Erdwärme und Gletschertemperatur

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Von Alfred Hol !.

Wie verhält sich denn unsre gute alte, warmherzige Mutter Erde zu der Tatsache, dass auf ihrem Leib stellenweise ein so dicker, kalter Eispanzer lastet; wehrt sie sich denn gar nicht dagegenDie Erde ist eine schwere, 13,000 km dicke, weissglühend heisse Kugel mit dünner, aussen kalter Haut, der « festen Erdrinde », die 50 km dick sein mag, und deren untere Schichten wir uns bereits als hell glühend denken müssen. Das bedeutet nicht, dass das Erdinnere etwa flüssig wie Wasser wäre; bei dem ungeheuren Druck ist der Unterschied im Verhalten zwischen fest, flüssig und gasig völlig verwischt.

Eine solche heisse Kugel muss durch ihre Kruste hindurch stets etwas von ihrer Wärme nach allen Seiten ziemlich gleichmässig in den Weltraum hinausstrahlen. Durch die Erdkruste geht also unaufhörlich von unten nach oben ein Wärmestrom, der Erdwärmestrom. Seine Stärke ist 700 Kalorien jährlich auf jeden qm Erdoberfläche. ( Früher überschätzte man den Erdwärmestrom; ich berechnete ihn 1931, sah aber später, dass Wegener schon 1930 zu ähnlichem Ergebnis, etwa 600 Kalorien, gelangt war. ) Die 700 Kalorien sind freilich nur eine Durchschnittszahl; es kommen Unterschiede vor, weil die Erdkruste nicht rundherum gleich dick ist usw. In Vulkan- gebieten, z.B. Island, kann in wenig Kilometer Tiefe schon Glühhitze bestehen, wogegen normal erst in 20 km dunkle Glut beginnt.

Alles, was der Erdwärmestrom auf seinem Weg zum Weltraum antrifft, die Gesteins-, Wasser- und Lufthülle unseres Planeten, wird von ihm durchströmt und erwärmt. Er kann aber die Temperaturen der Erdoberfläche, des Meeres und der Luft nicht merklich erhöhen, weil er infolge der schlechten Wärmeleitfähigkeit der Gesteine schwach ist und von allem überlagert wird, was mit Wetter, Klima, Winterkälte und Sonnenstrahlung zusammenhängt. So durchströmt der Erdwärmestrom auch das Meer, und wenn es unbeweglich wäre, so würde er es am Grunde in Jahrhunderttausenden zum Kochen bringen, denn wir haben ja in 3 km Gesteinstiefe schon 100° Hitze, und das Meer ist durchschnittlich 4 km tief. Aber die Wärmewirtschaft des Weltmeers wird vorwiegend durch die Eispolkappen der Erde bedingt; kalte Wassermassen fliessen fortwährend am Meeresgrund von den Polen zum Äquator, und warme oben entgegengesetzt. Das Meer wird also durch-einandergewälzt, aber so langsam, dass es unten immer kalt bleibt, auch am Äquator. Die Sonne erwärmt und erhellt ja nur die obersten paar hundert Meter.

Wenn wir also die Erdwärme erkennen wollen, so müssen wir bohren, und da wird es bekanntlich auf 33 m Tiefe immer um 1° wärmer. Durch-boren wir die Alpenmassive, z B. Finsteraarhorn oder Monte Rosa, so wird es in Höhe des Meeresspiegels schon 70° heiss, im Himalaya sogar 150°! Bekanntlich kommt man bei Alpentunnels auf 50° Hitze, wie in den tiefsten Bergwerken. Das Gebirge zieht also die Erdwärme sozusagen zu sich hinauf; sägen wir es ab, stellen es kalt und setzen es wieder auf die Erde, so wird es wieder warm wie zuvor; wir brauchen uns nur geduldig aufs Warten zu verlegen. Die Erdwärme ist eine zähe, unverdrossene Bergsteigerin; sie steigt in den Achttausendern ebenso leicht empor wie in den Dreitausendern.

An der Oberfläche dagegen herrscht nicht die Erdwärme, sondern das Wetter, und das Wetter wird von der Sonne gemacht. Was würde nun geschehen, wenn die Sonne auf ein paar Wochen in Urlaub ginge und ihre gewaltige Strahlungsenergie, mit der sie uns so verschwenderisch überschüttet, ausschalten würde? Wir hätten dann ruhige, klare Nacht. Denn auch Wind und Wolken — alles wird von der Sonne gemacht. In solchen ruhigen Nächten sinkt die Temperatur stündlich um etwa 1°. Eine Woche hat 168 Stunden; wir können also schätzen, dass dann in diesen paar Wochen alle Luft auf die Festländer herabregnen und herabkristallisieren würde. In der Tat wäre dann unsre weissglühende Erdkugel aussen mit einigen Meter gefrorener Luft bedeckt, und der Erdwärmestrom, der auch dann in unveränderter Stärke weiterströmen würde, könnte diesen gründlichen Abkühlungsvorgang der Oberfläche nur unerheblich verlangsamen.

So schwach also ist der Erdwärmestrom. Aber andererseits darf man ihn auch nicht allzu gering achten. Mit den 700 Kalorien, die im Jahr durch den Quadratmeter Erdoberfläche austreten, könnte man immerhin eine tüchtige Schüssel Suppe kochen. Oder man könnte damit 9 Kilo Eis schmelzen; das entspricht einer 1 cm starken Schicht. Unter dem grossen Aletschgletscher schmilzt die Erdwärme in jeder Sekunde 30 Kilo Eis — dazu braucht man aber schon ein sehr grosses Feuer!

Eis ist ein besonderes « Gestein ». Der Erdwärmestrom geht nicht hindurch, indem er es heizt wie die andern Gebirgsmassen, sondern er wird vom Gletscher verschluckt und an der Unterfläche in Schmelzwasser umgesetzt; er wird abgefangen und kann nicht in den Weltraum hinausströmen. Der Gletscher spart also der Erde etwas Wärme. Überall wo Eis die Erde in Gletschermächtigkeit bedeckt, wird von der Unterfläche dieses Eises etwas weggeschmolzen, Tag und Nacht, Sommer und Winter, in jeder Sekunde gleich viel, jährlich 1 cm. Es ist einerlei, ob der Gletscher 100 oder 1000 m dick ist, ob er in 2000 oder 6000 m Höhe über Meer liegt, ob er in den Alpen liegt oder am Pol. Einerlei ist es auch, ob wir uns in der Gegenwart befinden oder in früheren Zeiten der Erdgeschichte. Denn der Erdwärmestrom strömt seit Jahrmillionen und Jahrmilliarden in gleicher Stärke. Er strömte auch während der Eiszeit, denn damals war nicht die Erde, sondern nur das Klima, die Luft, um ein paar Grad kälter. Der Verlust an Erdwärme wird im Erdinnern laufend ersetzt. Sonst wäre die Erde, schon im Verlauf einer einzigen Formation, längst kalt geworden, und das Leben hätte auf ihr überhaupt nicht Zeit gehabt zu entstehen.

Die grosse Bedeutung der Erdwärme für die Gletscherwelt erkennen wir aus folgender Betrachtung: Bekanntlich ist Wärme nötig, wenn Eis aus Schnee entstehen soll. Drückt man einen Schneeball lange in der warmen Hand, so wird er immer « eisiger ». In dem durch die Wärme nass gewordenen Schnee wandern die Aussenmoleküle der Schneekriställchen durch den flüssigen Zustand hindurch zu den Nachbarkriställchen. Schnee ist lebendig, er bleibt überhaupt kaum eine Stunde lang unverändert; ein fortwährender Austausch der Aussenmoleküle findet statt, durch Verdunsten, Auflösen, Wiederauskristallisieren und Wiedergefrieren. Aber Oberflächenspannung und Druck sorgen dafür, dass die grösseren Kriställchen ( Körner ) ihre Aussenmoleküle fester halten. Denn ein feines Schneefiederchen von 0,001 mm Dicke kann seine Aussenmoleküle nicht so fest anziehen wie ein Eiskorn von 1 mm Dicke. Ist also ein Eismolekül von einem kleinen feingefiederten Schneesternchen zu einem grösseren, körnigen, hingewandert, so findet es den Weg nicht mehr zurück. Die Kristalle wachsen somit auf Kosten ihrer Zahl; die grossen, dicken fressen die kleinen, dünnen. Es entsteht der Firn ( Kornschnee ), und schliesslich, tief unterm Firn, entsteht das massive blauschimmernde Gletschereis, ein grosskörniges Kristallgestein mit dicht aneinander gefügten Gletscherkörnern. Jedes Gletscherkorn ist ein Eis-Einkristall, der aus einem winzigen Schneestäubchen durch Wachsen entstanden ist und während seiner hundertjährigen Ausbildungszeit Millionen seiner Brüder aufgefressen hat. Hat der Schnee Frosttemperatur, so kann das nicht geschehen; die Umwandlung macht beim Firn halt.

Nun gibt es aber hohe Gletschergebiete, in denen es auch im Sommer nicht zum Tauen kommt; der Schnee bleibt also trocken. So ist es z.B. in den hohen Firngebieten des Himalaja, 6 bis 7 km über Meer, auch in Alaska, im Innern Grönlands usw. Gletscher könnten in diesen Gebieten niemals entstehen, wenn nicht die Erdwärme helfend einspringen würde. Wir denken uns nun eine solche hohe Firnmulde; die Lufttemperatur betrage dort im Jahresmittel etwa —20°. Nun schütten wir lockeren, feinen Hochschnee von —20°, wie er in diesen Höhen fällt, in die vorher ausgeräumte Mulde, deren Felsboden ebenfalls —20° kalt sei. Der Erdwärmestrom durchströmt nun den Fels und den Pulverschnee und bewirkt, dass in dem Schnee allmählich ein Temperaturanstieg von oben nach unten entsteht; der Fels und der Schnee werden unten warm. Die Wärmeleitfähigkeit des Schnees ist 40 mal geringer als die des Gesteins. Wenn der Erdwärmestrom im Gestein einen Temperaturanstieg von 1° in 33 m Tiefe erzeugen kann, so kann er im Schnee schon in 0,8 m Tiefe eine Erwärmung um 1° hervorbringen ( 33: 40 = 0,8 ). Haben wir 16 m Schnee auf den Talboden gelegt, so wird es also unter dem Schnee um 20° wärmer, somit 0° warm werden. Eine Pulverschneedecke von 16 m genügt somit, um die Frostwirkung des sehr kalten Klimas abzuschirmen. Ist die Schneedecke wesentlich dicker, z.B. 160 m, so wird es unter dem Schnee natürlich auch nur 0° warm, und die 20° Temperaturanstieg verteilen sich auf die 160 m. Aber dazu genügt dann schon der zehnte Teil der Stärke des Erdwärmestroms; die andern neun Zehntel müssen an der Unterseite der Schneedecke schmelzend wirken. Das Schmelzwasser läuft nicht ab; es sickert nach oben, und ein grosser Teil der gesamten Schneemasse wird Gletschereis. Das eine Zehntel des Erdwärmestroms würde bei dieser Anordnung in den Weltraum austreten, aber wir lassen immer mehr kalten Schnee in die Mulde fallen, dann wird auch das letzte Zehntel Wärme abgefangen und zur Heizung von Schnee ausgenützt. Der abfliessende Gletscher trägt eine gewisse Menge kalt gebliebenen Schnees talab, der Schneegrenze entgegen, in wärmere Regionen, wo es im Sommer taut und wo der Gletscher nicht mehr allein auf die Erdwärme angewiesen ist.

Diese einfache Rechnung ist grob schematisch, und die Natur kapriziert sich nie auf irgendein Schema. Der Schnee bleibt ja nicht so locker; in seinen obern Lagen dringt im Winter die —40° kalte Luft ein usw. Indes sehen wir vorerst das Kennzeichen der Erdwärmewirtschaft des Gletschers: Sobald wir die Erdoberfläche mit einer genügenden Bedeckung von Eis und Schnee versehen, ist der Frost selbst im kältesten Klima ausgeschaltet. In den alpinen Firnmulden, d.h. in Höhen von 3000 bis etwa 3600 m ( selten mehr ), ist die mittlere Jahrestemperatur der Luft etwa —5° bis —10°. Sie enthalten Hunderte Meter dicke Lagen porösen Firns. Leicht kann man berechnen und einsehen, dass sie, schon rein erdwärmewirtschaftlich betrachtet, an ihrem Grunde auf der Schmelztemperatur stehen und also jährlich etwa 1 cm Eis der Erdwärme zum Opfer bringen.

In dem warmen Innern der Berge zerstreut sich der Erdwärmestrom nach den Seiten hin. In den schlanken Gipfeln und Graten wird man keine Erdwärme finden, und die Bergflanken werden nur wenig geheizt, um so mehr aber die Talböden, auch die höchsten Gletschertaltröge und Nährmulden. Es ist klar, dass die Gletscherbewegung am Bergschrund anfängt. Hier ist die Grenze der Firnmulde und auch die Grenze der Erdwärmewirtschaft. Das Nährgebiet freilich erstreckt sich bis zum Gipfel. Aber an der Wand über dem Schrund kann das Eis nicht erheblich fliessen. Diese Eiswände sind von Lawinenrinnen durchfurcht, oft wie ziseliert, besonders im Himalaja. Am Schrund sind die Lawinenrinnen wie abgeschnitten. Unterhalb des Schrunds gibt es nur Lawinenstreukegel.

Wir müssen nun einen wichtigen Schritt weitergehen. Wir wollen nicht nur wissen, dass der Gletscher unten nass liegt, sondern auch, wie warm er in seiner Masse ist.

Man meint gewöhnlich: Bodentemperatur und Lufttemperatur stimmen im Jahresmittel miteinander überein. Aber das stimmt nie genau. Im Tiefland ist der Boden meist etwas kälter als die Luft. Wetter und Wind, Ein- und Ausstrahlung, Verdunstungskälte, Wasserführung des Bodens, Trockenheit der Luft — alles das spielt mit. Bekanntlich beobachtet man oft Reifbildung, wenn die Luft noch deutlich über Null steht.

Im Gebirge ist es nun umgekehrt. Der Boden ist in 2000 bis 3000 m Höhe sehr wesentlich wärmer als die Luft. Man wollte dies darauf zurückführen, dass in der Höhe die Sonne stärker strahlt. In der Tat ist ein dunkler besonnter Fels äusserlich oft sehr warm, auch wenn die Luft kalt ist. Indes kehrt sich nachts das Verhältnis um, der Fels strahlt schneller aus, als die Luft sich abkühlt. Der Hauptfaktor ist vielmehr die Schneebedeckung, die hier oben manchmal von Oktober bis Juni liegen bleibt. Man findet hier im Boden gar nicht die Jahrestemperatur des Orts, sondern, grob gesprochen, nur die Sommertemperatur; der Boden macht ja den Winter gar nicht recht mit. Andernfalls könnte unsere herrliche Alpenflora nicht bestehen; ihr geht 's im Winter besser als im Sommer. Es gibt Alpenpflanzen, die im Tiefland ohne Schutz keinen Winter überstehen. Im mildesten Klima Deutschlands, in der weingesegneten rheinisch-pfälzischen Tiefebene, hat der fast nie schnee-geschützte Boden in jedem Winter zeitweise scharfen Frost auszuhalten. Das kommt im Hochgebirge gar nicht vor, ausgenommen steile Hänge, besonders Nordwände, und Grate, an denen kein Schnee haftet. An der Schneegrenze, um 3000 m herum, haben wir in den Alpen im Jahresmittel etwa —4°. Das gilt aber nur für die Luft; der Boden ist im Jahresmittel wärmer als 0°; von den 30° Kälte, die im Winter vorkommen, merkt er nicht viel.

Was für den Boden gilt, gilt auch für den Gletscher. Die Zunge liegt oft unter 10 m Schnee begraben; die Lufttemperatur ist fast ohne Einfluss; der Winter ist nahezu ausgeschaltet. Besonders gut sind die Firnmulden geschützt, und zwar das ganze Jahr hindurch. Sie sind der Hauptteil des Gletschers; sie bekommen bis 20 m Schnee im Jahr, als lockerer Neuschnee gerechnet. Nun kommt es allerdings auf die Temperatur dieses Schnees an. Es schneit in den Alpen gewöhnlich bei Lufttemperaturen von + 4° bis —10°. Der bei Plustemperatur fallende Schnee ist selbstverständlich feucht. Bei tiefen Frosttemperaturen kommen selten Schneefälle vor, z.B. bei —20°, und sie sind nie ausgiebig, denn sehr kalte Luft kann nur wenig Dampf enthalten und somit nicht viel Schnee abwerfen. Deshalb sind in den polaren Gegenden die Niederschlagsmengen geringvon den alpinen ). Bei Eintritt schlechten Wetters steigt die Temperatur im Winter. Sommers fällt sie. Die Schlechtwettertemperaturen des Dezember sind von denen des Juni manchmal nicht sehr verschieden.

Die Schneedecke des Winters ist also keinesfalls imstande, dem Gletscher eine sehr erhebliche Menge Wärme zu entziehen. Am Beginn des Sommers wird dann der frostkalt gebliebene Teil des Winterschnees auf 0° erwärmt. Aber Sonne und Warmluft wirken nur oberflächlich. Der kalte Schnee wird vielmehr einfach dadurch geheizt, dass er benetzt wird. Tauwasser sickert ein. Ein Liter eiskalten Wassers erwärmt durch sein Gefrieren 160 kg Schnee um 1°. Zwar wird sich frostkalter Schnee nicht ohne weiteres erwärmen, wenn wir ihn mit Wasser besprengen; denn es entsteht eine glasige Eiskruste, ein « Harsthorizont », auf dem das Wasser abläuft. Aber im Lauf der Zeit lösen sich diese Zwischenharstschichten auf, und die Masse wird gleichmässig und durchlässig. Dass eine solche auf der einen Seite nasse Eiskruste nicht lange undurchlässig bleibt, kann man bei jedem Glatteis sehen. Auch die Aufgrabung und Untersuchung von Schneeschichten im Frühsommer hat dies ergeben. Schuld daran ist das oben besprochene lebhafte Wandern der Aussenmoleküle im nassen Schnee und Eis; das Ergebnis ist zunächst ein gleichmässiger Firn mit etwa 1 mm grossen rundlichen Körnern, auch « Altschnee » genannt.

Für die Tauwasserbilanz in alpinen Firnmulden gilt folgende Überlegung: Die Schneegrenze ist die Höhenlage, über welcher der Schnee übersommert. Jedoch nicht aller Schnee übersommert. Ein wenig über der Schneegrenze übersommert fast gar nichts, und fast alles wird weggetaut. Und selbst in den höchsten alpinen Firngebieten übersommert nicht aller Schnee, sondern ein erheblicher Teil taut. Man darf das nicht mit Ablation ( Zehrung ) verwechseln. Ablation und Auftrag ( Zuwachs ) sind Begriffe, die sich immer nur auf den Zustand des Gletschers am Ende des Sommers beziehen. Die Ablation ist an der Schneegrenze null und im Firn « negativ ». Eine in die Zunge eingesetzte Stange schmilzt aus. Setzen wir aber im Firngebiet eine Stange ein, so verschwindet sie im « Auftrag » und schmilzt beispielsweise erst in 100 Jahren in der Zunge wieder aus. Aber die gesamte Abschmelzung und der gesamte Jahresniederschlag sind viel grosser, als was wir im Hochsommer an eingesetzten Stangen als Zehrung und Auftrag messen. Man ist im Begriff, diese Verhältnisse näher zu untersuchen, aber obschon man bis jetzt noch nicht genau darüber unterrichtet ist ( genaue Zahlen brauchen wir hier ohnehin nicht ), so lässt sich doch mit Bestimmtheit folgendes sagen: Die Schmelzarbeit der Sonne entspricht an der Schneegrenze etwa 2 m Eis = 1,8 m Wasser in jedem Sommer, ungefähr gleich dem Jahresniederschlag, der in Gletscherhöhe doppelt so gross ist wie im Tal. Weiter oben wird die Schmelzwirkung allmählich geringer, aber z.B. in 3300 m Höhe muss sie noch sehr gewaltig sein, und selbst in 3600 m muss noch immer viel Schnee schmelzen. Es wird dann eine Höhenlage geben, wo die Temperatur des wärmsten Monats 0° ist. Auch in dieser Höhe muss noch starkes Tauen stattfinden, weil ja um die Mitteltemperatur herum starke Schwankungen vorkommen, z.B. tags -I- 10°, nachts —10°. Sogar über 4000 m taut es noch; wer an schönen Augusttagen die Walliser Viertausender bestieg, kann das bestätigen. Es ist also eine gewaltige Menge Tauwasser, die in den Firngebieten bis hoch hinauf entsteht und von deren Verbleib wir uns Rechenschaft ablegen müssen. Dies Wasser sickert durch den Firn. Denn wir sehen nirgends in den Firnmulden Tauwasser oberflächlich ablaufen — abgesehen von kleinen örtlichen Erscheinungen. Nirgends rinnen Schmelzwasserbäche wie auf der Zunge, nirgends brechen Quellen hervor, und nirgends braust eine Gletschermühle in einer Spalte des Firngebiets.

Viele meinen, alles was im Firn tags taut, gefriere nachts wieder ( und so, meinen sie, soll dann das Gletschereis entstehen ). Aber beides stimmt nicht. Es gibt ja Nächte, in denen es nicht friert; dann ist der Firn morgens zwar nicht festgefroren, aber doch schön trocken gesickert oder doch lange nicht mehr so pappig und tropfnass wie am Vorabend. Das nächtliche Gefrieren kann nicht in dem Masse stattfinden wie das tägliche Tauen; der Nachtfrost dringt nur einige Dezimeter tief ein; das Wasser aber dringt durch den ganzen Gletscher. Auch wenn die Mitteltemperatur der Luft unter Null steht, wenn also der Nachtfrost viel stärker ist als die Tageswärme, so kann dies in der Temperatur der Gletschermasse gar nicht zum Ausdruck kommen. Dasselbe gilt für die Winterkälte. Wohl gibt es Winter, die früh mit strenger trockener Kälte anfangen; der herbstliche Wettersturz mit seiner schützenden Schneedecke kann ausbleiben, und es ist klar, dass dann der Frost sich vorübergehend einnistet. Aber wie der Frost eines strengen Winters im Boden höchstens wenige Meter eindringt, so kann er auch den Gletscher nur oberflächlich, und an offengebliebenen Spalten, für einige Monate frostkalt machen. Albert Heim sagt: « Zur Gletscherbildung gehört vor allem ein warmer Ozean. » Das Kennzeichen der Gletschergebiete ist nicht so sehr die Kälte an sich als vielmehr der Niederschlagsreichtum, und dieser beherrscht die Temperaturwirtschaft in der beschriebenen Weise.

Im grossen ganzen steht der Gletscher also auf Schmelztemperatur. Man hört immer noch oft, unter Laien und Wissenschaftlern, irrtümliche Meinungen, z.B. die Gletscher seien am Grunde angefroren; sie kommen aus 10° kalten Gebieten herab, müssten also sehr kalt sein, da die Sonnenstrahlen nicht weit ins Eis dringen und die Sommerluft gar nur oberflächlich abtauend wirkt usw. Es wird eben dem oberflächlich Beobachtbaren, der Luft- und Schneetemperatur, eine zu grosse Bedeutung zugeschrieben, und der Gletscher ist zu gewaltig, als dass er sich leicht von Oberflächenvorgängen beeinflussen liesse. Soweit Beobachtungen gemacht sind, haben sie die Schmelztemperatur der Alpengletscher ergeben. Die Einwendungen Wegeners gegen die Arbeiten von Blümcke und Hess können als gegenstandslos gelten, da ja Wegener an der Schmelztemperatur der Alpengletscher im Ernst nicht zweifelte. Es fehlen nur Beobachtungen in hohen Firngebieten. Tief-borungen sind, wie die Arbeiten von Hess gezeigt haben, am sommerlichen aperen Gletscher schon schwierig genug. Agassiz hat Minimumthermometer einige Meter tief den Winter hindurch im Gletscher gelassen und ganz geringe Frostgrade gefunden. Aber auch diese Methode ist schwierig in der Ausführung; der Gletscher ist wie das Meer; was er einmal hat, gibt er nicht leicht wieder her.

Irrtümlich ist auch die Laienmeinung, über der Schneegrenze falle aller Niederschlag in fester Form. Wer viel auf Firnfeldern wanderte, erinnert sich, dass es zwar öfters schneite, hagelte und graupelte, dass es aber auch genügend oft regnete. Sogar in 4000 Meter Höhe regnet es zuweilen. Ich erlebte solches Wetter auf dem oberen Ortlerplateau; bei schwerem Sturm regnete es in feinen Tröpfchen. Allerdings waren diese Tröpfchen unterkühlt, denn in kurzem waren mir Bart, Hutrand, Augenbrauen usw. dick mit Eis um-krustet. Ich war, übertrieben gesagt, ein wandelndes Hagelkorn. Ich kehrte aber nicht um; bald klärte es auf, und vom Eise befreit erfreute ich mich wieder an der herrlichen Ortleraussicht. Es gibt ja nichts Unschematischeres als das Wetter. Manchmal schneit es mitten im Sommer tüchtig bis an die Waldgrenze herunter. Es gibt kühle Sommer, in denen es in 4000 m Höhe nicht taut. Bekannt sind die Monte Rosa-Stürme; man hat da bei gewissen Wetterlagen im Hochsommer mittags 20° Kälte. Am Gornergletscher gibt es Firnmulden, die über 4000 m hinaufreichen; selbstverständlich werden sie nicht immerzu und durch ihre ganze Masse hindurch auf Schmelztemperatur stehen, aber was ein Sommer versäumt, macht ein anderer wieder gut.

Also nur kein Schema! Die Natur ist eine frei schaffende Künstlerin. Trotzdem dürfen wir sie « einteilen », doch nicht, um sie in ein System zu zwängen, sondern um uns selber ihr Verständnis zu erleichtern. Das Gelernte benützend, teilen wir wärmewirtschaftlich die Gletscher in drei Höhenzonen ein: unten der Eisstrom, das « Zehrgebiet », die im Sommer blanke Zunge. ( Dass auch weiter oben viel « gezehrt » wird, wissen wir nun. ) Dann folgt über der Schneegrenze das Firngebiet, in dem es im Sommer ausgesprochen taut, also sagen wir: « Taufirn ». Und die oberste Zone wäre dann der « Trockenfirn », ein Gebiet, in dem es nicht oder unerheblich zum Tauen kommt und wo also einsickerndes Tauwasser als Wärmequelle für das frostige Innere nicht in Frage kommt. Diese höchste Gletscherzone mit ihrer Wärmewirtschaft haben wir oben im Erdwärmekapitel kurz skizziert. Die schwache Erdwärme, als langsame unverdrossene Bergsteigerin, schlägt die starke Sonnenwärme aus dem Feld, weil diese in den gewaltigen Höhen, wo ihre goldenen Pfeile machtlos an dem kalten Firn abprallen, nichts mehr vermag. Wären die Alpen 6000 m hoch und hätten sie Firnmulden in der 5000-Meter-stufe, so könnten wir auch in den Alpen diese oberste Gletscherhöhenzone studieren. Sie ist auch äusserlich von der uns so vertrauten Taufirnzone unterscheidbar, z.B. im hohen Himalaja. Weniger sanft als bei uns fliessen dort oben die Gletscher; eine unbändige Naturkraft entwickeln dort die bergsturzartig niedergehenden Trockenfirnlawinen. Wegener, der grosse Kenner des Grönlandeises, unterscheidet dort ebenfalls 3 Höhenzonen, und zwar nicht nach inneren, wärmewirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern mehr nach äusserlichen Merkmalen, wie Oberflächenbeschaffenheit usw. Aber ein näheres Studium zeigt, dass diese Dreiteilung mit der wärmewirtschaftlichen übereinstimmt.

Nachdem wir nun, wenn ich mich hier so ausdrücken darf, den Alpengletschern von ihrer Frostigkeit so viel weggenommen haben, wie es eben bei einem Gletscher möglich ist, wollen wir vielleicht ein andermal die polare Eiswärmewirtschaft genauer betrachten.

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