Eine tausendjährige Arve

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Von Ernst Mumenthaler

Mit 1 Bild ( 108 ) ( Bern ) Geheimnis ist die Ewigkeit, Euch trägt die winzige Scholle Zeit, Ich bin ein Kind der Ewigkeit.

Hans Rhyn 1 Hoch über dem schütteren, in vereinzelte Ausläufer von Lärchen und Fichten aufgelockerten Bergwald steht eine uralte, lebenstrotzige Arve. Zu ihren Füssen streckt sich der Findelengletscher, und über ihr bäumen sich mächtige Berge in Eis und Schnee. Arven ähnlicher Prägung, wenn auch jüngern Alters als sie, dürften in manchen Berglagen des Wallis und Graubündens noch zu finden sein. Baumveteranen hingegen, die eine solch überzeitliche Lebensgrenze erreichten, sind selten geworden, und die wenigen noch vorhandenen am Eingehen. Die Hoffnung, dass dieser Zeuge einer grauen Vergangenheit heute noch lebt und seine weissgrauen, abgestorbenen Aststummeln auf geborstenem Stamm im Licht des Tages noch sonnt, ist geschwunden. Die Naturgewalten haben in der Zwischenzeit ihr Zerstörungswerk beendet und damit seinen letzten Widerstand gebrochen. Und ist ihre Lebensglut auch ausgelöscht, soll diese Arve trotzdem in Wort und Bild noch einmal Auferstehung 1 Rhyn Hans: Liebe Bäume. Gedichte.Verlag A. Francke AG., Bern.

feiern. Denn sie spricht als einsame, aber wehrhaft gebliebene Trophäe so vieler Wetterlaunen zum wachen Gemüt Worte, die nirgends so wie in der Verlassenheit hoher Alpen zum Herzen dringen. Nur ein Baum, doch ein adeliger Baum, voller Runen und Geheimnisse. Am Rand pflanzlichen Fortkommens, im Spiel der Jahreszeiten und Klimaschwankungen hat er allen Angriffen auf seinem Schauinsland getrotzt, sich um sein Leben gewehrt, gegrünt und gelitten. Einmal, viele Jahrhunderte früher, herrschte auf dieser Alp noch ein üppiger Baumwuchs. Im Laufe der Zeit lichtete sich aber sein Bestand, worauf die mehr und mehr einbrechenden Wetter und Orkane ihn Schritt um Schritt zurückdrängten. Vorhandene Wurzeln und Holzüberreste deuten jedenfalls darauf hin, dass die heute vergandete Alp weithin durch Arven und Lärchen bestockt gewesen ist und zweifellos mannigfaltigem Tierleben Schutz und Heimstatt geboten hat 1. Damit wurde — und weil der Mensch noch selbst Hand zur Zerstörung anlegte — Unersetzliches vernichtet. Erfordern doch Arven lange Zeiträume zu ihrem Aufbau. Da sie erst mit 70 bis 80 Jahren Zapfen tragen, wachsen sie nicht so rasch nach wie Heidelbeerstauden und Alpenrosen, die jetzt den Boden überwuchern. Allein verblieben schaut nun diese letzte Arve auf ein Leichenfeld von Kämpen, die in Not und Tod, jahrein, jahraus, langsam das Feld räumten.

Nach Umfang und Aussehen der Arve, die ein gnädiges Geschick so lange grünend erhielt, wird ihr das patriarchalische Alter von mehr als tausend Jahren zuerkannt. Tausend Jahre, welch unendliche Zeit! Wenige Bäume erreichen in unsern Zonen dieses hohe Lebensalter. Und doch sind im Reservat Aletschwald und in den Visper-Tälern noch einige wohl annähernd so alte Arven übrig geblieben. Überdies sei die Eibe am Gerstler-Kaltacker im Emmental erwähnt, der man ebenfalls tausend Jahre zumisst. Durch die Fällung und Versilberung von so vielen noch lebenskräftigen Baumgestalten sind wir um manche wärmende heimatliche Freude ärmer geworden.

Die Arve ist zwar kein eigentlicher, bestandesbildender Waldbaum, weil ihr natürliches Vorkommen vorwiegend an die Grenzen des Baumwuchses in hohen Gebirgslagen gebunden ist. Hier entwickelt sie als Alleingängerin oder in lichten Horsten ihre ursprüngliche, charakteristische Eigenart und Schönheit. Sie darf daher mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen, ebenso wie z.B. die Zeder des Libanons, als forstbotanische Edelrasse bezeichnet zu werden. Naturen dieser Art sind nicht zahlreich; handelt es sich um Arven, sollte ihnen billigerweise ein wirksamerer Schutz zu ihrer Erhaltung und stärkern Verbreitung in unsern Alpgebieten verschafft und namentlich die Waldweide unterdrückt oder geregelt werden. Denn unsere Gebirgswaldungen, sowohl als vereinzelte oder in Gruppen stehende Bäume, tragen mit ihrem grünen Kleid, abgesehen von ihrer Schutzwirkung, beträchtlich zum Alpenerlebnis bei. So zeichnet sich u.a. die Arve, da wo sie sich heimisch fühlt, ihre Wuchsform und Eigenart frei zu entwickeln und sich auch den klimatischen Naturkräften 1 Hess Dr. Emil: Holzfunde am Findelengletscher. « Die Alpen », SAC 1935. idem: Coup d' oeil sur la géologie, la glaciologie et la climatologie zermattoises. Edité par la Compagnie du Chemin de fer du Gornergrat, Brigue/Suisse. Août 1948.

mehr oder weniger zu erwehren vermag, als ganz besonders schöner, malerischer Nadelbaum aus. Überdies spricht für sie das wohlriechende, ölhaltige Holz, das für das alpwirtschaftliche Brauchtum, die Möbelindustrie und Zimmerei von köstlichem Nutzen ist.

Noch zeugt der gewaltige, merkwürdig zerspellte Stamm davon, dass die Arve einst von imponierender Mächtigkeit war. Zwar hat sie die schützende Borke nun nahezu völlig eingebüsst, aschgrau schimmert die Ruine des Schaftes, den das geborstene Wurzelwerk scheinbar kaum noch zu tragen vermag. Die vormals mächtigen, stolz ausgreifenden Äste haben Stürme bis auf einige wenige amputiert, und die bleichen Stummeln zeugen als kümmerliche Reste von einstiger Grösse und Wucht. Der in exponierten Lagen den Wettern am meisten ausgesetzte Wipfel wurde schon lange ihr Opfer, trotzdem hat der Baum noch nicht kapituliert. In erstaunlichem Widerstand bot er dem drohenden Verhängnis gänzlich invalid zu werden Schach und bildete reich be-nadelte Seitenwipfel. Er sprach in unbeugsamem Lebensmut den feindlichen Gewalten Hohn, grünte und blühte weiter, liess Nüsschen reifen, die als Gold-körner das Geheimnis ewigen Keimens in sich tragen. « Aus treuen Wurzeln nährt er seine Krone, die Kraft der Tiefe macht er ihr zu eigen. » Solange ein Rest grüner Rinde ihm diesen lebensbedingenden Saft zuführt, erholt er sich von seinen Wunden, ist ihm um seine Fortexistenz nicht bange.

Nun hat die Arvenruine im Rhythmus der wechselnden Zeit allerdings eine bizarre, phantastische Form angenommen, die mit dem landläufigen Begriff eines Baumes nur mehr von ferne eine Ähnlichkeit aufweist. Gedrungen, gebändigt, wie ein niedersinkender Titane, der sich verzweifelt für sein Leben wehrt, sieht der abgemühte Kämpfer aus. Wer könnte sich darüber verwundern? Während einer Flucht von tausend Märchenjahren, die ihm wohl zauberhafte Mondscheinnächte und lichtblaue Tage schenkten, daneben aber mehr als genug Frost, Sturm und Blitz ihre Gewalt an ihm erprobten, hat sich sein Dasein gerundet. Trotz Drangsal und Wunden ist er wehrhaft geblieben, beugte er sich dem in ihm wohnenden naturgesetzlichen Müssen, mit seinen buschigen Zweigen Licht und Feuchtigkeit einzuschlürfen und aus dem zeugenden Grund des Mutterbodens neuem Werden zu rufen. Solange der Hauch des Todes die Arve nicht völlig bleicht, sucht das Ewige in ihr verjüngend und grünend in geheimem Schaffen alle Not zu überwinden. Vergangenheit und Zukunft sind ihre den Lebensfaden abwickelnden Nornen. Tröster Baum, du strömst wunderbare Wärme in das Menschenherz!

Es ist etwas Eigenartiges um einen solch einsamen Baumpatriarchen, eine Welt für sich in seiner alpinen Lage. Stünde er unten im Tale etwa im Verband mit andern Baumgeschlechtern, würde er im Vergleich mit seiner gesunden, ansehnlichen Nachbarschaft einen traurigen, krüppelhaften Eindruck machen, und es hätten wohl schon längst Axt und Säge ihr Werk verrichtet. Denn da herrscht das Gesetz der Ordnung, und dieses Gesetz duldet keine überalten, schon gar nicht bresthaften Bäume, die der Waldjugend zudem den Platz streitig machen. Hier oben aber in der Welt der Stille, wo man es mit dem Individuum allein zu tun hat, ist diese Arve, der die Jahrhunderte und die Unbilden der Hochgebirgsnatur ihr Siegel aufdrückten, ein Naturdenkmal, eine Ehrfurcht heischende Persönlichkeit. Bedenkt man sodann, dass die Arve sich in der engbegrenzten Vegetationszeit von zwei bis drei Monaten im Jahr ihren Aufbau zimmern muss und nur alle fünf bis acht Jahre Samen entwickelt1, wird man inne, dass dieser alte Baum eine eigene Sprache zu reden vermag. Er könnte mit Eduard Mörike sagen:

Bin jung gewesen, kann auch mitreden, Und alt geworden, drum gilt mein Wort.

Das Wort, das diese ehrwürdige Arve versinnbildlicht, wird allerdings eher von jenen Menschen vernommen, die ihre Gedanken über Leben und Vergehen jedes höhern Lebewesens in das Objekt ihrer Betrachtung hineinzulegen, Verständnis für die tragische Grösse eines solchen Baumes aufzubringen vermögen. Der natürliche Mensch unserer nüchternen Tage wird die Baumgestalt in der Regel ästhetisch sehr verschieden, vorwiegend nach praktischen Gesichtspunkten beurteilen. Wie sollte ihm ein alter, offenbar absterbender Baum, dem der Verfall ins Antlitz geschrieben ist, noch Gefallen abnötigen können, wenn dessen Nutzwert geschwunden ist? Das Gefühl für das Schöne in der Natur hängt also vorwiegend von Formen ab, zu welchen man ein persönliches Interesse hat, die zweckmässig oder nützlich sind oder die ein Inneres berühren, das dafür empfänglich ist. Friedrich Ratzel 2 bezeichnet diesen Zustand trefflich mit den Worten: « Naturgenuss ist Zwiesprache der Welt in uns mit der Welt ausser uns. » Adolf Koelsch 3 formte sie in den Gedanken: « Der Fundort des Schönen ist die Natur, aber seine Heimat ist die Seele des Menschen, die empfindet und lebt. » Demnach liegt das Gefallen am Schönen, Über-ragenden, Feierlichen oder Ungewöhnlichen weniger an den Dingen als in uns selbst, indem es Lustgefühle erweckt oder stille vor grossen Eindrücken werden lässt. Gefühle solcher Art äussern sich von Mensch zu Mensch verschieden. Was dem einen gefällt, kann dem andern missfallen. Immer aber ist derjenige, der Schönes empfindet, sich darüber freut und angeregt wird, gegenüber jenem, der apathisch bleibt und sich nicht begeistern kann, im Vorteil. Anderseits gibt es auch auf dem Gebiete des Schönen wie seiner Kehrseite keine unumstössliche Wahrheiten. Dies darf nicht übersehen werden. Denn nichts steht dauernd fest, alles fliesst, ist der Wandlung unterworfen. « Schönheit ist ewig nur Eine, doch mannigfach wechselt das Schöne; dass es wechselt, das macht eben das Eine nur schön. » ( Schiller, Xenien. ) Über allen seelischen Bezirken liegt im Grunde das Dunkel des Geheimnisses, weil es letzten Endes im Metaphysischen wurzelt, das der forschende Verstand nicht zu erhellen vermag. Dem menschlichen Geist ist immerhin gegeben, letzte Fragen und Widersprüche, die er sich nicht zu deuten vermag, intuitiv zu überbrücken. Ich wage nur zaudernd einen Schritt in das Labyrinth schöngeistiger Fragen zu tun, weil, wer sich hinein getraut, sorge, dass er den Rückweg finde. Um das 1 Mumenthaler Ernst: Bäume und Menschen. « Die Alpen », SAC 1935.

2 Ratzel Friedrich: Über Naturschilderung. München und Berlin. Druck und Verlag von R. Oldenbourg 1911.

3 Koelsch Adolf: Greif nur hinein... Von der Grösse der Natur, ihrem Lustgarten und dessen Eigentümern. Albert Müller Verlag AG., Rüschlikon.

Charakterbild der Arve dieses Aufsatzes etwas zu verdeutlichen, seien jedoch knapp einige Gedanken angefügt.

Die ästhetische Beurteilung der Baumgestalt als eines in seinen eigenartigen Lebensbedingungen und Ansprüchen äusserst differenzierten Lebewesens ist eine Angelegenheit persönlicher Geistesrichtung. Die Frage, was an ihr schön zu nennen ist, kann nicht so leicht und verbindlich beantwortet werden. Jeder Baum hat seine ihm eigentümlichen Merkmale und Wesens-unterschiede, die, je nachdem er im geschlossenen Bestand oder freistehend erwuchs, sein Aussehen verändern, beeinflussen. Als Objekt der Betrachtung kommt der Baum namentlich einzeln zur Geltung. Es kommt darauf an, wie er sich als räumlich Grosses aus seiner Umgebung heraushebt. Auch soll er eine gewisse Harmonie des Aufbaues sowie die charakteristischen Besonderheiten seiner Gattung aufweisen. Nun ist der Baum von der Jugend an bis ins Alter steter Gestaltsveränderung unterworfen. Im Alter ersetzt und bildet er, wie es gerade bei der Arve zutrifft, fortwährend neue, ungleichartig sich entwickelnde Zweige, so dass er in der Hand der formbestimmenden Natureinflüsse vielen Wandlungen unterworfen ist.

Die Schönheit des Baumes ist deshalb mannigfacher Art. Laubbäume mit ihren im Freistand gewöhnlich symmetrischen Formen sind für das Auge gefälliger als z.B. spitzkegelige, eher eintönig wirkende Nadelbäume. Im hohen Alter wechselt ihr Ausdruck, namentlich in Gebirgslagen, beträchtlich, und sie verursachen mitunter ein merkwürdiges aus Lust und Unlust gemischtes Gefühl. In diesem Stadium beginnt nun ein Moment mitzuspielen, das die frühern Entwicklungsstufen nicht aufwiesen, nämlich das Erhabene, die tragische Schönheit. Wie so viel anderes, das nicht mit dem Verstand allein erfasst wird, will die tragische Schönheit, wie z.B. eines altehrwürdigen Baumes, mit dem Gemüte, mit stillem Geiste empfunden sein. Solche im ganzen seltene Pioniere, Zeugen mächtiger Naturkraft, an welchen Jahrhunderte gewirkt haben und Generationen von Menschen mit ihrer Geschichte vorübergingen, erwecken, bei wem immer der Natursinn dafür rege ist, Staunen, ein feierliches Besinnen gegenüber dem Majestätischen, Erhabenen eines solchen Reliktes der Vergangenheit.

Das Gefühl für das Erhabene muss jedoch nicht unbedingt mit dem für das Schöne identisch sein. So kann unsere tausendjährige Arvenruine gewiss nicht mehr als schön bezeichnet werden, hat sie doch die Wucht ihrer vormaligen Krone und Verastung schon längstens eingebüsst. Sie schickt sich an zu sterben, weil augenscheinlich ihre Kräfte den kommenden Gewittern, die in ihr Nadelgelock fahren werden, nicht mehr zu widerstehen vermögen. Trotzdem kann man sich der Bewunderung — die ganz nahe an Schönheit grenzt — nicht entziehen. Ist doch das Tragische das Bild des Verschwindens jeder endlichen Grösse im Naturgeschehen, das Walten einer übernatürlichen Kraft, welche das Geschöpf unter Not und Drang im Wellenschlag des Lebens in die Höhe emporgehoben hat, um es zu seiner Stunde in das Tal des Vergehens und Vergessens wieder untersinken zu lassen. Vor diesem gewaltigen Ringen in allem Geschehen, in das auch der Mensch miteingeschlossen ist, überkommt ihn das Gefühl der Ehrfurcht. Diese Ehrfurcht wird durch das Wissen um das Alter unserer Arve noch vertieft. 1000 Jahre! Gemessen am Menschenleben eine Ewigkeit, die von Kampf und Sieg, Leiden und Widerstand, Licht und Sonne spricht und im Untergehen Glauben hält, dass ihre Art im Keimling neues Erwachen erleben werde. « Der Tod, das Ende des Individuums, ist nicht Ziel, nur Phase. Denn nach jeder Vernichtung wird eine neue Lebenswelle kommen. Ja, noch während das Alte abgetragen wird, beginnt sich vielleicht schon das Neue zu heben, zu drängen und zu werden. » ( C. Egger 1. )

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