Erinnerung an die Mischabel

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Von Geoffrey Winthrop Young.

Ubersetzt von Alexander Perrig.

Lasst den, der die Monarchen unserer Sehnsucht sucht, In ihrer wachen Kraft sie in die Schranken fordern, Dass seine Krone sonnenlichtgekrönten Gipfeln sei entrissen.

Nicht ziemt ihm, ihre Ruh zu stören, Wenn Winterfrost und eisiger Schnee sie deckt! Stört er die Schlafenden in ihrem Schlummer, So schläft er selbst bei ihnen bald.

Zeitliche Distanz und schönes Wetter können manchem Urteil in alpinen Dingen verhängnisvoll werden. Aber Jahre sind verflossen, und immer noch starrt die Südwand des Täschhorns über allen Zeitenabstand zu mir herüber und mit ihr eine Grösse und Tiefe des Erlebens, die durch keine Entfernung verringert, ja nicht einmal von der Fülle der Erlebnisse des Krieges mit seinen Aufregungen und seinem Kummer verdunkelt wird.

Immerhin haben die Kriegsjahre eine kleine, vielleicht nur zeitbedingte Änderung mit sich gebracht: in schwierigen oder gefahrvollen Unternehmungen mussten Männer der Tat immer « die Nerven », ihre eignenen oder jene ihrer Gefährten — sorgfältig in Rechnung ziehen; doch hielt man es für unzart, in der Voraussicht oder Rückschau auf sie öffentlich anzuspielen. Jetzt gibt man zu, dass sie einen Teil der menschlichen Natur bilden und wohl vereinbar sind mit Mannhaftigkeit und selbst mit Heldentum. Darum kann die Geschichte der Täschhornbesteigung heute erzählt werden, ohne der Tapferkeit und Ausdauer unserer Gefährten jenes Tages Abbruch zu tun. Aus einem Grunde insbesondere bin ich glücklich über die neue Ermächtigung: Franz Lochmatters bergsteigerische Heldentat war die grösste, die ich je erlebte, und auch jetzt noch, nach einer Reihe von Jahren, kann ich sie als die grösste ansprechen, die ich mir vorzustellen vermag. Es ist ein Gebot der Billigkeit, sie festzuhalten, denn ich glaube nicht, dass sie in der Meisterung natürlicher Schwierigkeiten, in der Widerstandskraft gegen Einwirkungen von Kälte, Ermüdung, Niedergeschlagenheit und Furcht auf irgendeinem Gebiet des Abenteuers oder des Kampfes oft ihresgleichen findet.

Nach dieser Einleitung wird die Erzählung selbst recht schal erscheinen. Unser eigenes Empfinden ist das Licht, in dem wir eine Begebenheit sehen. Wir wissen nachträglich, wie unser eigenes Empfinden war, und können es in uns wiedererwecken; was wir aber nicht können, das ist gleichzeitig unser Empfinden wiedergeben und die Ereignisse beschreiben, die es ausgelöst haben und die wir bloss so sehen, wie sie sich im Lichte unseres Empfindens widerspiegeln.

Bemerkung: Mit Zustimmung des Verfassers zum Andenken an Franz Lochmatter übertragen aus « On High Hills ».

Ich habe mich zu einer Zeit bekannt, in der es schien, die frühe Romantik des Bergsteigens könne am ehesten durch das Erfinden neuer Wege auf grosse Gipfel neu gewonnen werden, und habe erwähnt, dass diese Einstellung mich gelegentlich den Pfad jenes Kometen der Alpen, V. J. E. Ryan, und Josef und Franz Lochmatters kreuzen liess. Von ihrem Schweif — wofern sie einen solchen hatten — liessen klein Josef Knubel und ich uns willig, in einer freilich etwas ungewöhnlichen Verbindung, mitreissen. Solange keine Gefahr im alpinen Sinne des Wortes vorlag, kletterten wir alle ohne Seil. In einer Gefahrzone gliederten wir uns in ein unabhängig arbeitendes Trio und Duett. Wo aber für kein Glied der Dreierpartie oder keines der Zweierpartie ein sicherer Halt sich fand, wie das zuweilen der Fall war, da verbanden wir unsere Seile. Es gibt wenige Stellen in den Bergen, die nicht wenigstens einem Gliede einer Fünferpartie, die längs vierhundert Fuss Seiles verteilt ist, guten Halt böten. Da dieses planmässige Vorgehen meist mehreren von uns gleichzeitige Fortbewegung erlaubte, gewannen wir die erhöhte Sicherheit eines Fünfergespannes und kletterten doch nahezu so rasch wie eine Dreierseilschaft.

Vom Gipfel des gegenüberstehenden Weisshorns aus hatten wir entschieden, dass die Besteigung des Täschhorns von Süden möglich sei. Meine Ansicht gründete sich auf das, was ich voreilig Prima-facie-Evidenz zu nennen pflegte: über jede Südflanke muss ein Weg hinaufführen; um so besser, wenn wir die Erstbesteiger sein würden. Ryan wusste gesündem Rat: von unserm erhöhten Standpunkte aus hatte er die Wand von oben bis unten angeschaut. Zwei Couloirs führen die Flanke hinauf; bei ihrer Annäherung an die Gipfelpyramide gabeln sie sich nach rechts und links hinüber zum westlichen und zum südöstlichen Grate. Der von ihnen dergestalt eingefasste Diamant des Gipfelabsturzes erschien uns auf Grund einer Prüfung von Zermatt aus als das As der gegen uns gespielten Trümpfe. Doch hielten wir ein Abstechen durch die beiden Couloirs zum einen oder andern Grate für möglich, und da das Ausspielen an uns lag, so waren wir sicher, das Spiel hochgemuten Herzens eröffnen zu können.

Wir schlenderten hinauf zu den schwelgerischen Genüssen einer Nacht in der Täschalp. Ihr folgte eine erste graue Morgendämmerung mit Nebel, rieselndem Regen und tiefhängender Wolkenwand, deren triefende Nässe in höhern Lagen gefror und an vielen unserer spätem Schwierigkeiten am Berge selbst schuld war. Wir brachten den Morgen hin mit einem « falschen » Aufbruch die nassen Grashänge hinauf und einer fröhlichen Rückkehr die gleichen Hänge herunter zu einem Tag voll Schachspiel und Himbeermarme-lade. Unser zweiter Aufbruch erfolgte früher, noch in der Dunkelheit, und als wir zu den flachen Schneefeldern hinaufkamen, empfing uns ein kälteres, klareres Tagesgrauen, in dem es verdächtig von Rauhreif und Schneegesprenkel auf den hohen Gipfeln schimmerte. In einem scharfen Tempo gingen wir die Nordbucht des Weingartengletschers hinauf zu seinem Firnrand unter der Südwand.

Beim ersten nahen Anblick erweckten die Felsen in ihrer Verzerrung und ob der listigen Anordnung der Schichten den überaus trügerischen Eindruck, als wäre die Wand kurz und zurückgeneigt und dunkelschwarz in ihrer Reinheit von Schnee. Ein Prophet murmelte etwas von Erreichen des Gipfels um halb 10; ein anderer räumte « bis mittags » ein. Das grosse, mitten durch die Wand hinaufführende Kamin mussten wir freilich von Anfang an ausschalten, trotzdem es keinerlei Steinschlagspuren aufwies. Es war mit Eisgirlanden behangen und launisch mit Eis ausgepolstert, und ein Neuschnee-wurf auf seinen Vorsprüngen gab mir eine bange Ahnung von all dem, was auf den weniger sichtbaren Bändern verborgen liegen möchte.

Unsere einstimmige Wahl fiel auf einen steilen aber annehmbaren Felsrücken westlich des Kamines. Einladend entstieg er dem Gletscher und bot uns alles, was wir uns an aufrechten Rissen und Rippen mit runzelfaltigen Griffen — wallisischen Klippen vergleichbar — wünschen konnten. Höher oben fanden wir bald, dass die Schichtbänder bergauswärts geneigt waren und dass jedem Felssims, so wie es sichtbar wurde, ein weisses Schneepflaster auflag. Ich erinnere mich an ein verschrobenes Kamin, steil aufgerichtet und in die Kammlinie des Felsrückens hineingehauen, seine Schneeauskleidung schwärzlich gescheckt und verschmiert von den Klimmspuren meiner Vorgänger, und erinnere mich hier, erstmals klein J., der hinter mir kletterte, angedeutet zu haben, dass nach dem Brauch jetzt ein Anseilen am Platze wäre. Und später folgen ein paar blitzartige Erinnerungen an Franzens braunes Gesicht — er kletterte am Ende des vorausgehenden Trios — das gedankenvoll zu mir herabschaute, wie dies so seine Art war, sich mitzuteilen, wo ein weniger wortkarger Führer einem « Wie geht 's? » oder « Ein Seil zur Hilfe? » zugerufen hätte.

Höher oben wieder war ich nicht abgeneigt, ein Hilfsseil zu benützen, das in einer vereisten und rücksichtslos senkrechten Rinne festgemacht und aufmerksamerweise für mich zurückgelassen worden war. Nicht weit oberhalb dieser Stelle vereinigten wir uns alle zum Frühstück auf einem mitleidigen, schneebeladenen Felsaltan, der auf der Ostseite unseres Felsrückens über die Leere des grossen Kamins hinausragte. Es war halb 8, und dieser Halt — ein frostiges Dastehen, um aus gefrorenen Fäustlingen etwas Nahrung herunterzuwürgen — erwies sich in der Folge als unsere letzte Rast und die letzte für eine Besammlung ausreichende Plattform während der ganzen Besteigung. Über uns tauchte der Felsrücken in die Wandfläche ein. Droben am Himmel sich abhebend und scheinbar ganz nahe spielten die Schneefransen auf den Zinnen des Westgrates mit dem Sonnenlicht. Die Felsterrassen, die zwischen Rücken und Grat quer durch die Wandfläche in östlicher Richtung aufwärtsstrichen, neigten sich verheissungsvoU zurück. Nur allmählich sollten wir entdecken, dass auf jede Stufe des glatten, verwitterten Felsens nicht ein ruhsames Gesimse, sondern ein abgeschliffenes Glacis folgte, das steil, schlüpfrig und grifflos mit einem qualvoll bösen Schneebelag gegen den jähen Aufschwung der nächsten Stufe hinaufglitt.

Aber schon erreichte mich ab und zu während des Weiterkletterns der hinauf- und herabwehende Hauch jener Niedergeschlagenheit in der Stimmung der Führer, wodurch der Instinkt der besten Bergler uns oft an bevorstehende ernste Arbeit gemahnt, noch ehe ihr Auge sie entdeckt hat. Ryan jedoch war wie immer auf das unmittelbare « Vorwärts » eingestellt. Seine gebieterischen, abgerissenen Aussprüche blieben sich ebenso gleich wie seine Unerschrockenheit, der keine noch so atemraubende Situation etwas anhaben konnte, und so hatte er auch jetzt den gewohnten Einfluss auf seine hochgemute Mannschaft.

Der Felsrücken entführte uns unvermerkt hinauf und hinaus in die Felswand; ihre Terrassen lockten uns hinterlistig wieder höher und immer weiter empor. Ich vergass bald jegliche atmosphärische Warnung bei dem anregenden Aufwärtsklimmen von Felsschliff zu Felsschliff und bei dem Hinaufkriechen mit angepressten Handflächen über die entmutigenden Bänder, die, wie Pultdeckel geneigt, Stufe um Stufe miteinander verbanden. Ich brauchte mich nicht nach Vorsprängen umzusehen, die mir gestattet hätten, anzuhalten und das Seil zu sichern; wo ich mich fortbewegen konnte, da war es mehr als sicher für klein J. zu folgen, und sicherlich musste das nächste Felsband so eben sein, wie es von unten her erschien. Inzwischen war mein ganzes Bestreben darauf gerichtet, unser Duett mit dem stürmenden Tempo des vorausgehenden Trios Schritt halten zu lassen.

Nichts schläfert das Urteil eines Führenden so verhängnisvoll ein wie eine andere Seilschaft oder selbst nur ein einzelner losgeseilter Gefährte, die ihm vorausklettern. Die Aufgabe, darüber zu entscheiden, ob weitergegangen werden soll oder nicht, ist ihm abgenommen. Er muss nur überlegen, wie er jene Stellen überwindet, über die ein anderer bereits gegangen ist. Wären wir beim Aufstieg auf unser eigenes vorsichtiges Selbst angewiesen gewesen, hätten klein J. und ich wohl erheblich früher zu zweifeln begonnen, ob es denn so bekömmlich wäre, überall da hinunterzusteigen, wo wir so vertrauensselig heraufklommen. Wie die Verhältnisse lagen, bildeten wir wohl eine eigene, aber keine verantwortliche Einheit mehr. Die Stärke einer Klettermann-schaft beruht aber auf ihrer gemeinschaftlichen, sich selbst genügenden Entschlussfähigkeit. Meine eigene Aufmerksamkeit sprang mir voraus, in Sorge vor allem wegen des wachsenden Abstandes zwischen mir selbst und den Drei, die in raschem Rhythmus über mir kletterten. Sie mochten sich in ziemlich ähnlicher Verfassung befinden: wenn Josef Lochmatter auch dann noch vorwärts drängte, als seine bessere Einsicht das Gewagte unseres Tuns und all das, was uns bei einem Rückzug drohte, erkannt haben dürfte, so mag sich dies zu einem guten Teil aus der Gegenwart eines fröhlichen Amateurs erklären, der zwar vom Gleichklang und Pulsschlag seines Seiles losgelöst war, aber trotzdem ständig wie eine Blechbüchse, in freilich immer grösserem Abstand hinter den Fersen seiner Seilschaft einherrasselte. Es mag wohl so sein; aber was gab es denn auch in der weiten Bergwelt an Hinauf und Hinab und Kreuz und Quer, das Josef, Franz und Ryan sich nicht hätten zutrauen dürfen und dem sie nicht auch als Rückzug zuversichtlich hätten Trotz bieten können?

Ich begann wahrzunehmen, dass das droben über die quergestreifte, dunkle Wand punktartig versprengte Trio ab und zu innehielt, als wollte es auf uns warten. Das spornte mich zu um so grösserer Eile an. Ungefähr zur selben Zeit meldete mir das Gefühl, dieser untrügliche Himmelsbote, dass ich mich mühsamer und langsamer über die steiler werdenden Wandstufen und ihre Dachschrägen hinaufkämpfte. Die Erfahrung lehrt uns frühzeitig die Ursachen auseinanderhalten, die dieses Gefühl hervorrufen; so konnte ich es jetzt dem Ausmasse der Schwierigkeiten zuschreiben, das allmählich über meine Kräfte ging, nicht etwa Schwankungen in meiner « Leistungskurve » des Tages.

Die Abstürze über uns zogen ihre Brauen immer strenger zusammen. Sie drängten uns mehr und mehr nach rechts aufwärts, hinaus auf Linien trügerischer Quergänge und den Schichten entlang, die gegen das zentrale Kamin hinstrichen. Diese abgeschliffenen, aufgespalteten Bänder hinaufzuqueren ohne die Spur eines guten Haltes, war nichts für eine Zweierseilschaft. Auch wenn klein J. vorausging, konnte er mir nicht mehr Schutz bieten als ich ihm. Aber unvermerkt führte uns die Aussicht, oberhalb der nächsten und immer wieder nächsten Stufe einen bessern Halt zu finden, weiter und immer weiter empor, und jede endigte in einer Enttäuschung. Es war dies eine uns wohlvertraute optische Täuschung: die sanftere seitliche Neigung der Felsbänder führte das Auge fortgesetzt in die Irre. Sie hinderte es, die aussergewöhnliche Steilheit des Absturzes zu ermessen, dem wir uns bereits allzu gründlich anvertraut hatten.

Ryan rief zurück, um mir vorzuschlagen, wir möchten, wie auch sonst in Gefahrzonen, hinter Franz anseilen. Ich betrachte dies als eine grossmütige Antwort auf eine ihm damals gemachte Anregung, das Trio solle versuchen, nach aufwärts durchzudringen, während klein J. und ich gut tun würden, unsern eigenen Rückweg herunterzugehen. Ich rufe diesen Vorfall nur deshalb in Erinnerung, um anzuzeigen, wie zweifelhaft schon jetzt die Aussicht auf einen erfolgreichen Ausgang schien und in wie weit unser Sonder-verfahren der getrennten Seilschaften — andernorts so erfolgreich, hier aber infolge des heimtückischen Charakters der Kletterei so gefährlich — das ruhige Urteil des Bergsteigers bereits hatte trüben können.

Franzens angenehme Seilhilfe — eine Seltenheit und darum um so köstlicher — stärkte meine Moral, und so nahm mich die Arbeit des Augenblicks: das Hinunterfallen von den Flächen der Felsbänder zu vermeiden, nicht mehr ausschliesslich in Anspruch. Der seelische Wert des Seiles wurde auch hier wieder deutlich: obwohl wir uns räumlich nicht näher waren als zuvor, begann ich doch durch die physische Verbindung die nervöse Niedergeschlagenheit stärker zu empfinden, die sich bereits seit geraumer Zeit bei der Führung angesammelt hatte. Ich empfand sie zum mindesten stark genug, um festzustellen, dass das Element der Fröhlichkeit, dieser Sauerstoff einer zuversichtlichen Kletteratmosphäre, einer Auffrischung bedurfte.

Der Tag war noch jung und klar und die Mannschaft zweifelsohne noch in feiner Bergsteigerform. Es bedurfte denn auch keiner Anstrengung, herzhafte Bemerkungen durch das Seil hinauf und herunter zu telephonieren oder nach jedem Kletterstück mit einem atemlosen aber ehrlichen Grinsen bei Franzens Füssen aufzutauchen. Aber immer noch standen die Klippen wider uns auf, und immer noch waren wir zu aussichtslosem Auf- und Seitwärtsqueren gezwungen. Ein Wölklein der Besorgnis kroch über den Rand meines Bewusst- seins. Mein Auge irrte widerwillig auf und ab; es begann instinktiv den Fragen auszuweichen, die das Geschaute uns vorlegte. Bei dem ununterbrochenen Anklammern an die abgeschliffenen, kalten, schlüpfrigen Bänder wurden uns Hände und Füsse allmählich starr.

Wie lebhaft taucht die Szene vor meiner Seele auf, da ich endlich wieder auf einem solchen Simse stund und hinaufschaute zu Franzens Kopf und Schultern: unmittelbar ob mir hielt er sich auf einer richtigen Mauerkrone im Gleichgewicht, und seine griffigen Beine balancierten ihn aufrecht den abschüssigen Dachrand entlang, dessen Erbarmungslosigkeit ich gleich entdecken sollte. Die Mauer, die zu ihm hinaufführte, machte mir etwas Sorge, und als ich den Arm über den Mauerrand streckte und dabei nichts als die ungastliche Neigung des schmalen Bandes empfand, rief ich in scherzendem Dialekt: « Franz, lueg zu mim Seil! » Nachdenklich, fast geistesabwesend, schaute er zu mir herab und über mich hinaus ohne das gewohnte Aufblitzen seiner grossen braunen Augen und seiner grossen weissen Zähne: « Ih-er miässt mache, was'r chänd; hiä cha keine meh de andre hälfe! » ( Ihr müsst tun, was Ihr könnt; hier kann keiner mehr den andern helfen !) Und dann kehrte er sich weg, liess vielsagend mein Seil seiner Hand entgleiten und achtete auf seinen Bruder, dessen Ringen, unsichtbar für mich, hoch droben bei einer schwarzen, abweisenden Verschneidung hörbar war.

Aus dem Munde eines solchen Mannes wirkten jene Worte wie eine eisige Dusche. Augenblicklich stellte sich die Losgelöstheit vom eigenen Ich wieder ein, die ein Führer bei aller Inanspruchnahme durch eigenes Kämpfen nicht verlieren darf. Ich schaute über meinen Arm hinweg in die Tiefe und sah verschwommen die tödliche Flucht hinabsinkender Abstürze mit ihren schmalen, verschneiten Simslein, und eines kragte unter dem andern hinaus, und immer wieder neue in schwindelnder Folge, als wollten sie selbst den flüchtigen Blick meines Auges ins Leere hinausstossen. Und blitzartig ward mir bewusst, was ein Rückzug da hinunter bedeuten musste. Ich schaute hinauf und entdeckte, dass uns noch Schlimmeres bevorstand, falls es uns nicht gelänge, einen Weg das Kamin hinauf zu erzwingen, zu dem wir auf der Suche nach einem Ausweg hinüberquerten. Unsere Staffelung auf der scheinbaren Stufenleiter der verschiedenen Terrassen, die gar keine Terrassen waren, hatte uns immer wieder getäuscht, so dass ein jeder von uns in Wirklichkeit seit Stunden auf seine eigene Gefahr geklettert haben musste, jeder von uns unbeschützt durch seinen Vordermann und bei einem Ausgleiten alle übrigen gefährdend. Wie manche Stunde noch mochte dies andauern, wie manche noch würden wir so weitergehen können?

Ein leichter, prickelnder Schnee wehte über uns hin. Von der ausgesetzten Höhe unserer grossen Pyramidenwand, höher als die übrigen Bergketten, schauten wir hinaus über eine erstarrte, gefühllose Stille weisser Gipfel und Gletscher, die gegen Süden hin unter dunklern Wolken verschwanden. Wir fühlten uns weit von der Erde entfernt und überaus einsam. Da ich mich zum Fels zurückwandte, sah ich nur Feindschaft im Antlitz und in den vereisten Runzeln dieser Klippen, auf die wir uns hinaufgewagt, und ich hatte das Empfinden — zu formlos vorerst für die endgültige Gestalt, die ich ihm jetzt geben muss —, als erhöbe eben jetzt irgendwo, tief drunten jenseits des Horizontes hinter mir, ein grosser, grauer Vogel seine Schwingen zu schwerem Fluge. Mit den entschwindenden Stunden schien dieser Schatten hinter uns lautlos zu wachsen und mehr und mehr den Himmel zu bedecken. Allmählich umfing er uns mit seinen kalten Schwingen und schloss uns in unserem einsamen Kampfe mit der frostigen Mauer grauen Abgrundes von aller Welt des Lebens und der Bewegung ab.

Unsicher krochen wir auf die mit eisigem Schneesamt bedeckten abschüssigen Bänder hinauf und krochen ihnen entlang, von einem Band zum andern, wie sie uns in ununterbrochener Folge aufwärts gegen die vorspringende Ecke führten, die uns vom grossen Couloir trennte. Da wir auf einem morschen Kaminsims um die Ecke bogen, konnten wir einen Felsbuckel zur Seilsicherung benutzen; es war dies der erste von den drei einzigen, die wir auf der ganzen obern Wandstrecke vorfanden. Wir schoben uns seitwärts in das Couloir hinein — eine abschreckende Kluft — und landeten auf einer dürftigen, verwitterten Leiste, die sich nach innen in gleicher Höhe quer durch die diesseitige glatte Felswand der Kluft fortsetzte.

Wir waren nun mehr oder weniger beieinander, und keiner konnte fortan vorgeben, dass irgendeiner der Vormänner einen Hoffnungsschimmer erblickt hätte, der ihm selbst versagt gewesen wäre. In einer Tiefe von vierzig Fuss glitt die plattige Wand steil hinaus und hinab ins Leere. Über uns stiegen die Platten jäh empor, um in ein Amphitheater überhängender Abstürze auszumünden. Und jede hoffnungslose Krümmung der Platten erglänzte gläsern ob ihres schimmernden Eisüberzuges. Es bedurfte keines weiteren Blickes, um das Couloir als Ausweg nach oben hinaus auszuschalten. Joseph kletterte denn auch bereits auf unserer Wandseite in die Kluft hinunter. Seine Absicht war klar: das gleiche Band oder Sims, auf dem wir in das Couloir hineingelangt waren, zeigte sich wieder tiefer drunten auf der gegenüberliegenden Seite und verschwand in der Folge hinter dem Profil der angrenzenden Felsbastion. Was von seiner Fortsetzung zu sehen war, war nichts als ein abschüssiges Sims, das sich steil aufwärts wand und sich rund um die fast senkrechte Ecke dem weitern Blicke entzog. Nachdem das Couloir ausschied, war aber Joseph offenbar von dem Gedanken beherrscht, dass es nun keinen andern Ausweg gäbe, als unsere gefährlichen Simsquerungen längs der Bänder weiter zu verfolgen, und dass wir, sofern sie weit genug führten, hoffen konnten, das zweite, kleinere Couloir zu erreichen und diesen zum Südostgrat führenden Ast ersteigbar zu finden und, falls ersteigbar, weniger eisherzig. Dies schien mir, und wohl auch ihm, eine sehr schwache und ziemlich schreckhafte Möglichkeit. Schon die Platten unter uns, die den schwierigen Zugang zur armseligen Fortsetzung des Querganges bildeten, erschienen schändlich genug.

Gab es denn keine andere Wahl? Weit über uns, zu unserer Rechten, höher noch als das entschwindende Ende des hoffnungslosen Couloirs, konnte ich, vom Firmament sich herabneigend, den Schneekamm des Westgrates auf seinem steilen Abstieg vom Gipfel sehen. Jener Kamm schien weit entfernt, und kein Weg führte zu ihm hinauf. Da aber der Westgrat sehr rasch abfiel, musste die unmittelbare Fortsetzung unserer Wand doch sicherlich den Kamm in nicht allzu grosser Höhe über unserm Band erreichen? Da wir wie Briefmarken an der Wand klebten, konnten wir nur ein kurzes Stück beginnenden Überhanges überblicken, dann zwanzig Fuss fast lotrechten Felsens, borstig wie eine Kleiderbürste, und darüber hinaus eine silberne Schneefranse, die einen mildern Neigungswinkel der Felsen ankündigen musste. Diese Aufstiegslinie schien mir eines Versuches wert und, falls ersteigbar, auch erheblich kürzer. Franz schlug sie kommentarlos aus. Klein J. unterzog sie einer nähern Prüfung; da er aber etwas abseits auf dem Bande stand, konnte er nicht mitzählen. Josef war bereits mit den Platten unter uns überreich beschäftigt, so dass er nicht abgelenkt werden durfte; aber ich glaube noch heute, dass sich dies als minder verzweifelter Ausweg erwiesen haben dürfte.

Josef tastete an den glatten Platten herum, durch Ryans Seil von unserm Bande aus gefestigt. Es sah nicht danach aus, als ob er sie je queren könnte, und ich vermute, dass der nähere Anblick der Bandfortsetzung seine Ent-schlussfreudigkeit zu schwächen begann. Die dunklen, frostigen Tiefen des Abgrundes gaben dumpfe Antwort auf seine erregten Erklärungen. Franz, der neben mir auf dem Bande stand, beobachtete ihn und zischte dabei ein fröhliches, französisches Liedchen durch die Zähne, das einzige Zeichen von Erregtheit, das ich je an ihm wahrgenommen habe! Dann kam aus der Tiefe herauf der hohltönende Ruf: « Äs geit nit! » ( Es geht nicht !) und darauf Franzens Echo: « Aber äs müass gah! » ( Aber es muss gehenUnd unverzüglich sprang er in den Kampf hinein. Ich band mein Seil von ihm los. In einem Atemzuge war er drunten und drüben auf den Platten, noch immer vor sich hersingend. Gleich einer Raupe querte er oberhalb Josefs über die Eisbuckel hin. Josef, und mit ihm andere grosse Führer, bewegte sich auf Platten mit der spielenden Gleichgewichtskunst des Athleten und dem sichern Fuss der Gemse. Franz hingegen zeigte in solchen Lagen die Gewandtheit und etwas vom Aussehen einer Spinne oder eines Krustentieres. Sein Krauskopf verschwand gänzlich; sein Körper und seine kantigen Schultern teilten und verlängerten sich zu vier stählernen Fühlern; sie strahlten von einem kleinen, zentralen Kern, von einer vernunftbegabten Nabe aus, und dieses Zentrum übermittelte seine Meldungen den winzigen Händen und Stiefeln, während sie sich beim Klettern festklammerten oder über phänomenale Winkel und Distanzen hinwegkrümmten.

Jenseits der Platten kroch er weiter, hinauf auf das abschüssige Sims und hielt sich hierbei augenscheinlich nur durch kräftiges Verstemmen des einen Fusses gegen den Äther. Nun folgte Ryan, meiner Sicht entzogen, und dann Josef. Obwohl klein J. mein Seil von hoch droben auf der Wand hinter mir ausspielte, fand ich das Queren die vereisten Couloirplatten schief hinunter garstig genug, insbesondere gegen das jenseitige Ende zu, als das von oben her durchhängende Seil mich mit schwerem Zug zurückzuziehen begann. Aber der Beginn der nun folgenden Traverse selbst sah unbeschreiblich aus: als jähes, abschüssiges Band, an eine überhängende Wand angeklebt und ins Nichts ausgiessend, schraubte sie sich vor mir empor und um die Felsbastion herum. Aus ferner Höhe kam Josefs Stimme das Band herab und rief mit heiserm Ruf zur Vorsicht. Wie sollte ich mich auf diesem Sims halten und erst noch darüber hinaufwinden können?

Klein J. holte mich bei den vereisten Kerben der Platten ein. Dann wurde das mit einem Stein beschwerte Ende von Josefs Seil, nach vielen erfolglosen Versuchen, von oben lassogleich nach einer für uns erreichbaren Stelle der Platten zurück- und herumgeschleudert. Ich band mich daran fest und begann den Aufstieg. Einmal auf dem Bande angelangt, wurde mir deutlich, dass mich nichts würde oben halten können gegen den Drang eines Abgleitens ins Leere hinaus. Ein Hin und Her von Zurufen zwischen klein J. und Josef ergab als einzigen Schluss, dass er nur « gut » stand, um längs des aufwärts streichenden Bandes zu halten — nicht zu ziehen —, dass er aber hilflos wäre gegen jeden Zug unmittelbar nach abwärts, wie er sich einstellen musste, wenn ich vom Band herunterfiele. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich selbst verzweifelt hinaufzuschieben und mich hierbei ausschliesslich auf die Reibung zwischen äusserm Knie und Rand des abschüssigen Bandes zu verlassen, um so dem Schub nach auswärts, dem alle Erdenschwere beigefügt schien, Widerstand zu leisten. Behilflich waren mir auch zwei oder drei schmerzhafte Fingerspitzengriffe in Kopfhöhe an der abfallenden, stachligen Wand.

Als ich Josef erreichte, fand ich ihn über ein paar Rauhigkeiten des Felsrückens verspreizt. Seine Belegestelle — die zweite unserer kühnen drei — war nichts als eine Felszacke, die über ihm, gleich einem Hauer, vom Überhang herabstach und natürlich ausschliesslich nur für einen seitlichen Seilzug brauchbar sein konnte. Klein J., der seine auserlesene Sammlung all unserer Säcke und Äxte von da an herdatierte, schloss in grossartiger Weise auf.

Ich erinnere mich der nun folgenden Reihe von Traversen kreuz und quer die Wand hinauf nicht mehr genau. Nach einem kurzen, leichtern Zwischenstück wurden sie, wenn möglich, noch steiler und abschüssiger denn zuvor. Der ihnen aufliegende Schnee wurde schleimiger und kälter, der Tag dunkler, der sprühende Pfeffer des Schneefalls dichter und beissender. Hand und Fuss wurden leblos und verloren ihr Tastgefühl. Keinem der Seilschaft zeigte sich je ein einziger gesunder Halt. Mit jeder unbeschäftigen Zehe oder Hand begannen wir jenes eintönige Geklopfe gegen den Fels, das allein den Blutkreislauf während der langen, kalten Stunden des Haltens, Kämpfens und Kriechens und Kriechens, Kämpfens und Haltens aufrecht zu erhalten vermochte. Obwohl ich damals keinerlei Schmerz verspürte, waren meine Zehen und Finger anderntags blau von Frostbeulen, und ein Teil der Finger hat die verringerte Vitalität, die auf Erfrierungen folgt, noch immer beibehalten. Aber während der Besteigung selbst vermochte keine untergeordnete Sorge ihr Haupt über die dunkle Flut der Bedrückung zu erheben, die alle Räume des Bewusstseins ausfüllte. Der Kampf ging verbissen weiter, getragen von dem einzigen Gedanken, nur gerade den nächsten Griff gut und den einen nächsten Schritt sicher zu machen, und von jener Entschlossenheit, die ein menschliches Atom befähigt, Anstrengungen von solchem Ausmass zu bewältigen und solch langhingezogenes Leiden zu missachten.

Die nächste klare Erinnerung zeigt uns im zweiten kleinern Kamin, einem jähen, engen Wandriss aus abgeschliffenem, schädelglattem Fels. Es war bei der düstern Abendbeleuchtung von leichenfarbenem, trübem Weiss erfüllt. Verschwommen ragten Eisklumpen durch den anklebenden Schnee hindurch. Aber wenigstens bot sich hier Auge und Nerven Gelegenheit zu jenem Ausruhen besonderer Art, das aus dem Bewusstsein quillt, nach langen Stunden an einer ausgesetzten Wand endlich wieder schützende Wände um sich zu fühlen. Ja, wir fanden an Eislöchern über eingetauten Steinen hier und da etwas, was man fast Stufe nennen konnte und wo wir uns nahezu ohne Handhilfe halten konnten. Franz, der, von der Führung ausruhend, wieder unmittelbar vor mir her kletterte, konnte mir mit dem Seil ein paar Klimmzüge ersparen. Mit der Erleichterung begann ich aber das Erschlaffen meiner Muskeln und die herrschende Kälte zu empfinden. Ich fand Zeit, meine verminderte Sorgfalt im Klettern, das Zeichen sich lockernder innerer Spannung, festzustellen, Zeit auch, mir willig einzugestehen, dass nichts in der Welt ausser Franzens Seil mich über einige der abweisendsten Eisbuckel des Kamins hinaufgebracht hätte. In meiner Ahnungslosigkeit über das, was die Männer noch vor uns sahen, taute ich sogar zu einer beglückwünschenden Bemerkung oder dergleichen auf, aber ich entlockte keine Antwort.

Und dann war alles zu Endel Das Kamin lief einfach im Felsen aus, nicht unter dem Südostgrat, wie wir gehofft, sondern im steinharten Herzen des diamantenen Absturzes, an die sechshundert Fuss unterhalb des höchsten, immer noch unsichtbaren Gipfels. Die unbestimmte Mündung des Kamins verflüchtigte sich gegen den Fuss einer blanken Felswand. Die eine Seitenwand zog sich etwas weiter fort und hinauf nach links, um dann unter dem Rand einer grossen verschneiten Platte, die aufwärts geneigt und wie ein Pfannendeckel leicht konisch gestaltet war, gleichfalls zu verschwinden. Ich habe alle Ursache, mich dieser Platte zu erinnern. Sie bildete die abweisende Sohle einer hohen, dreieckigen Nische. Auf ihrer linken Seite und vorne waren wir selbst und die gähnende Leere. Zu ihrer Rechten und in ihrem Hintergrunde türmte sich ein glatter Aufschuss gewaltiger Klippen zu hundert Fuss kristallisierten Schattens empor und wölbte sich dann hoch über unsern Häuptern zu einem Bogen, gleich dem dunkeln Gewölbe einer Kathedrale. Ein furchtbareres Ende unseres grimmigen Aufstiegs-kampfes könnte schwerlich in einem Absturzalbdrücken erträumt werden, und dabei hatten wir nicht einmal hinreichend Raum, um den Anblick geziemend zu würdigen! Als ich hinauf und dann hinunter in die Tiefe sah, hatte ich das überwältigende Gefühl, als würden die grossen, dunkeln Schwingen dicht hinter uns plötzlich die ganze Weite des Abgrundes überschatten und uns endgültig von der übrigen Welt abschliessen.

( Schluss folgt. )

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