Erinnerung

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Von Sämi Brawand.

Fünfundzwanzig Jahre mögen seither verflossen sein. Ich war ein kleiner Junge in vielfach geflickten Hosen, und dass ich Kuhhirt war, bezeugten meine schmutzigen Finger und die über und über mit Kuhmist bespritzten Schuhe. Ja, diese Schuhe! Das Grundpeti hatte sie gemacht, rindlederne waren es, niedrige, steinharte Dinger, aber tüchtig beschlagen, wie es zu einem Kuhhirten gehörte. Mein Vater, der Bergführer, trug auch solche seiner Lebtag. Er wollte nichts wissen von Juchtenleder und Boxcalf, das war zu teuer und weichliches Zeug. Zu einem Bergbuben gehörte halt etwas Hartes. Da war mein Freund und Schulkamerad besser daran mit seinen modernen Bergschuhen mit gekauften Schäften. Die hatten nicht solch herausgebogene Ohren über dem obersten Bindehaken, waren schneidiger und stellten etwas vor. Später, als ich bald aus der Schule war, bestellte ich auch einmal solche beim Dorfschuhmacher, aber dann gab es nachher ein Donnerwetter daheim, weil man nicht achtzehnfränkige Schuhe vermochte für einen Schlingel, wie ich war.

Item, ich war also Kuhhirt und versah mein Amt schlecht und recht, schnitzte Holzkühe, verteufelte dem Vater die Uhr und log, ich hätte es nicht getan, rauchte wie ein Kohlenbrenner, wenn es niemand sah, molk wie ein Grosser und liess mir von den Nachbarn die Leviten lesen, wenn mein Vieh sich am falschen Ort zu grasen erlaubte.

Nun erhob sich nicht weit von unserer Vorsass der Wandellenhubel. Ein Grashügel ist 's auf der einen Seite, ein Faulplattenschopf auf der andern. Jäh stürzen dort die schwarzen Flühe in den Bergelbach herab. Dieser Fels hatte mir 's angetan. Es sollte Wermut geben dort oben, und wer Wermut fand, war in meinen Knabenaugen schon ein ganzer Kerl. Schier jeden Tag kletterte ich in den losen Felsen herum. Natürlich wusste meine Mutter nichts davon, sie würde sich zu Tode geängstigt haben.

Einmal sass ich wieder auf einem grossen Stein mitten im Bergelbach und suchte mir einen neuen Aufstieg durch die dunkeln Felsen. Dort über die Rippe um die Ecke musste es gehen. Frisch ans Werk! Schon klebte der Knirps oben in der jähen Wand und sah zwischen den Beinen durch tief unten den Bergel gischten. Da zuckte es auf in seinem Kopf: Wenn du da hinunter fielest! Und zugleich war es fertig mit der Kletterei. Kein Griff wollte sich finden lassen. Alles Recken und Strecken war unnütz. Es ging einfach nicht weiter. Also was anders als den Rückweg versuchen. Aber halt! Herauf war 's gegangen, aber zurück, das war ein ander Ding. Wie weggewischt waren Tritte und Handgriffe. Ist's Hexenspuk, oder stelle ich mich so dumm an ?! Gut, versuche man 's da drüben. Auch dort unmöglich. Die Finger zittern, die Beine drohen zu streiken. Eine unsägliche Angst sitzt plötzlich in der kleinen Knabenbrust und klopft und wütet. Tränen springen in die Augen. « Mutter, Mutter! » möchte der Mund hinausrufen.

Doch was würde es nützen, ist doch auf Meilen im Umkreis kein Mensch zu entdecken!

Was tun? Wozu hat man denn beten gelernt? Hier, ja gerade hier könnte es etwas nützen. Für neue Schuhe hat es bisher zwar nichts abgetragen. « Lieber Heiland, mach mich fromm, dass... » Nein, gerade das wollte ich ja nicht. Also: « Lieber Gott, ich weiss, dass ich ein Lausbub bin, aber gelt, du vergibst mir dieses einzige Mal noch, ich will in meinem ganzen Leben nie, nie, nie mehr auf einen Felsen hinaufklettern! Aber gelt, diesmal lässt du mich noch einmal hinunter ?! Ganz gewiss soll es das letztemal sein. O, lieber, guter Gott, hilf mir aus meiner Not, ich will 's nicht wieder tun! » So ungefähr betete ich leise vor mich hin in grösster Seelenangst um mein junges Leben. Und siehe da, ein neuer Versuch glückte, da waren sie ja, die Griffe und Tritte, ganz fein ging 's. Wo waren sie nur vorher gewesen? In wenigen Minuten stand ich wieder unten auf dem Stein im Bach, meinem Beobachtungspunkt von vorhin.

Da sass ich nun und guckte in den Fels hinauf. Der verteufelte Fels. Hatte der mich jetzt geschlagen! Aber von hier schien es doch möglich, hinaufzukommen, ja, es dünkte mich schier einfach. Sollte ich doch nochmals probieren? Nein, schäm'dich, was hast du dem Liebgott versprochen! Aber sieh, dort wäre der Griff, grad der hatte mir gefehlt. Ach was, der liebe Gott hat vielleicht nicht zugehört, als ich gebetet habe. Ein Tritt — ein Sprung — und schon stand ich wieder drüben im Einstieg, kletterte und kletterte, und — siehe da — es ging, ging höher und höher. Schon war die schwierige Stelle hinter mir, und heissa juhuhuhui... oben stand ich, nicht auf dem Gipfel des Hügels, aber meine Route war geglückt!

Ich sollte auch noch die « Westwand » des Wandellenhubels erklettern. Das war später im Herbst. Ich hatte einen richtigen patentierten Führer bei mir, und nicht einen von den schlechtesten: Almer Hans nahm mich mit zum Wermutsuchen. Bis zur Spitze kletterten wir damals, das war herrlich. Ganz oben zeigte er mir, wie man an einer Grotzliwurzel den Aufzug macht, um vom Fels auf den Rasen zu kommen. Ja, das konnte ich nun auch, so gut wie am Reck. Abgeseilt haben wir sogar im Abstieg. Nicht mit einem Reserveseil, aber an einem langen Tannast liess mich Almer Hans hinunter in den Fuxer, in das wilde Tobel des Bergelbaches.

Zwanzig Jahre später klebte ich wieder in lotrechter Fluh. Wieder sah ich zwischen meinen Beinen durch in grausige Tiefen. Vier-, fünfhundert Meter unter mir brach in ungeheurer Gewalt die Schlosslawine ab. « Wenn du da hinunterfielest... »

Feedback