Einige neue Kletterfahrten im Albignagebiet

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V9 9 tter Mit 2 Bildern ( 30, 31Wädenswil ) La Fiamma, die dem Spazzacaldera-Nordostgrat entsteigende, unglaublich kühne und schlanke Felsnadel, die in der Form einer erstarrten Flammen-säule gleicht und deren Bildung aus einem andern Gestein als dem Bergeller Granit kaum denkbar erscheint, wurde im Juli 1936 von Philipp Wieland, dem Hüttenwart der Albignahütte, erstmals erstiegen. Die Besteigung wurde * .'*. '... 1 dadurch ermöglicht, dass es Wieland gelang, das Seil über eine Kerbe des Fiamma-Südwestgrates zu werfen, wodurch die unterste senkrechte und grifflose Platte überwunden werden konnte. Der weitere Aufstieg vollzog sich über den Südwestgrat.

Der Dente di Spazzacaldera, der klotzige, wenig niedrigere Zwillingsbruder der schlanken Fiamma, ist mit dieser durch einen ungefähr von West nach Ost streichenden Grat verbunden. Die beiden Gipfel dominieren das Panorama im Nordwesten der Albignahütte, von wo sie sich als Zwillingsgruppe präsentieren. Die erste Besteigung des Dente, einem nach allen Seiten in grifflosen, teilweise senkrechten Platten abfallenden Granitklotz, gelang Wieland und dem Schreibenden am 21. August 1944. Erst der fünfte Versuch war erfolgreich, und im ganzen brachten wir zwanzig Stunden auf dem Verbindungsgrat Fiamma-Dente zu. Von diesem Grat aus besteht die einzige Möglichkeit, dem abweisenden Klotz auf den Leib zu rücken. Der Zugang dazu kann so erfolgen, dass die Fiamma erstiegen und nachher auf den Verbindungsgrat abgeseilt wird. Beim ersten Versuch wählten wir diesen Weg, womit die erste Überschreitung der Fiamma ausgeführt war. Bei den folgenden Versuchen fanden wir es kürzer, den Verbindungsgrat unter nördlicher Umgehung der Fiamma über seinen steilen Nordabfall zu erreichen. Der erste Versuch bestand darin, dass Wieland, ziemlich nahe dem Dente in exponierter Lage stehend, aber von mir gesichert, sich während einer Stunde abmühte, das Seil über den Gipfel zu werfen. Vergebliches Bemühen! Das Seil fand nirgends einen Halt und kam immer wieder zurück. Das schien also nicht zu gehen. Nun fassten wir einen feinen Riss ins Auge, der die vom Gipfel nach Süden beinahe senkrecht abfallende, grifflose Platte von unten nach oben durchzieht. Vielleicht war es möglich, Mauerhaken in den Riss einzutreiben und so in die Höhe zu kommen, wobei allerdings erschwerend ins Gewicht fiel, dass der Verbindungsgrat nicht unmittelbar an den Dente stösst, sondern in eine Scharte von etwa zwei Metern Tiefe abgestiegen werden muss, um an diesen heranzukommen. Von mir gesichert, machte Wieland den Versuch, schlug einige Haken ein und gelangte mit ihrer Hilfe auf die Höhe des Verbindungsgrates. Der Riss wurde aber immer enger, die Haken hielten immer weniger gut, wozu sich noch der Umstand gesellte, dass meine Seilsicherung um so illusorischer wurde, je mehr Wieland in die Höhe kam. Zudem nahm der Riss weiter oben eine ungünstige Richtung nach links und schien auszugehen. Die Sache wurde zu gefährlich, der Versuch musste aufgegeben werden. Wieder nichts! Mit trübem Sinn seilten wir über die Nordwand des Verbindungsgrates ab und kehrten in die Albignahütte zurück.

Nun wussten wir aber, dass, wenn die Bezwingung des Gipfels ohne leichtsinnige Gefährdung des Lebens überhaupt möglich war, nur ein geglückter Seilwurf den Erfolg bringen konnte. Am Tag darauf standen wir zum zweitenmal auf dem Verbindungsgrat, und die mühsame Seilwerferei wurde fortgesetzt, stundenlang, in verschiedenen Abständen vom Dente, mit verschiedener Belastung des Seiles durch Karabiner. Alles umsonst! Kaum war das Seil oben, war es auch schon wieder unten, wobei öfters auf der Nord- seite abgestiegen werden musste, um es aus irgendeiner Felsspalte, in der es sich verfangen hatte, herauszubekommen. Der hereinbrechende Abend machte den Versuchen ein Ende. Wir stiegen zur Hütte ab, und am folgenden Tag musste ich nach Hause, womit der Dente unsere Anbiederungsversuche für das Jahr 1943 zurückgewiesen hatte.

« Nüt nalah gwinnt. » Im Jahr darauf war ich wieder in der Albignahütte, fest entschlossen, dem widerborstigen Gesellen nochmals auf den Leib zu rücken. Wenn es überhaupt möglich war, den Gipfel durch Seilwurf zu bezwingen, so musste dies dem geborenen Seilwerfer Wieland gelingen. Als ich ihm den Vorschlag machte, die Versuche wieder aufzunehmen, war er sofort einverstanden und meinte, mit Arbeit müsse es schliesslich doch gelingen. Und Arbeit wurde wirklich geleistet. Dreimal standen wir an drei verschiedenen Tagen wieder auf dem Verbindungsgrat. Unzählige Male schwirrten die Seilschlingen durch die Luft, unzählige Male fielen sie wieder zurück. Die Übung wurde aber grosser, das Seil lag günstiger, blieb sogar eine Zeitlang oben liegen, bevor es sich zur Talfahrt entschloss. Aber es musste um den Gipfel zu liegen kommen, sonst nützte alles nichts. Am zweiten Tag wurde mit einer Reepschnur probiert, die wir mit Karabinern beschwert hatten. Da es mit dem leichten Seil besser zu gehen schien, wurde am dritten Tag nur mit diesem operiert, und siehe da, schon beim zweiten Wurf lag es sehr günstig. Eine geschickte Schlenkerbewegung nach links, und die linke Seilhälfte fiel hinter den Gipfelgrat; eine behutsame Schlenkerbewegung nach rechts, und die rechte Hälfte verschwand hinter dem Grat. Die Reepschnur lag nun ganz hinter dem Gipfel. Zuerst ein leichter, dann immer stärkerer Zug am Seil, es hielt absolut fest. An der Reepschnur wurde das Gletscherseil angeknüpft und um den Gipfel gezogen. Wieland band sich ans Seil, das eine Ende hielt ich fest, und als er sich in die Wand hinausschwang, zog ich aus Leibeskräften. Die Rauhigkeiten des Gesteins benutzend, kletterte Wieland seelenruhig und elegant die fast senkrechte Granitplatte hinauf und erreichte den hart erkämpften Gipfel, worauf ich auf gleichem Wege nachfolgte.Voll Freude reichten wir uns die Hand, liessen uns auf dem drei bis vier Personen bequem Platz bietenden Gipfel zu kurzer Rast nieder und bauten einen kleinen Steinmann. Wundervoll war der Tiefblick ins Bergell. Vicosoprano lag unmittelbar zu unsern Füssen in der Tiefe, und ich dachte unwillkürlich an frühere Jahre zurück, da ich von dorther zu diesen kühnen Klippen emporgeblickt hatte, ohne zu ahnen, dass ich eines Tages den Fuss auf ihre stolzen Häupter setzen würde.

Beim Abstieg seilte ich mit Karabiner und Sitzschlinge auf den Verbindungsgrat ab, während Wieland an dem von mir am einen Ende festgehaltenen Seil nachfolgte und die im Vorjahr eingetriebenen Haken einen nach dem andern wieder auszog, dabei gemütlich sein Pfeifchen schmauchend. Der Anblick reizte mich, einen kleinen Schabernak zu treiben, indem ich das Seil plötzlich etwa 20 Zentimeter weit rascher laufen liess. Philipp liess sich aber nicht stören. Er warf mir nur einen schnellen, etwas prüfenden Seitenblick zu und paffte dann ruhig weiter, indem er die noch verbleibenden Nägel dem Dente aus dem Leibe zog.

Die Alpen - 1948 - Les Alpes9 So endete eine Felsfahrt, deren Erfolg der grossen Geschicklichkeit Wielands im Seilwerfen zuzuschreiben ist. Daraus nun zu schliessen, dass der Seilwurf zu einem technischen Behelf der Bergsteigerei werden könnte, geht selbstverständlich zu weit und würde zu Unglücksfällen führen. Was ein Wieland mit aller wünschbaren Sicherheit tun kann, wird für die grosse Mehrzahl der Kletterer unerreichbar sein und bleiben.

La Vergine. Am 14. Juli 1939 führten Wieland und ich den ersten direkten Aufstieg auf den südwestlichsten der vier Gipfelzacken der Vergine aus, und zwar über seine Westwand, die äusserst steil in die Scharte am Nordostfuss des Gallo abfällt. Die Wand wurde von rechts nach links aufwärts auf schmalen Leistchen erklettert. Der Ausstieg links oben ist senkrecht, fast überhängend und erfordert behutsames und überlegtes Klettern. Der weitere Aufstieg zum Gipfel erfolgte auf der gewöhnlichen Route.

Der Nordostgrat weist auf seinem Südabfall eine etwa vier Meter hohe, beinahe senkrechte Platte auf, die im Abstieg nur durch Abseilen zu überwinden ist. Als wir am 5. Juli 1947 den Grat hinunterkletterten, schauten wir uns die Stelle daraufhin an, ob sie im Aufstieg « zu machen » sei, und erhielten den Eindruck, dass ein abschüssiges Plattenband auf dem Südabfall des Grates eine Umgehung ermöglichen könnte. Am Tag darauf standen wir wieder am Fuss der steilen Platte. Das Plattenband weist da, wo es an die Wand stösst, einen Riss auf, der aber ganz verwachsen ist, so dass die Finger keinen Halt finden. Durch Einschlagen von Haken hätte eine gute Sicherung geschaffen werden können, und die Rückzugslinie wäre gesichert gewesen. Aber wir hatten keine mit, und solche in der Hütte zu holen, würde bedeutet haben, dass wir am folgenden Tag nochmals hätten hinaufsteigen müssen. Wir wussten, dass sich oberhalb der Abseilplatte, von unten allerdings nicht sichtbar, die Zacke befindet, an der das Seil befestigt wird. Warum nicht einen Seilwurf probieren? Vielleicht gelang es, das Seil um die Zacke zu bringen. Gesagt, getan: die Seilschlingen entflogen Wielands kundiger Hand, und schon beim zweiten Wurf sass das Seil. Zuerst zogen wir an beiden Enden sachte daran, dann stärker und immer stärker. Das Seil wich und wankte nicht, es sass fest, und der Versuch konnte gewagt werden. Ein direkter Aufstieg über die Platte war nicht möglich. Während ich mein Seilende festhielt, wandte sich Wieland nach rechts und gewann mit einer Pendelbewegung den steil abfallenden, plattigen Grat, der wenige Meter weiter unten jäh abbricht. Auf der Nordseite fand er einen engen Riss vor, mit dessen Hilfe, und sich mit der linken Hand am Seil haltend, er bis unter einen dem Grat aufliegenden, stark vorstehenden Block gelangte. Das Seil über den Block legend, kletterte Wieland rechts an diesem vorbei auf den Grat, und die Abseilstelle war im Aufstieg bezwungen. Ich folgte auf dem gleichen Wege nach. Aber anstrengend war diese Stelle! Der Weiterweg führte über den Nordostgrat zum Gipfel und von diesem über die Zacken in die Scharte am Fusse des Gallo, wobei wir über die Westwand des südwestlichsten Zackens abseilten.

Damit hatten wir einen schönen neuen Aufstieg auf die Vergine eröffnet. Der Seilwurf wird allerdings kaum wiederholt werden, um so weniger als Führer Max Robbi von St. Moritz mit sechs Mitgliedern der Sektion La Chaux-de-Fonds am 23. Juli 1947 das Plattenband beging und in schwieriger Kletterei den Grat oberhalb des vorstehenden Blockes erreichte, wobei keine Sicherungshaken benützt wurden.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich bemerken, dass die Vergine meiner Meinung nach der interessanteste Klettergipfel in der nähern Umgebung der Albignahütte ist, der auch bei zweifelhaftem Wetter angegangen werden kann. Zum Beweis erwähne ich, dass wir bei der ersten Ersteigung der Wand von der Scharte Gallo-Vergine aus im Jahre 1939 in Regen und Nebel gerieten und auf die Haut durchnässt die Albignahütte wieder erreichten. Nicht zur Nachahmung empfohlen; aber man sieht, es geht auch so! Die Vergine ist bestimmt, die Nachfolge des Gallo anzutreten, der nur noch von seinem alten Ruhme zehrt, als sein leider abgestürzter, weit überhängender Gipfel durch einen Sprung vom jetzigen Gipfel aus über die Gipfelspalte hinweg erreicht werden musste.

Piz Cresta Lunga, P. 2909 des Bergellerführers, nördlich der Scioretta ( siehe Seiten 174 und 180 Bergellerführer; auf der Karte nicht kotiert ). Von der Bondascaseite her präsentiert er sich als schöner Turm, was in mir den Wunsch hervorrief, ihn gelegentlich näher anzusehen. Diese Absicht setzten Wieland und ich am 18. August 1943 in die Tat um. Von der Albignahütte ausgehend, gelangten wir auf Route 193 des Bergellerführers auf den Sattel nördlich von P. 2863 ( Kote Bergellerführer ). Von hier aus verfolgten wir den ziemlich langen Grat ( daher der von uns gegebene Name « Cresta Lunga » ) in hübscher Kletterei nach Norden bis zum Gipfel, der keine Spur einer Besteigung aufwies. Nach Errichtung eines Steinmannes traten wir den Abstieg nach Norden an. Eine kurze Kletterei brachte uns an den Rand eines etwa 35 Meter hohen senkrechten Absturzes in eine Gratscharte. Wir seilten ab und stiegen sodann in einer engen, geröllerfüllten Schlucht nach Osten hinunter. Der unterste Absturz wurde durch Abseilen überwunden, worauf wir über Geröll und Moränen den Albignagletscher erreichten.

Torrione di Zocca. Dies ist der charakteristische, runde Turm südwestlich des P. Zocca. Im Bergellerführer ist mir betreffend diesen Felsturm ein Fehler passiert, indem ich die erste Begehung des Westgrates des Torrione di Zocca den englischen Bergsteigern Wilson und Bradby zuschrieb, während sie nur P. 3059, östlich des Colle del Qualido, erreichten ( siehe Route 136, S. 146, des Bergellerführers ). Der Irrtum ist auf meine unrichtige Auslegung eines englischen Textes zurückzuführen. Sobald ich den Irrtum gewahr wurde, nahm ich mir vor, das Gratstück selber zu begehen, um mich an Ort und Stelle über das Gebiet zu orientieren, was ich am 5. Juli 1945 mit Wieland durchführte.Vom Colle del Qualido aus verfolgten wir den Grat, über P. 3059 hinweg, nach Osten bis zum Gipfel des Torrione di Zocca. Schwierigkeiten trafen wir keine an. Den Abstieg vollzogen wir nach Osten zur Bocchetta di Zocca, der breiten Felsscharte am Fusse des Südwestgrates des P. Zocca.

Zum Schluss meiner Ausführungen sei mir noch gestattet, auf zwei Besteigungen zu verweisen, die neben dem Ago di Sciora die Aufmerksamkeit der Bergsteiger verdienen. Es sind dies die Cima di Cantone über den Nordwestgrat ( bis jetzt zweimal ausgeführt ) und der Piz Bacone über den Südwestgrat ( vielleicht drei- bis viermal gemacht ). Beide Grate sind mit Gendarmen gespickt und lassen an Ausgesetztheit nichts zu wünschen übrig. Die Klettereien sind lang und öfters schwierig, bieten aber dem geübten Gänger eine Fülle dessen, was er in den Bergen sucht. Der Bacone-Südwest-grat ist ziemlich länger und schwieriger als der Cantone-Nordwestgrat. Beide aber haben das gemeinsam, dass sie die Ansprüche auch verwöhnter Kletterer befriedigen.

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