Erinnerungen an Christian Klucker

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Von Walter Risch.

Auf dem Sass primavera machte ich seine Bekanntschaft. Dort, wo das Weglein zur Albigna nach starker Steigung ausruht und sich durch die schulter-hohen Alpenrosenbüsche schlängelt. Alpenrosen, wie man nirgends so schöne und üppige findet. Rechts hinunter sieht man die grünen Wiesen im Bergeil und das Wasser der Maira in der Sonne glänzen, es ist ein kleines Plateau hier, das an Romantik seinesgleichen sucht. Links, ganz nahe, fällt eine gewaltige Wand in die Schlucht ab, aber man sieht das nicht, man glaubt nur die frische Luft zu sehen oder zu spüren, ganz andere Luft als rechts im Tal, und man sieht über grauen Arvenwurzeln und unter krüppligen Ästen durch den Albignafall schäumen und darüber, auf gewölbten Granitkuppen, das Albignahüttlein stehen.

Ich kam von oben herunter, ihm entgegen, seinen Rucksack abzunehmen. Denn er war ja schon alt, gegen die siebzig. Im Sommer 1928, fast zehn Jahre später, trug er ihn zwar auch noch selbst. Er trainierte sogar noch: Man hat ihn mit einem Rucksäcklein und einem Handstock auf den Materdell gehen sehen.

Also da herauf kam er, das Weglein über Sass primavera, das alte Schafweglein, das auf und ab, um alle Ecken herum, in wahrlich schafhafter Anlage den Weg verdoppelt und auch den Naturgenuss. Ich sah nur seinen Kopf und die Schultern über den Alpenrosen. Er kam daher wie ein grosses Schiff, nicht wie eine Gondel im See, die bei jeder kleinen Welle herumtänzelt, sondern wie ein Meerschiff auf grossen Wogen. Die Unebenheiten des Bodens teilten sich seinem Oberkörper nicht mit, nur die grossen Wellen des Geländes liessen ihn auf und nieder sinken. Und dann stand er vor mir mit seinen Runzeln und mit dem Schalk in den Augenwinkeln und liess mir galant den Vortritt.

Acht Tage blieben wir in der Albignahütte, und das war eine köstliche, für mich schicksalwendende Zeit, nach welcher wir als Freunde schieden. Christian kargte nicht mit seinen Ratschlägen und Auskünften. Wir tummelten uns nach Herzenslust mit unserem Turisten in jenen göttlichen Granitbergen herum. Und für mich jungen Kerl war es eine Freude, nur so haufenweise aus dem grossen Erfahrungsschatz meines Kameraden zu schöpfen. Erstaunlich war seine Beweglichkeit im Fels, bestiegen wir doch z.B. zu zweit unangeseilt den Gipfel des Gallo in 15 Minuten vom Fusse, ohne an Eile zu denken. Dann wieder machten wir einen kurzen Wettlauf durch ein Trümmerfeld, und gleich einem losgelassenen Wagenrad rollte der Alte davon.

Aber in der Hütte hiess es dann aufpassen, die Pfannen ja sauber austrocknen und alles am rechten Ort versorgen, sonst hatte man es verspielt mit ihm.

Und so, in entsprechend höherem Masse, war sein peinlicher Ordnungssinn in seinem paradiesisch gelegenen Häuschen im Fextal. Das ganze Haus hätte als Muster für Reinlichkeit und Ordnung ausgestellt werden können.

Nur saftige Gräslein wuchsen drum herum, und kein Unkräutlein hätte sich herangewagt. Wer hätte sich unterstehen wollen, ihn am Samstag, dem Reinigungstag, zu besuchen! Da konnte man schön vor der Haustüre stehen bleiben, und die Konversation war bald beendet. Und war man endlich weg, so nahm er noch den Besen und wischte die letzte Spur des lästigen Besuchers von der Steinplatte; nur der schwarze, dicke Kater hatte überall ein Vorrecht.

Sonst aber war ein Besuch bei ihm immer etwas Herzliches. Wie gern holte er da ein gutes Tröpfchen aus dem Keller! Und dann sass man hinter blühenden Geranien im Stübchen, wo am Abend die Sonnenstrahlen ganz wagrecht zum Fenster hereinkommen. Sie streicheln an der Wand die Ehren-diplome, das mit dem Adler und mit dem Gallo, aber sie meiden geschickt den neumodischen Kram auf der Kommode, Andenken genannt, sie gehen lieber in die hinterste Ofenecke und legen sich warm auf das rotgeblümte Polster, auf dem man noch nie ein Fältchen gesehen.

Und in diesem Stübchen sassen wir so oft für Stunden, und wir sprachen über viele ernste und heitere Dinge. Und mit den Jahren entstand eine schöne, richtige Freundschaft zwischen uns, so dass wir auch ein langes Schweigen geniessen konnten. Auch konnten wir über alle Dinge unseres Lebens sprechen wie in eigenen Gedanken. So lag denn sein ganzes Leben klar vor mir, er hat mir das alles anvertraut, und ich war ihm dankbar dafür.

Leider hatte ich eigentlich kaum mehr Gelegenheit, direkt mit ihm Turen machen zu können. Was uns verband, war rein persönlich. Nur brachte uns unser beider liebstes Gebiet, die Bergellerberge, immer in Berührung, sei es direkt oder indirekt. Letzteres wohl durch sein Taschenmesser an einem Einstieg zum Fels oder die Uhr, mit silberner Kette sorglich über einen Granit-daumen gehängt, eine Toscanischachtel auf dem Gletscher oder einige glatte Arvenscheitlein, vor den Hüttenwanzen gerettet, unterm Stroh der Pritsche. Und immer und überall aber waren es seine Taten, die seinen Geist gross und vorbildlich von Gebirge zu Gebirge schweben liessen, und sind es noch jetzt. Und überall war er in Erinnerung. Nicht nur in allen Gebieten der Schweiz frug man nach ihm, es konnte auch nördlich oder südlich des Mont Blanc sein, es konnte der alte Forcher in den Sextener Dolomiten oder der betagte Rodier im Dauphiné sein, immer die gleiche Frage: Und was macht der gute alte Klucker?

Und dann hier im Tale wurde er ja von den andern Führern hoch verehrt, in solchem Masse, wie Ähnliches sicher kaum je vorgekommen. Neider und Hasser, die ihm das Gute nicht gönnten, gab es auch hier wie überall, aber diese verschwanden in der Zahl seiner Verehrer, es galt ihm ja nicht nur als Führer, sondern speziell auch als Menschen. Und eben auch weil er ein Mensch war, muss auch gesagt werden, dass oft die Verehrung zu einem übertriebenen persönlichen Kultus ausartete, der oft geradezu lächerlich wirken konnte und ihn in höchstem Masse ärgerte.

Seit dem Tage, da er die Niederschrift seiner Memoiren versprochen hatte, war ihm dies eine Sorge, die ihn immer beschäftigte, und selten konnte man ihn treffen, ohne dass er dies vielfach erwähnte. « Sie plagen mich, sie lassen mir keine Ruh. » War ja auch sein Gedächtnis ein hervorragendes, er nahm es zu gewissenhaft. Hatte er einen Bogen mit seiner musterhaften Schrift sauber und exakt beschrieben und den kleinsten Fehler entdeckt, so wurde alles noch sauberer und exakter wieder abgeschrieben, um dann erst noch kopiert zu werden. Ging ihm auch das Erzählen fliessend, ich glaube das Niederschreiben kostete ihn doch grosse Mühe, ihn, den Freiheitgewohnten. Aus seiner Bescheidenheit konnte er ja nicht heraustreten, höchstens dass er etwas sarkastisch wurde. Frug man ihn z.B. nach seiner Amerikaexpedition mit Whymper, so pflegte er zu sagen: Meine grösste Tat war, im Urwald auf einen Baum zu klettern, um zu sehen, wo wir überhaupt steckten.

Steht er nach aussen, im ganzen Alpinismus, im S.A.C., in der Führerschaft gross, unvergesslich da, so markant ist seine Persönlichkeit auch in seiner Wohngemeinde Sils. In früheren Jahren kaum beachtet, sah ihn sein reiferes Mannesalter als eifrigsten Förderer des Schul- und Gemeindewesens. Kaum liess ihn ein Amt verschnaufen, so sass er wieder in einem andern. Die Gemeinde Sils sah ihn seit den 90er Jahren in ständiger Abwechslung als Gemeindepräsidenten, Gemeindekassier, Aktuar, Schulpräsidenten usw. Letzteres noch in seinen letzten Lebensjahren, denn er war der rechte Mann mit seiner rührenden Liebe für die Jugend. In jedem Amt erwarb er sich grösstes Vertrauen durch seine Gewissenhaftigkeit und vollständige Hingabe für die gute Sache. Als die Gemeinde sich einmal in einer schlimmen Lage befand, war er es, der das Ruder ergriff und das Schifflein aus dem Sturme rettete.

Sein ganzes Leben ist uns ein unzerstörbares Denkmal geworden.

Es kam jene traurige Weihnacht von 1928. Sie war nicht zu begreifen, die Kunde.

Erst als wir im tiefen Schnee die Ebene zum Fexkirchlein hinein schritten und drüben am Bache sein Häuschen leer und traurig dastand und voraus er auf jungen Führerschultern zum letzten Ziele strebte, da wusste ich es.

Und dann glaubte er seine Ruhe zu haben, aber die Menschen liessen sie ihm nicht.

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