Eine Sectionsfahrt auf den Piz Sol

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Von J.T. Schiesser ( Section Tödi ).

„ Veränderliche Bewölkung, zeitweise Regenschauer,K oder etwa „ bewölkt, zu Niederschlägen geneigt, bei sinkender Temperatur unstetes regnerisches Wetter, keine Aenderung im Witterungscharakterso lauteten in trostloser Wiederholung die Witterungsberichte des. in dieser Beziehung wirklich denkwürdigen 1888er Sommers. Wagte die Sonne etwa einmal, die finstere Wolkendecke zerreißend, den verzweifelnden Menschenkindern unten auf der verwässerten kalten Erde mit ihren wärmenden Strahlen neues Leben und neue Hoffnung einzuflößen, so war gleich Papa Billwiler, der Wetterprophet für die Ostschweiz, mit einem neuerdings abkühlenden „ Aufheiterung nicht von Dauer " in Bereitschaft, um jeden Funken Hoffnung zu Nichte zu machen!

Manchem wanderlustigen Clubisten mag durch diesen gründlich feuchten Sommer seine längst geplante Tour auf irgend einen Piz oder Stock vereitelt worden sein. Verhältnißmäßig Wenigen war es wohl vergönnt, eine Bergfahrt nicht nur bei tadellosem Sonnenglanz begonnen, sondern auch, ohne nähere Be kanntschaft mit Jupiter Pluvius, ausgeführt zu haben. Zu diesen Wenigen zählen auch die Theilnehmer an der officiellen Excursion der Section Tödi, 8. A. C, auf den Piz Soi. Es waren dies die Herren F. Oertli, Jacques Brunner, Fritz Brunner, Dr. C. Dinner, Caspar Hœsly, Heinrich Streif, Caspar Leuzinger und J. J. Schießer, sowie Führer Peter Eimer. Nachdem mehrmals wegen „ Aufheiterung nicht von Dauer ", eine Verschiebung der Ausführung dieser Tour hatte « intreten müssen, sammelten sich endlich die Theilnehmer, bei wirklich klarem Himmel, Freitag den 10. August, Vormittags auf dem Bahnhof in Glarus, um von da per Bahn nach Ragaz zu gelangen. Nach dem Vorschlag des Excursionschefs sollte der Aufstieg von letzterm Ort aus über Valens und Lasaalp stattfinden. Während der Fahrt entschlossen sich jedoch die Herren Dr. Dinner, Fritz Brunner und Caspar Hœsly, auf Vorschlag des Letztern, in Weesen auszusteigen, mit einem spätem Zug bis Mels zu fahren und den Aufstieg über die Alp Gamidauer vorzunehmen. Am Wildsee wollten wir am Morgen wieder, zu gemeinsamem Aufstieg auf den Gipfel, zusammentreffen. Uns führte der Eilzug in kurzer Zeit nach Ragaz und um 1 Uhr 45 Min. marschirten wir zum Dorf hinaus und in das Badtobel hinein. Unweit von Pfäversbad schwenkten wir, einem Fußweg folgend, von der Straße rechts ab und erreichten um 3 Uhr 20 Min. das stille Bergdorf Valens. Im Garten des einzigen Wirthshauses des Dorfes machten wir Rast. Vom Wirthshaus führt der Weg über den Valenserberg und Branggis ziemlich steil ansteigend nach der Lasaalp. Punkt 6 Uhr 30 Min. war die Lasahütte und damit unser heutiges Ziel erreicht. Aufenthalt abgerechnet hatte der Aufstieg von Ragaz 3 Stunden 50 Min. beansprucht. Die Höhendifferenz beträgt 1872 — 517 = 1355™.

Hatten wir schon beim Aufstieg uns an der sich immer mehr entfaltenden Fernsicht erfreut, so fanden wir jetzt um so mehr Zeit, uns eingehender mit derselben zu befassen. Gegen Norden, Ost und Südost ist dieselbe eine ziemlich ausgedehnte. Besonders-günstig präsentirten sich, von der scheidenden Sonne wunderbar beleuchtet, die Granbündnerberge von der Scesaplana und Suvretta bis zum Piz Kesch in erhebender Pracht.

An der Lasaalp sind drei Hütten mit getrennter Bewirtschaftung. In der mittlern, bei einem alten, sehr freundlichen Sennen, hatten wir Quartier bezogen. Ea mag die Thatsache, daß im Innern der Hütten wie auch in deren Umgebung die größtmögliche Reinlichkeit herrschte, hier lobende Erwähnung finden. In Bezug auf Bewirthung und Nachtlager kann ebenfalls das beste Zeugniß ausgestellt werden. Die Lasa-hütten seien daher bestens empfohlen!

Wohl sämmtliche Mitglieder unserer Expedition hatten heute zum ersten Mal Gelegenheit, den Alpsegen sprechen zu hören. Sobald die Nacht hereingebrochen und die Tagesarbeit erledigt ist, begibt sich einer der Sennen, Hut und Hirtenstab in der Hand, in 's Freie und spricht oder ruft laut ein langes Gebet, in welchem die Heiligen um Schutz für Menschr Vieh und Alp angerufen werden:

Eine Sectionsfahrt auf den Piz Sol.4T Ave Maria!

Bhüet's Gott und User lieb Herr Jesus Christ, Liber, Hab und Guet und Alles, was hie uma ist t Bhüet's Gott und d'r lieb heilig Sant Jöri, Der wol hier ufwachi und höri! Bhüet's Gott und d'r lieb heilig St. Marti, Der wol hier ufwachi und walti! Bhüet's Gott und d'r lieb heilig Sant Gali Mit synen Gottsheiligen all! Bhüet's Gott und d'r lieb heilig Sant Peter! Sant Peter, nimm den Schlüssel wol in die rechti Hand; Bschließ wol den wilda Thiera ihra Gang, Dem Wolf da Racha, dem Bära da Tatza, Dem Rappa da Schnabel, dem Stei da Sprung, Bhüet üs Gott vor einer bösa Stund, Daß solchi Thierli mögen weder kratzen noch bißen, So wenig als die falscha Juda Usa lieba Herrgott bschißa!

Bhüet's Gott Alles hie in diesem Ring Und die liebi Mueter Gottes mit irem herzallerliebsta.

Chind!

Bhüet's Gott Alles hie in üsem Tal, Allhie und überall. Bhüet's Gott und das walti Gott und das tue der liebe- Gott!1 Es macht dieses „ Segensprechen " in stiller Nacht auf hoher Alp auch auf prosaisch und skeptisch angelegte Hörer einen tiefen und bleibenden Eindruck.

Eine Weile wurde noch geplaudert und die Käse-und Buttervorräthe besichtigt. Wie auf den Grau-bilndner-Gemeindealpen werden auch hier Butter, Käse und Zieger aufgespeichert und im Herbst im Verhältniß des Milchertrages der einzelnen Kuh, welcher vom Sennen controlirt wird, vertheilt.

Bald wurde das Lager aufgesucht.

Samstag den 11. August, früh vor Tagesanbruch, waren alle schon aufgestanden. Nach eingenommenem Frühstück, 33;4 Uhr, wurde abmarschirt und der Wildseefurkel zugesteuert ( 2515 m ), die punkt 6 Uhr erreicht wurde.Von Vaplona aufwärts lag frisch ge- den Alpsegen gibt Dr. Ludwig Tobler für die Gegend von Sargans an. Die einzigen wichtigeren Abweichungen finden sich in den Zeilen von „ St. Peter " an bis „ Bhüet üs Gott ", die im Sarganser Alpsegen lauten:

„ Bschließ wohl dem Bären sin Gang, Dem Wolf d'r Zahn, dem Luchs d'r Chräuel, Dem Rappen d'r Schnabel, dem Wurm d'r Schweif, Dem Stei d'r Sprung! Bhüet üs Gott vor solcher bösen Stund. " Kleine Verschiedenheiten im Alpsegen mögen wohl von Thal zu Thal vorkommen. Merkwürdig ist, daß nach Hrn. Pfr. Brändle's Mittheilung der Senn, der den Alpsegen auf Brändlisberg in voller naiver Andacht spricht, ein Protestant ist. Vgl. Egger: Urkunden- und Aktensammlnng der Gemeinde Ragaz, pag. XXI, Einleitung ( Ragaz 1872 ), und Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz, IV. Bd. ( Frauenfeld 1882 ). Dr. L. Tobler: Schweizerische Volkslieder, pag. 197 u. 198.Anm. d. Red.

fallener Schnee, der jedoch nicht stark hinderte. Nach unserer Berechnung hätte das Détachement Hoesly, da deren Nachtquartier, die Hütte auf Gamidauer, etwas mehr als 200 m höher liegt als Lasaalp, mindestens gleichzeitig mit uns am Wildsee eintreffen sollen; dies war aber nicht der Fall. Wir warteten noch etwa eine Stunde vergeblich. Bevor wir weiter zogen, steckten wir ein Blatt Papier mit den nöthigen Notizen zur Orientirung für die Nachkommenden in « ine leere Flasche. Unnütze Zuvorkommenheit! denn aus Zorn darüber, daß wir eben nur eine leere Flasche zurückgelassen hatten, schlenderten die Nachzügler dieselbe in die Tiefe, ohne auf den Zeddel zu achten. Der Wildsee war vollständig zugefroren; wir stiegen nicht zu demselben hinunter, sondern überquerten mehrere Schutt- und Steintrümmerhalden, die ziemlich zu schaffen gaben. Oft versank man durch die trügerische Schneedecke zwischen Fels-trümmer oder klemmte etwa die Füße fest. Nach meinem Dafürhalten würde man besser thun, auf den Piz Sol-Gletscher hinunter zu steigen, dessen spaltenloser Rücken besser und sicherer zu begehen wäre. Wir ließen uns indeß Zeit, schon aus Rücksicht auf unsere nun in Sicht gekommenen Kameraden. An Punkt 2688 und 2686 vorüber gelangten wir, in einem Bogen nach Südwest abbiegend, über den obern Theil des Piz Sol-Gletschers auf einen Felsrücken, d.h. dahin, wo nach der Karte der Piz Sol stehen sollte. Inzwischen hatten uns die Herren von Gamidauer eingeholt, es war 9 Uhr. Die Karte ist hier unrichtig gezeichnet. Bei Punkt 2849 der Karte existirt 4 kein eigentlicher Gipfel, sondern nur ein, allerdings isolirter, niedriger Felsrficken, dessen Südfront gegen Tersol abfällt, dem aber nicht im Entferntesten die Höhenquote 2849 zukommt. In Wirklichkeit ist der Piz Sol mehr nördlich, an Punkt 2770 hingerückt, zu suchen und zu finden; der zwischen diesen zwei Punkten gezeichnete Firnsattel existirt nur auf der Karte, oder, besser gesagt, er sollte zwischen Piz Sol und dem ersterwähnten Felsrücken eingetragen sein ' ). Dem Umstand nun, daß wir uns von der Karte und nicht von unserer Eingebung leiten ließen, haben wir es zu verdanken, daß wir, trotz klarem Himmel, etwas irre gingen.

Von dem Pseudo-Piz Sol in die Furkel zurückgekehrt, machten wir längere Zeit Rast und genossen die wirklich herrliche Aussicht in vollen Zügen. Ein Jaßkttnstlcr hatte ein Kartenspiel mitgenommen, er brauchte nicht lange zu bitten, so waren noch drei Gesellen gefunden, die sich mit ihm zu einem Jaß im Kreise lagertenEine andere Abtheilung der Gesellschaft bemühte sich vergeblich, auf einer Spiritusflamme einen Kaffee zu kochen; der leiseste Windhauch trieb die Flamme zur Seite oder löschte sie aus. Erst um 11 Uhr wurde zur Bezwingung des eigentlichen Piz Sol aufgebrochen, diese erforderte nicht viel Zeit, in 45 Minuten waren wir auf unsern Standpunkt zurückgekehrt.

Ich glaube nicht unerwähnt lassen zu dürfen, daß wir zwei Schneehühner, ein Murmelthier, einen Adler und eine Gemse beobachtet haben. Merkwürdig, fast unglaublich ist, daß ein Murmelthier in dieser Region sich noch ernähren kann; wir sahen das Thierchen vom Piz Sol herkommend über den obern Piz Sol-Gletscher laufen und in einem Steinhaufen verschwinden. Von Vegetation war hier keine Spur zu sehen. Der Adler wurde oben in der Furkel aufgescheucht, sichtigung der Declination der Magnetnadel eine neu aufgenommene Karte des Siegfriedatlas in einem so wesentlichen Punkte, wie die Lage des Piz Sol einer ist, zu berichtigen, ist eine schwierige Aufgabe und sie erscheint um so heikler, als der Hr. Verfasser mit seiner Topographie so ziemlich allein steht. Wenigstens haben die Herren Professor Dr. Gröbli ( vergi, pag. 27 dieses Jahrbuchs ) und Ed. Imhof ( vergi, pag. 69 ) den Piz Sol an der Stelle gefunden, wo ihn die Karte verzeichnet. Höchst wahrscheinlich ist der Pseudo-Piz Sol des Hm. Verfassers der Punkt 2791 oberhalb Tersol, die Furkel, in welcher Rast gehalten wurde, die Lücke zwischen diesem und dem wahren Piz Sol, und der Irrthum mag davbn herkommen, daß die Touristen statt nach Südwest die Richtung nach Südsüdwest einschlugen.

Anm. d. Red.

62J. J. Schieaaer.

er fluchtete mit majestätischem Flug zum Sazmartinhorn hinüber.

Der AbBtieg erfolgte über ein langes Schneefeld, über der Gelbi in nördlicher Richtung am westlichen Fuß von Punkt 2770 vorbei, bis an den Fuß von Punkt 2720.

Anstatt nun etwas aufwärtssteigend den üblichen Weg über ein Felsband gegen den Stafinellegrat hin zu verfolgen, kletterten wir durch die zweitnördlichste, ziemlich steile Runse lustig zur Hütte von Ober-Lav-tina hinunter. Dieser Weg dürfte vielleicht heute von Clubisten zum ersten Mal gemacht worden sein. Der Senne setzte uns eine Gebse frische Milch vor, an welcher wir uns erfrischten.

Um 3 Uhr, nach l^stttndigem Aufenthalt, wurde der Abstieg in 's Thal angetreten. Mein Vorschlag, oben zu bleiben, eventuell heute noch bis Valtüsch hinüber zu wandern und des andern Tags über Gutenthal, Ritschli, Haibützli und Muttenthal nach Ober-Foo zu gehen, wollte keinen Anklang finden. Die Mehrzahl bekundete, nach so gewaltiger Kasteiung des Leibes, Sehnsucht nach einer guten Flasche, einem gebratenen Huhn etwa, nach einem Dunenbett und weiß der Himmel noch nach was für allerhand guten Dingen!

In Badöni, einem allerliebsten Felscircus, stürzen sich, recht hübsche Wasserfälle bildend, drei von Valtüsch, Piltschina und Muttenthal kommende Bäche über eine Felswand. Zu diesen gesellen sich noch zwei von Oberlavtina und Gutenthal kommende Sturzbäche, die alle hier sich vereinigend den Gufelbach bilden. Das Ganze ordnet sich zu einem sehr schönen, den Wanderer erfreuenden Bilde.

Dem Laufe des Gufelbaches folgend, erreichten wir 5 Uhr 45 Min. wohlbehalten unser heutiges Wanderziel, das Gast- und Kurhaus zum Alpenhof in Weißtannen, wo ein fröhlicher Abend im Kreise der muntern Kurgäste den Tag würdig beschloß.

Am andern Tage kehrten wir heim.

Das Wetter war auch heute Morgen sehr schön, kein Wölklein war zu entdecken. Froh gelaunt wanderten wir in herrlicher Morgenluft thalaufwärts, den Wassern der Seez entgegen, über Untersiez und Wallenbütz nach Ober-Foo, wo wir uns nach dreistündigem Marsche eine Stunde Ruhe gönnten. Um 10 Uhr wurde zum Foopaß abmarschirt. Die Herren F. Oertly, Caspar Leuzinger und der Berichterstatter ließen es sich nicht nehmen, dem Foostöckli noch einen Besuch abzustatten. Ueber die schöne Raminalp und durch den Raminerwald erreichten wir um 3 Uhr das stille Elm.

Hörner im Spätherbst.

Von Ed. Imhof ( Sect. Ehätia ).

Prächtig schauen an jedem schönen Tage die Grauen Hörner über die Klus in 's Vorderprättigau herein und laden den Bergfreund zum Besuche ein. Seine andere Berggruppe präsentirt sich von Schiers aus so schön, wie die Grauen Hörner, denn die eigentlichen Prättigauergebirge: Rhätikon, Hochwangkette und Silvrettagruppe, sind durch Vorberge ganz oder größtentheils verdeckt und werden erst sichtbar, wenn man etwas in die Höhe steigt; die Grauen Hörner dagegen sieht man vom Thalboden und selbst von der Mitte des Dorfes aus, und zwar mit fast allen ihren wichtigern Gipfeln, Gräten und Einschnitten. Vom Fenster aus, an dem ich diese Zeilen schreibe, sehe ich z.B. den ganzen Grat vom Garmil ( 2012 m ) bis zum Punkt 2791; dahinter den Piz Sol ( 2849 m ) und den Punkt 2770m zunächst rechts oder nördlich von demselben, dann die hintern Zanayhörner vom Punkt 2791 m bis Punkt 2825 m, mit der daran gelehnten wilden Zanayalp, und als Gegenstück hiezu die Vasanealp, die Lasaalp und das kleine Thälchen Vaplona, mit den darüber thronenden Gipfeln: Vasanekopf, Schlößlikopf und Tag- weidlikopf. Die Vaplonaköpfe — so nenne ich die Köpfe auf der Südseite von Vaplona, vom Hochpardiel ( 2355 m ) bis zum Wildseehorn ( 2688 mwerfen gerade jetzt ihre Schatten in das noch in der Abendsonne glänzende Vaplona. Die Einrahmung dieses Gebirgs-bildes bilden rechts die Klushb'he ( Mannas 11621, die vom Vilan oder Augstenberg oberhalb Seewis bis zur Klus vorgeschoben ist, links die Ausläufer der Hochwangkette: die schwarzen waldigen Abhänge des Hauptes ( 1401 m ) und des Landquartberges. Steige ich nur wenig in die Höhe, so zeigen sich neben den Grauen Hörnern auch noch der Ringelspitz und der Calanda.

Das ganze diesjährige Clubgebiet ist also der Hauptsache nach vor mir aufgestellt, und die Gesellschaft grauer Clubveteranen, wie das Itinerar die Grauen Hörner nennt, lud uns jüngere Clubgenossen freundlich zum Besuche ein: an Genüssen, Unterhaltung und Belehrung mannigfacher Art werde es nicht fehlen. Ich wollte der Einladung gerne folgen und traf darum rechtzeitig, d.h. schon vor der eigentlichen Wanderzeit des Hochsommers, meine Vorbereitungen, die in einem möglichst eingehenden Studium der Excursions- karte, des Itinerars und des herrlichen Werks: „ Ueber den Mechanismus der Gebirgsbildung von Prof. A. Heim bestanden, das in sehr eingehender Weise die sogenannte Glarner Doppelfalte und damit den geologischen Bau unseres diesjährigen Clubgebietes behandelt * ). Ein solches Studium schon vor dem Besuch einer Gebirgsgruppe ist eine Arbeit, die sich reichlich lohnt, indem sie uns das Verständniß für unsere Wahrnehmungen und Beobachtungen eröffnet. Das Verständniß des Gesehenen hat aber nicht nur rein wissenschaftlichen Werth; es erhöht auch ganz wesentlich den Genuß. Unter diesen Vorbereitungen rückten die Sommerferien heran, und nun hätte die Theorie in die Praxis umgesetzt werden sollen. Allein dagegen legten Himmel und Barometer Veto ein. Statt ungeduldig auf besseres Wetter zu warten, begab ich mich auf allerlei Kreuz- und Querwegen durch'n Bündneroberland, Tessin, Gotthardgebiet und Berneroberland nach Bern, denn zu einer Wanderung durch Thäler und Pässe war das Wetter noch so gerade recht. Die Grauen Hörner kamen nun natürlich längere Zeit nicht mehr in Sicht. Der Herbst war, wie der Sommer, Grau in Grau gehalten, und das Clubgebiet schien bereits aus Abschied und Traktanden zu fallen.

Da bringt der Spätherbst unerwartet schöne Tage. Die Berge sind zwar weit, bis über Alp Lasa herab, überschneit; aber im hellsten Sonnenglanz, in wunderbarer Schönheit grüßen und winken die Grauen Hörner über die Klus herein, und da sollte man daheim bleiben? Wegen ein wenig Neuschnee? Nein, wir gehen, nämlich Freund Zwicky ( S.A.C. Section Rhätia ) und ich.

Samstag den 27. Oktober, Mittags 11 Uhr, wird in Schiers aufgebrochen; raschen Schrittes geht 's nach der Station Landquart, dann per Bahn nach Ragaz und sofort weiter nach dem Bade Pfävers und hinauf nach Valens, wo wir unsern Proviant ergänzen und bei Schreiber Üehli zur Post die Schlüssel zur Alphütte in Lasa holen. Der gute Mann macht ein bedenkliches, fast erschrockenes Gesicht, als er von unserm Plane hört, und meint, wir würden des weichen Schnee's wegen wohl bald umkehren. Um 4 Uhr wird unter den Glückwünschen Üehlis und seiner Frau der Aufstieg nach der Lasaalp begonnen. In mäßiger Steilheit geht 's bergan, und schon wenig über Valens, etwa in'einer Höhe von 1000™, treffen wir den ersten Schnee, der zuerst nur in wenigen kleinen, dann in immer zahlreichern und größern Flecken auftritt, die bald genug zu einer gleichmäßigen Decke verwachsen. Diese aber trägt uns und weckt darum gute Hoffnungen auf den folgenden Tag. Auf der untern Hälfte des Weges treffen wir noch hie und da Leute an, denen aber unser Vorhaben durchaus nicht gefällt. Die Grauen Hörner würden uns nicht fortlaufen, meint ein älterer Mann, wir könnten die auch das nächste Jahr besuchen, wenn 's gerade sein müsse, und er hatte eigentlich nicht so ganz Unrecht. Wir aber lassen uns weder belehren noch abschrecken und steigen rasch aufwärts, denn die Zeit drängt und die Nacht bricht bald herein.

Um 6V2 Uhr ist der Saß erreicht; nach einigem Suchen finden wir die Hütte, zu der unsere Schlüssel passen, und bald steigen darin die Flammen lichterloh auf; sie erleuchten sie nur, sie erwärmen sie nicht. Leider haben wir nichts auf 's Feuer zu setzen. Wohl hatten wir Kaffeepulver mitgenommen, um uns am Abend und am Morgen einen warmen Kaffee zu machen, aber die Pfanne, die wir in der Hütte zu finden hofften, war nicht da, und wir hatten keinen Kochapparat mitgenommen. Wir mußten uns also mit Brod, Fleisch und Wein begnügen. Auch der Schlafraum war zu dieser Zeit, selbst für die bescheidensten Ansprüche, ungenügend. Er bestand in einem engen Dachraum, zu dem man mittelst einer Leiter aufsteigen mußte, und enthielt gerade Heu genug zur Herstellung einer nicht zu harten Unterlage. Doch genügte der Vorrath nicht, um auch noch eine Decke machen zu können, und so konnten wir wegen der Kälte nicht oder doch nur wenig schlafen. Solche Alphütten sind eben nur im Sommer, wenn das Vieh auf den Alpen weidet und Senn und Alpknechte die Hütte bewohnen, auch für Touristen brauchbar. Sind einmal die Aelpler wieder zu Thal gestiegen und haben sie, wie das gewöhnlich geschieht, Schiff und Geschirr mitgenommen, so enthalten die Hütten nichts mehr, als höchstens noch etwas Heu und Holz. Jedenfalls sollte man, wenn man zu ungewöhnlicher Zeit in Alphütten übernachten will, außer dem Proviant auch Kochapparat und Decken mitnehmen.

Unsere etwas fatale Lage wohl erkennend, blieben wir lange auf beim flackernden rauchten unsere Cigarren und besprachen die Projecte des nächsten Tages mit ihren verschiedenen Möglichkeiten. Da wir uns sagen mußten, daß die Schneeverhältnisse wahrscheinlich sehr ungünstige sein würden, so durften wir keine hochfliegenden Pläne schmieden. Wir kamen überein, einen Versuch auf den Punkt 2650 m zu machen, dann zum Wildsee abzusteigen, und am Schottensee und Schwarzsee vorbei und über die Vermialp nach Mels, resp. über Gamidauer nach Schwendi im Weißtannenthal zu gehen. Sollte aber dies des Schnee's wegen unmöglich oder doch zu anstrengend sein, so würden wir zum Wangserseeli gehen und über die Laufböden, eventuell mit Besteigung eines der Lasaköpfe nach der Alp Pardiel und nach Ragaz hinuntersteigen. Bei über Erwarten guten Schneeverhältnissen dagegen würden wir nach Besteigung des Punktes 2650 m uns an den Piz Soi wagen und dann nach Weißtannen hinabgehen.

Die folgende Darstellung wird zeigen, wie wenig-wir uns an diese Verabredungen gehalten haben, und wie wir trotz der schwierigsten Schneeverhältnisse-mehr ausführten, als selbst unser größtes Project,, das nur für gute Schneeverhältnisse berechnet war,, in sich schloß. In den Bergen bindet man sich eben nicht einmal an selbstgemachte Projecte, geht freilich dann auch nicht immer straflos aus, wie wir dies-genugsam erfahren mußten. Hinterdrein aber, wenn Alles glücklich vorbei ist, macht man sich aus diesen Strafen nicht viel, sondern findet sie am Ende gar noch interessant und lehrreich. Die Lehre jedenfalls haben sie uns gebracht, daß es nicht rathsam ist,, solche Touren bei so später Jahreszeit und eo-schlimmen Schneeverhältnissen, wie wir sie fanden, zu unternehmen. Unsere Tour wäre bei schönem Sommer- oder Herbstwetter nicht nur viel leichter und gefahrloser, sondern auch ungleich schöner und genußreicher gewesen. Es wandert sich denn doch ganz anders im wonnigen Sommer, wenn Heerden und Hirten das Gebirge beleben, die Alpenmatten in tausendfarbigem Blumenschmuck prangen, rothe Alpenrosen, blaue Gentianen, gelbe Anemonen und weiße Steinbreche uns auf Schritt und Tritt begrüßen, und selbst Gletscher und Felsenhänge einiges Leben entwickeln, als im frostigen Winter, wenn alles Leben erstorben scheint, allüberall ein großes weißes Leichentuch uns kalt entgegenstarrt und tiefer weicher Schnee unsere Schritte hemmt und unsere Kräfte lähmt!

Es war eine lange Nacht in der kalten unwirthlichen Hütte, doch nicht ohne ihren eigenen Zauber: Bald nach unserer Ankunft glänzten plötzlich die Hörner und Felszacken unserer Umgebung, namentlich die Zanayhörner, fast wie bengaliseh beleuchtet in hellem Lichte auf, um sich dann nach einigen Secunden ebenso plötzlich wieder zu verdunkeln. Wir konnten nicht beobachten und uns auch nicht erklären, woher diese plötzliche grelle Beleuchtung kam. Rührte sie vielleicht von einem Meteor, von einer vorbeifliegenden Feuerkugel her? Sternschnuppen sahen wir viele fallen, allein von solchen konnte diese starke Beleuchtung nicht herkommen, dazu ist das Stern-schnuppenlicht zu schwach. Der Sternhimmel war überhaupt prachtvoll: Es waren die schönen, aber winterlichen Sternbilder Leier, Schwan und Adler in gleichschenkligem Dreieck zusammengestellt, das herrliche Trapez des Orion, mit dem funkelnden Jakobsstab in der Mitte, dann der kleine und große Hund mit dem strahlenden Sirius, Fuhrmann und Zwillinge, Ca8siopeja und Perseus n. A. in ., die sich « 2Ed. Imhof.

unsern Blicken zeigten und uns zu stiller Andacht stimmten. Doch endlich war die Nacht dahin und wir traten, nach kurzen Vorbereitungen, um 5 Uhr 30 Min. den Marsch aufwärts gegen Vaplona an.

Zuerst war der Schnee noch gut, aber bald hatte die Herrlichkeit ein Ende; der Schnee wurde immer weicher und tiefer, und das ermüdende Waten begann. Wir hielten uns möglichst hoch auf der nördlichen, nach Süden fallenden Seite von Vaplona, gewannen das kleine Tobel, das gegen den Punkt 2547 nl ansteigt, wateten durch dasselbe hinauf und erreichten den genannten Punkt um 8 Uhr 45 Min. Hier sahen wir etwa 200 m unter uns den Schottensee mit Schnee und Eis bedeckt. Schottenseefurke wäre vielleicht, der Wildseefurke ( 2515 m ) entsprechend, der passendste Name für diese Scharte zwischen den Punkten 2647™ und 2650 m. Wir blieben nicht lange hier, sondern stiegen bald wieder links auf, theils über Schnee, theils über Verrucanotrümmer, und betraten den Gipfelpunkt 2650™ um 9 Uhr 15 Min. Es ging ein schwacher Windzug, und das Thermometer zeigte auf — 2 ° C.T für diese Höhe und Jahreszeit eine noch ganz erträgliche Temperatur. Wir fanden weder ein Steinmännchen, noch sonst Spuren einer frühem Besteigung,, und sind also vielleicht die ersten Besucher dieses Punktes, abgesehen etwa von Jägern und Geißbuben,, von denen aber die Geschichte schweigt.

Der Punkt, der wohl passend Schoüenseehorn genannt würde, ist sehr interessant und besuchenswerth. Er bietet einen guten Ueberblick über den geologischen Aufbau der Grauen Hörner, und eine pracht- volle Aussieht, die bei dem sonnigen Wetter und der reinen klaren Herbst- oder fast Winterluft wirklich entzückend war. Am herrlichsten präsentirten sich die Bündnerberge: in glänzenden Schnee- und Eispanzern standen sie da, gleich einem gewaltigen Heerhaufen. Da sah man im Vortrab die Häupter alle des grenzbewachenden Rhätikon mit der stolzen Scesaplana und daneben die bescheidenere Gruppe des Plessurgebirges, vom Hochwang und den Valzeiner-bergen bis hinüber zu Casanna und Weißfluh, und dann rechts herumbiegend zur Strela- und Parpanerkette, mit dem trotzigen Lenzerhorn und dem Rothhorn. Aber was ist das Alles gegenüber jenem Gewalthaufen der Silvrettagruppe und Albulakette, wo Piz Linard und Piz Kesch, von ungezählten Schaaren hoher Vasallen umringt, die herrschenden Häupter erhebenHier aber, in der nähern Umgebung, fallen unsere .Blicke auf einen Zuzug kleinerer Verbündeter, die jetzt, da auch sie die weiße Rüstung tragen, gar viel gewaltiger erscheinen als im Sommer. Sie kommen unter der Führung von Sentis und Alvier, welch1 letzterer auch die Churfirsten schön in Reih und Glied vorführt. Auch die Glarner haben ein Kontingent gestellt, in welchem der Glärnisch mächtig hervorragt, während der königliche Tödi und seine Nachbarn sich noch verborgen halten. Um so vollzähliger haben sich die St. Galler-oberländer eingefunden: da fehlt von Mürtschenstock, Gulmen und Spitzmeilen bis zu Calanda und Ringelspitze auch nicht einer!

Einen angenehmen Gegensatz zu den ausgedehnten, schneebedeckten Gebirgsmassen bildet das Grün der Thäler. Gar lieblich erscheinen namentlich das Vorderprättigau und die Herrschaft mit den Dörfern Schiers, Fanas, Malans und Fläsch. Das Rheinthal ist sichtbar von Malans bis zum obern Theil des Bodensee's. Unzählige Dörfer, Kirchen und Schlösser glänzen herauf, und dazwischen legt sich, wie ein Silberband, der Rhein. Und so freundlich ist dies Landschaftsbild, daß das Auge fast ungern zu unserer nächsten Umgebung zurückkehrt:

Denn einen höchst eigenthümlichen, befremdenden Anblick gewähren die Grauen Hörner! Zu unsern Füßen liegen die kraterähnlichen Becken des Wildsee's und Scbottensee's. Jetzt freilich ist der Grund dieser Becken sammt den See'n und dem vom Wildsee gegen den Piz Soi ansteigenden Gletscher in den weißen Schneemantel gehüllt, und die See'n erkennt man nur an der ausgeglätteten Ebene. Ringsumher erheben sich seltsame, fast unheimliche Felsgestalten, die vielfach zerrissen und zerklüftet sind, und deren vorspringende Ecken und Thürme oft schief dastehen, ja zu wanken scheinen und mit Einsturz drohen. Diese Felsenhörner stehen nämlich gar nicht an ihrem Platz; weit unten in unterirdischen Räumen, viele hundert Meter unter ihrem jetzigen Ort sollten sie eigentlich sein und dem ganzen Gebirge als solide Grundlage dienen. Aber es gefiel eben diesen unruhigen Köpfen nicht, in untergeordneter Stellung die andern zu tragen; in frecher Selbstüberhebung haben sie alle Bande der Ordnung durchbrochen und sich emporgedrängt in lichte Höhen, für die sie nun einmal nicht passen. Dem Verfasser des trefflichen Itinerars erscheinen diese Haupter wie eine Versammlung von Clubveteranen. Uns scheinen sie eine viel gefährlichere Gesellschaft. Fast möchte man wähnen, unversehens einer Bande böser Anarchisten in die Hände gefallen zu sein!

Seht diese rauhen schrecklichen Gestalten ringsumher, wie sie finster und grimmig dreinschauen! seht, tragen sie nicht samint und sonders Jakobinermützen? Ja, ja, Mützen von rothem Verrucano tragen diese « auberen Gesellen, aber sie sehen schrecklich zerrissen aus, auch müssen sie nicht farbächt gewesen sein, denn sie schillern in allen Farben: grangrün, schmutzig-violett, rostbraun. Einer Halsbinde vergleichbar zieht sich unterhalb der obersten Köpfe « in hellgraues Band von sogen. Lochseitenkalk um den Felsnacken, das wir namentlich beim Heraufsteigen von der Lasaalp beobachten konnten und das man im Sommer sogar von Schiers aus deutlich sehen kann, und dann kommt der Rumpf von dunkeln Schiefern und Kalken, die hinunterreichen bis in die Pfäverser Schlucht, wo sie reichlich Nummuliten enthalten. Da ist also Alles drüber und drunter gekehrt. Während die richtige, althergebrachte und bewährte Ordnung die wäre: unten ein festes Grundgestell und sicheres Fundament von Verrucano und andern altern Gesteinen, dann ein Etagenwerk von jurassischen Kalken und oben ein gutes Dach von eocänen Schieferplatten, so steht hier verkehrt Alles auf dem Kopf, nämlich unten die schwachen zerbrechlichen Schiefer, die den Fuß und den Rumpf bilden und hinauf reichen bis an den Hals ,'dann ein Halsband von Lochseiten- 5 kalk, einer besondern Art von Hochgebirgskalk oder Malm ( Oberer Jura ) und oben drauf ein harter Kopf von Röthidolomit und Verrucano. Wie das so gekommen, das zu erklären überlasse ich dem besten Kenner der Glarner Doppelfalte, Prof. A. Heim, der darüber an anderer Stelle dieses BuchesAufschluß ertheilt.

Jedoch der Zeiger an der Uhr und die Sonne am Himmel schreiten unerbittlich vorwärts und mahnen uns, daß auch wir weiter müssen, und so machen wir uns nach einstündigem genußreichem Aufenthalt um 10 Uhr 20 Min. wieder auf den Weg. Das Verständigste wäre nun gewesen, entweder über die Laufböden und Pardiel nach Ragaz zurückzugehen,, oder allenfalls an Wildsee, Schottensee und Schwarzsee vorbei über Gamidauer und Vermialp nach Mels hinunter zu steigen. Aber das Wetter war so schön, und uns gefiel es hier oben so gut, daß wir wenigstens einen Versuch gegen den Piz Soi machen wollten. Um dem Schnee einigermaßen auszuweichen, stiegen wir zunächst zum Wildseefürkli 2515 m hinunter, und auf der andern Seite gleich wieder hinauf, gegen Punkt 2688 m ( Wildseehorn ), in der Hoffnung, dann von dort über die Punkte 2686™, 2649 m und 2791 m eine ziemlich schneefreie Gratwanderung bis zum Piz Soi machen zu können. Wir kamen auch glücklich und ohne zu viel Schnee auf die zwei erstgenannten Punkte. Es war eine inter- essante, alle Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit in Anspruch nehmende Felskletterei. Von Zeit zu Zeit kamen wir an einen gewaltigen Felsenthurm, der sich breit und trotzig in den Weg stellte und ein energisches: „ Halt, bis hieher und nicht weiter!u zu gebieten schien. Dann galt es, an dem ungeschlachten Kerl herumzuspüren und herumzuklettern, zu kriechen und zu springen, bis sich irgendwo ein Ausweg fand. Meist konnten wir die Thürme auf der rechten Seite, also auf der Seite des Gletschers, umgehen; nur einmal ging 's links herum, mit Blick in gähnende Tiefe gegen Valgrausa. Einer dieser Felsobeliske war, wie durch einen Axthieb, von oben bis unten gespalten. Auf den Punkten 2688 m und 2686 m blieben wir je etwa 20 Minuten, denn die Aussicht von ihnen aus bot gegenüber Punkt 2650 m wenig Neues. Doch traten hinter der Albulakette noch die Berninagruppe und der Ortler hervor. Erwähnt sei noch, daß uns längere Zeit zwei gelb-schnäbelige Bergdohlen umkreisten, die es offenbar auf die spärlichen Ueberreste unseres Proviants abgesehen hatten; sonst sahen wir auf diesem Grat im Schnee nur noch einige todte Fliegen. An einer geschätzten, sonnigen Stelle hatten wir schon vorher wenige Meter unter Punkt 2547 m ( Schottenseefurke ) in einer Felsenspalte ein ganzes Büschel schön blühender gelber Ranunkeln gefunden.

Vom Punkt 2686 m an konnten wir, ohne Führer und Seil, nicht mehr auf dem Grat weiter gehen. Also ließen wir uns durch eine steile, schneeerfüllte Rose auf das große Schneefeld hinunter, das jetzt den ganzen Felsen- kessel ausfüllte, während im Sommer nur ein kleiner Gletscher sich vom Piz Soi gegen den Wildsee hinunterzieht. Jetzt war freilich vom Gletscher selber nichts zu sehen; er lag unter einer dicken weichen Schneedecke, die weit über ihn hinaus und hinauf reichte, so daß nur die obersten Gräte ihre stai'ren, zerklüfteten Felsmassen zeigten. Auf diesem ansteigenden Schneefeld gab es nun furchtbar ermüdende und zeitraubende Arbeit. Fast durchweg sanken wir bis an oder über die Kniee in den weichen pulverigen Schnee ein, oft genug auch bis an die Brust, und manchmal mußten wir 4 bis 6 Schritte machen, ohne auch nur um ein paar Centimeter vorwärts zu kommen, indem wir an steileren Stellen immer wieder zurücksanken. Auf einer längeren Strecke mußten wir alle 20 bis 30 Schritte einen kleinen Halt machen, um Luft und Kraft zu schöpfen. Oft lag 's uns wie Blei in den Beinen und zeitweilig hatten wir auch mit dem Schlaf zu kämpfen. Aber „ nit nahiah gwinnt ", und so arbeiteten wir uns unverdrossen vor- und aufwärts. Gegen Punkt 2791 nl gab 's einmal eine ganz schlimme Kletterei durch ein steiles Couloir hinauf, in dem Hände und Füße keinen sichern Halt fanden, weil der Fels faul war, und die Steine, die als Angriflfs-und Stützpunkte hätten dienen sollen, losließen und in die Tiefe stürzten. Das war eine höchst mißliche Stelle, aber wir waren, ich weiß nicht wie, hineingekommen und konnten ohne die größte Gefahr des Ausgleitens nicht mehr zurück, mußten also um jeden Preis aufwärts zu kommen suchen, was uns denn auch mit viel Mühe und unter Anwendung aller Vorsicht Die Grauen Hörner im Spätherist.60 und von allerlei Kriech- und Kletterkünsten schließlich gelang. Die Höhe wurde ohne Unfall erreicht, und dann ging es wieder etwas leichter über den im Sommer schneefreien, jetzt aber stark verschneiten Grat zwischen Punkt 2791 m und Piz Sol hinweg. So erreichten wir ein steiles Kamin, das uns, weil es ebenfalls mit weichem Schnee erfüllt war, große Anstrengung kostete, aber uns direkt auf den mittleren und höchsten Gipfel des Piz Sol führte, den wir endlich um 3 Uhr 40 Min. erreichten. Wir hatten also für die kleine Strecke vom Punkt 2686 m bis Piz Sol, die im schneefreien Sommer jedenfalls in einer Stunde ganz gut gemacht werden kann, volle drei Stunden angestrengtester Arbeit gebraucht. Das hatte der weiche Schnee verschuldet. Wir erschraken nicht wenig, als wir bemerkten, daß es so spät geworden war, allein zu ändern war da nichts mehr. Lange aufhalten durften wir uns hier natürlich nicht, aber eine halbe Stunde mußten wir uns doch gönnen, um uns nach der mehrstündigen großen Anstrengung etwas zu erholen, und uns durch Brod, Fleisch und Wein wieder zu stärken.

Mit der Aussicht waren wir bald im Reinen, hatten wir dieselbe ja seit Langem in ihren Hauptsachen mustern können. Es handelte sich also nur noch um die Gewinnung eines Gesammteindrucks. Viel Neues bot sich gegenüber den vorher besuchten Punkten nicht. Nur die Berninagruppe ragte besser hervor und strahlte herrlich in blendendem Sonnenglanz. So strahlend schön, so im reinsten Weiß glänzend, habe ich sie aus solcher Entfernung noch nie gesehen. Die Beleuchtung war wundervoll und ganz anders als am Vormittag auf Punkt 2650lu, denn die Sonne war unterdessen von Morgen über Mittag gegen Abend gerückt. So haben wir also das gewaltige Heer der Bündneralpen und der Gebirge des St. Galleroberlandes an eAnem Tage in Morgen-, Mittag- und Abendbeleuchtungen gesehen, was in dieser Jahreszeit, wenn die Berge bis fast in die Thäler mit dem reinen weißen Schneemantel bedeckt sind, einen ganz eigenartigen Genuß gewährt, für den man wohl einige Mühe auf sich nehmen mag. Neu, gegenüber der Aussicht auf den andern Hörnern, war auch die Sardonagruppe, die uns ihre Schattenseite zuwandte und sehr wild und düster aussah. Vom Tödi erblickt man hier nur die oberste weiße Kappe, besser schon sieht man die Clariden und namentlich den Kärpfstock und die Freiberge, und vor allen den breiten prächtigen Glärnisch. Dann schweift der Blick auch hinaus in 's flachere Land, und hinüber bis zum Jura und dem Schwarzwald. Links vom Sardonagebiet bis hinüber zum Calanda bietet sich dem Blick das Berggewirr des Bündneroberlandes und der Hinter-rheinthäler bis zum Avers.

Doch nun ist 's die höchste Zeit! Nachdem wir einen Zeddel mit unseren Namen in der zerbrochenen Flasche des Steinmännehens geborgen, treten wir den Abstieg gegen Weißtannen an. Es war 4 Uhr 10 Min., und das Bestreben darum wohl berechtigt, einen möglichst kurzen Weg einzuschlagen. Im Sommer oder bei tragendem Schnee würden wir auf den Gletscher hinunter gestiegen und an dessen linkem Rande gegen den Lavtinasattel 2593in gegangen sein, um dann über den Stafinellegrat und Gafararilcken ( die Punkte 2402 m, 2O80m und 1766 m ) nach Weißtannen zu eilen. Jetzt aber fürchteten wir, im Wildseekesael des weichen Schnee's wegen fast nicht vom Fleck zu kommen, und dann von der Nacht überfallen zu werden. Darum wagten wir, in der Meinung, so viel schneller vorwärts zu kommen, den Abstieg vom Piz Sol gerade westlich durch die sogen. Gelbi hinunter direkt auf die Hütte von Oberlavtina zu. Das brachte uns nun gehörig in 's Pech. Zunächst allerdings ging 's in hellen Sätzen abwärts. Doch bald merkten wir, daß Vorsicht geboten sei, denn der Berg bestand hier vielfach aus losen Steinen, die zudem meist mit glattem Eis überzogen waren. So fiel ich einmal um, rutschte abwärts, wollte mich an einem vorspringenden Stein hatten; der aber ließ los und kollerte weiter, während es mich zwei Mal überwarf, bevor es mir gelang, mich an andern Steinen festzuhalten, wobei ich mehrere Finger ziemlich stark verletzte. Es war die höchste Zeit, daß ich mich halten konnte, denn wäre ich nur noch wenig weiter gerutscht, so wäre ich in eine bedeutende Tiefe gefallen. Nach dieser Episode kamen wir bald auf steile Schneefelder, durch die wir sitzend hinunterrutschten. Ganze Schneeströme fuhren mit uns und hinter uns her zu Thal, uns manchmal fast in sich vergrabend. Nun wurde die Stelle, die einen Abstieg zu ermöglichen schien, immer enger und steiler; Felsen starrten, mit gefrornen Wasserfällen behangen, in die Höhe, und Abgründe zeigten uns ihre gähnende abschreckende Tiefe. Jedes weitere Fortkommen schien unmöglich zu werden. Sollten wir umkehren und weiter oben einen andern Answeg suchen? Drei Blicke genügten, um uns Alles versuchen zu lassen, auf dem einmal eingeschlagenen Weg weiter zu kommen: ein Blick aufwärts auf den zurückgelegten Weg, der uns zeigte, daß wir nur mit großem Zeitverlust und übermäßiger Anstrengung im weichen steilen Schneefeld wieder in eine Höhe kommen könnten, von der ausein anderer Weg in mehr nordöstlicher Kichtung unter dem Gipfel des Piz Soi durch sich versuchen ließe,, ein zweiter Blick auf die Excursionskarte, der diesen neuen Weg nicht besser erscheinen ließ als den, auf dem wir waren, und ein dritter Blick an den Himmel,, der uns die beängstigende Nähe der Nacht verrieth.. Also steigen wir abwärts, langsam, Schritt für Schritt abwägend, einander zurufend, helfend, ermuthigend,. aber in peinlicher Ungewißheit, ob wir nicht doch noch an eine Stelle kommen würden, wo wir nicht mehr weiter könnten. Plötzlich hatten wir eine senkrecht abstürzende Felsstufe unter unsern Füßen, weder rechts-noch links eine Möglichkeit, sie zu umgehen. Jedes-weitere Vordringen schien unmöglich. Allein, Noth, bricht Eisen und macht auch etwa erfinderisch. Fasse« wir den Stier bei den Hörnern; der Fels ist nämlich nicht sehr hoch und wie der ganze Berg zerrissen und zerhackt; er bietet also vielleicht Anhalts- und Stützpunkte für Hände und Füße und — frisch gewagt ist halb gewonnen! Ich werfe Bergstock und Proviant-bttchse hinunter in den weichen Schnee und beginne die Kletterei und — es geht! Langsam, vorsichtig, denn ein einziger loser Stein, auf den man sich stützte, ein einziger Fehltritt müßte Verderben bringen. Endlich.

Die Grauen Hörner im Spätherbst.7S komme ich unten auf dem weichen sichern Schnee an. Nun rückt Zwicky nach, unter meinen Commando-rufen: rechts, links, weiter unten, größerer Schritt, weiter spannen, festhalten etc., und mit einem letzten Sprung ist er auch auf dem Schnee. Nun geht 's wieder in Rutschpartien, mit mächtig hinter uns her rauschenden Schneezügen abwärts, aber doch nur mühsam, mit Unterbrechungen und nicht ohne einige kleine Abenteuer, weil der Schnee zu weich und zu pulverig ist und zu wenig Halt bietet; schließlich jedoch kamen, wir ohne größern Unfall unten beim Bach an und überschritten ihn etwas unter der Hütte von Oberlavtina, nachdem es bereits Nacht geworden war. Ohne Rast stürmen wir vorwärts. Dem Bach nach abwärts zu gehen, wagen wir nicht, denn es sieht in der Dunkelheit gar unheimelig aus dort unten in den Schluchten. Ohne die Karte zu berathen, steigen wir rechts an, gegen den Punkt, der auf dieser als Hochwart bezeichnet ist, in der Meinung, dann von dort in 's Thal hinunter steigen zu können. Allein, dort angekommen, schreckt uns die grausige dunkle Tiefe zurück, und wir stürmen nun in der Angst gegen Punkt 2402 m hinauf, ohne recht zu wissen, wo wir sind. Aber die Erfolglosigkeit solchen Thuns bald einsehend, machen wir Halt und studiren bei mattem Schein eines Kerzen-stümpchens, das wir für äußerste Fälle aufbewahrt hatten, die Karte. Auf Grund derselben entscheiden wir uns für den Weg durch 's Lavtinatobel, weil uns in der Dunkelheit der Bach eine bestimmte Leitlinie bietet und weil wir so hoffen dürfen, auch bei langsamem Gehen doch bald in größere Tiefe und aus dem Schnee zu kommen, wobei wir allerdings voraussahen, daß wir da hinunter wenigstens bis zum Punkt 1501 m sehr schlimmen Weg durch finstere Schluchten, steile Halden, Felsen und Rufen haben werden.

In langem Zickzack steigen wir durch steile holperige Grashalden, die hier zu unserer Freude schneefrei sind, hinunter auf den Punkt zu, wo der Lavtinabach im Tobel aus der Slidwestrichtung in die Westrichtung übergeht, und erreichen den Bach über dem Buchstaben p des Namens Krautplangg in der Karte. Nun tappen wir tapfer, theils im Bach, theils neben ihm, theils an den Gehängen rechts und links durch die Schlucht hinaus, was zwar sehr langsam, aber sonst im Ganzen nicht so übel geht. Freilich sind wir puncto Gangbarkeit des Terrains allmälig sehr genügsam und wenig wählerisch geworden. Hie und da gibt 's einen gehörigen „ Patsch " bis an die Kniee in 's Wasser, dann steckt man mit den Füßen in tiefem Schlamm, dann fällt man über Steine hin und windet s,ich zwischen großen Blöcken hindurch, bleibt mit einem Fuß zwischen Steinen in einem Loch stecken, klettert etwas am rechten Abhang hinauf und dann wieder hinunter, je nach der Beschaffenheit des Bachbettes, verstrickt sich im Gesträuch u. s. w. u. s. w. Aber aus allem dem und vielem Andern, von dem die Geschichte schweigt, machen wir uns nichts mehr, wenn 's nur immer vor-und abwärts geht, denn darauf ist jetzt all' unser Sinnen und Trachten gerichtet. Stellenweise wird die Schlucht unheimlich enge, und die schwarzen Felsgestalten scheinen uns erdrücken zu wollen. Wie Gespenster hängen besonders an den hohen linksseitigen Felswänden gewaltige Orgelpfeifen von Eis ab sturzdrohend herunter. Aber es geht doch immer vorwärts und endlich treten wir, indem wir ein wenig rechts ansteigen, aus der Schlucht heraus und kommen im wilden Felsenkessel von Badöni beim Punkt 1501 m an, der uns auch durch eine kleine, an den Felsen gelehnte verfallene Hütte erkennbar wird, und wir brauchen nun nicht mehr zu fürchten, un unpassirbare und gefährliche Stellen zu kommen.

Aber nun folgt neue Enttäuschung. Anstatt, wie wir gehofft, aus dem Schnee heraus und auf einen ordentlichen Weg zu kommen, stecken wir auch hier wieder, und, wie wir bald merken, noch für lange, in tiefem, weichem Schnee, auf dem holperigen steinigen Grund eines immer noch engen schluchtartigen Thals. Stellenweise hatten wir auch Trümmerfelder mit wild durcheinander geworfenen großen und kleinen Blöcken zu passiren. Erst oberhalb der Hütte von Unterlavtina kamen wir auf besseren Weg, auf dem wir endlich einmal in ordentlichem Schritt vorwärts kamen.

Endlich standen wir um 12 Uhr 30 Min. vor dem Hotel Alpenhof in Weißtannen, mußten aber noch lange warten und läuten, klopfen, rufen und lärmen, bis wir Einlaß erhielten. Die freundlichen und sehr zuvorkommenden Wirthsleute waren nicht wenig erstaunt ob unserer Ankunft in so später Nacht und von solchen Orten. Am Morgen marschirten wir wieder rüstig durch 's romantische Weißtannenthal hinaus nach Mels, dann ging 's per Bahn nach Landquart, und zum guten Schluß wieder zu Fuß nach Schiers, wo wir Mitte Nachmittags wohlbehalten ankamen. So viel Mühe und Schwierigkeit uns unsere Herbstfahrt in Folge des vielen weichen Schnee's bereitet hatte, waren wh-doch, und sind es noch, von derselben in hohem Grade befriedigt, war es uns doch gelungen, mehrere Gipfel der Seehörner und das Haupt der Grauen Hörner, den Piz Soi, zu besteigen und herrliche Aussichten zu genießen, und war uns schließlich trotz aller Ungunst der Schneeverhältnisse und trotz unseres allerdings-etwas unbesonnenen Vorgehens doch nichts Schlimmes-zugestoßen!

Zum Schluß einige Vorschläge für die Nomenclatur der Grauen Hörner. Es ist ein Gewohnheitsrecht, das freilich vom topographischen Bureau nicht anerkannt wird, daß bei noch unbenannten Gipfeln die ersten Besteiger die Rolle der Taufpathen übernehmen. Auf den Punkten 2650 m, 2688 m und 2686 m fanden wir keine Steinmännchen; im Itinerar, Seite 28, werden diese Hörner als noch unerstiegen angegeben: wir glaubten uns also als die ersten Besteiger betrachten zn dürfen, es wäre denn, daß Jäger oder Geißbuben oder gar so ein Allerweltstopograph, wie Hr. Becker, schon da oben gewesen wären. Doch fanden wir auch von seinen im Itinerar erwähnten „ abgenagten Rippli " nichts und auch das Wahrzeichen Dr. Gröbli's auf Punkt 2688 vom 24. Juli 1888 ist uns entgangen. Wir meinten also da oben die Ersten gewesen zu sein und ein gutes Recht zur Taufe zu besitzen. Wie nun aus dem Bericht Dr. Gröbli's hervorgeht, befanden wir uns im Irrthum, wenigstens was die Punkte 2688 und 2686 betrifft, und unser Tauf- recht fällt damit eigentlich dahin. Wenn wir uns gleichwohl erlauben, unsere Vorschläge zur Nomenclatur zu machen, so geschieht dies nur deßhalb, weil erfahrungsgemäß neue Namen viel rascher im Sprachgebrauch der Aelpler Eingang finden lind deßhalb zur Orientirung bessere Dienste leisten, als bloße Höhenquoten.

Hr. Becker nennt die Hörner östlich vom Wildsee-becken sehr passend Seehörner. Es sollte dieser Name auf die ganze Kette, vom Punkt 2791 m bis zum Garmil 2012 m ausgedehnt werden, so daß wir da eine 5—6km lange Seehörnerkette hätten. Was ist nun einfacher, als daß wir die verschiedenen Seehörner durch Beinamen von einander unterscheiden, und ebenso die verschiedenen Lücken zwischen diesen Hörnern? Die Lücke Punkt 2515 m, welche von Lasa-alp-Vaplona nach dem Wildsee führt, nennt Hr. Becker Wildseefurke, nennen wir dem entsprechend die -andere Furke von 2547 m Höhe zwischen den Punkten 2650 m und 2647 m, weil sie zum Schottensee führt, die Schottenseefurke, das Horn 2650 m aber und seinen nördlichen Nachbar 2647 m die Schottensee-hörner, die weiter nördlich stehenden Hörner über dem Schwarzsee die Schwarzseehörner und die Gipfel südlich von der Wildseefurke die Wildseehörner. Den Punkt 2791 m zunächst beim Piz Soi könnte man vielleicht Gletscherhorn taufen, weil von ihm der Gletscher herunterhängt; da es aber der Gletscherhörner schon viele gibt, möchte ich 's eher Hinteres Zanayhorn nennen, während dann der Punkt 2825 m südöstlich davon Großes Zanayhorn heißen dürfte. Die west- liehe Hörnerreihe mit den Punkten 2770 m, 2720 m und 2678 m thront über der Alp Lavtina und diese Punkte mögen also Lavtinahörner heißen. Die Lücke 2593 m in dieser Kette nennt Hr. Becker etwa einmal Sattel, sagen wir also genauer Lavtinasattel. Tag-weidlikopf, Schlößlikopf, Vasanekopf und Burst könnte man zusammengenommen Lasaköpfe nennen, entsprechend den Zanayhörnern über der Zanayalp. Eine solche Namengebung würde wohl kaum die Confusion noch größer machen, als sie schon ist, wie Herr Becker nach Seite 25 des Itinerars zu befürchten scheint; im Gegentheil wird sie, wenn sie einfach und den localen Verhältnissen angepaßt ist, wesentlich zum Unterscheiden und zum gedächtniß-mäßigen Behalten der wichtigeren Punkte beitragen. Im Vorderprättigau sieht man, wie Eingangs erwähnt, die Grauen Hörner sehr gut. Außer dem Piz Soi fallen namentlich die Punkte 2825 m, 2791Großes und Hinteres Zanayhorn ), 2688 m und 2650 m auf. Da ist es denn sehr unangenehm, wenn man etwa nach den Namen dieser Punkte gefragt wird, sagen zu müssen: das sind namenlose Berge, das sind die Punkte 2650 m, 2688 ™ etc. Wie trocken pedantisch hört sich das an! Seehörner dagegen klingt ganz gut und zaubert uns liebe, bald freundliche, bald großartige Bilder von Bergsee'n vor!

II

Freie Fahrten.

Feedback