Elemente der traditionellen Kulturlandschaft im Urserental

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Hans Ulrich Kägi, Brütten

Aus der als Beitrag zur Kulturgeographie erschienenen Dissertation « Die traditionelle Kulturlandschaft im Urserental », Zürich Unter den elementaren Einwirkungen auf die Kulturlandschaft ist im Urserental die Aktivität der Lawinen von überragender Bedeutung, wobei diese vor allem für die Wahl der Standorte von Siedlungen und Einzelbauten verantwortlich sind. Wenn auch lange Zeit eine aktive Lawinen-bekämpfung unterblieben ist, so ist doch der oft harte Kampf um die Aufrechterhaltung des Passverkehrs über den Gotthard im Winter und damit der Kampf gegen die Isolation bemerkenswert. Das grundsätzliche Bestreben, die Verbindung nach aussen offenzuhalten, ist als wesentliches Element im Wirkungsgefüge der Kulturlandschaft zu betrachten.

Ein rauhes Klima mit relativ niedrigen Temperaturen und bedeutenden Temperaturschwankungen, verbunden mit häufigen Niederschlägen, ergibt im ganzen gesehen eine Situation, welche Graswirtschaft begünstigt, für Ackerbau hingegen kaum erfolgversprechende Bedingungen bietet.

Eine ursprünglich durchlaufende Bewaldung der Hänge bis zu den Trogschultern ( etwa 2000 m ü.M. ) erscheint als sehr wahrscheinlich. Bei den bedeutenden Schneemengen, welche die Region jährlich zu verzeichnen hat, genügten aber schon verhältnismässig bescheidene Eingriffe seitens des Menschen, um die Waldvernichtung durch Lawinen zu fördern. Dies geschah offenbar schon sehr früh, möglicherweise bereits in der Zeit der Landnahme durch die Walser und der Eröffnung der Schöllenen ( i 3. Jahrhundert ) und lässt sich hauptsächlich aus der Bedeutung des Gebietes als Pass- und Hirtenland erklären. Die Rodungstä-tigkeit zur Gewinnung und Erhaltung von Weideland dürfte erheblich gewesen sein und scheint sich vorab auf die Sonnenhänge konzentriert zu haben, welche als Weidegebiete und Wildheu- planggen besonders begehrt waren. Bei der Ausgestaltung der Kulturlandschaft im Urserental ist damit neben der Aktivität der Lawinen auch die Holzarmut massgeblich beteiligt gewesen. Erstere gefährdet heute noch oft, trotz umfangreicher Ver-bauungs- und Aufforstungsarbeiten, die Talschaft.

Die land- und alpwirtschaftliche Nutzung des Wirtschaftsraums beruht in Urseren auf einer relativ kleinen Fläche privat genutzten Kulturlandes und auf einem ausgedehnten korporativen Areal.

Das privat genutzte Kulturland ist zum überwiegenden Teil Wiesland, in dessen traditioneller Bewirtschaftung sich kaum verschiedene Intensi-tätsstufen unterscheiden lassen. Die Futterpro-duktion basiert auf Naturwiesen, auf denen ein einmaliger Schnitt ( Heuernte ) und nur in guten Jahren ein kurzer zweiter Schnitt erzielt wird. Im. Herbst unterliegt das Privatland seit Jahrhunderten den Gesetzen des allgemeinen Weidgangs ( Gemeinatzung ). Der geringe Parzellierungsgrad des privat genutzten Kulturlandes darf als Beleg dafür gewertet werden, dass die heutige Dominanz der Graswirtschaft wohl seit jeher bestanden hat. Ackerbau dürfte in Urseren nicht nur aus klimatischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen immer eine geringe Rolle gespielt haben. Was das Bodennutzungssystem anbelangt, hat Urseren kaum je ein Bindeglied dargestellt zwischen Oberwallis, Vorderrheintal und Leventina.

Ein im Mittelalter möglicherweise noch grosser gewesener Zwang zur Selbstversorgung ( und damit verbundener Ackerbau ) fiel mit dem Auf- 6 Blick von der Rotondohütte zum Leckihorn, 3065 m, und 8 Pizzo Rotondo und Witenwasserenstock, vom P. Lucendro zum Stellibodenhorn, 2g88 maus 7 Pizzo Lucendro, 2g$2,j m schwung des Verkehrs in zunehmendem Masse dahin. Gleichzeitig besserten sich im Spätmittelalter die Absatzverhältnisse für die Produkte der Milch- und Viehwirtschaft. Ein Anbauzwang für Getreide von seiten des Klosters Disentis scheint nie existiert zu haben. In neuerer Zeit stehen nur spärlichen Belegen für einen wenig erfolgreichen Anbau von Sommergerste, Sommerroggen und Flachs Zeugnisse für einen ausgedehnteren Kartoffelanbau gegenüber. Dieser erfuhr im 19. Jahrhundert eine besondere Förderung durch die Korporation und erlebte während der beiden Weltkriege nochmals einen Aufschwung; heute ist er nur noch unbedeutend.

Das Allmend- und Alpareal Urseren ist Eigentum der Korporation; privater oder genossenschaftlicher Alpbesitz existiert nicht. In der traditionellen Bewirtschaftung dieser im Vergleich zur schmalen Winterfutterbasis des privat genutzten Kulturlandes sehr ausgedehnten Sommerweidegebiete hat sich nicht eine einzige traditionelle Form entwickelt; der Initiative des Einzelnen steht ein breiter Spielraum zur Verfügung. Nur dort, wo sich daraus eine Benachteiligung anderer ergeben könnte, wie beim Wildheusammeln oder Torfstechen ( beides nur den Bürgern vorbehaltene wichtige Zusatznutzung ), besteht eine strenge Reglementierung. Die Bestossung der Alpen geschieht nicht nach deren Ertragsfähigkeit, sondern nach alter Gewohnheit, teils auf genossenschaftlicher Basis ( Senten ), teils auf privater ( Einzelalpung ), ohne dass spezielle Alprechte existieren. Die Einzelalpung ist wohl früher das verbreitetere Prinzip gewesen und kommt damit als mitverantwortlicher Faktor bei der Entwaldung des Tales in Frage. Eine gewisse Regelung der Beweidung wird durch Aufteilung des Korpo-rationsbodens in einzelne Nutzungszonen erreicht, die sich im wesentlichen durch die Natur des Wirt'schaftsraums ( Hangneigung und Exposition ) ergeben hat. Zu erwähnen sind die Freiberge, die Heukuhweiden ( Weidegebiete « vor dem Ziel » ) und die Alpgebiete « hinter dem Ziel » sowie die Kleinviehweiden ( Geissweiden ). Lei- 9 Rhonegletscher mit Gerstenkorn Photos 6 bis 9 L. Gensetter, Davos stungen der Nutzniesser zum Unterhalt und zur Verbesserung der Weiden sind lange Zeit kaum bekannt gewesen.

Alpzeit ca. 10. Juli - 28. September Aufenthalt pro Stafeh 1 bis 20 Tage Bielen _ 2254 m 7 Wanderbewegungen des genossenschaftlich gealpten Viehs von Realp bis 1962 Im Bereich der traditionellen Mutzung des Wirtschaftsraumes lassen sich somit Klima und Relief als bedeutendste naturgeographische Faktoren bestätigen. Unter den anthropogenen ( von den Menschen bewirkten ) Einflüssen muss das Fehlen eines Selbstversorgungszwangs, das sich aus der Passlandsituation ergibt, als für die Ausgestaltung der Kulturlandschaft bedeutsam hervorgehoben werden. Es ermöglichte eine Bevorzugung der aussichtsreicheren Viehwirtschaft. Ein Grundprinzip, das sich in der landschaftsgestaltenden Aktivität des Menschen im Grenzbereich der Ökumene wohl häufig äussert, ist auch in Urseren sehr wirksam gewesen: Das Hauptaugenmerk ist darauf ausgerichtet, aus dem Lebensraum einen möglichst grossen, direkten individuellen Nutzen zu ziehen und für eine gerechte Verteilung dieses Nutzens unter die Nutzungsberechtigten besorgt zu sein.

Dabei wird eine differenzierte Abstufung beachtet: Bevorzugt wird der Arme gegenüber dem Reichen, der Bürger gegenüber dem Beisassen, der länger Niedergelassene gegenüber dem Neuzugezogenen, der Landwirt, der sein Vieh im Winter durchfüttert gegenüber dem Viehhändler. Die Sorge um die Erhaltung des Lebensraumes oder die Einsatzbereitschaft zur Steigerung des Ertrages sind, vielleicht auch im Bewusstsein des unsicheren Erfolges, unterentwickelt.

Die daraus sich ergebende extensive Nutzung des Wirtschaftsraums, die generelle Dominanz der Weidewirtschaft, ist wohl z.T. auch daraus erklärbar, dass sich praktisch die gesamte kultur-landschaftliche Entwicklung des Tales im Zeichen zusätzlicher nichtlandwirtschaftlicher Erwerbsmöglichkeiten vollzogen hat. Diese haben schliesslich in den letzten Jahren dazu geführt, dass die Bedeutung der landwirtschaftlichen Produktion sehr stark geschwunden ist. Die Landwirtschaft wird in vielen Fällen nur noch im Nebenerwerb betrieben, und die traditionell gültigen Prinzipien der Landnutzung sind in Auflösung begriffen.

Neben der Land- und Alpwirtschaft brachte Urserens Lage an der Nord-Süd-Verbindung schon früh bedeutende Verdienstmöglichkeiten: Beförderung von Menschen und Gütern, Strassenbau und Strassenunterhalt, Handel und Gastgewerbe - und ( ab 1410 ) Solddienst an der Seite Uris. Urserens Verkehrs- und Höhenlage führten im I 9.Jahrhundert auch zur Erschliessung für den Sommertourismus und später zudem für den Wintersport. Als zuverlässigste Wirtschaftsgrund-lage hat sich jedoch im 20. Jahrhundert mehr und mehr das Militärwesen erwiesen.

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