkocher angewiesen ist.

Die Hütte liegt auf einem Felsvorsprung fast genau südlich unter der Spalla des Piz Bernina auf 3600 m Höhe. Links von der Hütte schiesst ein sehr steiles Couloir von Eisabbrüchen direkt bis auf den oberen Scerscengletscher hinunter.

Die Aussicht von der Hütte aus ist, trotzdem sie nur nach Süden offen ist, sehr schön. Man überblickt die Berge südlich des Bernina sowie die grossen Eisströme des Scerscengletschers. Im Osten präsentiert sich die Crast Aguzza als schöner, fächerförmiger Grat. Auch der Anblick der Nordostwand des Piz Roseg ist von hier aus gewaltig.

5 Uhr früh, Tagwache! Gerne waren wir gestern unter die Decken gekrochen, und gerne wickelten wir uns jetzt wieder aus denselben heraus. Trotzdem einige Nebelfetzen herumkrochen, versprach der Tag gutes Wetter.

Die Gipfel des Piz Bernina und des Piz Roseg waren schon im Sonnenlicht, als wir vor der Hüttentüre die Steigeisen anschnallten und uns in die Seilschlingen schoben. Wir stiegen den Firnhang nördlich der Hütte hinauf. Anfänglich ist es nicht zu steil. Ungefähr nach dem ersten Drittel des Hanges deponierten wir den grössten Teil unseres Rucksackinhaltes und stiegen nun mit leichter Last zügig bergan. Bald kamen wir in die Sonne, welche heute nicht so hell und klar war wie gestern. Es lag immer etwas feiner Nebel in in der Luft, welcher die Sicht ein wenig beeinträchtigte und das Licht dämpfte. Über zwei grosse, jedoch fast ganz geschlossene Spalten erreichten wir den Südgrat des Bernina, welcher hier von Westen nach Osten verläuft und deshalb besser Spallagrat genannt wird. Er führt von der Spalla des Piz Bernina von Süden nach Norden zum Gipfel.

EINE PIZ-PALÜ-ÜBERSCHREITUNG UND BERNINABESTEIGUNG.

Der untere Teil des Grates ist zum Teil felsig. Die Felsen sind nicht schwierig, trotz des nicht gerade guten Gesteins. Die firnigen Teile sind schmal und ziemlich steil. Die Tiefblicke beidseitig aber nicht so imponierend wie im oberen Teil des Grates. Wir erreichten die Spalla des Bernina ( ca. 4000 m ) in etwa fünf Viertelstunden von der Hütte aus.

Von hier aus schwingt sich der Grat in einigen wunderschönen Bögen zum Gipfel hinüber. Er ist nicht besonders steil, aber wirklich schmal und, was die Steilheit der Flanken anbelangt, für uns gerade genug. Rechts geht 's über steilen Firn und einige zünftige Abbruche hinunter auf die Firnböden oberhalb des Labyrinths, sicherlich an die 600-700 m. Auf der anderen Seite reicht der Abfall bis auf den Tschiervagletscher hinunter, ca. 1000 m Höhenunterschied.

Wir mussten auf der Spalla einen kleinen unfreiwilligen Aufenthalt von zirka einer halben Stunde machen, denn die uns vorausgegangene Partie manövrierte auf dem Grat. Zwei der Teilnehmer sassen rittlings auf dem Grat und sicherten, liessen aber dabei das Seil ganz lose bald rechts und bald links in die Flanken hinunterhängen. Natürlich kamen sie auf diese Art nicht oder nur ganz langsam vorwärts und hatten erst noch nicht die geringste Sicherheit, für den Fall eines Sturzes. Auf einem solchen Grat gibt es nach meiner Ansicht nichts Besseres und Sichereres als aufrecht und ruhig zuzulaufen und genau auf den Vordermann zu achten. Sollte demselben etwas passieren und er fallen, so hat der Hintermann nichts anderes zu tun, als in die entgegengesetzte Flanke zu springen; dabei ist das Seil so kurz wie möglich zu nehmen, damit der Sturz keine Wucht erreichen kann. Die Sicherheit des Zulaufens hat man sich natürlich vorher irgendwo, wo es nicht so gefährlich und bitter ernst ist, anzueignen. Wir gingen jedenfalls in 15 Minuten zu den Gipfelfelsen hinüber, als der Grat frei war, und zwar ohne jeden Unterbruch und ohne jede Unsicherheit. Der Gipfel des Bernina war über die ganz leichten Gipfelfelsen in einigen Minuten erreicht ( 4055 m ).

Nun waren wir oben! Der Bernina, eine alte Sehnsucht von mir, war erreicht!

Die Aussicht vom Piz Bernina aus ist wie die von allen höchsten Punkten: man steht zu hoch. Man überblickt alle Gipfel und beachtet aus diesem Grunde die Einzelheiten der Umgebung nicht mehr oder kann sie vielmehr nicht mehr beachten, denn man steht über ihnen.

Unsere Gipfelrast war trotzdem schön und unsere Freude gross.

Nach zirka einer Stunde rüsteten wir zum Abstieg. Er ging gut und rasch vonstatten. Ehe wir uns noch recht an den Gedanken des Absteigens gewöhnt hatten, waren wir schon wieder auf der Spalla angelangt und stiegen über die felsigen und firnigen Teile des Grates auf den Firnhang hinunter, wo wir bei unserem Depot ankamen.

Nachdem die Lasten wieder verteilt waren, machten wir uns auf den Weg zum Crast-Aguzza-Sattel hinunter, um dann wieder zum « Eck » unter den Bella-Vista-Gipfel hinaufzusteigen. Da die normale Route über « Da Buuch » nicht gangbar war, hatten wir uns entschlossen, über die Fortezza auf die Isla Persa abzusteigen. Wir mussten deshalb wieder auf die Bella- Vista-Terrasse hinauf, was einen Wiederanstieg von zirka 150 m notwendig machte.

Wir folgten vom Crast-Aguzza-Sattel aus unseren Spuren vom Vortage. Auf dem « Eck » oben angekommen, machten wir nochmals eine kurze Rast. Prächtig ist von hier aus die Crast Aguzza, welche wie ein kleines Matterhorn in den Himmel sticht. Der feine Nebel in der Luft war noch etwas stärker geworden, und um die Sonne hatte sich ein riesiger Ring gebildet, dessen Ränder ganz schwache Regenbogenfarben aufwiesen.

Wir rüsteten zum Aufbruch und zogen dem Fortezzagrat zu. Über einige grosse Spalten an der « Lochroute » vorbei erreichten wir denselben. Bei den Felsen ( Steinmännchen ) unten angekommen, entledigten wir uns der Steigeisen. Als wir aber den Abstieg über die gewöhnlich nicht schwierigen Felsen versuchten, bemerkten wir, dass die Route von dickem, klarem Wassereis überzogen und ein Ausweichen hier nicht möglich war. Der Abstieg über dieses Eis aber hätte wohl eine schwere, lange Hackarbeit erfordert. Wohl oder übel entschlossen wir uns, umzukehren und wieder aufzusteigen, bis wir nach rechts in die Route durch das « Loch » hineintraversieren konnten. Der Bergschrund im « Loch » war gut überbrückt, so dass wir gut einsteigen konnten, dafür aber wurde der Firn so hart, dass wir gezwungen waren, Stufen zu hacken, denn es schien uns ein gefährliches Beginnen, die auf den Rucksäcken aufgeschnallten Steigeisen in dieser Steilwand anzulegen, zumal der feine, pulverige Neuschnee, welcher hier auf der beinharten Firnunterlage lag, leicht ins Rutschen kam. Wir hackten also eine lange Stufenreihe hinunter und erreichten über zwei grosse Spalten etwas besseren, wieder weicheren Schnee, wo wir dann ein gutes Stück zu einem etwas flacheren Firnboden abfahren konnten.

Hier lag ein grosses Feld von Eisblöcken und Trümmern, welche von der gewaltigen, hohen Firnwand links herabgestürzt waren und deren Schussbahn man durchqueren musste. Es blieb jetzt alles ruhig, und da hier auch der Neuschnee aufhörte, war auch die Spaltengefahr nicht mehr gross. Noch einmal fuhren wir eine grosse Strecke ab und erreichten bald, ohne jeden weiteren Aufenthalt, den aperen Morteratschgletscher, wo wir uns endlich auch des Seiles, das uns nun so lange verbunden hatte, entledigen konnten. Riesige Blöcke und Felstrümmer liegen auf diesem Teile des Morteratschgletschers, und richtige Bäche fliessen über das rauhe Gletschereis.

Fröhlich übersprangen wir die Bäche und erreichten, erfreut ob der gelungenen Gipfelfahrt, die Bovalhütte und damit: Tee, Kaffee und vor allem wieder etwas wie Zivilisation, Wasser zum Händewaschen, weisse, saubere Tassen und andere Bequemlichkeiten.

Hoch oben glänzte noch der Gipfel des Bernina; der Palü und die Bella Vista waren schon ganz im Nebel verschwunden, und auch um den Piz Morteratsch tanzten schon Nebelfetzen. Es wurde zusehends dunkler und der Nebel dichter, derweil wir der Station Morteratsch zubummelten. In Morteratsch regnete es, und in der Berninabahn hatte uns die Kultur wieder — wir hörten von Fliegerangriffen und Fliegerbomben.

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