Eine Reise im Zickzack

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Max Liniger, A.A.C.Z.

Von Wer schon viel in den Alpen herumgewandert ist und schon manche Teile von ihnen gesehen hat, dem wird es schwer werden, längere Zeit im gleichen Gebiet still zu sitzen. Denn bei zunehmender Erfahrung reift in uns die Erkenntnis, dass wir an einigen Bergen mehr Gefallen haben als an den übrigen, dass uns diese wenigen mit ihrem sphinxartigen Wesen mehr locken als die andern, kurz und gut, dass eine Prädestination uns gewissermassen hinzieht und wir nichts zu tun haben, als einem leisen Ton im Unterbewusstsein zu folgen, um das uns Passende zu finden. Doch haben diese Berge meistens die vertrackte Gewohnheit, nicht schön nebeneinander, sondern tageweit auseinanderzuliegen, und daher muss der ihrem Bann Verfallene in wilder Hast von einem Tal ins andere, von einer Kette zur nächsten wandern. Dadurch entstehen die Reisen im Zickzack, die Reisen, wo die eigene Spur oft wieder gekreuzt wird. Eine solche Sommerwanderung sollen die untenstehenden Beschreibungen schildern. Die gewöhnlichen Routen der in Frage kommenden Berge sind schon so oft beschrieben worden, so dass es wirklich müssig wäre, noch ein Wort mehr darüber zu verlieren.

Alle diese Touren habe ich mit meinem Freunde Hans Lauper, A.A.C.B., im Sommer 1921 ausgeführt.

I. Fründenhorn.

Gemächlich bummelnd, den Weg uns mit Plaudern verkürzend, sind wir am Öschinensee angelangt. Frau Sonne scheint durch Wolkenfenster und spiegelt sich in der glitzernden Fläche des Sees; Wald und Flur leuchten im hellsten Grün, und um uns her ist die behaglich wohltuende Stille eines Sonntagmorgens. Keine Fremdenscharen, keine Picknicks, keine Ausrufe der Bewunderung! Der blaue Rauch der Zigaretten schlängelt sich in die frische Luft empor, ein Kahn gleitet ruhig über das Wasser, und das Auge folgt den sonderbaren Linien der Bergkämme.

Doch unser heutiges Ziel liegt noch ferne, und träges Dasitzen bringt uns nicht dahin. Darum — es braucht eine kleine Anstrengung, um sich loszureissen — ergreifen wir unsere Rucksäcke, und bald bewegen sich die marschgewohnten Beine wieder im alten Trott. Das Weglein, das wir verfolgen, soll uns zum « Mittelkopf » führen. Dieser Mittelkopf ( 2569 m ) ist ein eigenartiges Gebilde: Von unten, vom Öschinensee her, erscheint er als ein kleiner Gipfel, der in dem steilen Kessel vorsteht, und oben ist er weiter nichts als eine mit grossen Blöcken übersäte Kanzel, die den Fründengletscher teilt. Auch das Weglein, das zu ihm führt, ist eigenartig und abwechslungsreich. Vom Hotel Öschinensee weg leitet es zuerst

dem sandigen, flachen Ufer des Sees entlang bis nahe zu den steilen Wänden, in welchen die Fründen, wie das ganze Gebiet unterhalb des Mittelkopfes heisst, gegen den See abstürzt. Dann biegt es nach rechts um, taucht in den lichten Tannenwald und steigt wieder nach links, gegen die Fründen sich wendend, langsam an. Durch hohes Farnkraut und dichtes Gestrüpp, unerwartete Bogen und Haken schlagend, führt es in die Schutthänge über den untersten Flühen. Vielfach undeutlich ausgeprägt, überspringt es manche schäumende Bäche, deren Spritzwasser in weitem Kreis die Felsen netzen, quert Lawinenzüge, wo noch der alte Schnee unter Trümmern hervorguckt, und erklettert nachher, in der Fallirne vom Mittelkopf ansteigend, Gras- und Schutthalden. In diesem mühsamen Gelände wird es ihm aber zu dumm, urplötzlich verschwindet es, und der erstaunte Wanderer steht, auf sich selbst angewiesen, in dem Wirrwarr von Grasrücken, alten Bachbetten und steilen Wandstufen. Doch Hans, der diesen Weg schon einige Male begangen hatte, ist nicht in Verlegenheit. Östlich in eine Schlucht einbiegend, weist er mir den Pfad über eine Wandstufe, die die Schlucht linker Hand begrenzt; dann führt der Weg noch weiter nach links, und über ein Band, bei einem Wasserfall vorbei, gewinnt er eine Schutthalde, die zum Mittelkopf hinaufführt. In der besten Laune, froh der Ferien und der Freiheit, Witze reissend über uns selbst, vom Rucksack darniedergedrückt und doch übermütig und zu Luftsprüngen aufgelegt, haben wir die Strecke in 3½ Stunden zurückgelegt und sind bei unserem Biwakplatz angelangt. Denn der Mittelkopf ist ein Plätzchen, wo man Freilager beziehen muss, wenn man schlafen will, und wo gottlob noch keine Hütte steht, und das ist uns gerade recht. Lauper und einige Kameraden vom A.A.C.B. haben schon vor Jahren eine Art Schlafstelle auf ihm errichtet, indem sie zwischen zwei grossen Blöcken eine Schutzmauer gegen den Wind errichteten. Wir bemerken mit Freude, dass noch alles gut im Stande ist, ja, dass sogar andere Hände noch ein übriges getan haben, indem sie mit Moos ein Polster geschaffen und die Löcher verstopften. Dort oben, als Beherrsche - der schönsten Rundsicht, richten wir uns häuslich ein, und unter Plaudern und Singen vergeht der Nachmittag.

Das Wetter, in allen Lebenslagen des Bergsteigers von ausschlaggebendem Gewicht, ist unsicher, und wir vermögen nicht zu bestimmen, ob nach der guten oder der schlechten Seite eine Änderung eintreten wird. Die Nacht verbringen wir, in einen gemeinschaftlichen Schlafsack eingezwängt und uns gegenseitig warm haltend, in den Himmel hinaufschauend. Dort oben jagen sich weisse Wolken im blassen Mondlicht; vereinzelte Sternlein gucken auf die Erde nieder, bald erhellt ein fahles Wetterleuchten schwach die Landschaft, bald grollt ein fernes, dumpfes Donnern. Aber trotz alledem fällt kein Tropfen Regen. Nach kurzem Schlaf erheben wir uns morgens um 5 Uhr, recken unsere steifen Glieder, und, Kaffee kochend, besinnen wir uns anhaltend und beharrlich, was zu tun sei. Unser Ziel ist eigentlich das Doldenhorn, an dessen Ostgrat noch Lorbeeren zu verdienen wären. « Aber bei diesem Wetter... ?» « Nun, gehen wir wenigstens bis zum Fründenjoch, um ihn doch von der Nähe beschaut zu haben. » Spät, um 6 Uhr 30 Min., brachen wir auf und stachen in den grauen Nebel hinein. Der Gletscher ist nicht bösartig; nur oben, gerade unterhalb des Joches, zwingt uns ein grosser Schrund zu etwas vorsichtigerem Gehen. Doch ist der Blick wieder frei. Um 8 Uhr sind wir bei der tiefsten Einsenkung. Ein beissend kalter Wind bereitet uns einen unfreundlichen Empfang. Graue Nebelfetzen hängen an den Flanken der gegenüberliegenden Berge, und schwarze Wolken versperren den Sonnenstrahlen den Weg zur Erde. Wir suchen in den Felsen auf der Fründenhornseite Schutz, und wiederum erhebt sich die Frage: Was tun? Für das Doldenhorn, dessen jungfräulicher Grat von hier aus ganz abschreckend aussieht, ist es zu spät und das Wetter viel zu unsicher. « Aber ist nicht der Grat auf der andern Seite, der Westgrat des Fründenhorns, auch noch unbezwungen? Winken nicht auch dort noch Lorbeeren? » Wie eine bessere Erkenntnis kommt uns plötzlich die Einsicht, dass dieser Grat vielleicht unsere Bestimmung für den heutigen Tag sei; wir ziehen ihn in den Bereich der Möglichkeiten, erwägen unsere Aussichten, um auf einmal zum festen Entschluss zu kommen. Trotz Wetterlaune und vorgerückter Stunde bringen wir wirklich die Frechheit auf, nicht zum Rückzug, sondern zum Angriff zu blasen.

Wir erheben uns und folgen dem auf eine längere Strecke flachen Grat. Der Südwestwind bläst uns in den Rücken, und wir gehen gebückt, um ihm nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten. Sonderbar ist das Gestein: Hellgelb, scharfkantig und nach Norden abwärts geschichtet, bildet es vielfach schiefe, freistehende Blöcke, die man aus Furcht, sie könnten abrutschen, nur zögernd betritt. Gerade bevor sich der Grat zum ersten Male aufschwingt, erhebt sich ein Gendarm, der alle Gesetze der Erdenschwere und der Baukunst höhnisch zu widerlegen scheint, denn er ist, wie ein Türkensäbel, so stark überhängend, dass man jeden Augenblick seinen Einsturz befürchtet. Wir umgehen ihn auf der Nordseite, und hinter ihm, in einem kleinen Sattel — die Sonne schickt uns einen ersten, schwachen Gruss —, fassen wir einen letzten Überblick, um dann durch die Tat die Möglichkeiten des Anstieges zu prüfen.

Aller Anfang ist schwer, so gilt es allgemein. Doch am Westgrat des Fründenhorns ist es nicht ganz so, denn die ersten paar Meter gehen leicht und mühelos im gutgriffigen, steilen Gestein. Bald aber schiesst der Grat, ein mächtiges Bollwerk auftürmend, senkrecht in die Höhe, und die Kletterei wird ganz verteufelt; besonders deshalb, weil sie eigentlich gar nicht danach aussieht. Das Gestein ist allem Anschein nach voll von Griffen und sollte trotz der Steilheit gut zu erklettern sein. Ich verfolge einige Schritte weit ein Bändchen, das in die Südwand hinausführt, und schicke mich dann an, die erste Stufe in der Fallinie zu erklettern, wozu ich mir eine Art Riss erwähle. Bald aber komme ich nicht mehr weiter, klebe eine Weile lang an den Felsen, ohne recht zu wissen, was tun — zwischen den Beinen durch schweift der Blick auf den Kanderfirn hinunter —, und dann kehre ich langsam und tief schnaufend um. Angetan mit den Klettei-schuhen, versuche ich es ein zweites Mal, aber auch das hilft nichts, und ich gelange nicht höher als vorhin, denn all die schönen Griffe sind eitel Einbildung, muschelartig ausgebrochene Stücke, und bestehen nur in der Ansicht von unten. Lauper probiert es weiter vorn, mehr an der Gratkante, wo es ebenfalls einladend aussieht. Aber nach etlichen vergeblichen Anstrengungen kommt er gleichfalls wieder zurück. Als Ausweg bleibt uns das Band, das uns immer noch in günstigeres und erspriesslicheres Gelände führen kann. Wir verfolgen es, biegen nach etwa Seillänge um eine Kante und, in der Tat, es öffnet sich in der Südwand, hinter der Ecke verborgen, ein minder steiler, schön abgestufter Kessel. Eine weitere Seillänge das Band verfolgend, steigen wir dann in dem Kessel gemächlich an. Die Höhe des ersten Absatzes ist bald erreicht, wird sofort überschritten, und, uns leicht nach rechts haltend, sind wir schon am zweiten Absatze. Zum Überfluss fällt uns dann noch ein, dass uns Herr Dr. Biehly im Tal unten erzählte, er habe bei einem frühern Versuch ganz zuletzt mit seinen Gefährten noch ein Band bäuchlings verfolgt. Es wird wohl dasselbe gewesen sein, nur mit dem Unterschied, dass wir mit den Kletterschuhen auf kleinen Vorsprüngen schön nebenher gehen konnten und uns nicht zu der unwürdigen Stellung eines bäuchlings kriechenden homo sapiens herablassen mussten.

Der zweite Absatz wurde gleich zu Beginn der Zeuge eines fröhlichen Zwischenfalles. In meiner überschwänglichen Freude über die Überlistung des ersten Gratstückes beginne ich kurzerhand an den Felsen emporzuklettern, wo ich eben stehe. Beinahe oben, sperrt ein tückischer Überhang meinen Weg. Ich probiere links, ich versuche rechts, aber die Finger ermüden mir zu stark, und gezwungenermassen kehre ich wieder um. Mein Freund — er macht seitdem mit Vergnügen die spöttische Bemerkung, ich sei wie ein Tiger am nackten Felsen emporgesprungen — fand das sehr drollig, und auch ich musste hinterher über meine Unbesonnenheit lachen. Meine Hände sind aber von dem nutzlosen Versuch so steif und ermüdet, dass ich gerne den Vortritt an Lauper abtrete und mich begnüge, ihm zuzuschauen, wie er etwas nördlicher trotz der Schwierigkeit schnell und sicher, den Absatz durch einen Riss und eine plattige Verschneidung erklimmt. Nachdem die Rucksäcke aufgeseilt sind, folge ich nach, und in luftigem Quergang über kurz vorstehende, dachziegelartige Platten geht es dann auf den Grat zurück. Dort gönnen wir uns einige Augenblicke Ruhe und sprechen der Feldflasche zu, denn der heftige Südwind trocknet aus. Das Wetter ist soweit ganz anständig; hie und da schwache Sonne, also nicht zu heiss, und kein Regen.

Wie wir uns wieder erheben und mit den Augen den weitern Weg zum Gipfel suchen, sehen wir, dass eigentlich noch ein ziemliches Stück vor uns liegt. Beide haben wir das Gefühl, dass die Hauptschwierigkeit noch komme, dass in den vielfach nicht sichtbaren Teilen des sich noch steil und trotzig auftürmenden Berges noch etwas Missliches und Unsicheres verborgen sei. Und schon nach den ersten paar Schritten über breite, gut gangbare Platten sehen wir unsere Vorahnung bestätigt, denn ein ganz eigentümlicher, rotbrauner Überhang scheint uns gänzlich und unerbittlich den Weg versperren zu wollen. Unser Stimmungsthermo-meter macht einen Sprung nach abwärts und sinkt auf den Nullpunkt, und Augenblicke lang stehen wir stumm vor dem Ungetüm und wissen nicht recht, was machen. Rechts stürzt die pralle Felswand tief hinunter auf den friedlichen Kanderfirn. Nur da und dort birgt sie kleine Unebenheiten oder Vorsprünge, die ihr Relief verleihen, aber niemals erlauben würden, einen Weg darin zu suchen. Von der ganz scharfen Gratschneide weg führt eine glatte, wunderschön eben-massige Felsplatte in sanfter Neigung in die linke, nördliche Wand hinaus; zu oberst steht sie etwas über die Kante vor, so dass wir, mit den Kletterschuhen guten Halt findend, wie von einer Kanzel in die Südwand hinabblicken. Von der Kante etwa um Zimmerlänge entfernt, türmt sich in der Nordwand der Überhang auf, mindestens zwei Mann hoch und unten so tief ausgehöhlt, dass man mit den Beinen nirgends dagegenstemmen kann. Oben setzt er sich in dachziegelartigen Platten fort. Nach längerem Raten gehen wir, der eine mit Zuversicht, der andere nur mit flauer Hoffnung, dem Kerl mit sonderbarem Kniff zu Leibe. Um sicher und sorglos die Platte bis zum Überhang hin begehen zu können, schlingen wir das Seil an der Kante oben um einen Zacken und, am gespannten Seil uns haltend, machen wir die paar Schritte auf dem abschüssigen Pfad. Beim Überhang steige ich dann, immer am gestreckten Seil, das an der Kante gesichert ist, auf meines Kameraden Schulter, dann auf seinen Kopf und kann, mit einem schlangenartigen Zucken in die Höhe schnellend, mich hinaufziehen und oben halten. Beinahe aber wäre ich wieder hinuntergestürzt, denn der Platz dort oben ist spärlich, und man kann sich wegen der Steilheit nicht recht aufrichten. Doch ganz vorsichtig und behutsam drehe ich mich um und bin dann mit einigen Schritten wieder auf der Gratkante, diesmal oberhalb des Kolumbuseies, und still denke ich bei mir selbst: Das Bergsteigen ist doch die reinste Equilibristik. Am Seil hinaufturnend, ist Hans auch bald oben, und zwischen zwei Atemzügen teilt er mir mit, dass jedenfalls der Gipfel nicht mehr weit sei. Er meint die Stelle zu erkennen, wo er vor Jahren mit Othmar Gurtner umgekehrt ist, als sie versuchten, den Grat im Abstieg zu begehen. Sie bauten damals auch einen kleinen Steinmann, der aber nicht mehr zu sehen ist, denn schon lange haben ihn Wind und Schneesturm in die Tiefe gerissen.

Wir gönnen uns keine lange Atempause, denn trotz den Vermutungen von Lauper sind wir nicht ganz überzeugt von der Lage unseres Standortes. Noch ist der Gipfel nicht zu sehen, sondern eine schwarze Wand, doppelt finster unter dem Einfluss des wieder ganz bedeckten Himmels, liegt vor uns und sperrt den Blick. Ein enger und ziemlich anstrengender Kamin leitet zu ihrer Höhe empor. Dann aber wird der Grat flacher, und Schnee bedeckt da und dort die Felsen. Wir durchwaten die ersten Flecke mit den Kletterschuhen, und, immer etwas in der Nordflanke uns haltend, überwinden wir die letzten kleinen Absätze rasch. Bald bedeckt der Firn, der sich von der Nordostwand heraufzieht, den Grat ganz, wir ziehen wieder die Bergschuhe an und gewinnen in wenigen Minuten über einen Firngrat den Gipfel ( 3367 m ).

Statt der schönen Aussicht und des guten Wetters bietet er uns etwas, das ebenfalls willkommen ist, eine Seltenheit, wie die Alpen sie nur in zwei Exemplaren aufzuweisen vermögen. Die aus Schnee gebildete, höchste Erhebung des Fründenhorns birgt nämlich einen Gipfelsee. Wie die feuerspeienden Berge eine Krater-einsenkung, so besitzt dieser Gipfel einen See, der aber, anstatt mit Lava, mit köstlichem Wasser gefüllt ist. Durch ein Loch in der Nordwand fliesst das seltene Nass beständig aus dem etwa zimmergrossen Weiherchen in die Tiefe, währenddem die Speisung aus dem Schmelzwasser des ihn allseitig hoch überragenden Schnees geschieht. Eine ganze Fauna tummelt sich auf der Oberfläche und im Innern herum, die wohl jeden Winter der Kälte von neuem erliegt und gewiss für den Naturforscher ein dankbarer Gegenstand der Untersuchung ist. Ein gleicher See, nur viel grösser, befindet sich auf der Roccia Viva, 3650 m hoch, in den Grayischen Alpen. Diese beiden sind die einzigen in ihrer Art, von denen mir etwas zu Ohren gekommen ist.

An diesem gemütlichen und zugleich Labung bietenden Plätzchen rasten wir lange. So schön ist es, dass wir beinahe den Abstieg vergessen. Doch plötzlich fliegt eine Schneeflocke vor uns ins Wasser, dann noch eine, und wie wir aufschauen, ist alles grau und trübe. Hastig springen wir auf, packen unsere Siebensachen zusammen und, über die Schneemauer steigend, beginnen wir den Grat nach Osten, nach dem Öschinenjoch hin, abzusteigen. Doch die Schwierigkeit des Abstieges legt unserer Eile Zügel an. Dieser Ostgrat ist, soviel ich weiss, nur im Abstieg begangen worden. Er enthält drei sehr nette Abseilstellen, die durch alte Seilringe deutlich bezeichnet sind. Aus Vorsicht benützen wir sie aber nicht, sondern ziehen immer neue ein. Auf den ebeneren Gratpartien liegt Schnee, der wegen seiner Weichheit viel Zeit in Anspruch nimmt. Wenn auch die eine oder andere Stelle etwelche Schwierigkeiten bereiten mag, so dürfte diese anziehende Kletterei wohl auch im Aufstieg durchführbar sein.

Wir stehen am letzten Abseilstück. Schon winkt uns unten der flache Schneegrat, auf dem das Fortkommen leichter und schneller ist, da erwischt uns das Gewitter. Anfangs meinen wir zwar, noch entrinnen zu können, und seilen bis auf den Schnee ab, aber es packt uns zu heftig. Also klettern wir, die unheimlich surrenden Pickel unten lassend, am noch hängenden Seil wieder ein Stück zurück und verkriechen uns in ein Loch, in dem wir etwas gegen das Wetter geschützt sind. Zur Not, so denken wir beide zugleich, liesse sich hier sogar ein Freilager aushalten, und das wäre ja nur Fortsetzung von gestern nacht. Wir ziehen wärmende Kleider an und erwarten in unbequemer Stellung das Kommende.

Pfeifend fährt der Wind um aie Ecke in unser Loch hinein. Die Schneeflocken tanzen an uns vorbei in die Tiefe und schlagen vor Übermut Purzelbäume. Dumpf kracht der Donner, und vielfältig ist sein Widerhall von den nahen Wänden des Öschinenhorns. Winterlich ist es plötzlich ringsum, schon alles weiss, und selbst in unserm Winkel sucht uns der Schnee auf. Immer kälter wird es, steif und ungelenk sind die Beine und Arme, und unangenehme Feuchtigkeit dringt langsam durch die Kleider. Der Rauch der Zigaretten stiehlt sich im Schneegestöber davon. Alles ist grau in grau, voll Nebel, dick wie Rauch. Selbst der Schneegrat unter uns ist nicht mehr sichtbar. Nur ab und zu, wenn ein besonders wütender Windstoss daherfährt, zerreist der Vorhang und wir blicken über die grauglänzende Eiswand zur Linken in die schwarzgähnenden Schlünde des Öschinengletschers hinunter. Ein trostloses Bild in seiner Eintönigkeit!

Doch langsam hört der Donner auf. Nach 1 ½ Stunden verlassen wir unsere Zufluchtsstätte und seilen uns schnell über die verschneiten Felsen das letzte Stück hinunter auf den Schneegrat ab. Anfangs senkt sich dieser steil, und jeder Schritt wird vorsichtig angesetzt. Dann wird er flacher, macht aber unerwartet noch einen Sprung in die Tiefe, wo man ebenfalls abseilt. Den beissenden Wind und das Schneegestöber im Rücken, die immer noch surrenden Pickel meistens tief eingerammt, kämpfen wir uns Schritt um Schritt abwärts. Endlich wird der Grat flacher, mit Windeseile laufen wir darüber hin und kommen zum Öschinenjoch. Einige mächtige Sätze über verschneites Geröll bringen uns in den Windschatten im Hang zur Rechten, und dann atmen wir auf. Wir sind entronnen.

Gemächlich wird eine Zigarette angesteckt, gemächlich vollzieht sich der Abstieg. Zuerst ein wenig nach rechts, dann immer gerade hinunter, so geht 's am besten. Bei 2600 m hört der Neuschnee auf, und wir erfreuen uns an Kleinigkeiten: An schönen Blümlein, die einsam aus Felsspalten herauswachsen, und lustigen Bächlein, die munter und gurgelnd zu Tale hüpfen. Sogar Gemsen, zwei alte und eine junge, schaffen uns Kurzweil, lassen uns aber auch fühlen, dass sie in diesem Terrain doch noch Meister sind. Über Schneehalden abfahrend, gelangen wir auf das Gletscherplateau, machen eine kurze Rast und brechen dann nach der Mutthornhütte auf. Es ist schon ziemlich spät, der Weg noch weit,.

und wir beeilen uns daher. Nach und nach werden unsere Schritte immer schneller, und zuletzt rasen wir nur so über den Firn, eine wahre Orgie der Geschwindigkeit feiernd. Dampfend und fauchend wie Lokomotiven kommen wir bei der Hütte an; den ganzen Kanderfirn sind wir in fünf Viertelstunden hinaufgelaufen.

Nach Tagen der Einsamkeit sehnt man sich zu Menschen zurück. Doch in der überfüllten Hütte, in der 70 Personen nächtigten, war des Guten ein wenig zu viel, und wenn das Wetter nicht gar so kalt und unfreundlich gewesen wäre, hätten wir es vorgezogen, ein Freilager nebenan zu beziehen, als uns von den lieben Mitmenschen wegen eines Schlafplatzes Grobheiten sagen zu lassen. Aber trotz all diesen Unannehmlichkeiten bummelten wir am nächsten Morgen zufrieden und vergnügt das Tal hinaus nach Lauterbrunnen.

II.

Die Nordwand des Mönchs.

Genuss liegt im Kampf nur, im Tatendrang, Bei dem alle Kräfte sich steigern.

Lange Winterabende hindurch schmiedeten wir Pläne. Auf Landkarten und Bildern durchwanderten wir die ganze Schweiz, und manche Berggestalt vermochte uns in ihren Zauberbann zu ziehen. Draussen plätscherte der Regen, oder nasskalter Schnee versuchte der im Dunkel und nächtlicher Stille versunkenen Stadt ein winterliches Aussehen zu geben. Zigarettenrauch und Tabaksqualm erfüllte die Studentenbude, und ab und zu deutete ein abgerissenes Wort die Möglichkeiten oder Aussichten eines Weges an. Immer und immer wieder aber geriet uns ein Prachtsbild des Mönch in die Finger, und, bald übermütig, bald gedankenvoll, verfolgten wir darauf den noch nie begangenen Weg, unser stolzestes Unternehmen des nächsten Sommers. Eigentümlich, der Bleistift, der die Einzelheiten der Route zeigte, langte, wenn auch oft zögernd und Seitensprünge andeutend, immer auf dem Gipfel an. « Und was ein Bleistift auf dem Bilde kann, sollten wir in natura nicht können? Machen wir in Gottes Namen auch Seitensprünge, vielleicht geht 's. Darum unverzagt! » Das unsichere und launische Wetter hielt uns nach der Fründenhorntour einige Tage in Lauterbrunnen gefangen. Nicht gerade zu unserem Nachteil, denn in Ruhe Kräfte sammeln, ist auch wichtig für den Erfolg. Und wenn es zudem noch in einem so behaglichen und gemütlichen Hotel geschieht, wie es der Steinbock in Lauterbrunnen ist, so ist die Gefahr gross, dass man sich nicht so schnell von den guten Platten, köstlichen Betten und der Plauderecke in der « Hall » trennt. Jedoch am Nachmittag des dritten Tages schien sich das Wetter zu bessern, und es hielt uns nicht länger im Tal. Zu gross war die Spannung und die Erwartung, zu gross auch die Gefahr, müssige und untätige Stubensitzer zu werden, und als der Zug uns zur Kleinen Scheidegg hinaufführte, äugten wir beide gespannt in der Richtung, in welcher der Berg zum Vorschein kommen musste. Auge in Auge aber kamen wir mit ihm erst eigentlich bei der Station Eigergletscher. Hier trat er uns entgegen, der Mönch, mächtig, gross und zum Himmel aufstrebend, von der Abendsonne rot übergössen; wir klein und schmächtig ihn von unten her bewundernd. Ein leiser, banger Zweifel schlich sich in unser Herz, und wir fragten uns, ob uns unser Unterfangen auch gelingen würde. Doch die Erhabenheit der abendlichen Alpenwelt ist so gross, dass man der eigenen Bedrängnisse und Unsicherheiten vergisst und zum müssigen Zuschauer der wechselnden Pracht der goldroten Wolken und der sinkenden Sonne wird und zuletzt, nach gutem Nachtmahl, satt zu Bette geht.

Unser Plan ist nicht ganz gewöhnlich. Wir wollen den Mönch von Norden ersteigen, östlich des Nollens, auf nie begangenem Weg. Hunderte und aber Hunderte sind schon unten vorbeigewandert und haben bewundernd seine Prachtsgestalt angestaunt, ohne im entferntesten an eine Besteigung überhaupt zu denken. Viele haben schon, mit scharfen Augen spähend, unsern Weg des eingehendsten studiert und die Ausführbarkeit ernstlich erwogen. Ganz wenige nur haben es versucht, aber gelungen ist es noch keinem. Sollten wir die Glücklichen sein? Sollten wir zwei kleine, schwache Menschen diesem Riesen eine Bresche in die Flanke schlagen!

Nach kurzem, unruhigem Schlaf verlassen wir um 1 Uhr 45 Min. morgens das hell erleuchtete Restaurant Eigergletscher und mit ihm die Nähe der Menschen. In einigen Schritten sind wir beim Gletscher, ziehen an seinem Rande die Steigeisen an und beginnen den Anstieg in einer weiten Eismulde. Nicht dunkel ist es, nein, sondern der Mondschein überflutet Berge und Gletscher mit Silber-gefunkel, schafft Licht und Schatten wie am Tage und erweckt in jedem Eiskorn schimmernde Strahlenbündel. Weich und wehmütig wird des Menschen Stimmung in der lauwarmen Nacht. Ab und zu tönt von oben her das dumpfe Geräusch des fallenden Eises. Wir steigen schweigend in die Höhe, schnaufend und mit der nackten Wirklichkeit beschäftigt, und doch empfindet jeder tief all die Schönheit um sich her. Wirklich seltsame Gegensätze!

Den Eigergletscher in seinem untern Teil bis zu den Felsen des Mönchs zu begehen, scheint einfach und leicht, wenn man ihn von der Station aus betrachtet. Auch wir haben uns am Tage vorher einen Weg zurechtgelegt, dem zu folgen wir uns jetzt bemühen. Er soll in gerader Richtung in der Mitte des Gletschers hinaufführen, bei den grossen Spalten sich auf irgendeine Art durchwinden, um dann, in der Mitte zwischen Guggifelsen und dem westlichen Vorbau des Mönchs an den Felsen stossend, diesem entlang zum Fusse des grossen Eisfalles zu folgen. Doch, wie wir in das Gebiet der Spalten gelangen, bemerken wir, ohne grosse Spitzfindig-keit aufwenden zu müssen, dass die Ansicht von unten wieder einmal nicht ganz mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Vom Fusse des Gletschers aus gesehen, schien er einige, allerdings mächtige Schrunde zu haben; hier in der Nähe aber werden wir gewahr, dass diese Schrunde viel zahlreicher sind, als vermutet, und dass sie, was besonders wichtig ist für uns, meistens unpassierbar sind. Immerhin, wir probieren es. Beim flackernden Schein der Laterne dringen wir über eine Anzahl ganz gewagter Brücken vor, wandern dann wieder weit nach rechts einer Spalte entlang, kehren zurück und versuchen es auf der andern Seite, aber ohne Erfolg. Noch einige Male setzen wir an, aber immer aufs neue werden wir abgeschlagen und kehren, meistens auf g.'ossen Umwegen, stets wieder zum Ausgangspunkt zurück. Endlich sehen wir ein, dass unsere Taktik falsch ist. Wir wenden uns daher weit östlich gegen den Eiger hin und finden dort einen über Serak-trümmer und Eisstürze führenden Weg, der uns näher gegen den Fuss der untersten Mönchsfelsen bringt. Zwischen dem Eiger und dem Mönch, an der engsten Stelle, stürzt der Gletscher in wildem Absturz vom höher gelegenen, sanften Firn ab. Auch verändert er seine Richtung, denn diese ist im obern Teil nordwestlich und unten mehr nördlich. Also verändern auch wir unsere Richtung, biegen unterhalb der Felsen nach links gegen das Eigerjoch und nehmen den Eisfall in Angriff. Die vorstehenden Felsen direkt zu erklettern, wie es anfänglich unser Plan war, geben wir auf, denn grosse, frische Lawinenzüge, vom Eisschlag herrührend, der westlich des Vorbaues niederdonnert, belehren uns, dass es in dieser Gegend ratsamer ist, dem Berg nicht zu nahe zu kommen.

Das erwachende Licht sieht uns im Kampf mit aus Eis geformten Fabel-tieren der Unterwelt und Abgründen der Hölle. Der Eisfall gegen das Eigerjoch ist es, der solche Einbildungen erwecken könnte, denn wahrlich, nur wenige Gletscher der Alpen bringen ähnliche Klüfte und abenteuerliche Gestalten aus sich hervor wie der Eigergletscher an dieser Stelle. Nur mit der grössteh List und Schlauheit, nur mit kühlster Berechnung und frischem Draufgängertum ist ihm beizukommen. Bald hacken wir eine Eiswand hinauf, um oben auf dem messerscharfen Grätchen, in welchem sie gipfelt, zum nächsten Rücken hinüberzurutschen; bald bringt ein frecher Sprung über gähnenden Schrund ans andere, bessere Ufer. Oder man balanciert auf schmalem Bändchen — unten die bodenlos klaffende Spalte und oben eine überhängende, drohende Eisbastion — zu jenem Punkt, von dem das Fortkommen wieder besser scheint. Dann wieder sperrt ein mächtiger Graben, ein Grab grössten Stils, den Weg. Auf seinem Grunde ruhen Tausende von Seraks und Lawinentrümmer, und immer noch sperrt er sein gefrässiges Maul weit auf, um weitere Tausende in sich aufzunehmen. Kurzerhand hacken wir uns auf seinen Boden hinab und verlassen ihn auf der obern Seite über eine Eiswand. So winden wir uns, immer höher steigend, durch diese Monumentalbauten, durch diesen Riesengarten durch, bis wir endlich die Gelegenheit erspähen können, uns nach rechts in die Felsen zu ziehen. Über einige äusserst unsichere Schneebrücken wird dies vollbracht, und dann steigen wir in schlecht gestuftem, äusserst verwittertem und brüchigem Felsen, zu einem kleinen Gipfel auf. Dieser Vorsprung, der höchste Punkt der westlichen Felsbastion, ist etwa 3000 m hoch und trägt ein altes, verrostetes Signal der Jungfraubahnvermessung. Hier finden wir auch Spuren der Besteigungsversuche des Herrn Becker, der im Sommer 1920 mit drei Führern noch etwas höher vorgedrungen ist. Die Schriften stecken wir zu uns, lassen unsere Karten zurück, und nach kurzer Rast geht 's weiter, in noch nie begangenes Gebiet hinein.

Ein kurzes Schneegrätchen führt zu einem, vom Tale in die Augen stechenden Schneefeld, das die vorspringenden, untern Felsen mit der obern Wand verbindet. Dieses fällt gegen die Guggiseite in einer Felswand steil in einen Firnkessel hinunter. Linker Hand bildet es einen Nollen, der von ähnlicher Form wie der Mönchsnollen ist, nur dass er etwas tiefer liegt. Das Schneegrätchen führt oberhalb desselben auf den dort wenig steilen Firn. Mit Hilfe unserer trefflichen Steigeisen, deren Lob zu singen wir nie aufhören werden, ersteigen wir den Firn mühelos bis zum Bergschrund, der gut überbrückt ist. Nach diesem bleibt noch ein kurzer, steiler Hang in Eis, der Stufen benötigt, die Lauper, schräg nach rechts haltend, besorgt, während ich hintenan schaue, dass das Seil in Ordnung bleibt, und dabei Zeit habe, meinen Gedanken nachzuhängen. Ja, wirklich, selbst auf Bergtouren hat man manchmal Zeit, an andere Dinge als Berge, Eis und Klettereien zu denken, oder vielmehr schiessen uns die Gedanken, während man gewohnheitsmässig und körperlich nicht allzusehr beschäftigt von Stufe zu Stufe steigt, wie aufgezwungen in den Kopf hinein. Und diese Mannigfaltigkeit der Beschäftigung in physischer und geistiger Richtung ist es, die dem Bergsteigen seinen ungeheuren Reiz verleiht, denn es nimmt die ganze Persönlichkeit in Anspruch. Vielfach bildet auch das gerade zu Tuende die Gedanken brücke zu anderem. So macht man beispielsweise mitten in der grössten physischen Anstrengung, an der schwierigsten Stelle, die bemerkenswertesten Beobachtungen über sich selbst. Darum ist ein Tag in den Bergen, ausgefüllt vom Morgen bis zum Abend, ein so starkes Erlebnis. Vom todähnlichen Schlafe bis wieder zum todähnlichen Schlafe bewegt unser Gemüt manches, was je die Menschen für wertvoll gehalten haben. Und besonders unserm Willen, der im Tale drunten manchmal so schmählich unterdrückt werden muss und den Gesetzesklauseln und hässliche Rücksichten einengen, dem lassen wir in den Bergen freien Lauf. Was gilt mir das Leben, wenn ich nicht ihm, meinem Willen; mir selbst folgen darf? Einen Dreck! Und darum darf ich auch fröhlich mein Leben in die Wagschale werfen, darf die böse Stelle, wo Haaresbreite das Stehen vom Stürzen scheidet, anpacken. Und wenn ich dann gewonnen habe, was habe ich besseres als das Bewusstsein, mich durchgesetzt zu haben. Und wäre es auch nur an einer lächerlichen Felswand! Nicht jedem ist es gegeben, das edelste Material, den Menschen, zu besiegen und zu beherrschen, aber jeder bezwingt auf seine Art irgend etwas. Und sicher sind die Berge nicht das Reizloseste. Denn bieten sie nicht als Zugabe noch ihre herrliche Schönheit, bieten sie uns nicht Stunden der tiefsten und erhabensten Beschaulichkeit, wo Ruhe und Frieden einträchtig im Gemute wohnen, bieten sie nicht Augenblicke der hell aufjauchzenden Freude? Vollgehäuft von Kampf, Sorgen und Mühen, aber auch von Schönheit, Erfüllung und Freude, so ist des Bergsteigers Tag. Ein Leben für sich!

Unter solchen Gedanken steige ich die Stufenleiter hinan, die mein Freund, der eifrig die Eisaxt schwingt, kunstgerecht im spröden, grauen Material vor mir entstehen lässt. Wir wissen, dass wir uns dem kritischen Punkt, der Stelle, die die Entscheidung bringen soll, nähern. Der Eishang wird nämlich oben durch ein Kalkband von Kirchturmhöhe jäh abgeschlossen, und dort einen Durchgang zu erzwingen, das haben wir je und je als die Hauptschwierigkeit betrachtet. Diese Wandstufe durchzieht beinahe die Hälfte der nördlichen Bergseite, senkt sich nach Westen leicht ab und ist sozusagen senkrecht. Drei Bänder schneiden sie wagrecht an, enden aber alle drei mitten darin, ohne irgendeine Fortsetzung zu haben. Oben ist die Wandstufe ebenfalls von einem Eishang begrenzt, den man gewinnen muss, um weiter zu kommen. Unsere Stufenleiter führt geradewegs auf das mittlere der drei Bänder zu, denn Unebenheiten im Gestein an seinem Ende lassen uns vermuten, dass vielleicht dort ein Überwinden des Absturzes möglich ist. Doch sind wir entschlossen, wenn nötig, auch noch bei den andern die Möglichkeit des Fortkommens zu prüfen und haben dazu besonders das oberste im Auge, bei dem der Firn höher in die Wand hinaufleckt und bei dem ebenfalls die steile Glätte der Felsen etwas gebrochen scheint.

Wir sind am Eingang des Bandes angelangt. Es erweist sich breiter als erwartet, sicherlich 2 m, jedoch ist der Raum zwischen seinem ebenen Grunde und der anstossenden Wand mit Eis ausgefüllt, das sich schräg auftürmend an die Felsen anlehnt. Seine Begehung scheint uns sehr schwierig und vor allem zeitraubend zu sein, jedoch hat die uns wohlgesinnte und gütige Natur, jedenfalls in leiser Vorahnung unseres Kommens, den Weg uns trefflich vorbereitet. Viele tausend Wassertropfen hat sie von oben herabträufeln lassen, und diese haben in mühevoller, langsamer Arbeit die obere Kante des Eises abgefressen, so dass wir darauf, uns an das Gestein anlehnend, vorsichtig dem Band entlang schreiten können. Ja, hier und da sind sogar ganze Röhren und Löcher aus dem Eise ausgefressen, in denen der Hintermann, die gute Sicherungsmöglichkeit benützend, sich voll und ganz versenkt. Wir verfolgen diesen immerhin nicht ganz leichten Quergang weit hinaus, bis hart über den tiefen Kessel, der uns vom Nollen trennt. Dort ist das Band durch einen mächtigen Pfeiler gesperrt. In ängstlicher Erwartung und grösster Spannung betrachten wir die Fortsetzung, und ein Fluch entfährt unsern Lippen. Es ist ein halbkreisförmiger Kamin, der senkrecht in die Höhe führt, aber er ist, hol 's der Teufel, vollständig vereist, vom Schmelzwasser von oben mit einer drei Finger dicken Glasur überzogen. Wie weit er hinaufführt, sehen wir nicht, denn die steile Felswand entzieht den obern Teil unsern Blicken. Neben uns stürzt es tief in den Kessel hinunter. Dieser Riss, wir wissen es, ist der Prüfstein für unser Wollen und unser Können und ihn müssen wir hinauf, da hilft kein Zaudern. Mich ganz in die Höhlung hineinschmiegend, beginne ich, mich emporzuarbeiten. Viele vorspringende Steine sind vorhanden, aber wegen dem Eisüberzug haften an keinem die Finger, sondern diese werden bei der Berührung starr vor Kälte. Langsam, langsam komme ich empor, meistens beidseitig mit den Ellenbogen verstemmend. Von allergrösstem WTert sind dabei die Steigeisen, denn sie ermöglichen mir, wenigstens mit den Füssen einigermassen Anhaltspunkte zu finden. Minutenlang wieder strecke ich eine freie Hand in die Luft hinaus, damit sich die kalten Finger wieder erwärmen können. Einige Male rufe ich angstvoll meinem Kameraden hinunter, er solle recht gut sichern, denn der Absturz sei nicht ausgeschlossen. Nie einen sichern Griff in den Händen, nie einen zuverlässigen Tritt unter dem Fuss, winde ich mich so mit der Schnelligkeit einer Schnecke Handbreite um Handbreite, empor. Nach etwa 10 m endlich öffnet sich der Riss zu einem schlanken Trichter, an dessen Anfang ich klebe und meine, nun leicht gewonnenes Spiel zu haben. Doch dem ist nicht so, denn schon nur der Übergang ist schwierig, da der Trichter vollständig mit Eis ausgekleidet ist. Mit den Füssen und Knien verstemme ich mich im Riss, mit der linken Hand stütze ich mich auf das Eis des Trichters und ziehe dann mit der rechten ganz behutsam den Pickel aus der Seilschlinge. Mehr kratzend als schlagend verfertige ich hart neben dem Abgrund eine Stufe, ziehe das rechte Knie an und setze meinen Fuss hinein. Erleichtert aufatmend, ruhe ich längere Zeit aus, um hernach den Trichter zu erklimmen. Auch er ist heikel, denn in dem Wassereis ist es schwer, eine Stufe zu schlagen, und die wenigen Steine, die hervorgucken, bieten sozusagen keine Angriffspunkte. Endlich komme ich an den obern Begrenzungsfelsen an und wende mich nach rechts, denn dort winkt mir ein Unterschlupf, eine Kanzel. Wie aus dem Gestein ausgehauen, vom Felsen ganz überwölbt, begrenzt rechts oben den Trichter eine Balm. Langsam und bedächtig werden die letzten paar Meter zurückgelegt, noch bleibt ein einziger Schritt und dann, den Pickel wegwerfend, setze ich mich aufatmend auf einen der rechteckigen Blöcke, die den Boden bedecken. Das Seil ist fertig, für 25 in habe ich etwas länger als eine Stunde gebraucht, doch die Höhe der Wandtiefe ist noch nicht erreicht.

Eine Reise im Zickzack.

Schon lange ungeduldig und in der Kälte bitterlich frierend, steht Lauper unten. Doch hier, ich möchte fast sagen im Trockenen, ist die ideale Sicherungsstelle und, teilweise mit Seilhilfe, folgt er schnell nach. Hingegen zu mir auf meine Kanzel kommt er nicht, sondern dort, wo ich mich nach rechts gewendet habe, hält er sich nach links, und beginnt in einem zweiten Riss die obere Hälfte der Wandstufe zu erklettern. Es geht auch langsam bei ihm, doch ich bin froh darüber, denn so finde ich Zeit, mich auszuruhen. In einem Augenblick, wo ich ihn in sicherer Stellung sehe, schmuggle ich mir schnell eine Zigarette zwischen die Lippen. Auf einige Zeit entschwindet er meinen Rücken, dann sehe ich ihn wieder, worauf er von neuem verschwindet. Noch vergeht einige Zeit, bis sein Ruf zum Nachkommen ertönt. Langsam klettere ich meine vorigen Stufen zurück und folge dann dem gespannten Seil durch einen schiefen Riss nach links aufwärts. Er ist auf der obern Seite vom Felsen meistens weit überwölbt, und das Schmelzwasser kann nicht in seine Höhlung dringen. Daher ist er nicht vereist und angenehm zu begehen, bietet aber trotzdem noch Schwierigkeiten genug, denn der Fels ist ziemlich glatt und grifflos, so dass man meistens mit den Knien unten und mit dem Rücken oben verstemmen muss. Jede Unebenheit zu seinem Vorteil benützend, rutscht man derart in die Höhe. Doch diesmal reicht es über das Ärgste hinaus. Mein Freund steht oben in leichterem'und weniger steilem Gelände, ziemlich gut gestuften Felsen, den nur die Vereisung noch ungemütlich macht. Bald bin ich bei ihm, und nach wenigen Schritten nach rechts lassen wir uns hell aufjauchzend zur wohlverdienten Ruhe nieder. Das Ärgste — es hat über zwei Stunden gedauert — liegt hinter uns, wir sitzen in der Sonne, wärmen unsere erstarrten Glieder, und die Welt erscheint uns wie neugeschenkt. Herz, was begehrst du noch mehr?

Wir lassen uns Musse zur Ruhe und betrachten die Rundsicht. Das Wetter ist, als ob wir es eigens für uns bestellt hätten, denn kein Wölklein ist am Himmel, und die Sonne beleuchtet freundlich die Schrunde im Gletscher unten, wo wir uns in der Nacht durchgekämpft haben. Darüber erhebt sich der Eiger. Links grüsst der Nollen, auf dessen Höhe wir uns jetzt befinden, und dahinter liegt schön sichtbar das Guggi. Oft auch wandern unsere Blicke zur Station am Gletscherrande hinunter, wo die Menschen wie winzige Punkte erscheinen, und von wo man das Bellen der Hunde hört. Und in unserer Einbildung meinen wir sogar, das grüne Röcklein des anmutigen Postfräuleins zu erblicken, und wähnen, sie winken zu sehen. Doch die Hoffnung, so erweist es sich später, ist trügerisch, und weder sie noch jemand anders erblickt uns auf unserem Weg, denn gesagt haben wir vom Ziel unserer Reise niemandem ein Sterbenswörtchen, und darum vermutet uns auch kein Mensch hier oben.

Nach einer köstlichen Rast von 3/4 Stunden erheben wir uns wieder und setzen den Weg neugestärkt fort. Noch darf der Übermut nicht zu hohe Wellen schlagen, noch darf ihm nicht freie Bahn gelassen werden, denn ferne liegt der Gipfel trotz allem, und wer weiss, was der Weg noch birgt. Dieser ist übrigens nicht schwer zu finden, sondern — die Qual der Wahl uns erlassend — schreibt ihn uns der Berg aufs bestimmteste vor. Der Eishang, an dessen Fuss wir sitzen, läuft gegen die Seite der Jungfrau zu in Kalkfelsen aus. Diese stürzen, einen steilen Rücken bildend, gegen den mittlern Firnkessel in einer finstern Schlucht ab. Ob dem Eishang zieht sich eine Rippe, ganz leicht nach links ansteigend, in der Wand empor.

Diese haben wir zu gewinnen, um über ihre Kante den Ostgrat zu erreichen. Was für Geheimnisse und tückische, den Wanderer schreckende Kobolde sie in ihren steilen Felsen birgt, wissen wir nicht, doch nur bis zu ihrem Fusse ist es schon ein langes Stück. Der gerade Anstieg zu ihr wäre der den Eishang rechts begrenzende Felsrücken, doch er ist aus dachziegelartigen, steilen Kalkplatten gebildet, sieht wenig einladend aus, und wir entschliessen uns, ihn nach links zu umgehen. Hans macht sich an die Arbeit. In einem leichten Bogen in der Richtung des Eigerjoches ausholend, beginnt er, in den steilen Eishang emsig Stufen zu schlagen. Lange tönt das monotone Geräusch der in das Eis fahrenden Axt und viele tausend Splitter rasseln in lustigen Sprüngen zur Tiefe. Die Sonne wirft unsere Schatten als lange, dürre Zerrbilder auf den Hang unter uns. Endlich haben wir etwa die halbe Höhe, drehend gegen den Fuss der Rippe, zurückgelegt und setzen in gleich langsamem Tempo unsern Anstieg fort. Einige Male im Vortritt abwechselnd, sind wir nach 3 Stunden unter der Rippe, finden dort eine gut haftende Schneeschicht auf dem Eis und nach einigen Gewaltsschritten aufwärts fassen wir die Felsen wieder. Dieses Mal ist es Gneis; die Kalkzone, die so viel Mühe gekostet, ist vorbei, und, mit frischem Mute draufloskletternd, loben wir in allen Tonarten die Vorzüge dieses Gesteins. Wir suchen ein Plätzchen zum Ruhen, aber die ersten 50 m sind sehr steil, und wenig geeignet dafür. Zeitweilig ist die Kletterei sogar kniffig, da oft grosse, grifflose Platten zum nächsten Absatz hinaufführen. Deshalb halten wir uns vorzugsweise am Rande des Schneecouloirs, von dem die Rippe rechts begrenzt ist, und benützen die Felsen nur, um mit den Händen Halt zu finden, währenddem die Füsse, immer noch mit den Steigeisen beochst, im Schnee oder Eis stehen. Endlich finden wir ein Plätzchen, auf dem wir kleben können, rasten eine Zigarettenlänge, und dann geht 's weiter. Oben sehen wir den Gipfel ins Blaue ragen, und lange noch wird die Mühe dauern, bis wir dort sind. Aber auch der Weg zu ihm ist genussreich, denn im Bewusstsein des sichern Sieges lässt sich trefflich kämpfen, und zudem hat der Bergvater seine Kinder, die Riesen, so lieblich geschaffen, dass uns das Herz darob vor Freude hüpft. Rotbrauner Granit, von der Sonne erwärmt, dient uns als Stufenleiter zum Himmel. Links und rechts eingefasst von blauweissem Schnee, gewährt die Rippe freigebigst die wundervollsten Tief blicke auf Gletscher, Berge und grüne Täler. Die Jungfrau, deren wechselnde Ansicht wir schon den ganzen Tag genossen, grüsst als alte Bekannte vertraut herüber, und oft weilen unsere Blicke in den Abgründen ihrer Gletscher oder am Silberhorn, und wir denken vergangener Tage. Zur Linken führt zerrissenes und wildes Gelände, halb Eis, halb Fels, zum Eigerjoch, über dessen Einsenkung wir beim Höhersteigen nach und nach die grünen Vorberge des Mittellandes auftauchen sehen. Nur der Eiger will sich nicht beugen, und immer noch irrt unser Blick über seine Spitze weg ins Blaue. In ebenmässig steiler und anstrengender Kletterei führt die Rippe höher, 4 Stunden lang, bis beinahe auf den Ostgrat. Kurz darunter taucht sie in den Schnee. Dort kreuzen wir das steile, vereiste Couloir zur Rechten und entern die nächste Rippe. Über deren oberstes Stück gelangen wir etwa 100 m unter dem Gipfel auf den Ostgrat, der sich als Schneide aus Firn gegen das Eigerjoch absenkt, und zum ersten Male an diesem Tage treten uns Finsteraarhorn und Schreckhorn vor Augen. Noch bringt uns eine gute halbe Stunde lang der weiche Schnee des steilen Grates ausser Atem, dann wird es plötzlich flach vor uns, und nach einigen Schritten sind wir oben. Es ist halb 5 Uhr; unterwegs waren wir, l½ Stunden Rasten miteingerechnet, 143/4 Stunden von der Station weg.

Die Aussicht vom Mönch, die wohl eine der schönsten im Berner Oberland genannt werden kann, ist für uns heute eigentlich Nebensache. Nach einem Sprichwort soll die Nachtigall nicht von ihren Liedern leben, und auch wir, trotzdem unsere rauhen Jodel nicht gerade wie Nachtigallengesang getönt haben mögen, haben eine Stärkung nötig. Auch ist die innere Freude über den Sieg zu gross, um noch andere Eindrücke aufkommen zu lassen. Nur eine grosse, merkwürdige Wolke in der Gegend des Breithorns sowie der gigantische Schatten der Jungfrau auf dem Aletschfirn fällt mir auf. Dann folgt der Abstieg zum Mönchjoch, und hernach, nach langweiligem Tramp, erreichen wir das Jungfraujoch. Der Mönch, der Gegenstand der Träume und der Sehnsucht, ist im Laufe des heutigen Tages leise und unmerklich in die Vergangenheit gerutscht, die Gegenwart ist ausgefüllt mit Teetrinken, und nur, was die Zukunft noch birgt, ist dunkel. Unser Leben gleicht der Reise!

III. Der Nordgrat des Grosshorns.

Der Wanderer, der im Lauterbrunnentale gegen den Steinberg zu seine Schritte lenkt, wird wohl immer und immer wieder seine Blicke gegen das Grosshorn richten. Obwohl nicht der höchste Gipfel der Kette, die sich vom Schmadrijoch gegen die Jungfrau hinzieht und die ihren finstern Abbruch gegen das Lauterbrunnental kehrt, ist das Grosshorn doch ein mächtiger Geselle, steil und kühn, und das ganze Tal scheint eigens dazu da zu sein, um seinen Anblick einzurahmen und zu verschönern. Denn von wo man auch gegen den Talhintergrund schaut, immer ist es der dunkle Berg, der, wie eine Sammellinse, alle Blicke auf sich zieht. Aus den grünen Weiden, die seinen Fuss gedämpft umhüllen, steigt er unvermittelt um 1400 m auf. Der Nordgrat, der, in mehrere Absätze zergliedert, zum Westgipfel führt, trennt die Wand in zwei Teile: Links eine graue, tiefgefurchte Eiswand, rechts Felsen. Der Westgipfel ist durch eine mit einem Gendarm verzierte Scharte vom höhern Hauptgipfel getrennt. Auf der andern Seite führt ein feiner, gwächtengekrönter Grat zum Schmadrijoch. Vom Obern Steinberg, einem am Weg zur Mutthornhütte gelegenen Gasthof, ist der Anblick des Grosshorns besonders schön. Über das tiefe Tal hinweg schweift der Blick zum jenseitigen Hang, zu der Alp und hinauf zum Berg. Stumm steht er da, wie ein Märchen, in seinem Gemisch von Felswänden und Eishängen. Langsam erfasst das Auge einige der unzähligen Einzelheiten, langsam verfolgt es die Umrisse, die sich scharf gegen den Himmel abheben. Und man fragt sich, warum erscheint uns Menschen so etwas als schön, denn es ist doch nichts als Eis und Stein? Warum empfinden wir diese Linie als schlank und geschmeidig und jene andere als kräftig und roh? Doch im Augenblick des reinen Schauens brauchen wir keine Antwort, es ist genügend, dass der Anblick solcher Pracht wohltuend wirkt.

Aber trotz der Schönheit eines solch geheimnisvoll wirkenden Gebildes, hat der Mensch versucht, den Fuss auf seine Spitze zu setzen und, wie voraussichtlich, mit Erfolg. Zahlreich, wenn auch mit vielen andern Gipfeln nicht vergleichbar, sind die auf verschiedenen Wegen durchgeführten Besteigungen des Grosshorns. Nur der Xordgrat hatte bis jetzt allen Versuchen getrotzt. Hans selbst, zweimal ansetzend, war infolge Ungunst der Witterung nicht weiter gekommen und hatte nur am Ende des untern Teils einen Steinmann bauen können. Aber von diesen Versuchen war ihm doch die Überzeugung geblieben, dass die Schwierigkeiten, die in diesem unbekannten Gebiet des Kletterers warten, bezwingbar seien, und das ist bei einem Problem, an dem schon manches Bergsteigerauge gehangen hat, schon viel.

Am Abend des 25. Juli 1921 sassen wir auf dem Holzgeländer vor dem Gasthaus zum Obern Steinberg, liessen die Beine in den beinahe zimmerhohen Abgrund, vor dem das Geländer schützen soll, herabbaumeln und belustigten uns boshaft an den kleinen, menschlichen Schwächen der auf der Terrasse anwesenden Gäste, die sich aus mancherlei Ländern hier zusammengefunden hatten. Das Grosshorn hatten wir während des Anmarsches zur Genüge studiert, kannten es übrigens schon lange auswendig, und es dünkte uns daher besser und kurzweiliger, unsere lieben Mitmenschen einer stillen, aber dafür um so beissenderen Kritik auszusetzen. Es ist auch selten mehr Stoff dazu vorhanden, als in der reinen Bergesluft, denn die Menschen benehmen sich in der Höhe viel natürlicher und zwangloser und daher meistens auch lächerlicher. Doch der Spass währte nicht lange. Bald krochen wir ins Heu — die Betten waren alle von verwöhntem Leuten besetzt — und schlummerten ohne Kummer und Sorgen sanft und selig, bis der Wecker rasselte. Es war punkt Mitternacht. In einigen Minuten hatten wir die Säcke gepackt, verzehrten dann drüben in der Küche zu ungewöhnlicher Stunde das Frühstück und traten um 1 Uhr in die helle Mondnacht hinaus.

Ein sanftes, nettes Weglein führt, immer der Lehne des Hanges folgend, vom Obern Steinberg weg tiefer ins Tal hinein. Keiner Kerze bedürftig, die Pickel unter dem Arm, schlendern wir bis zur Brücke, verlassen dann den Pfad und ersteigen im Mondschatten die Grashalden gegen die Alp Oberhorn, um von ihr weg zum Schmadribrunncn zu gelangen.

Der Bach, dessen zweiter Arm südlicher fliesst, versperrt uns an der Stelle, wo wir ihn treffen, den Durchgang, und wir suchen eine kleine Weile nach einem solchen. Über eine kleine Erhebung erreichen wir dann das Gletscherchen, kreuzen es und sind am Schrnadribrunnen. Da der Mond derweilen untergegangen ist, beschliessen wir, dort zu warten, stellen den Wecker auf 4 Uhr und schlafen kurzerhand ein, die Rucksäcke als Kopfkissen benützend. Plötzlich rattert 's; wir erwachen beide aus tiefem Schlaf und schauen uns um. Der Schmadribrunnen, etwa 2600 m hoch gelegen, ist trotz der magern Beleuchtung durch das erste Tageslicht ein nettes Plätzchen. Wie sein Name sagt, birgt es die Mündung einer Quelle, deren leise gurgelndes Wasser in der Steinöde da und dort grüne Plätzchen hervorzaubert. Doch unseres Bleibens ist nicht lange, wir schultern die Säcke, und der ernstere Teil des Tages beginnt.

Von unserm Standpunkt aus übersehen wir trotz der Steilheit des Grates nur sein unterstes Stück, denn dieses springt etwas vor und verdeckt das übrige. Der allererste Teil kann auch nicht eigentlich Grat genannt werden und bildet bloss den Auftakt. Es ist eine steile Blockhalde, ein Vorbau aus Granittrümmern, der wie eine mächtige Pyramide zum Grat hinaufführt. Wir steigen mühelos hinan, biegen dann um die linke Kante und gelangen auf ein Schneefeld. Dieses ist der einzige Schnee, der sich am untern Teil des Grates befindet und vom Tale aus gut sichtbar. Wir kreuzen es aufwärts in der Richtung gegen den Gipfel und erreichen den Grat wieder. Die Felsen sind leicht und gutgriffig, und bald stehen wir am Steinmann, der vor vielen Jahren von Lauper und Gurtner gebaut worden ist. Hans beginnt sofort eine Pfeife und einen Tabaksack zu suchen, die er einst hier zurückgelassen hat. Vom Glücke wie gewöhnlich begünstigt, findet er sie und steckt sie hochbefriedigt ein, allerdings in einem Zustand, wie ihn nur ein halbes Dutzend Jahre Freilager hervorbringen. Doch das Zeichen ist ermutigend. Bis zu diesem Punkte, zu dem mannshohen Steinmann, der wie ein Opferaltar trotzig aller Wetterunbill standgehalten hat, ist das Gelände bekannt gewesen; jedoch von hier weg ändert 's. Uns beunruhigt vor allem die Steilheit, denn diese erscheint von unten her so beträchtlich, dass ein notorischer Zweifler deretwegen schlaflose Nächte haben könnte. Doch schon die ersten paar Schritte, die wir nach kurzer Rast tun, belehren uns, dass die kritische Neigung noch lange nicht erreicht ist. Hingegen ist der Wechsel im Charakter der Kletterei sehr interessant, denn dieser Absatz ist, im Gegensatz zu allen andern Teilen des Berges, aus einem kalkartigen Gestein gebildet. Was es genau ist, vermögen wir nicht zu sagen, sind doch unser beider geologische Kenntnisse nur zu gering. Hingegen sahen wir von unten, so gut wie Geologen, dass hier ein anderes Gestein in die Bergflanke eingetrieben ist und merken jetzt nur zu deutlich den Unterschied, denn der Halt mit den Nagelschuhen ist schlecht. Auch sind die Griffe viel spärlicher als beim Gneis, und des öftern finden sich plattige Stellen. Doch im allgemeinen geht 's gut. Den Weg suchen wir vorzugsweise auf der östlichen Seite der Kante in fein gestuften und gebrochenen Felsen, seltener auf der Kante selbst, und nie westlich davon, denn dort ist eine senkrechte Wand. Einige Stellen, besonders die auf der Kante selbst, scheinen nicht umgangen werden zu können. So geht es eine gute Weile fort, immer eigentlich in Erwartung von Schwierigerem, das nie kommt, und immer in gelinder Eile, bis langsam der Grat flacher wird und wir den Anfang des Schneegrätchens ob uns sehen. Doch als letzte Schikane der Kalkzone sind noch eine Art von Elephantenbuckel zu überwinden, die ganz aus einem fein geschichteten, mergelartigen Gestein von hellgelblicher Farbe bestehen und gar keine Griffe bieten. Bäuchlings werden sie erkrochen, und dann mustern wir neugierig das Kommende. Er ist auch ein wenig unser Sorgenkind gewesen, dieser Schneegrat, aber zufrieden stellen wir fest, dass er beim nähern Beschauen nicht ganz so bösartig aussieht, wie von unten. Wir haben gemeint, blankes Eis anzutreffen und viel Zeit und Kraft mit Stufenschlagen verschwenden zu müssen. Doch die Kante ist aus hartem Firn gebildet, und auch die Steilheit ist nicht zu gross. Wir ziehen unsere Steigeisen an, werfen schnell noch einen Blick links gegen die Jungfrau, deren Kuppe im Glanz der Morgensonne schimmert, und einen recht 's gegen das Breithorn, dessen Ostgrat drohend auf uns zuläuft, und dann gehts — die Uhr zeigt 8 Uhr 30 Min. in langsamem Schritt bergan. Die Eisen beissen grossartig, und wir schreiten sicher. Der Grat ist schmal und langsam, gegen die obern Felsen hin nimmt seine Steilheit doch zu, um dort, wo der Schnee in die Felsen ausläuft, so gross zu werden, dass Stufen nötig sind, um ganz sicher zu stehen. Hans besorgt diese — er ist immer vorn, wenn es etwas zu hacken gibt, denn das macht ihm besonders Freude—, und nicht lange darauf fassen wir wieder Felsen, ziehen uns daran hinauf und entledigen uns unserer Eisen wieder. Wir erlauben uns nämlich höchst selten, ihre kostbaren Spitzen dem harten Gestein preiszugeben.

Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 56. Jahrg.. p.

Ein gutes Stück liegt nun hinter uns. Keine grossen Schwierigkeiten und keine unerwarteten Überraschungen hat es gebracht, aber wie wird das Folgende werden? Denn von hier aus schwingt sich der Grat jäh auf, seine ganze Höhe bis zum Gipfel ist sichtbar, und manche Stelle scheint fraglich zu sein. Die Kante verläuft vom Schneestück weg nicht in vollständig gerader Richtung, sondern ist noch zweimal leicht geknickt, einen schwachen Zickzack bildend. Die Steilheit nimmt nach oben hin beständig zu. Wir beginnen, ohne Rast zu machen, das unterste Stück in Angriff zu nehmen. Es geht mühsam, und die Kletterei ist anstrengend. Oft blicken wir fragend nach oben, ob noch nicht bald der uns vom Gipfel trennende Abstand kleiner werde. Ja, wenn der träge Körper nur für einen Augenblick so schnell wie die hurtigen Blicke wandern könnte, dann ginge es schneller und wäre auch nicht so atemraubend. Was für schwierige Klettereien könnte man da in einer Sekunde bewältigen und was für Schönheiten geniessen. Und besonders in steilen Felsen müsste es angenehm sein, hier und da einen beschwerlichen Absatz zu überhüpfen. Oder wäre vielleicht dann die Befriedigung von der Wanderung nicht mehr so tief? Doch, da bis anhin der sonst so findige Mensch kein Mittel gegen die Schwerkraft gefunden hat, so müssen auch wir, wie vor uns unsere Väter und Vorväter schon getan, schlecht und recht, keuchend und schwitzend uns von Klippe zu Klippe schwingen und danach trachten, mit der kleinsten Anstrengung die grösstmögliche Leistung zu erzielen und den Gross-horngrat unter uns zu bringen. Mächtige Blöcke bilden hier nicht eigentlich einen Grat, sondern eine stumpfe Kante, die sich links in grauen, fürchterlich steilen Eishängen verliert, währenddem sie rechts meistens von tiefen, steilen Schluchten und Felswänden begrenzt ist. Die Sonne, die über den Gipfel her gerade den Grat noch zu streifen vermag, lässt prächtig tiefe Farben im rotbraunen Granit aufleuchten und glitzert fahl und verräterisch im grauen Eis. Ebnefluh und Gletscherhorn liegen noch im Schatten und bilden einen anmutigen Gegensatz zur hellbeschienenen Jungfrau.

Das erste Drittel, obschon nicht gerade schwierig, ist mühsam und anstrengend, und in den dicken Socken wird es langsam warm. Auch blendet die Sonne beim Aufwärtsschauen die Augen. Doch die Kletterei ist anregend und fröhlich, da wir beide Vertrauen in unsere gegenseitige Kraft und Kletterkunst haben und daher, trotz der Verbindung durch das Seil, jeder ganz allein und selbstherrlich emporklimmt. Immerhin — wir verhehlen es uns nicht —, wir waren auf grössern Nervenkitzel eingestellt, und es steigt ein leichtes Gefühl der Langeweile allmählich in uns auf. Doch dieses ist nur oberflächlich; ein Blick auf die stillen und schönen Berge ringsum bringt uns wieder von unserer Blasiertheit ab, und am Ende des ersten Stückes nehmen wir unverdrossen das zweite in Angriff. Hier wird es schon ein wenig ernster, denn es ist noch steiler, und ab und zu liegt Eis zwischen den Felsen, und der treue Pickel muss den Weg bahnen helfen. Doch auch hier sind die Schwierigkeiten, deren Überwindung uns so viel Freude machen würde, im ganzen genommen keine allzugrossen. Doppelt und dreifach entschädigt jedoch das Fehlen derselben der Anblick der Umgebung, der wohl zu den schönsten des Oberlandes gezählt werden darf. Denn wir sind Herrscher über grüne Hügel und tiefe Täler, graue Kalkwände und weite Gletscher, über Steilabbrüche, Gwächtengrate und Felszacken. Wo das Auge auch hinblickt, überall Schönheit im Überfluss und überall Abwechslung und Kurzweil, sei es in nächster Nähe, wo ein Flecklein Eis sich in eigenartiger Weise an den Felsen festhaftet, oder sei es in weiter Ferne, wo der blaue Himmel sich auf die dunkeln Wälder des Mittellandes stützt und die weissen Spitzen der Berge in unabsehbarer Folge, immer eine hinter der andern, sich im Dunste zu verlieren scheinen. Und wenn es auch heiss macht, grässlich heiss, eine stolze Freude ist es doch, guten Mutes und sicher im braunen Granit hinanzuklettern, den Grat und den blauen, wolkenlosen Äther über sich.

Wir stehen am Fusse des letzten Stückes, des steilsten, aber auch des niedrigsten von allen. Der Gwächtengrat, der sich rechts drüben zum Schmadrijoch absenkt, belehrt uns, dass es nicht mehr sehr weit sein kann bis zum Gipfel. Doch jetzt wird es schwierig. Einer Wand aus rechteckigen Säulen gleich, mit tiefen Zwischenfurchen, ist der Aufbau des Berges hier. Die langgestreckten Quader direkt zu erklettern, ist unmöglich, denn sie sind viel zu steil, und man ist deshalb auf die weiten Kamine angewiesen. Doch diese sind teilweise mit Eis ausgefüllt. Ich klettere in der gerade vor mir liegenden Rinne ein Stück empor, bald aber finden die tastenden Hände keine Griffe mehr, und ein Block versperrt mir den Weg. Also zurück und unten zum nächsten nach links hinüber tra versiert! Dort geht 's besser. Die Griffe sind meistens in den Spalten der aufeinanderliegenden Blöcke zu suchen, liegen weit auseinander, und man muss sich oft seiner ganzen Länge nach ausstrecken, um den nächsten zu erfassen. Oben sperrt abermals-ein Block den geraden Durchgang, aber zur Rechten finde ich Platz für meinen Fuss, stehe auf die Rippe hinaus und bin dann rasch oben. Allerdings noch nicht auf dem Gipfel, sondern bloss ob der Sperrmauer, die das letzte Stück abschliesst. Ich stehe auf schmalem, abschüssigem Geröllband, oberhalb dessen ein steiler Eisgürtel zu den nächsten, flachen Felsen führt. Hans folgt flink nach — so flink, dass mich dünkt, er habe die Sache geschickter als ich angepackt —, dann schleichen wir einige Schritte dem Bändchen nach nach links und gelangen in wenig geneigte, schuttige Felsen. Und nach 10 Minuten sitzen wir im Schnee des Westgipfels, braten an der glühenden Sonne und saugen eifrig an der Feldflasche. Die Uhr zeigt Mittag.

Während langer Rast überlegen wir, was weiter zu tun ist. Unser Ziel ist eigentlich, von hier aus noch den höhern Hauptgipfel zu ersteigen. Dieser ist vom Westgipfel durch eine Scharte getrennt, deren hintere Seite durch einen etwa 50 m hohen Absatz gesperrt ist. Durch einen Quergang im Schnee könnte dieser vielleicht umgangen werden, aber die Sonne brennt heute so erbarmungslos, und daher ist dieser vollständig aufgeweicht und patschnass. So entscheiden wir uns für den Abstieg gegen das Schmadrijoch. Wir ziehen wiederum unsere Steigeisen an und ziehen los über den Gwächtengrat hinunter. Eine heikle Sache! Vollständig weicher Schnee liegt auf dem Eis. Bei jedem Schritt rutscht er unter den Füssen weg und bildet kleine Lawinen, die zur Tiefe sausen. Ununterbrochen kratzt Hans den Schnee weg, so gut es geht, und schlägt Stufe um Stufe in den steilen Hang, denn auf der Höhe des Grates zu gehen, verbietet uns die Gwächte, die, bald klein, bald mächtig, beinahe dem ganzen Grat anhaftet und deren Grenze ein meist gut sichtbarer Riss andeutet. Ganz, ganz vorsichtig wird Bein vor Bein gesetzt. Wie es weiter unten aussieht, können wir nicht sehen, da der Grat sich im Bogen absenkt. So steigen wir hinunter, bis endlich vor uns Felsen auftauchen. Noch werden die letzten paar Schritte leise und vorsichtig getan, dann haben wir wieder festen Boden unter den Füssen und spähen sorglich weiter in die Tiefe, wie es noch kommen möge. Gottlob, es wird gehen! Unsere zweite Sorge gilt unsern vertrockneten und lechzenden Gaumen, für die wir mit grosser Mühe. einige Tropfen Wasser einfangen können. Der weitere Weg ist ziemlich einfach. Der Grat, flacher und flacher werdend, ist von kleinen Absätzen unterbrochen, die sich wagrecht in der Südwand fortsetzen. Meistens gehen wir über sanft geneigte, gelbe Platten in der Südwand hinunter und suchen dann irgendeinen Riss, um die Steilstufe zu überwinden. So gelangen wir tiefer und tiefer — oft werden wieder grosse Umwege gemacht, um Wasser für den Durst zu finden —, und dann, nach kurzem Abstieg über steilen Schnee, stehen wir auf dem Schmadri-j o c h, einem weiten Schneesattel. Auch hier entzückt uns wieder die Grossartigkeit der Landschaft, deren Schönheit durch die langen Schatten der Abendsonne noch erhöht wird. Wir können uns keine Rast gönnen, denn schon ist es 4 Uhr und noch liegt der Jägigletscher vor uns, ein übelbeleumdeter und zerrissener Eisstrom. Viele Möglichkeiten zeigt seine zerhackte Oberfläche, aber keine führt sicher aus dem Wirrwarr hinaus. Anfangs verfolgen wir eine schwache Spur, verlieren sie aber bald und steigen dann in einem Couloir, einem Felsen entlang, auf den nächsten Schneeboden. Aber noch ist nichts gewonnen, sondern die Schlacht, die noch 3 Stunden dauern sollte, beginnt erst. Um den nächsten Hang zu überwinden, betreten wir die mächtigen, von vielen Bächen bespülten Felsen, die unterhalb des Joches sich aus dem Gletscher vordrängen. Lange Zeit turnen wir auf ihren abgeschliffenen Platten herum, versuchen vergebens, unten wieder auf den Gletscher zu kommen, bis wir endlich, unter Zuhilfenahme aller vorhandenen Frechheit, unter einem Eisbruch, von dem beständig kleinere und grössere Stücke abbrechen, durchspringen und jenseits über eine etwa zimmer-hohe Platte mehr hinunterrutschen als klettern. Einige schnelle Sprünge bringen uns in Sicherheit, und dann geht 's in der Mitte des Gletschers den nächsten Hang hinunter. Dann führt uns die Spaltenbildung weit nach rechts gegen das Breithorn zu und hernach wieder über heikle Brücken und zwischen grossen Schrunden durch ganz nach links gegen den Südgrat des Grosshorns. Bald auf den Spaltenrändern, bald auf dem Grund, bald hüpfend und springend, sind wir schon nahe am andern Ufer, aber wir erreichen es nicht, denn eine Eisbarriere türmt sich auf und sperrt den Weg. Wir folgen ihrer Richtung der Tiefe zu, in das Labyrinth der Seraks eintauchend, durchlaufen es im Sturmtempo, die gewagtesten Sprünge und Drehungen ausführend, und erreichen eine glatte Mulde. Nach rechts hin sie querend, gelangen wir zu dem letzten Ausläufer, einem steilen Eishang, J¾ufen denselben wie über eine Treppe hinunter und sind in der Moräne. Unsere treuen Eckensteiner sind es, die uns gerettet haben, und wie schon oft, bringen wir ein feierliches Hoch aus auf Papa Fritsch, als den einzigen, der diese Marke führt. Mit gerührtem Blick, leise die scharfen Spitzen liebkosend, packen wir sie in den Rucksack, und dann bummeln wir in die einbrechende Nacht hinein zur Fafleralp.

IV.

Col de Tournanche und Dent d' Hérens.

Die nachfolgenden Zeilen sollen eher einen kurzen Abriss als eine ausführliche Beschreibung darstellen. Und das aus dem Grunde, weil der mir zur Verfügung stehende Raum beschränkt ist, und ich doch gerne die Tour, die zu den schönsten, aber wenig bekannten im ganzen Wallis gehört, einem etwas weitern Kreise von Bergsteigern bekannt machen möchte.

Am 30. Juli 1921 verliessen wir die Schönbühlhütte um 3½ Uhr morgens. Das Wetter, das um 1 Uhr noch unfreundlich ausgesehen hatte, war besser geworden. Vereint mit den Führern Knubel und Perren, die beide mit ihren Herren über den Zmuttgrat aufs Matterhorn wollten, querten wir den Zmuttgletscher, stiegen das jenseitige Schneefeld zum alten Biwakplatz empor und einige Schritte jenseits auf den Tiefenmattengletscher hinunter. Dort trennten wir uns von den vier andern mit einem kräftigen Handschlag, legten das Seil an und wandten uns dem Col de Tournanche zu.

Die Gletschermulde, in die das Penhallcouloir ausläuft, wird nicht etwa vom Matterhorn, sondern von der finstern Tête du Lion beherrscht. Östlich von ihr zieht sich vom Col du Lion ein steiles Eiscouloir zur Tiefe, westlich liegt der Col Tournanche an, der den würdigen Auftakt zum Ostgrat der Dent d' Herens¾ildet. Auf der Zermatter Seite ein prächtiger Firn- und Gletscherpass, entsendet er westlich von seiner tiefsten Einsenkung eine Folge von feinen Schneegrätchen in den Tiefenmattengletscher hinunter, über welche er erstiegen wird. In der Fallirne ist er nicht begehbar, sondern durch eine steile Felswand gesperrt. Der Anfang derselben wird durch ein kurzes, aber steiles Eiscouloir erreicht, das auf der Matterhornseite in den Gletscher einmündet. Um 5 Uhr waren wir unterhalb des Couloirs, erstiegen dasselbe und machten am oberen Ende eine kurze Rast. Nachher ging 's die steilen und scharfen Schneegrätchen hinauf, die wir mit Hilfe unserer famosen Eckensteinsteigeisen, ohne eine einzige Stufe zu schlagen, erklommen. Meistens ist es nötig, auf der Höhe über einen steilen Hang wagrecht zu diesem nach links hinüber zu traversieren. Wir aber konnten, in gerader Linie der Fortsetzung der Schneekante folgend, über eine Brücke den Bergschrund ersteigen und so den Grat höher oben betreten. Dies war eine Zeitersparnis. Nach einigen Schritten über den steilen, vereisten Grat gelangten wir um 7 Uhr zu den ersten Felsen, wo wiederum eine kurze Rast gemacht wurde. Den Blick aufs Matterhorn gerichtet, liessen wir uns den Inhalt unserer Feldflasche köstlich munden.

Der Ostgrat der Dent d' Hérens, der vom Col Tournanche aus eine Länge von zirka 2400 m und einen Höhenunterschied von 712 m aufweist, besitzt in seinem Aufschwung drei mit Namen versehene Erhebungen, die ihm einen ernsten, beinahe drohenden Charakter verleihen. Es sind dies, beim Col angefangen, die Pointe Maquignaz ( 3710 m ), Pointe Carrel und Pointe Blanche ( 3890 m ). Er ist grösstenteils Felsgrat oder kann doch, in ganz trockenen Sommern, gänzlich ohne. Schnee sein. Begangen wurde er unseres Wissens nur zweimal vor uns, einmal im Aufstieg und einmal im Abstieg, und 14 Tage nach uns einmal im Abstieg. Peter Knubel, der die zweite Begehung, den ersten Abstieg, vollbrachte, teilte uns am vorhergehenden Abend mit, dass er seinerzeit, allerdings bei vollständigem Fehlen von Schnee, 8 Stunden dazu benötigte. Wie die Verhältnisse dieses Jahr sind, können wir nicht gut beurteilen, doch scheint uns, dass noch ziemlich viel Schnee liegt.

Von unserer Frühstücksrast brechen wir um 7 Uhr 30 Min. auf. Der hier flache Grat ist mit gut durchgefrorenem Schnee bedeckt, in dem die Steigeisen beissen, und lässt uns trefflich vorwärts kommen. Auch die Felsen, die von Zeit zu Zeit aus dem Schnee herausschauen, sind gutartig, so dass wir schon 8 Uhr Max Liniger.

15 Min. auf der Pointe Maquignaz ( 3710 m ) stehen. Die Hälfte der horizontalen Distanz ist zurückgelegt. Von der Maquignaz weg senkt sich der Grat ziemlich steil einige 30 m in eine Scharte ab. Die Gratkante ist schlecht begehbar, und wir halten uns daher in der Südflanke. Einer in der Gratrichtung laufenden Wandstufe entlang hacken wir uns in schlechtem Eis tiefer und sind um 9 Uhr 10 Min. im Sattel. Links führt ein langes, steiles Schneecouloir, von finstern Felsen eingerahmt, gegen Italien hinunter, das wir uns für einen eventuellen Rückzug merken. Der nächste Felsabsatz, der zur Pointe Carrel hinaufführt, scheint äusserst steil. Ein schmales Schneegrätchen — schon hier sehen wir, dass noch viel Schnee liegt und dass derselbe von schlechter Beschaffenheit ist — führt zu seinem Fuss. Faules Gestein, das aber keine grossen Schwierigkeiten bietet, lässt uns in der breiten Kante nicht zu schnell in die Höhe kommen. Doch nach etwa einer Stunde liegt der erste, grössere Teil hinter uns. Der zweite Teil, der senkrechte Gipfelaufbau der Pointe, der von der Schönbühlhütte aus meistens als besonders schwierig taxiert wird, will erst ein wenig studiert sein. In der Südseite bietet sich ein Felscouloir, aber es ist nicht verlockend; direkt erkletterbar ist es nicht, und so entschliessen wir uns, ihn auf der Nordseite anzupacken. Durch einen mit weichem Schnee angefüllten Riss klettert Hans hinauf. Dieser Riss führt in einen Spalt, der von unten auch sichtbar ist. Im Spalt, ganz eingeklemmt, rutschen wir auf die Südseite des Grates, gelangen dabei zum obern Ende des vorhin erwähnten Couloirs, und gewinnen von dort in einigen Klimmzügen über steile Felsen die Pointe Carrel. 11 Uhr. Hier wird eine längere Rast gemacht und der spärliche Rest des kalten Kaffees getrunken. Die Sonne brennt glühend. Hinter der Pointe Maquignaz liegt wiederum ein Sattel. Über verschneite, schwierige Felsen steigen wir zu ihm hinunter, um die Pointe Blanche anzupacken. Doch auch hier führt zum steilen Absatz der Pointe Blanche ein Firngrätchen, das aber von so heikler Beschaffenheit ist, dass man es ruhig die hohe Schule der Schneetechnik nennen könnte. Der Absatz selbst ist bedeutend schwieriger als der bei der Pointe Maquignaz. Faules, abschüssiges Gestein macht das Klettern unangenehm und anstrengend. Immerhin, Ausserordentliches wird nirgends verlangt, wenn auch einige Stellen sehr heikel sind. Auf dem Gipfel der Pointe Blanche ( 3890 m ) halten wir wiederum eine Rast ab und suchen Schmelzwasser für unsere durstigen Kehlen. Auf der Pointe Maquignaz vorn taucht eine Partie auf, jedenfalls Italiener von Breuil, die durch das lange, obenerwähnte Couloir angestiegen sein mögen. Trotz unserm Jodeln setzen sie ihren Weg zum Col de Tournanche fort, ohne ein Zeichen zu geben. Rast von 13 Uhr 10 Min. bis 14 Uhr.

Eine Reise im Zickzack.

Noch ein weiter Weg trennt uns vom Gipfel. Zögernd nehmen wir ihn in Angriff, denn die Hitze und der Durst machen uns schlapp und faul. Der letzte Sattel und Verbindungsgrat zum höchsten Aufschwung besteht " wiederum aus Schnee. Der Abstieg dazu führt über ziemlich schwierige Felsen. Die Nordflanke ist von hier weg ganz mit Schnee bedeckt, auf der Südseite gähnt ein tiefer Abgrund. Zuerst halten wir uns in den Felsen, die teilweise an der Kante aus dem Schnee schauen, und dann meistens in der Flanke, die sehr steil und stark vereist ist. Zeitweise werden Stufen nötig. Langsam sinkt der Firnkorridor, der rechts die ganze Nordwand durchzieht, tiefer und tiefer, die Kante oben, die sich von der letzten Schulter nach Süden zieht, kommt näher, und um 17 Uhr, nach einer ziemlich schwierigen, aber kurzen Kletterei, stehen wir auf dem flachen Gratstück, das etwa 70 m unterhalb des Pointe Blanche und Epaule der Dent d' Hérens.

Gipfels liegt. Der Weg zum Gipfel ist frei, keine grossen Hindernisse bietet er mehr, und wir lassen uns zu einer Rast nieder.

Links schweift der Blick auf die obersten Mulden des Glacier de Tsa de Tsan hinunter. Nur ein kleiner Sprung scheidet uns von ihm, einige Felsen und eine Schneehalde. Hier mündet der WTeg ein, der vom Rifugio Aosta und vom Tiefenmattenjoch von Zeit zu Zeit begangen wird und der den allerobersten Teil des Ostgrates zum Endaufstieg benützt. Die Versuchung, hier auszukneifen, ist gross, denn wir sind von der Hitze schlapp und zudem wissen wir nicht, wie lange die Besteigung noch währt, und zu einem Biwak sind wir heute nicht aufgelegt. Und wirklich — ich darf es kaum aussprechen — beschliessen wir nach einigem Hin und Her, hier abzusteigen, hacken uns über den kleinen Eishang hinunter, springen über den Bergschrund und sind auf dem Gletscher. In weiten Bogen und Schleifen steigen wir durch mächtige Schrunde tiefer, passieren unter dem Tiefenmattenjoch durch, steigen den steilen, ebenfalls arg zerschundeten letzten Kessel hinunter und betreten um 20 Uhr wohlbehalten das Rifugio Aosta. Den Rest des Abends verbringen wir in Gesellschaft von einigen sehr liebenswürdigen Italienern, Mitgliedern des Italienischen Akademischen Alpenclub, und legen uns dann schlafen. Und trotz dem feinen Stachel des unerreichten Wollens im Herzen ist unser Schlummer sanft.

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