Eine Überschreitung des Weisshorns von Süden nach Norden

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Von Hans Oertli Mit 3 Bildern ( 85—87Basel )

Der Nordgrat des Weisshorns zog mich seit vielen Jahren an. Wie oft suchten ihn meine sehnsüchtigen Augen vom Jura her, wenn an klaren Tagen seine feine Linie mit der schwarzen Zacke des « Grossen Gendarms » deutlich sichtbar war. Der Gedanke an ihn erleichterte mir einmal den Abschied vom Mont Blanc; aber schon in Siders zerstörte ein regenfeuchter Morgen den schönen Traum. Ihm zuliebe machte ich drei Jahre später die Fahrt von Wengen nach Ayer und gelangte in stockdunkler Nacht durchnässt bis ins Refuge Tracuit, weiter auch am folgenden Tage nicht; denn es schneite. Aber ich träumte weiter und kombinierte in einer Stunde kühner Pläne mit meinem Freunde Peter Bearth Schalli- und Nordgrat. Ein Luftschloss nur zuerst. Doch Alexander Taugwalder, der Unfehlbare, gab seinen Segen dazu, der nicht leicht zu erlangen ist, wenn man verrückte Dinge im Kopfe hat; und so geschah es, dass wir drei uns an einem schönen Julisonntag des Jahres 1942 in Zermatt vereinigten zu löblichem Tun. Die unwirklich luftige Vision verdichtete sich zu fester Form; zum Fels des Schalligrates, der, Turm über Turm, steil hinaufsteigt in den Himmel, und zum Nordgrat, der stufenweise sich senkt in die Tiefe der Täler, Firn und Fels, Schnee und Eis in buntem Wechsel. Und doch, trotz der körperlichen Realität des Weges, behält für mich die grosse Überschreitung des Weisshorns von Süden nach Norden in der Erinnerung etwas Traumhaftes.

Der Anfang des Traumes war bedrückend: während wir von der Weisshornhütte im unsicheren Mondlicht die Hänge zum Schalligletscher querten, ertönte der dumpfe Donner kleiner Eisfälle im Gletscher, ungefähr da, wo wir einen Durchgang zu finden hofften. Wir mieden die Stelle zwar und betraten den Gletscher etwas tiefer. Aber schon bald, nach zwei weiten Sprüngen über grosse Querspalten, standen wir vor einem riesigen, dunklen Eiskrater, über den auch ein Sportabzeichen nicht hinübergeholfen hätte. Suchten wir weiter in dem Spaltenlabyrinth, so drohte uns ein endloser Zeitverlust, hinter dem der Verzicht auf die Tour lauerte. Kehrten wir dagegen um und umgingen nach einem Abstieg von zweihundert Metern den Gletscher an seinem unteren Rand, so waren wir sicher, etwa zwei Stunden einzubüssen, aber auch sicher, durchzukommen. So drehten wir denn um und sprangen wieder zweimal, aber beschwerlicher, in der Richtung zur Hütte. Dann unterzogen wir uns, um abzukürzen, der Busse eines nächtlichen Steigeisenabstieges im harten, steilen Eis. Ein unheimliches Notturno. Denn auch der gute Mond hatte uns verlassen, und das Dunkel verschluckte bald Freund Peter, der am langen Seil vorausging, bis uns endlich, endlich seine ferne Stimme aus unerforschlichen Tiefen die Landung am Moränenufer anzeigte.

Nein, der Traum hat nicht gut angefangen, und die unangenehme Hast der langen Querung im rutschigen Geröll und über vielsagende Eistrümmer, den bläulichen Gletscher zu Häupten, zähle ich auch nicht zum schönen Traumwandel, zumal die Gedanken immer wieder um die verlorene Zeit kreisten und um die Weite des Zieles. Aber endlich ging es wieder aufwärts, steil und stetig diesmal und mit dem befreienden Gefühl, allen Gegensteigungen entronnen zu sein, und das Tageslicht weckte wie immer den Lebensmut.

Am äussersten südlichen Gletscherrand unter den Felsen des Schallihorns zogen wir unsere Spur, ohne mehr zu irren. Eine mühsame Wanderung zwar, besonders für Alexander; denn der Schnee war zumeist weich und tief. Doch auch über die grössten Spalten führten gute Brücken, und die weisse Gletscherlandschaft glitzerte in der Morgensonne. Während wir uns langsam und bedächtig dem Schallijoch näherten, gewahrten wir 1000 Meter über uns die schwarzen Punkte anderer Partien am Ostgrat, die einen schon im Abstieg. Sie werden wohl auch auf uns heruntergesehen haben, aber wie? Gütig, mitleidig, bewundernd? Oder einfach ganz und gar von oben herab, kraft ihrer überlegenen Position? Die Herren auf die Knechte, die Vernünftigen auf die Verrückten, denen der stolze Ostgrat nicht genug ist, die Leidenschaft des Herzens zu stillen. Ich weiss es nicht. Nur eines ist gewiss: uns mühseligen Schneestampfern lag jede Überhebung fern, so fern wie unser hochragender Gipfel im Himmelsblau. Natürlich, ante festum, wird mancher denken. Aber nach vollbrachter Tat? Um nichts weniger. Denn selbst in einer Zeit, die gerne vor dem Erfolg auf dem Bauche liegt, wird nur der Dumme die Leistung überschätzen und vergessen, wie gross das Gebirge ist und wie klein der Mensch, auch wenn dem Glücklichen vieles gelingt.

Das Joch liessen wir links von uns und stiegen direkt gegen den Schalligrat hinauf. Etwa um 10 Uhr, nach sieben Stunden, vertauschten wir den weichen, schweren Schnee, in dem die Beine versinken, mit dem harten Fels — ein paradiesisches Gefühl für Hände und Füsse — und liessen uns gute fünfzig Meter über dem Sattel nieder zur ersten friedlichen Rast. Das Erreichen eines Grates gehört ja immer wieder zu den schönsten Momenten des Daseins. Wie mit einem Zauberschlage wird der Blick gross und frei in neue Täler und auf neue Höhen, und mit dem Blick weiten sich Herz und Geist; sie vergessen den nächtlichen Gletscherspuk und — wenn man sich richtig hinsetzt, nämlich so, dass man den Weiterweg nicht sieht — auch die Mühen und Schwierigkeiten, die unser warten, und wir leben nur indem ruhevollen Glück des Augenblickes. Aber verkleinern will ich uns auch nicht. Als wir uns nach einer viel zu kurzen halben Stunde dem Schalligrat zuwandten, geschah es nicht sorgen-schwer, sondern mit freudigster Spannung.

Eine gewaltige, steile Felsentreppe für Riesen steigt er vor uns empor. Kleine Zacken und mächtige Türme sind ihre Stufen in endloser Folge, und die Kletterei ist hart und anstrengend. Die Visionen unseres Pfades, die immer erregender und grossartiger werden, je höher wir kommen, halten zwar die Müdigkeit lange hintan. Aber Stunden um Stunden verrinnen, der Himmel wird grau, und das mangelnde Sonnenlicht gibt der Wildheit der Felsenlandschaft um uns etwas Kaltes, Unheimliches. So beginnt sich endlich doch der Wunsch zu regen, der Kirchturm über uns möchte der letzte sein. Und als unsere Geduld genugsam erprobt war, kündete nach ein paar letzten Seillängen im Nebel der stärker werdende Wind die Nähe des Gipfels, und um 5 Uhr standen wir freudig bewegt neben dem hölzernen Signal. Wohl war uns jede Schau versagt, die herrliche weite Welt des Weisshorns zusammengeschrumpft auf ein fensterloses Nebelzimmer — ein schmerzlicher Verzicht. Aber ein gütiges Geschick hatte uns den Schalligrat geschenkt, und Alexander ging nicht die sichere Strasse des Ostgrates mit uns, sondern schenkte uns, nicht achtend der späten Stunde und des fragwürdigen Wetters, den langersehnten Nordgrat, unbekanntes Land auch für ihn.

Und der Anfang war gut. Tastend im Nebel, doch von ausgezeichnetem Schnee begünstigt, kamen wir ordentlich voran, und schon nach einer Stunde tauchte die dunkle Masse des grossen Gendarms vor uns auf. Wie ein zweiter gewaltiger Felsberg erschien er uns im Nebeltreiben und wuchs zu einem immer grösseren, bedrückenden Gebirge empor, von den Steilwänden seiner Ostflanke aus, in der wir die lange Umgehung bewerkstelligten. Bei dem Ausdruck « bewerkstelligen » denke ich nicht so sehr an meine Freunde als an den plötzlich müdegewordenen Dritten und die umständliche Langsamkeit, mit der ich von nun an kletterte. Gewiss waren die jähen, fast winterlich verschneiten Hänge kein leichter « playground of Europe », und die nicht endenden Nebelspiele erschwerten die Orientierung und nahmen uns bald jedes Mass für Distanzen und Endziel unseres Weges. Das Gefühl der Ufer-losigkeit, des « irgendwo am Weisshorn » drückt am Abend eines langen Tages doppelt auf die Leistungsfähigkeit. Aber ohne den Cunctator maximus am Seil wären meine Freunde doch viel schneller vorangekommen. Alexanders Geduld war unerschöpflich. Freund Peter explodierte ein einziges Mal. Doch als ihn die prompte « Reexplosion » von meiner Seite überzeugte, dass ich am Leben sei und meine Energie ungebrochen und unerschütterlich ad infinitum, fügte auch er sich geruhsam in unsere Schneckenpost.

Vielleicht zwei Stunden brauchten wir für die Umgehung des grossen Gendarms; dann folgten kleinere Türme. Auch jetzt mieden wir den Grat so oft wir konnten, weil ein scharfer Wind uns fortzublasen drohte. Unsere Hoffnung, er werde es zwar nicht mit uns, doch mit dem Nebel tun, der uns des vollen Mondlichtes beraubte, sank immer mehr und damit die Hoffnung, ohne Biwak durchzukommen. Aber noch dachten wir nicht ans Nachgeben, nicht einmal, als uns eine schöne Felsnische zum Bleiben einlud.

Am unangenehmsten war mir der Anblick eines letzten hohen Turmes, der immer wieder im Nebel auftauchte und den Weg ins Tal versperrte, und an ihm sollte sich das Schicksal unserer Nacht entscheiden. Es dunkelte, als wir unter ihm standen. Nach einem kurzen Versuch, ihn zu überklettern, flüchteten wir uns zum letzten Male aus dem immer heftigeren Wind in die schneereichen Plattenhänge der Ostseite. Wie lange wir uns in ihnen abgemüht haben, weiss ich nicht mehr. Erst der folgende Morgen zeigte uns die ganze Gefährlichkeit dieser Traverse in Nacht und Nebel. Die bei Quergängen ohnehin zweifelhaften Sicherungsmöglichkeiten waren schwer zu finden, so dass es besonders zwei so müden Reisenden wie uns selten gelang, Alexanders berechtigte Ermahnungen zu befolgen. Zudem kletterte zwar Peter immer noch rasch und mit schlafwandlerischer Sicherheit, lehrte uns aber, dass ein freiheitsliebender Schlafwandler, der auch sonst jede Kette als Belästigung empfindet, sich nicht um das Seil kümmern könne. So drehten wir schliesslich um und stiegen auf den Grat zurück. Noch einmal versuchte Alexander, auf den Turm zu kommen, fand aber hoch oben im Dunkel plötzlich keinen Griff mehr — ein banger Augenblick. Mit ihm hatten wir jedoch die letzte Stufe zur Biwakreife erreicht und krochen gegen 11 Uhr selbdritt in Alexanders Schlafsack, dicht neben dem Grat, auf schmalem Sims der Ostwand, die mehrere hundert Meter steil zum Biesgletscher abfällt.

Zwanzig Stunden waren vergangen seit unserem Aufbruch von der Hütte — ein langer, grosser Tag. Aber die Nacht war länger und grösser.

Länger! Denn an der Oberfläche der Erinnerung sind allerlei physische Plagen: das harte, für mich Langbein doppelt unbequeme Lager, die Tücken des Schlafsackes, der sich immer wieder verschob und von Windstössen gefasst wurde, die über den Grat fegten, und — das Peinlichste — die kalten, nassen Füsse. Aber das sind Dinge an der Oberfläche.Viel tiefer dringt die beglückende Menschlichkeit unseres alpinen Symposions. Wie leicht hätte die Müdigkeit und die Enge unserer Wohnung Unstimmigkeiten bringen können. Aber nicht der leiseste Misston trübte unsere gute Freundschaft in dieser ganzen, langen Nacht. Während ich kaum eine Minute wirklich geschlafen habe, sank der Kopf Peters schon bald auf mein Knie. Alexander aber sorgte wie eine Mutter für uns, versuchte in einem fort, meine Lage zu verbessern und — Providentia dei — entnahm seinem unergründlichen Rucksack ein Stück Meta nach dem andern, stundenlang. Freund Peter erklärte zwar im Halbschlummer, Meta habe eine sehr geringe Verbrennungswärme. Diese Aussage eines träumerischen Privatdozenten der Naturwissenschaften hinderte uns aber nicht, die Vermehrung der Wärme unter unserem Öltuch wohlig zu empfinden. Sollte es ein Wunder gewesen sein? Wie ein ewiges Licht brannte die kleine Flamme zu unseren Füssen, wärmte uns Gesicht und Hände und erhellte unsere winzige Kammer mit ihrem tröstlichen Schein.

Und draussen sang der Sturm sein gewaltiges, erregendes Lied; ein ewig gleicher, tiefer Ton brauste über den Grat, wie ich ihn nie zuvor vernahm, Stunde um Stunde, und gab dem Gebirge eine einsame, urweltliche Grosse. « Und die Erde war ohne Gestalt und öde, und es war Finsternis auf der Tiefe. » Aber ganz allmählich lichtete sich das Dunkel. Der Nebel, der sich ewig zu erneuern schien und in gewaltigen Massen an unserem Grat staute, wurde vom Sturm in Fetzen gerissen, so dass endlich der Vollmond strahlend, ohne Schleier, am Himmel stand, genau über dem grossen Gendarm: das runde, helle Gestirn über dem dunklen Felsenturm. Wie dankbar bin ich jetzt für meine Schlaflosigkeit und dass ich immer wieder, der Kälte zum Trotz, den Kopf herausstreckte und stillschweigend das Amt des Wetterwartes übernahm. Den Gedanken, das Biwak abzukürzen und unseren Weg im Mondlicht fortzusetzen, gaben wir schnell auf; denn die Gewalt des schneidend kalten Sturmwindes liess nicht nach. So harrten wir auf unserem Felsensitz aus bis zum Licht eines neuen Morgens, ja länger sogar. Denn, als es schon taghell war, dauerte es für unsere Ungeduld noch unendlich lange, bis die feurige Sonne emportauchte aus dem östlichen Dämmerungsbogen und unsere steifen Glieder erwärmte. Nun aber — vielleicht um 7 Uhr — verloren wir keine Zeit mehr. Im unverminderten Sturm und nach dem Biwak den Turm zu übersteigen, der über uns gewacht hatte, lockte uns nicht. So gingen wir wieder den Weg, auf dem die müden Wanderer in der Nacht stecken geblieben waren. Steil und im Überfluss verschneit waren die Platten der Ostflanke auch am Tag. Aber welcher Unterschied zwischen dem nebligen Dunkel und dem warmen Glanz der Morgensonne, welche die Landschaft und uns überflutete! Und Freund Alexander, dessen Führergrösse nur durch seine Bescheidenheit übertroffen wird — sola gaudet humilitate deus —, überbot sich selbst an Vorsicht und Fürsorge für seine beiden übernächtigen Kinder. Vor einer besonders schweren Traverse seilte er uns wohl dreissig Meter hinunter auf ein bequemes Band, das uns einen leichten Quergang erlaubte, meisterte über uns allein die heikle Stelle und zog uns dann über glatte Platten wieder zu sich hinauf. Auf dem Grat packte uns von neuem der scharfe Wind. So vermochte uns der strahlende Morgen mit der Sicht auf die fernsten Gebirge, die Eispracht des einsamen Königs Mont Blanc, nicht zum kurzen Aufstieg aufs Bieshorn zu bewegen. Sondern müde wichen wir aus zum Turtmanngletscher. Ein mindestens zweihundert Meter hoher, steiler Hang, an dem härtester Schnee wechselte mit Eis, trennte uns von ihm und bedeutete eine letzte Qual für die überstreckten Füsse mit den Steigeisen. Ein gefährlicher Gang im nächtlichen Nebel, dachten wir, und dankten der Fügung, die uns zum Biwak gezwungen hatte. Dann schlenderten wir durch die — für unsere ermüdeten Sinne — lange Gletschermulde, überschritten mit schweren Beinen und schwerem Atem den Col de Tracuit — war 's eine minimale Gegensteigung oder nur ebenund betraten um 11 Uhr das Refuge.

Fremd sassen wir inmitten des geschäftigen Treibens einer Klubsektion, die eben angekommen war. Wir hatten die schwarzen Schlangen aus dem Turtmanntal auftauchen sehen. Fremd tönte die erstaunte Frage des freundlichen Hüttenwartes, warum wir nicht im Mondlicht bis zum Refuge gekommen seien. Bis heute fremd ist mir ein Mann, der uns immer wieder als Vordergrund für seine Photographien benutzte, während wir in der warmen Sonne draussen unsere Siebensachen wechselten. Peter äusserte die Absicht, ihn mit dem Pickel totzuschlagen. Ich hinderte meinen Freund daran und hätte zum Dank ganz gern die Bilder, wenn ich den seltsamen Photographen kennen würde und — wenn er wirklich existiert. Denn nur Peter und ich haben ihn gesehen, und wir waren sehr müde. Doch Ströme schwarzen Kaffees belebten uns. Peter flüchtete sich zu geologischen Zwecken ins Turtmanntal, und ich enteilte mit Freund Alexander dem alpinistischen Ameisenhaufen nach Zinal. Dort genossen wir, immer noch ein wenig menschenscheu, wie man es ist, wenn man von so weit oben kommt, unser erstes Mahl an einem gedeckten Tisch, und nachdem die Hitze in Ayer uns nicht getötet hatte, assen und tranken wir in Siders im geliebten herrschaftlichen Hôtel Château Bellevue weiter bis zum köstlichen Schlaf in fürstlichen Betten.

Die Alpen - 1944 - Les Alpes21

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