Einmalige Besteigung der Matterhorn-Westwand im Alleingang

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VON EMILE GOS, LAUSANNE

Mit 1 Bild ( 90 ) Ein einmaliges Unternehmen, welches demjenigen von Bonatti am Matterhorn ebenbürtig ist und welches nie mehr wiederholt wurde: Fritz Hermann, ein 24jähriger Österreicher, hatte die unglaubliche und vielleicht ahnungslose Verwegenheit, am 17. September 1929 die gigantische Matterhorn-Westwand allein und ohne irgendwelche künstliche Hilfsmittel zu besteigen.

In Zermatt angekommen, war er schlechter Laune, denn der seit zwei Tagen erwartete Kamerad war nicht eingetroffen. Also musste er allein diese furchterregende und düstere Wand angehen, die er zum erstenmal von der Dent d' Hérens aus gesehen hatte.Vom Stockje, wo die ehemalige Hütte schon lange verschwunden ist, war er auf den Tiefmattengletscher abgestiegen, um direkt am Fuss der Wand zu biwakieren.

« Tiefmatten, eine durch die schwindelerregenden Wände des Matterhorns von drei Seiten eingeschlossene, ausgedehnte Schlucht, ein von der Welt abgeschiedener, der Sicht auf die grünen Matten der Täler entzogener, in die düstere Einförmigkeit schwarzer Felsen und blendenden Schnees eingeschlossener Ort, wo der ewige Schatten des sich auftürmenden Berges noch trüber wirkt, Landschaft schwer-mütigster Stimmung, Stätte, wo - wie ein provenzalisches Dichterwort sagt - .Gott nur bei Nacht vorübergeht'und wo das Schweigen der ersten Tage der Schöpfung herrscht » ( Guido Rey ).

Von diesem düsteren Ort aus will Fritz Hermann die furchterregende Wand versuchen. Schon im Morgengrauen ist er unterwegs, aber nach dem Aufbruch entdeckt er, dass er seine Steigeisen vergessen hat. Das soll aber kein Hindernis sein; er macht sich trotzdem auf den Weg. Und schon steht er am Fuss des Couloirs, wo vor fünfzig Jahren Penhall und seine Führer vorübergingen, aber er, Hermann, will allein direkt zum Gipfel aufzusteigen versuchen. In der stillen Einsamkeit der Berge beginnt er die Kletterei, doch eine Eisschicht überzieht den Fels, was ihn zwingt, mit seinem Pickel Stufen zu schlagen. Schon schwirren die ersten Steine an ihm vorüber. Er hält an, geht weiter, drängt vorwärts. Er steigt in ständiger Lebensgefahr langsam höher und muss ein enges, tiefeingeschnittenes Kamin ersteigen, um einen mit Eis überzogenen Überhang zu bezwingen. Glatte Felsen erwarten ihn weiter oben, seine Sohlen gleiten, aber seine an einem Griff verkrallten Finger halten ihn über dem Abgrund.

Im Augenblick, wo er die Kletterei wieder aufnimmt, verliert er aufs neue den Boden unter den Füssen, wird aber wie durch ein Wunder von seinem Rucksack aufgehalten, der sich in einem Riss verklemmt hat. Er hält an, zögert und weiss nicht, was er tun soll. Aufgeben? Absteigen, ohne Seil, Haken und Steigeisen? Unmöglich! Dann fährt er fort, Stufen zu schlagen, zieht sich auf einen neuen Absatz, aber nun zeigen sich glatte Platten, die er für unbezwingbar hält. Er muss bis zu einem Band ein wenig absteigen, gelangt in ein schwindelerregendes Couloir, das er vorsichtig durchquert, um auf der andern Seite einen Durchgang zu suchen. Er überzeugt sich aber davon, dass er hier nicht herauskommt: also muss er dieses Couloir nochmals begehen, und dieses Mal gelingt es ihm unter grosser Anstrengung durchzukommen.

Sein Mut ist bewunderungswürdig. Er, einziges Lebewesen über dem wilden Abgrund, wo ständig Steine fallen, denen er unbedingt ausweichen muss! Unter dem Einfluss der Sonne brechen riesenhafte Eiszapfen ab, die im Fallen zerschmettern und von denen ihn Bruchstücke am Kopf treffen. Diese fortwährende, drohende Gefahr, die ihn umgibt, verlangt äusserst vorsichtiges Klettern. Woran denkt er? An längst vergangene Dinge? An andere Besteigungen? Er möchte, dass alles schon vorüber wäre, denn diese Einsamkeit bedrückt ihn, und auf einmal tauchen Türme auf, die unüberwindbar scheinen! Welche Höhe werden sie wohl haben? Im ersten Augenblick beabsichtigt er, sie durch Ausweichen nach links zu umgehen und einem Band zu folgen, das sich, wie er überzeugt ist, in der Wand verliert. Weil er keinen andern Ausweg sieht, bleibt ihm nichts anderes übrig, als alle schwierigen Passagen einzig und allein mit der Kraft seiner Arme und Hände zu überwinden, denn er hat ja keine Felshaken! Als er einen Blick nach oben wirft, entdeckt er, noch weit oben, den von den letzten Sonnenstrahlen vergoldeten Gipfel am Himmel abgezeichnet. Dieser Anblick ermutigt ihn wieder, wenn auch die Abenddämmerung anbricht, die Luft sofort kalt wird und schleichende Nebel vom Tal aufsteigen. Er klettert weiter, überschreitet die Galerie Carrel; aber nun ist es endgültig Nacht geworden: er sieht sich wohl oder übel gezwungen anzuhalten. Auf einem kleinen Absatz, « nicht breiter als ein Rucksack », räumt er den Schnee weg und verharrt dort, ohne Sicherungshaken, unter der ständigen Willensanstrengung nicht einzuschlafen, aus Angst, in die Tiefe zu stürzen. Und dennoch... die Morgendämmerung weckt ihn: er hat die ganze Nacht geschlafen!

Der Morgen ist von durchsichtiger Klarheit. Noch etwas steif, aber voll Mut, das letzte Stück zu bewältigen, steigt er schräg nach links an, erreicht die Höhe des Zmuttgrates und gelangt auf den Gipfel. Die « Direkte » der Matterhorn-Westwand ist gelungen. Nach dem Abstieg auf der Normalroute erreicht er gerade noch die Hörnlihütte, bevor ein Gewitter losbricht, und als er in Zermatt eintrifft, schneit es!

Im darauffolgenden Jahr kam er mit einem Kameraden wieder in diese Gegend zurück. Beide stürzten in der Ostwand des Zinalrothorns ab. Man hat sie nie wieder aufgefunden.

( Nach Mazzotti: « Dernières victoires au Cervin»Übersetzung: Jakob Meier )

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