Einladung in den Jura

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Maurice Brandt, La Chaux-de-Fonds

Wie dankbar müssen wir der Natur sein, dass sie den Jura mit Kämmen und Felswänden übersät hat, die aus dem grünen Teppich seiner Weiden und aus seinen Wäldern herausragen! Diese Felsen haben schon am Anfang mancher Alpini-sten-Laufbahn gestanden. Sehr beliebt bei tatendurstigen jungen Leuten, denen aber die Möglichkeit zum Besteigen der Alpen fehlt, sind sie zum Spielfeld der Kletterer geworden. Es ist ein moderner « Salon », wo man, zuweilen mit sehr lauter Stimme, fast nur über das Bergsteigen plaudert. Da will man sich selbst übertreffen oder ganz einfach von einem Leben loskommen, in dem es kein eigentliches Wagnis mehr gibt. Da wird auf eine besondere Bergtour hin intensiv trainiert, auf eine Tour, die man dann oft übertrainiert beginnt.

Entweder wünscht man Gesellschaft, oder man will sich isolieren, damit einen die andern nicht in seiner Ruhe stören. Auf jeden Fall empfinden alle eine innige Liebe zum Jura und den Wunsch, mit dieser Landschaft eins zu werden.

Es gibt die Felsnadeln in Chamonix, die Viertausender im Wallis, aber nirgends sonst Felsen wie im Jura. Wenn man sie mit anderen vergleicht, sind sie eher bescheiden; doch erfüllen sie jeden, der sie einmal entdeckt hat, mit ausschliesslicher Liebe. Der warme Geruch des Gesteins, der würzige Duft der Kiefern, die Büschel kleiner Blumen in den Felsspalten wiegen alle Eindrücke des Hochgebirges auf. Der grosse Rabe, das Murmeltier, die Gemse, der Steinbock fühlen sich hier sowohl wie an ihrem Ursprungsort. Ob ganz in der Nähe bewohnter Gegenden ( wie in Moutier ) oder in die Einsamkeit verbannt ( beim Creux du Vent oder beim Doubs ), ihre Eroberer wünschen sie sich immer gleich: stolz und doch einladend. Man muss in den langen Wintern, an den düsteren Tagen dort leben, um ihr südliches Klima zu schätzen. Die Thymianbü-schel des Schilt, das Frauenhaar der Aiguille de la Mort, die Enzianen der Roches Blanches und die vielen Eidechsen überall versetzen einen in ein ganz anderes Land.

Man muss im Herbst den leuchtenden Jura gesehen und, ohne dem Sommer nachzutrauern, die Melancholie der fallenden Blätter gespürt haben. Der Bewohner des Mittellandes soll sich hüten, ihn falsch zu beurteilen, da er ihn ja doch nicht ohne seine Nebeldecke sehen kann. Manchmal hält sich der Winter zurück und gewährt dem Hochland eine sonnige Galgenfrist bis Weihnachten. Dann gerät die Flora in Unordnung, und sogar die Schmetterlinge werden von ihrem Instinkt verführt, aus den letzten Blumen Honig zu sammeln. Die angenehme Temperatur, die Ockertö-ne der fallenden Blätter und die übermässig langen Schatten bilden dann den Rahmen für die letzten Kletterpartien des Jahres.

Da der Skilauf ein neues Interessengebiet schafft, verzichten die meisten aufs Klettern über den Monat Dezember hinaus. Doch wer das Winterklettern entdeckt hat, kann den Genuss das ganze Jahr hindurch haben. Die Schwierigkeiten sind grösser, und man ist von aller Welt abgeschieden. Unvergesslich jener Abstieg von der Grande Tête de Moutier im blanken Eis und einem heftigen Schneesturm! Und jener einsame Aufstieg zum Schilt, mit der vereisten Dalle bleue und den von einer Hagelschicht zugedeckten Griffen, was das Unterfangen noch komplizierter machte, ist eine kostbare Erinnerung. Man kann als Draufgänger verschrien werden, doch kümmert mich das wenig. Wer sein Klettergebiet beherrscht, geht nicht mehr Risiken ein als ein schlecht trainierter Alpenklübler. Unser Jurage-lände ist ein Leistungsort, dessen Nutzen auf der Fahrt klar erkannt wird. Man kann sich ganz ausgeben und seine Leistungsfähigkeit so weit treiben, wie es im Hochgebirge kaum möglich wäre. Die Sicherheitsspanne ist geringer als im Hochgebirge, doch reicht sie aus. Da der Einzelgänger mehr auf die äussere Umgebung achtet, sind die Kletterei im Jura: Roches Blanches 2 Aiguille de Lamboing Eindrücke lebhafter. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und glaubt, ein Recht auf seine eigene Auffassung vom Alpinismus zu haben. Er betreibt das Klettern so, wie es seinem Ideal entspricht. Und der Jura bietet genau das, was die jungen Kletterer nötig haben:

Routen von hohem Schwierigkeitsgrad und einer Länge, die ihre körperliche Widerstandskraft noch bewältigt. Es gibt den Typ des leidenschaftlichen jurassischen Kletterers, der sich mit den Möglichkeiten des Jura zufrieden gibt, den die Alpen-Besteigungen nicht locken. Den andern Jurassier, den unternehmungslustigen, die grossen Routen machenden, trifft man überall an. Beide Typen klettern im Jura mit derselben Gewissenhaftigkeit, wobei allerdings der letztere das Gebiet aussucht, das ihm für seine geplante Fahrt dienen wird. Wenn er die Nordwand des Petit Clocher du Portalet oder die Ostwand des Capucin ins Auge fasst, wird er die Routen mit technischen Hilfsmitteln begehen: Creux du Van ( höher als der Portalet !), Pilier de Court, Aiguille de la Mort, Theusseret, Glatti Flue. Plant er aber, die Nordostwand des Badile zu machen, ist ein Konditionstraining an der Dalle de St-Imier und derjenigen von Court unerlässlich. Wenn er vom Walker träumt, wird er an den Wänden von Plagne und Rondchâtel trainieren.

Wir haben ausserordentlich viele gangbare Routen. Alle ( oder fast alle ) sind registriert und für Kletterer kommentiert {Guide du Jura, vol. I et II, Editions du CAS ).

Die bekannten klassischen Bergkämme ( Raimeux, Sommêtres, Balmflue ) lassen sich jedes Jahr von braven Alpenklubscharen die Ehre ihrer Anwesenheit, wenn nicht gar ihrer Tüchtigkeit erweisen. Diese Orte mit den von unzähligen Durchgängen abgenützten Griffen locken den Jura-Kletterer nicht mehr. Sie gehören in eine Epoche der sittsamen Ausgeglichenheit. Der junge Kletterer sucht eine andere Umgebung, stärkere Erlebnisse. Es sind die überhängenden Routen, die seiner Leistungsfähigkeit würdig sind: Pilier de Court, Petit Capucin, Grand Toit de Plagne, Theusseret, Aiguille de la Mort, Creux du Van. Er sucht die elegantesten, herrlich unbegrenzt wirkenden Routen aus.

Der Jura-Kletterer lebt dank den Felsen an der Schwelle seiner Wohnung immer in einer Berg-steiger-Atmosphäre. Wenn die Tiefebene in der Hochsaison zur Zeit der Hundstage am Ersticken ist, seilt er sich nach Feierabend an und klettert. Was für wunderbare Abende, wenn er, eingehüllt in Ginsterduft, den wärmetrunkenen Eidechsen nachsteigt! Und welch prachtvolle Routen, auf denen man den Gipfel in der Abenddämmerung erreicht, gerade rechtzeitig, um zu erleben, wie die Sonne am feurigen Horizont untergeht. Da kann man seine volle Befriedigung finden, frei werden von den Sorgen des Alltags.

Der Reichtum und die Vielfalt der jurassischen Klettergebiete entgehen denen, die sie nicht kennen. Man gibt gerne zu, dass sich der Salève und Fontainebleau europäischer Berühmtheit erfreuen; da könnte man dem Jura seine Ehrentitel doch auch zugestehen!

Der Jura-Kletterer weiss, welche Vorzüge er geniesst, und er würde sie gern mit anderen teilen, wenn sich diese nicht scheuen würden, in den Jura zu kommen, sooft schlechtes Wetter das Bergsteigen in den Alpen unmöglich macht. Oft beanstandet man im Jura die kurzen Routen. Wer sich aber einmal mit dem Grand Toit de Plagne oder dem Pic du Theusseret eingelassen hat, ist froh, wenn es nicht länger dauert!

Von den Walliser Viertausendern herunter kann man die Jurarouten nicht beurteilen. Ihr müsst herkommen und euch von einem Kenner führen lassen. Er wird euch Respekt vor dem kleinen Felsen und Liebe zu den vertieften Schwierigkeiten auf kleinen Distanzen beibringen. Ihr werdet eine mit der richtigen Anzahl Griffe gut ausgestattete Route schätzen lernen. Und sicher werdet ihr vom Land und seinen Bewohnern entzückt sein und wiederkommen.

Dann staunt ihr über die Qualität des Felsens und seid überrascht vom Eindruck grosser Höhe, den die Routen sehr schnell vermitteln. Der 3 Der Schilt Freie Kletterei im Jura Photos: t Adrien Voillat Wechsel von freien Kletterpartien und solchen mit technischen Hilfsmitteln ist sehr reizvoll. Vielleicht könnt ihr die Musterrouten Face de Plagne für die freie Kletterei und den Creux du Van für das Klettern mit Hilfsmitteln nehmen. Es sind die längsten ihrer Art. Wenn sie euch zusagen, dann wählt doch den Schilt, die Dalle de Court und die Aiguille de la Mort. Ihr werdet immer eine Kletterei finden, die euren Fähigkeiten entspricht.

Atmosphärische Störungen werden euch ganz selten am Klettern hindern. Wenn es regnet, gibt es genug Überhänge zum Unterstehen. Ihr werdet mit den schönsten Passagen bekannt: den Losanges, den Marches d' Eléphant, der Vire de la Fanfare, der Passe trois secondes, und wenn euch der « Affen-käfig » und der « Sarg » nicht behalten haben, werdet ihr mit Erinnerungen an Momente intensiven Lebens unter dem Himmel der vier Jahreszeiten heimkehren. Kletterpartien in Bise, Schnee, Sonne, Regen haben euch dann abgehärtet und bewiesen, dass nicht die Höhe die wahren Kletterfreuden verschafft, sondern das Erreichen des gesteckten Ziels. Und wenn dieses auch nur in fünfzig Meter Höhe wäre, würde es doch genügen, eure Abenteuerlust zu stillen. Hätte ich die Wahl zwischen 800 Meter Geröll auf 4000 Meter Höhe und zwanzig Meter reiner Kletterei, wäre meine Entscheidung bald getroffen: ich würde für den Jura stimmen. Ihr werdet gut daran tun, ihn auch einmal zu besuchen.

Und ihr werdet ihn nie mehr vergessen; im Nebel des Mittellandes werden eure Erinnerungen zu den leuchtenden Herbstfarben und dem tiefen Blau des Himmels zurückwandern. In Gedanken werdet ihr eure Klettereien nochmals ausführen, jenen Griff vor Augen haben, mit dessen Hilfe ihr eine Passage bewältigen konntet. Ihr werdet euch alle die Haken an der Route vorstellen, die rostigen und die neuen, die Zeugen vergangener oder jüngster Heldentaten. Ihr werdet den Duft der Frühlingsblumen einatmen, das Streicheln des Abendwindes spüren und den Augenblick noch einmal erleben, in dem sich der sehnlichst er- wünschte Griff als Illusion erwies. Noch lange werdet ihr euch daran erinnern, dass eure Ausdauer ans Ziel geführt hat. Eure Träume werden euch nach und nach zu dem Punkte führen, wo die Erinnerung eure wirklich erlebten Klettereien noch schöner macht.

Übersetzung E. Busenhart

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